Wir finden schon was!

Müßiggang ist US-Amerikanern zutiefst suspekt: Erstens hat keiner Zeit für so etwas. Und zweitens gehört es sich einfach nicht.




• Freizeit und ihr unbeschwerter Genuss sind in Amerika eine Frage der Freiheit. Etwa, sich Urlaub zu nehmen. Der Standard sind zehn Arbeitstage, am besten nicht am Stück, damit der Geschäftsbetrieb nicht unterbrochen wird und die Kollegen nicht auf den Faulenzer neidisch werden. Das führt zum Turbo-Urlaub, bei dem man in einer Woche durch Europa hechelt, und das veranlasst amerikanische Eltern besonders im Sommer zu den absurdesten Verrenkungen. Denn die lieben Kleinen haben vom Kindergartenalter an bis zu zweieinhalb Monate Sommerferien, in denen ihre Eltern keine Zeit haben, einfach nur zu Hause zu bleiben geschweige denn gemeinsam in die Ferien zu fahren.

Also muss das Nichtstun schon im zarten Alter durchorganisiert werden. Ferienlager halten den Nachwuchs für ein paar Tage oder am besten wochenweise in irgendeinem Wald oder an irgendeinem See beschäftigt und vermitteln die Feinheiten der Gruppendisziplin. Im Summer Camp hängt keiner durch. Den Rest der Ferien müssen sich Mom & Dad anstrengen, ein Rahmenprogramm zu buchen, von möglichst ganztägigen Tanz-, Gesangs- und Bastelkursen bis zum intensiven Sporttraining, auf das Olympioniken stolz wären. Wer das alles bezahlen muss, ist froh, dass er durcharbeiten darf.

Die Sommerferien, theoretisch die schönste Zeit des Jahres für die jüngere Generation, stellen sich als stressiger Albtraum für die Eltern heraus. Und sind die Kinder zu Teenagern herangewachsen, werden die Sommermonate mit Mindestlohn-Jobs gefüllt, um das Verständnis für die existenzielle Bedeutung von Lohn und Brot zu schärfen und Bonuspunkte für den Lebenslauf zu sammeln. Wer seine Sommer einfach nur genossen und gefaulenzt hat, ist der Zulassungsstelle am College suspekt.

Wieso das ganze Land nicht entspannen kann, dafür hat der Bestseller-Autor Tim Ferriss eine Erklärung. Nun ja, ansatzweise zumindest, wie wir gleich sehen werden. Ferriss hat sich zum Experten für Lifestyle-Design erklärt, der seinen Lesern und Zuhörern das Blaue vom Himmel verspricht. Erst war es "Die 4-Stunden-Woche" (so der Titel seines Buches im Jahr 2007), dann "Der 4-Stunden-Körper" (2010). Der Mann versteht also etwas von Zeit-Management, möchte man meinen, und kann sich nach einem kleinen Pensum intensiver Arbeit ausgiebig dem Müßiggang widmen. Wer den Akkord meistert, auf den wartet die Hängematte.

Das klingt interessant, denn 7 mal 24 minus 4 ergibt auf dem Papier 164 Stunden die Woche zur freien Verfügung. Wer Ferriss' Diagnose zur Betriebsamkeit seiner Landsleute allerdings genauer betrachtet, merkt schnell, dass der Arzt genauso krank ist wie der Patient: "Nichts ist mir mehr zuwider als Faulenzen. Mein Ziel lautet, falschen Ehrgeiz auszumerzen. Ich reiße mir permanent den Arsch auf. Wer weniger sinnlose Arbeit verrichtet, sodass er sich mehr auf Dinge konzentrieren kann, die einem persönlich wichtig sind, ist nicht faul. Die meisten Amerikaner tun sich damit schwer, denn unsere Kultur belohnt dich, wenn du persönliche Opfer bringst, statt persönlich produktiv zu sein."

In die Sprache normal gestrickter Menschen übersetzt heißt das: Wer sich der Idee der Vier-Stunden-Woche verschreibt, gewinnt keineswegs viel Zeit zur Muße, das ist auch gar nicht das Ziel. Es geht vielmehr darum, beim Wettrennen um die atemloseste Lebensplanung freiwillig ein paar Gänge hochzuschalten. Irgendeine bessere Beschäftigung findet sich immer, und am Ende winkt der Wohlstand. Bis es so weit ist, müssen Ziele gesteckt, das persönlich Wichtige vom Lästigen getrennt und Letzteres an Hilfskräfte outgesourct werden.

Die Delegation des Lästigen ist, wie sollte es anders sein, zu einem florierenden Geschäft geworden. Wer sich nur ein bisschen, aber nicht zu faul fühlen will, kann auf der Website Taskrabbit.com kleine Handlanger-Dienste ausschreiben oder sie erledigen – selbst wenn es nur darum geht, den Hund Gassi zu führen, das Laub aus dem Pool zu klauben oder das Altpapier wegzufahren. Für jeden dieser Mini-Jobs gibt es nicht nur Geld, sondern Punkte, die in der Gemeinschaft der Gelegenheitsarbeiter wie Medaillen getragen werden. Seht her, ich nutze meine Freizeit optimal. "Nachbarn helfen Nachbarn" ist übrigens auch der Slogan von Taskrabbit (am besten mit "Betriebsnudel" zu übersetzen).

So wie Ken Helman aus Oakland, der sich ein "Kaninchen" online buchte, damit ihm jemand vor dem Umzug das Bett auseinanderbaute. Ein paar Wochen später buchte er einen anderen dienstbaren Geist, der ihm vier Barhocker zusammenschraubte. "Das mag vielleicht nur 15 Minuten dauern, aber ich bezahle gerne für eine Stunde Arbeit und muss mich nicht darum kümmern. Die Zeit spare ich mir." Wofür? "Jedenfalls nicht zum Herumsitzen", sagt Helman, der als Gesangslehrer arbeitet. "In der Zeit kann ich etwas anderes, Sinnvolleres tun. Handarbeit liegt mir einfach nicht."

Taskrabbit muss einen Nerv getroffen haben, denn die Firma hat ihre Web-Börse für Kleinstjobs inzwischen auf neun US-Großstädte ausgedehnt und erlaubt sogar die Impuls-Buchung per iPhone. Wer Karnickel spielt, bedient die Fantasie einer ganzen Gesellschaft, sich vom Stress und von lästigen Pflichten freizukaufen. Ein Fremder geht einkaufen, räumt den Keller auf oder schraubt ein Regal zusammen, während man sich selbst auf der Terrasse sitzen sieht, einen Eiskaffee in der Hand. So weit kommt es zum Glück nicht. Die Kinder wollen aus dem Töpfer-Kurs abgeholt werden, draußen hält gerade der UPS-Wagen, der die Waren ins Haus bringt, damit man sich die Rennerei sparen kann, und auf dem Handy sind schon wieder sechs neue E-Mails eingegangen – schließlich darf man ja einen Tag die Woche von zu Hause aus arbeiten, um sich den Weg ins Büro zu sparen. •