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Arbeit ohne Stau

Südkorea will den Weg zur Arbeit abschaffen. Über eine Revolution von oben.




- Als Hong-Jin Kim im Fernsehen die Bilder des Hochwassers in Seoul sah, wusste er, dass etwas mit seinem Heimatland nicht stimmte. Genauer gesagt: mit dem Arbeitsethos der Einwohner. Während die südkoreanische Hauptstadt im Juli 2011 hüfthoch unter Wasser stand, Straßen nur mit dem Boot passierbar waren, mehr als 100 Autos weggespült wurden und 32 Menschen ums Leben kamen, blieben die Koreaner keineswegs, wie man vermuten könnte, zu Hause. Vielmehr kämpften sie sich durch die Fluten, ruinierten sich Anzüge und Kostüme, um nur ja keinen Tag im Büro zu verpassen. "Wir arbeiten zu viel", so Kim, "und wir arbeiten falsch."

Der Manager hat viel von der Welt gesehen. Er war lange bei British Telecom beschäftigt, trägt seit seiner Rückkehr nach Südkorea beim heimischen Pendant Korean Telecom (KT) den imposanten Titel Senior Executive Vice President of Office of Service Transformation and Optimization und soll dafür sorgen, dass neben Hightech auch eine moderne Arbeitsweise Einzug hält. Damit niemand durch Hochwasser watet, nur weil er meint, im Büro unabkömmlich zu sein. Und die Technik dazu verwendet wird, dass Menschen nicht mehr, sondern cleverer arbeiten. "Smart Working" hat sich dafür als Modebegriff in Korea etabliert, und Kim nahm an einer Konferenz teil, die das Thema noch populärer machen sollte.

Interessanterweise kommt die Initiative dazu nicht nur von den Technologieunternehmen des Landes - neben KT gehört auch Samsung zu den Förderern. Vielmehr hatten Wissenschaftler und vor allem die Regierung ins Coex-Center geladen, einen der größten Veranstaltungssäle von Seoul. Mehr als 1000 Gäste saßen im Auditorium vor Laptops und Smartphones und ließen sich von Kim freundlich maßregeln. Er habe viele Freunde und Kollegen in westlichen Nationen, erzählte er eine Anekdote, die er vorher beim Mittagessen im kleinen Kreis bereits zum Besten gegeben hatte: Die Westler würden alle weniger arbeiten als Koreaner, aber mehr verdienen. "Irgendetwas machen wir falsch."

Schon am Vorabend der Konferenz hatten sich Regierungsmitarbeiter beim Abendessen als Erstes erkundigt, wie denn Deutschland seine hohe Produktivität erreiche. Auch KT-Manager Kim zeigte in seiner Präsentation eine Grafik, die sein Land im internationalen Vergleich schlecht dastehen ließ. Jährlich untersucht die OECD die Produktivität ihrer Mitgliedsstaaten. Ergebnis: Niemand arbeitet mit im Schnitt 2193 Stunden pro Jahr so viel wie ein Südkoreaner - selbst die notorisch überarbeiteten Japaner bringen es nur auf 1733 Stunden, Deutsche auf 1408. Doch was die Produktivität der Erwerbstätigen betrifft, liegt Korea weit hinten auf Platz 28. Dazu kommen die typischen Arbeitsmarktprobleme entwickelter Nationen: sinkende Geburtenraten und eine altern der Bevölkerung. In Südkorea gibt es zudem nur wenige berufstätige Frauen.

Der Staat gibt einen größeren Anteil am Bruttoinlandsprodukt für die Universitätsausbildung seiner Bürger aus als jedes andere entwickelte Land außer den USA. Doch obwohl Frauen hier in der Regel sogar besser ausgebildet sind als Männer, sind sie im Alter zwischen 25 und 54 nur zu 62 Prozent in der Arbeitswelt vertreten - die viertniedrigste Zahl in der OECD. "In fast allen reichen Ländern arbeiten gut ausgebildete Frauen mehr als ihre schlechter gebildeten Schwestern", schreibt der britische »Economist«. "In Südkorea ist das nicht so." Das liegt jedoch nicht daran, dass sie viele Kinder bekommen, im Gegenteil: Mit einer Geburtenrate von 1,2 Kindern pro Frau liegt das Land wiederum am untersten Ende der OECD-Skala.

