Wein predigen, Wasser trinken

Er singt das Loblied der Muße so erfolgreich, dass er selbst keine mehr hat. Ein Tag mit Tom Hodgkinson




• Zum Beispiel das erste Kapitel: "Acht Uhr morgens". Dort heißt es: "Spätes Aufstehen gehört zum geistig Unabhängigen, dem Individuum, das sich weigert, Sklave der Arbeit, des Geldes und des Ehrgeizes zu sein." So steht es in Tom Hodgkinsons Buch "Anleitung zum Müßiggang".

So und nicht anders sollte es sein. Aber manchmal schlägt die Praxis die Theorie. Zumindest an diesem Morgen.

Der Wagen rollt langsam auf seinen Bauernhof in Martinhoe im südenglischen Devon zu. Es regnet, der Boden ist matschig. Hodgkinson eilt in schmutzigen Gummistiefeln über den Hof, grüßt und hilft mit dem Gepäck. "Wir haben jetzt 20 Minuten Zeit, uns zu unterhalten. Dann muss ich zur Tankstelle, Geld ziehen, wir kommen zurück, haben Lunch, danach habe ich eine Skype-Konferenz, da können Sie gern dabei sein, um 14.45 Uhr müssen wir los, die Kinder von der Schule abholen, später fahre ich mit ihnen nach Glastonbury auf ein Festival, vorher muss ich den Wagen beladen. Jetzt ist auch noch das Pony ausgebrochen ... wobei, vielleicht fahren wir doch besser gleich tanken."

Und schon sitzt er am Steuer eines roten Vauxhall und brettert über die von Hecken gesäumten Feldwege. In letzter Sekunde rettet er sich vor einem entgegenkommenden Quad mit Anhänger in eine Ausweichbucht. "Oh Gott, die fahren hier wie Mad Max." Er meint die anderen.

Der Philosoph der Ruhe und Priester des Faulenzens ist im Geschwindigkeitsrausch. Hodgkinsons Buch "Die Kunst des Müßiggangs" hat sich weltweit mehr als 200000-mal verkauft. Die folgenden Werke, "Die Kunst, frei zu sein" und der "Leitfaden für faule Eltern" wurden in mehr als 20 Ländern verlegt. Zuletzt erschien das Gartenbuch "Schöne alte Welt". Der "Guardian" schwärmte, Hodgkinson habe "nicht weniger als ein Widerstandsmanifest gegen die moderne Welt" geschrieben. Sein jährlich erscheinendes Magazin "The Idler" hat in Großbritannien Kultstatus, der Schriftsteller Alain de Botton ist Autor, die Schauspielerin Emma Thompson ein bekennender Fan. Die Botschaft der Schriften ist die immer gleiche: bloß keine Hektik!

Das ist leichter gesagt als getan. Hodgkinson ist ein rastloser Unternehmer im Namen des Müßiggangs und ein geschickter Vermarkter seiner selbst. Nichtstun ist sein Geschäft. Vor etwas mehr als einem Jahr hat er in London die Idler Academy gegründet. Sie ist Buchladen, Café und Volkshochschule für alle diejenigen, die einen Gang runterschalten wollen. Neben dem Wahren, Schönen, Guten beschäf tigt er sich jetzt mit Geschäftsplänen, Banken, Angestellten. Hodgkinson muss hochschalten.

Es ist kurz vor eins, als er wieder durch Martinhoe fährt. Vor der Kirche tritt er abrupt auf die Bremse, berichtet, dass die Kirche 1000 Jahre alt sei, 1015 erbaut wurde, die gotischen Stilelemente müsse man gesehen haben. Nur nicht heute. Keine Zeit.

Zurück auf dem Hof, reckt ein Hahn seinen Kopf aus einem Schuppen, Frettchen klettern in Käfigen, und ein verschnupfter Hund, dem Schleim aus der Nase hängt, freut sich, dass sein Herrchen zurück ist. "Wo ist der andere Hund?", Hodgkinson schaut sich um. "Akamaru! Verflucht! Akamaru!!!! Oh Gott, er ist auch abgehauen." Gott wird er an diesem Tag noch öfter anrufen. Aber auch der hat keine Zeit zu verschenken, um einen entlaufenen Hund zu suchen.

Harte Arbeit – im Dienst der Faulenzerei

Seit zehn Jahren lebt Hodgkinson mit seiner Frau Victoria und den drei Kindern auf dem Bauernhof. Es ist ein altes, heruntergekommenes Gemäuer mit Scheune, Stall und viel Platz. Sie wollten damals Ruhe und dem Konsumdruck der Stadt entfliehen. Ihr Haus in London haben sie vermietet, die monatliche Pacht für den Hof ist mit umgerechnet 880 Euro erfreulich niedrig. Der Rückzug aufs Land machte Hodgkinson sehr produktiv. Vier Bücher hat er dort geschrieben, einen Garten angelegt, er hält Hühner, ein Pony, zwei Hunde.

