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Bildung ist schön, macht aber viel Arbeit

Sie blicken nicht durch und wollen sich informieren? Wie wäre es denn mal mit einem guten Buch? Über Allgemeinbildung zum Beispiel. Hier ein paar Anregungen.




- Der digitale Alltag kann so einfach sein. Zum Beispiel bei Wissenslücken: Ein paar Klicks, und schon ist das Problem gelöst. Die Informationsexplosion hat eben eine Menge gute Seiten man muss sie nur finden. Als die Menschheit noch offline lebte, gab es angeblich so etwas wie fundierte Allgemeinbildung. Wo fing die an, wo hörte sie auf? Woher wusste man damals, was wichtig war? Gab es ein Buch, das alles Relevante ausfilterte? Das alles Wichtige enthielt aus Geschichte, Politik, Kultur, Naturwissenschaft, Sport, Wirtschaft? Heute gibt es das und nicht nur eines - Hunderte!

Vor zehn Jahren ließen sich Titel zur Allgemeinbildung auf dem Buchmarkt noch an den Fingern einer Hand abzählen. Seitdem hat sich das Angebot vervielfacht. Allein im vergangenen Jahr wuchs die Zahl um 30 Neuerscheinungen und Neuauflagen. Und der Dudenverlag bietet gleich 19 Varianten von Antworten auf die Frage, was man wissen muss.

Lauter ultimative Informationsfilter - aber alles andere als eine verlässliche Hilfe. Beginnt die Kulturgeschichte des Menschen erst bei den alten Griechen oder bereits in den sumerischen Stadtstaaten? Verdient ein Maler wie van Gogh ein Kapitel für sich, oder muss er nicht einmal erwähnt werden? Dass die meisten Titel einander ähneln, irritiert zunächst, wird schnell unübersichtlich und albern. Eine Auswahl: "Was wir heute wissen müssen", "Was jeder wissen muss", "Bildung - Alles, was man wissen muss", "Was Sie wissen müssen", "Das muss ich wissen".

Ist es am Ende eine Geschmacksfrage? Zumindest lässt sich dieser exponentiell wachsende Markt grob in fünf Kategorien fassen: die Faktenwüste, die Metadebatte, der Bildungsbürger, der Idiotentest und der Promi-Ratgeber.

Prinzip Faktenwüste "Das muss ich wissen" (Heyne Verlag)

Bücher wie dieses sind auf dem Markt für Allgemeinbildendes am weitesten verbreitet. Ihre Titel sind nicht originell, sondern beliebig. Treffender wäre: "Das könnte ich alles wissen, wenn ich ein Jahr in Isolationshaft säße und nichts anderes zum Lesen bekäme." Auf 816 klein bedruckten Seiten Fakten, Fakten, Fakten (aber nicht an den Leser denken) zu Naturwissenschaft, Technik und Verkehr, Wirtschaft, Geschichte und Politik, Kultur, Sport, Staaten und Städte. Es bietet sich also an, gezielt nach einem Stichwort zu suchen. Nur wo? Das Register hat gerade mal 14 Seiten. Ein Mischmasch aus Lexikon und Fließtext. Zusammenhänge? Exemplarisches? Stattdessen die totale Gleichberechtigung sämtlicher Gebiete menschlichen Wissens. Der Abschnitt über abendländische Motivverarbeitungen in der Malerei - das Motiv der Heiligen drei Könige wählten unter anderen da Vinci, Dürer, Tizian, Velazquez und Nolde - hat dieselbe Gewichtung wie der Abschnitt über das Fährtenlesen. Übrigens: Die Spur eines Wildschweins verläuft stets mit einem leichten Rechtsdrall. Hätten Sie's gewusst?