Die Regierung greift nun ein und verschreibt Behörden wie Unternehmen ein Rezept, das an längst geführte Debatten in den alten Industrieländern erinnert: Mitte der neunziger Jahre, zu Zeiten der New Economy und der mit dem Internet verbundenen technischen Neuerungen, versprachen Experten in westlichen Ländern eine neue Art des Arbeitens. Moderne Berufstätige würden künftig mobil und vernetzt sein. Sie würden ihr papierloses Büro per Laptop und Handy mit sich herumtragen. Würden sich als digitale Nomaden von überall ins Netz und damit in die Arbeitsabläufe einklinken. Der amerikanische Wissenschaftler Nicholas Negroponte schrieb 1995 sein damals visionäres Buch "Total Digital" auf einem Notebook in einer einsamen Hütte auf der griechischen Insel Patmos, bevor er wieder an sein Forschungsinstitut in den USA zurückkehrte.

Es dauerte dann etwas länger: So wie Amazon und Ebay tatsächlich unsere Art einzukaufen verändert haben, Spiegel Online unsere Art, Nachrichten zu lesen, E-Mail unsere Art zu kommunizieren - so haben sich hinter unserem Rücken Änderungen in der Arbeitswelt durchgesetzt, die uns damals versprochen worden waren. Heute ist es für viele Firmen in Europa und den USA selbstverständlich, ihre Angestellten vom Schreibtischzwang zu befreien, sie immer öfter dort arbeiten zu lassen, wo sie wollen.

In Korea ist diese Botschaft erst jetzt angekommen. Dafür aber gleich ganz oben. Smart Working ist seit 2011 offizielle Staatsraison. Es sei "das Kernstück eines smarten Korea", so Kark-Bum Lee, Leiter des Präsidialen Gremiums für Informationsstrategie. Der grauhaarige Lee hat lange in Deutschland gelebt, ein nachdenklicher, gebildeter Mann, kein besessener Trendsetter. Und doch glaubt er fest daran, dass es moderne Technik ist, die sein Land zum Besseren verändern wird: "Sobald das Smart-Working-Prinzip greift, wird es seine Wirkung in der ganzen Gesellschaft und der Wirtschaft entfalten, wird die Regierung und das Leben der Bevölkerung auf eine ganz neue Ebene heben."

Hinter der wolkigen Rhetorik steckt ein handfester Plan: Südkoreaner sollen künftig überall und wann immer sie wollen arbeiten können - für Lee "ein revolutionärer Abschied von der gegenwärtigen Situation, in der die Menschen jeden Tag zur Arbeit pendeln und ohne Ausnahme von neun bis sechs im Büro verbringen müssen".

Fleiß allein reicht nicht - man braucht auch gute Ideen

Konkretes Ziel: Bis 2015 sollen 30 Prozent der Arbeitnehmer des Landes nicht mehr jeden Tag ins Büro fahren müssen, sondern von zu Hause aus, von unterwegs oder in sogenannten Smart Work Centern arbeiten. Letztere sind dezentrale Büros, in denen Menschen nur ein paar Stunden pro Tag einchecken und per Internet arbeiten können wie im Büro - nur eben ohne langwierige Pendelei in die City. Bisher gibt es erst zwei solcher Center in Korea. Im Laufe des Jahres 2012 sollen es schon zwölf staatliche und 50 private sein - bis 2015 dann 50 staatliche und 450 private. Etwas zugespitzt könnte man sagen: Hier ist die erste Nation weltweit dabei, den Weg zur Arbeit abzuschaffen.

Doch wie das mit ambitionierten Regierungsprogrammen so ist, wird alles wohl etwas länger dauern und nicht so glattlaufen wie in den Hochglanzpräsentationen im Coex-Center versprochen. "Um ehrlich zu sein, ist der Fortschritt in dieser Sache langsamer als ursprünglich angenommen", sagt Heejin Lee, Professor an der Koreanischen Yonsei Universität, der den Kongress in Seoul mitorganisiert hat. Vor allem die Wirtschaftskrise habe einige Projekte in der Privatwirtschaft ausgebremst. Doch er hält den Plan für ebenso richtig wie sein Namensvetter aus der Regierung: "Es gibt bei uns zunehmend die Einsicht, dass wir mehr brauchen als nur hart zu arbeiten, was ja bislang als Erfolgsfaktor der koreanischen Wirtschaft galt." Im internationalen Wettbewerb reiche Fleiß allein aber nicht mehr aus. In der Wissens- und Kreativ-Ökonomie müssten seine Landsleute lernen, statt hart eben smart zu arbeiten.