Es könnte ein idyllisches Leben sein. Nur heute nicht. Gestern war es das auch nicht. Und auch vorgestern nicht. Da kam er aus Australien zurück, wo er zu einem Seminar eingeladen gewesen war. Es ging um Erziehung und darum, dass Eltern Kindern mehr Freiheiten lassen sollten, das Thema seines Buches. Weil auch Ratgeber für Faule sich nicht von allein verkaufen, reist Hodgkinson zu Präsentationen nach Deutschland, zu Vorträgen nach Tschechien, zu Kongressen nach Australien – und rät dort zu mehr Ruhe.

Um ein Uhr nachmittags, so steht es in der "Anleitung zum Müßiggang", ist Lunch-Zeit. "Das Mittag essen war ein Ereignis, das wohl durchdacht sein wollte. Es konnte mit Freunden und Kollegen eingenommen werden und sich über mehrere Stunden hinziehen."

Um ein Uhr nachmittags steigt Hodgkinson aus den Gummistiefeln und marschiert in die Küche, wo es nach Ölofen riecht, die einzige Heizung im Haus. Er steckt zwei Brote in den Toaster, stellt Käse und selbst gemachtes Bananen-Chutney auf den Tisch. "Ich hatte das beste Leben. Aber wegen des Ladens ist jetzt alles anders. Immer fehlt Geld. Das bringt uns noch um."

Vor genau einem Jahr haben seine Frau und er in London die Akademie eröffnet. Mal arbeitet seine Frau dort, mal er. Vier Stunden fährt man mit dem Auto dorthin.

63.000 Euro haben sie investiert, mit 34.000 Euro schlägt allein die jährliche Miete für das Lokal zu Buche. Unternehmer zu sein bedeutet Stress. Erst recht als Anfänger. Alles mussten sie lernen: Wie schreibt man einen Geschäftsplan? Wie findet man geeignete Angestellte? Wie viele Kuchen essen die Kunden? Im Januar erlitt Hodgkinson einen Kollaps. Er war überarbeitet. Und hat darüber prompt im "Idler" berichtet.

Das Heft wurde im Jahr 1993 gegründet. Hodgkinson hatte in Cambridge am Jesus College studiert und arbeitete in London als Fakten-Prüfer bei einem Klatsch-Magazin. Während des Studiums las er James Joyce, George Orwell, William Shakespeare. Als Dokumentar rief er bei Supermärkten an, um den Preis für Baked Beans zu erfragen. Seinen Freunden erging es nicht besser, also beschlossen sie ihr eigenes Magazin zu gründen: den "Idler", in dem sie seither für das kreative Nichtstun werben.

Nicht ums Rumhängen ging es, sondern darum, sich dem Produktivitätszwang und dem Leistungsdenken zu verweigern. Freiheit und Müßiggang statt Buckeln und Karriere. Sie verkauften das Heft auf Festivals, hielten Vorträge und fanden Fans. Dass daraus einmal eine Bewegung mit Akademie werden würde, hätte Hodgkinson nie zu träumen gewagt. Dass ihn dieses Unternehmen fast umbringen würde, auch nicht.

Dabei war eine Lebensschule immer sein Traum. "Ich war an der besten Universität des Landes und musste mir Plato und Aristoteles selbst beibringen." Das ist ihm wichtig: Er geizt nicht mit Bildung in seinen Büchern. Sie sind eine Zitatensammlung aller klassischen Geistesgrößen. Man soll gleich wissen: Der ist belesen. Das macht auch die Anziehungskraft der Idler Academy aus. Sie ist eine Volkshochschule für das gehobene Volk. Und das will lernen. Die Grammatikkurse sind ausgebucht. Es gibt sogar Leute, die freiwillig Latein lernen. Nur Brotbacken interessiert kaum einen.

Während des Essens steht er auf, legt das Portemonnaie und das Mobiltelefon an das andere Ende des Tisches, damit er nachher nichts vergisst. Ob er Wein predigt und Wasser trinkt? "Kann sein, jetzt im Moment, vielleicht hätte ich weiter weniger tun sollen, aber ..." Da heult die Skype-Sirene aus dem Computer, er stürzt in das Arbeitszimmer. Spinnweben hängen vor den Büchern, Staub klebt auf den Borden, auf dem Fensterbrett lagern Stapel von Papier. Dass Bequemlichkeit stets Vorrang haben sollte, ist zumindest hier zu sehen.