Prinzip Metadebatte "Was wir heute wissen müssen - Von der Informationsflut zum Bildungsgut" (DVA)

Wer sich nach der Durchquerung diverser Faktenwüsten fragt, warum man bestimmte Wissensgebiete überhaupt noch kennen sollte, dem sei diese Essay-Sammlung empfohlen, eine Verteidigungsschrift für die Allgemeinbildung in Politik, Geschichte, Naturwissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Alltagswissen - die Autoren sind fast alles "Spiegel"-Redakteure, können schreiben und haben eine Haltung. Auffällig, weil selten in diesem Buchsegment. Interessant ist etwa das Essay über die Vernachlässigung der Wirtschaft im Allgemeinbildungskanon. Kenntnisse der Marktwirtschaft seien heute mindestens genauso wichtig wie die der romantischen Literatur. Schließlich sollte Bildung nicht nur dazu dienen, es sich im Elfenbeinturm gemütlich zu machen, sondern um sich in der modernen Gesellschaft zurechtzufinden.

Prinzip Bildungsbürger "Bildung - Alles, was man wissen muss" (Eichborn Verlag)

Mit ihm hat 1999 alles angefangen: Dem Hamburger Anglistik-Professor Dietrich Schwanitz war der Mangel an Allgemeinwissen ein solches Ärgernis, dass er sich mit einem Buch wehrte. Er provozierte, übertrieb, häufig mit einem Augenzwinkern. Alles, was man beherrschen müsse, fand er, sei der abendländische Bildungskanon aus Literatur, Kunst, Musik, Sprache und Philosophie. Er hatte dabei diesen lockeren Ton, mit dem man Leser einfängt, und zeigte ihnen gleichzeitig, wie sie ihr Halbwissen gekonnt kaschieren und auf dem bildungsbürgerlichen Parkett blenden und bluffen konnten. Das war damals ein Bestseller - und ist es bis heute. Sein Buchtitel, von Kritikern als anmaßend bezeichnet, inspiriert Dutzende Apologeten, die versuchen, es ihm nachzutun. In den meisten Fällen: verlorene Liebesmüh.

Prinzip Idiotentest "Allgemeinbildung für Dummies" (Wiley-Vch Verlag)

Wer allein schon vor dem Begriff Allgemeinbildung zittert und deshalb lieber etwas tiefer stapelt, für den scheint dieses Buch ideal. Die Autoren stellen sich gekonnt auf ein neugieriges und offenkundig junges Publikum ein. Das beginnt auf der ersten Seite mit einem Spickzettel mit Daten der Weltgeschichte zum Herausreißen und endet nach "10 Dinge, die Sie nicht wissen müssen" bei Tipps zu Literatur und Suchmaschinen. Wo Schwanitz gern etwas viel verlangt, geht den Autoren dieses Buches nichts über Verständlichkeit: Allgemeinbildung ist nichts Exklusives. Sie behandeln den humanistischen Bildungskanon genauso wie moderne Naturwissenschaften, Politik, Geschichte, Wirtschaft, Recht, Sport und Medien. Trotz 550 Seiten Umfangs wird die Lektüre nicht ermüdend. Allein der Abschnitt über dunkle Materie im Weltall liest sich so spannend wie ein guter Krimi.

Prinzip Promi-Ratgeber "Pilawas Allgemeinwissen" (cbj Verlag)

Auch allseits bekannte Fernsehmoderatoren sind ins Geschäft mit der Allgemeinbildung eingestiegen. Neben Ranga Yogeshwar, der immerhin Wissenschaftler ist, oder Guido Cantz, bekannt aus "Verstehen Sie Spaß?", will auch Jörg Pilawa sein Wissen teilen. Das Buch soll ein Spaß für die "ganze Familie" sein, wendet sich aber in erster Linie an Kinder. In einem Streifzug durch zehn Kapitel - von allem ein bisschen - lernt man etwa, dass Bäume die größten Pflanzen der Erde sind. Jeder der kurzen Artikel schließt mit einem Quiz von der Sorte: "Welchen Stoff speichern Bäume in ihrem Stamm? - Kohlenstoff, Lehrstoff, Klebstoff oder Ballaststoff?"-