Eigentlich ist es erstaunlich, dass diese Einsicht in Korea so lange gebraucht hat. Kein Land der Welt ist so gut verkabelt. 90 Prozent der Bevölkerung haben schnelle Datenanschlüsse, Südkorea liegt hier vor Schweden, den Niederlanden und Finnland. Mehr als die Hälfte der Leitungen sind aus moderner Glasfaser. Darum ist Südkorea technisch gesehen weltweit vielleicht am besten darauf vorbereitet, mobiles Arbeiten im großen Stil einzuführen, denn dafür muss man ja digital mit der Zentrale verbunden sein und auf seine Arbeit schnell zugreifen können.

"Aber die Technik ist nur die eine Hälfte der Geschichte", so Heejin Lee. "Genauso wichtig ist die Kultur - wie Menschen mit der Technik umgehen." Und da könnten in Korea die Hindernisse auf dem Weg in die neue Arbeitswelt höher sein als anderswo.

Das Bedürfnis, ins Büro zu gehen und Kollegen persönlich zu sehen, sei in seiner Heimat höher als in westlichen Ländern, so der Wissenschaftler. Ein Wechsel zu einer Arbeitsweise, in der der Einzelne kaum noch in die Zentrale muss, könnte als Angriff auf die Arbeitsplatzsicherheit ausgelegt werden. "In Zeiten von Downsizing sowie einem wachsenden Abstand zwischen Festangestellten auf der einen sowie Teilzeitkräften und Freiberuflern auf der anderen Seite hat das Recht auf den eigenen Schreibtisch hohe symbolische Bedeutung."

Regierungsvertreter Kark-Bum Lee ist ebenfalls der Ansicht, dass sich die Einstellung seiner Landsleute ändern muss, sieht darin aber vor allem Vorteile. Wenn sich erst einmal die Art zu arbeiten verändert hat, werde sich auch die Unternehmenskultur verändern, hofft er - weg von hierarchischen Modellen hin zu horizontal organisierten. Weg von der Verantwortung des Einzelnen hin zu Teamarbeit. Weg vom impliziten Wissen in den Köpfen einzelner Mitarbeiter hin zu explizitem Wissen in Form von Handbüchern und schriftlichen Anleitungen.

"Da Smart Working vor allem durch die hohe Flexibilität von Arbeitszeiten und -orten gekennzeichnet ist, müssen Arbeitsprozesse stärker segmentiert und Verantwortlichkeiten klarer definiert werden", sagt Lee. Dadurch werde das System der Leistungsbeurteilung, das auf persönlichem Kontakt und Augenschein beruht, durch eine ergebnisabhängige Beurteilung ersetzt. Anders gesagt: Es wird nicht mehr befördert, wer am längsten am Schreibtisch sitzt, sondern wer am meisten leistet. So gehöre sich das in einer Wissens- und Informationsgesellschaft, sagt der Regierungsbeamte.

Er hofft, dass sein Land auf diese Weise gleich sechs Probleme zugleich löst. Erstens: Die niedrige Produktivität steigt, da weniger Zeit durchs Pendeln verloren geht, Informationen leichter zugänglich sind und Arbeitsabläufe klarer definiert werden. Zweitens: Mehr Frauen können arbeiten, weil Beruf und Familie besser vereinbart werden können. Dadurch soll auch die Geburtenrate wieder steigen. Drittens: Älteren Arbeitnehmern fällt es leichter, länger berufstätig zu bleiben. Viertens: Unternehmen können in der anspruchsvollen Gruppe der gut ausgebildeten jungen Leute besser Mitarbeiter anwerben. Fünftens: Die Jobzufriedenheit der Arbeitnehmer steigt, da sie Freizeit und Arbeit besser vereinbaren können. Sechstens: Die Umweltbelastung sinkt, weil nicht mehr jeder täglich ins Büro fährt. Kark-Bum Lee zitiert eine Studie, nach der 1,11 Millionen Tonnen weniger Kohlendioxid pro Jahr ausgestoßen würden, wenn Koreas 8,6 Millionen Bürokräfte nur einmal die Woche von zu Hause aus arbeiteten.

Weg von Konzernen - hin zur Ein-Personen-Firma

Lee ist ein Techno-Optimist. Er malt die Zukunft seiner Landsleute in rosigen Farben. Langfristig, so prognostiziert er, werde Smart Working das Konzept infrage stellen, nur einen Arbeitgeber zu haben. "Weil es den Angestellten erlaubt, ihre Arbeit überall und zu jeder Zeit zu erledigen, brauchen sie sich nicht mehr auf ein Unternehmen zu beschränken." Mehr Menschen würden dann als Freiberufler arbeiten, Ein-Personen-Unternehmen würden zum neuen Trend. Ein Gründergeist, der in Korea heute fehlt, soll Einzug halten.