"Gut, dass du anrufst, wir müssen uns beeilen", spricht Hodgkinson an seinem Schreibtisch sitzend in den Laptop hinein. Am anderen Ende ist der Webdesigner aus London. "Wir müssen die Kurse besser auf der Seite bewerben", sagt Hodgkinson. Im September beginnt das Programm, und die Angebote sind auf der Seite kaum zu finden.

"Wir haben viele Inhalte zu konvertieren, das kostet Zeit", warnt der Designer. "Aber im Sommer sind wir mit unserem Stand auf vielen Festivals. Da erreichen wir viele Leute. Die müssen im Internet gleich die Kurse sehen und buchen können." – "Dann gehen wir eben mit den Kursen früher online." – "Okay, das ist jetzt beschlossen: Inhalte sind unsere zweite Priorität. Die erste ist: Verkaufen, verkaufen, verkaufen!", befiehlt Hodgkinson.

"Es wäre gut, wenn wir uns persönlich treffen könnten. Bist du am Donnerstag in London?", fragt der Designer. – "Donnerstag, da kann ich von zehn bis viertel nach elf." – "Besser wäre es, du hättest uneingeschränkt Zeit." – "Oh Gott, oh Gott. Danach habe ich ein Treffen mit meinem Team, wie man seine Angestellten heute nennt. Geht auch Freitag?", fragt Hodgkinson. Es bleibt bei Freitag.

Unmittelbar nachdem er auflegt, klickt er auf seinen Shop. Mist! Noch nichts verkauft heute. Wieder klingelt das Telefon. Es ist die Angestellte aus der Akademie. "Mein Geburtsdatum? 10. April 1968." Er legt auf. Es klingelt wieder. Seine Frau. "Ja, sie hat gerade angerufen. Warum will sie mein Geburtsdatum wissen?" Er legt auf. Jetzt surrt das Mobiltelefon in der Küche. Es ist der Steuerberater. Als er auflegt, fragt er: "Möchten Sie Tee?"

Tea Time ist in der "Anleitung zum Müßiggang" für vier Uhr vorgesehen. Zwischen dem Mittagessen und dem Tee ist Zeit für den Mittagsschlaf. Aber der fällt heute aus. "Das beruhigende Tee-Ritual ist ein weiteres jener müßigen Vergnügen, die in den letzten Jahren der Produktivität und dem Profit geopfert worden sind", steht in Hodgkinsons Bibel für schönes Leben. Als der Kessel pfeift, konferiert er wieder mit dem Steuerberater. Welche Rechnung muss auf welches Konto gebucht werden? Es ist zum Verzweifeln.

Auch für Faulenzer gibt es den Markt

81 Westbourne Park Road, London, Stadtteil Notting Hill, an einem Donnerstagabend im Juni. Die Fassade der Idler Academy ist mit einem glänzenden Lack bestrichen. Der Fußboden ist dunkel, eine alte Chaiselongue steht im Schaufenster, vorbei an der Kasse geht es in einen Garten. Es werden nur Bücher verkauft, die Hodgkinson gut findet. Viel Großstadtliteratur, Norman Collins: "London belongs to me". George Orwell: "Down and out in Paris and London". Patrick Hamilton: "Hangover Square".

Über einem Regal steht: "Bücher von Tom Hodgkinson und dem Idler." Seine gesammelten Werke sind dort einsortiert. Dazu gibt es Devotionalien wie ein T-Shirt mit der Schnecke, die seit jeher das Logo der Zeitschrift ist. Tassen mit der Aufschrift: "Tod allen Supermärkten."

Der Laden ist elegant, es geht darin zu wie in der guten alten Zeit, als Britannia noch ein Imperium war. Der Kaffee wird tassenweise gebrüht, der Kuchen ist selbst gemacht, das Ingwer-Bier gibt es aus den nostalgischen braunen Flaschen von Fentimans. Nur die Gäste werden manchmal vergessen. Um halb sechs ist das heiße Wasser für den Kaffee alle. "In einer Stunde haben wir ein Event", entschuldigt sich die junge Frau an der Kasse. An diesem Abend präsentiert der Philosoph Mark Vernon sein Buch über Gott. "Warum glauben viele Menschen nicht an Gott, haben aber ein Bedürfnis nach Spiritualität?" Erschienen sind rund 40 Gäste. Es werden Weißwein, Häppchen mit Ziegenkäse und hausgemachtem Bananen-Chutney gereicht. Man kennt sich, man grüßt sich, Küsschen hier, Küsschen da. Gegenüber im Westbourne Pub läuft Fußball. Hier in der Akademie steht man über solchen Dingen.

Eine Menge Spaß – mit viel Arbeit

Sie befriedigt die Sehnsucht nach dem richtigen Leben im falschen. Doch wer die Idler-Akademie betritt, fragt sich unweigerlich, ob das noch eine Bewegung ist oder schon ein Geschäft.

Die Antwort: Sie ist beides. Hodgkinson und seine Frau Victoria wollen Gleichgesinnte um sich scharen. "Das soll ein Treffpunkt sein", sagt sie. "Ein Zentrum", sagt er. Damit das funktioniert, müssen sie verkaufen, verkaufen, verkaufen, wie er es selbst gesagt hat. Denn auch die Industrie des Nichtstuns unterliegt den kalten Gesetzen des Marktes, da kann die Utopie noch so reizvoll sein. In gewisser Weise ist die Akademie ein Wirklichkeitsschock für Hodgkinson, der sich allerdings als einfallsreich erweist. So bietet er eine Club-Mitgliedschaft für eingefleischte Fans an. Sie kostet 150 Pfund im Jahr, dafür gibt es Rabatt auf Kurse und Bücher. Und für Hodgkinson hat es den Vorteil stabiler Einnahmen. "Eine schöne Idee", sagt er. "Aber bislang haben wir nur 30 zahlende Mitglieder."

Hodgkinson und seine Frau geben sich drei Jahre. Wenn der Laden sich dann trägt, werden sie weitere eröffnen. Wenn nicht, machen sie wieder zu. Doch die Chancen stehen nicht schlecht. Rund 760 Euro Umsatz müssen sie jeden Tag machen, um auf null zu kommen. "Da stehen wir kurz davor", sagt Hodgkinson, "was nach einem Jahr nicht schlecht ist." Und wenn es nicht klappt? "Dann wäre das Geld weg", er zuckt mit den Schultern.

Hodgkinson rechnet nicht in Pfund oder Euro - sondern in Lebenserfahrung. "Unsere Freunde vergrößern ihr Haus, wir gründen ein Unternehmen. Selbst wenn wir wieder schließen müssen, werden wir sehr viel gelernt haben." Das klingt heroisch. Aber er steckt so tief drin, dass er kaum eine andere Wahl hat, es anders zu sehen. "Es ist zwar viel Arbeit, und so habe ich mir das nie vorgestellt, aber es ist auch sehr befriedigend: Ich kann die Leute einladen, die mich interessieren, ich habe einen Laden, ein Café, einen Garten, das macht viel Spaß. Scheitern wir, machen wir eben zu und weiter wie vorher."

Der Mann ist berühmt, beliebt, wird verehrt. Aber als Kleinunternehmer teilt er die Sorgen von allen, die Kredite abstottern und Kunden anlocken müssen. Kommt der Kunde nicht in den Laden, geht Hodgkinson eben zu ihm.

Aus dem ehemaligen Schweinestall zerrt er ein riesiges Metallschild. The Idler's Academy steht darauf. Er packt es in den Kofferraum des Vauxhall. Daneben vier Bücherkartons, die Schlafsäcke und Gummistiefel für die Kinder. Auf dem Festival in der Kirche von Glastonbury wird er wieder lesen, Bücher verkaufen und Flyer verteilen. Verkäufer nennen das Akquise, Aktivisten Propaganda. Hodgkinson nennt es "Leute treffen".

Punkt viertel vor drei startet er den Wagen. Eine halbe Stunde später sitzen die Kinder auf der Rückbank. Auf der Fahrt nach Glastonbury fragt er seinen Sohn unvermittelt: "Wärst du gerne reich?" – "Hm, nö", sagt der. "Wir haben alles, was wir brauchen, oder?", fragt der Vater. Längere Pause. Dann kommt "Hm, ja." Hodgkinson fasst sich an die linke Brusttasche. Dann an die rechte. Die Hosentaschen. Die Ablage vor dem Schalthebel. Er klappt das Handschuhfach auf. Nichts. Er hat doch nicht alles, was er braucht. "Oh Gott! Ich habe mein Mobiltelefon zu Hause liegen lassen." In South Molton hält er an und lässt die Scheibe runter, streckt den Kopf nach draußen, atmet tief durch, denkt nach. "Brauche ich mein Telefon?" Er fixiert irgendeinen Punkt. "Wer könnte mich anrufen? Die E-Mails? Man kann ohne sie leben, oder?"

Er fädelt sich wieder in den Verkehr ein. An der Ampel dreht er sich zu seinem Sohn um. "Könntest du die Anrufbeantworter- Ansage ändern und draufsprechen, die Leute sollen Mami anrufen?" Das wäre geregelt. Das Einzige, was an diesem Nachmittag ungeklärt bleibt, ist der Verbleib des Ponys. Bevor er losfuhr, suchte er es auf der Weide des Nachbarn, konnte es aber nicht finden. Auch das ist jetzt egal. Das Tier wird das Wochenende wohl in Freiheit verbringen. Ganz und gar ungebunden.