Die Wirtschaft des Landes ist geprägt von den sogenannten "Chaebol", Konglomeraten wie Samsung. "In Korea gibt es kaum Start-ups oder ambitionierte Technologiefirmen", stellte der "Economist" fest. Eine Studie des Global Entrepreneurship Monitor ergab, dass Koreaner weniger Gelegenheiten sehen, sich selbstständig zu machen, als die Bürger aller anderen entwickelten Nationen mit Ausnahme von Japan. "Wenn Korea technologisch wettbewerbsfähig bleiben will, müssen sich solche Einstellungen ändern", schreibt der "Economist".

So sieht die Zukunft aus: das Büro im Wohngebiet, der Supermarkt per Telefon

Hye Jung Lee, die in der Regierung ein paar Ränge unterhalb des visionären Kark-Bum Lee an der konkreten Umsetzung des Vorhabens arbeitet, nennt den Plan "ambitioniert, aber unumgänglich". Sie steht am Rand der abendlichen Party, auf der sich Referenten des Kongresses mit Funktionären im kleinen Kreis austauschen sollen. Es gibt koreanisches Bier und Häppchen. Im Hintergrund läuft westliche Lounge-Musik, und permanent werden unter vielen Verbeugungen Erinnerungsfotos geschossen.

Gegen den Lautstärkepegel kommt Hye Jung Lee mit ihrer zarten Stimme kaum an, doch sie möchte noch erklären, weshalb ihre Abteilung überhaupt die sogenannten Smart Work Center bauen will. Erklärungsbedürftig sind die schon. Müssen Angestellte dann immer noch in ein Büro fahren - nur eben in eines, das woanders liegt? Warum nicht gleich ganz von zu Hause aus arbeiten? Dabei gehe es vor allem um Datensicherheit, erklärt sie. "Angestellte und Beamte des öffentlichen Sektors haben mit sensiblen Daten zu tun, die kann man nicht einfach am heimischen PC bearbeiten", sagt Hye Jung Lee. "Smart Work Center lösen das Problem, denn sie bieten sichere Internetverbindungen - und trotzdem sind die Center besser zu erreichen als Büros in der Innenstadt, da sie in Wohngebieten errichtet werden."

Dass man Koreaner tatsächlich am besten bei ihrer Technikbegeisterung packt, um gesellschaftliche Probleme zu lösen, zeigt eine Fahrt mit der U-Bahn. Oder besser: das Warten an einer Haltestelle. Hier kann man Zeuge einer verblüffenden Innovation werden, die zeigt, dass in diesem Land kreative Lösungen durchaus eine Chance haben.

Tesco, die zweitgrößte Supermarktkette des Landes, stellte kürzlich fest, dass Koreaner den Einkauf von Lebensmitteln als extrem stressig erleben, weil sie eh schon den ganzen Tag im Büro verbracht haben, lange Strecken nach Hause pendeln und nach Feierabend noch in den Supermarkt müssen, um Lebensmittel fürs Abendessen zu besorgen.

Weil die Leute immer ein Smartphone bei sich tragen, hatte jemand bei Tesco einen Geistesblitz: Wenn die Menschen nicht gern in den Supermarkt kommen, bringen wir den Supermarkt dahin, wo die Menschen sind - in die U-Bahn. Tesco hat Wände von Metrostationen mit beleuchteten Fotos von Lebensmittelregalen in Originalgröße plakatiert. Neben jedem Bild ist ein Barcode abgebildet, den man mit seinem Handy fotografiert, und schon ist das Produkt im virtuellen Einkaufswagen gelandet. Während man mit der U-Bahn heimfährt, werden die Produkte der Einkaufsliste vom Supermarkt zusammengepackt und pünktlich nach Hause geliefert.

Die Online-Umsätze des Unternehmens stiegen daraufhin um 130 Prozent, und der virtuelle Supermarkt ist nun die Nummer eins im Land. Gute Aussichten für die Arbeitsrevolution also: Wenn man in Korea sogar die Gemüsetheke auf den Bildschirm eines Smartphones verlegen kann, dann sollte das mit dem Büro erst recht möglich sein. -

Der Autor Markus Albers war als Referent bei der Smart-Work-Konferenz in Seoul eingeladen.