Und Schluss

Irgendwann ist das Arbeitsleben vorbei. Und dann? Zwei Psychologen erleben gerade, wie es sich anfühlt.




• Die einen sehnen ihn herbei, den letzten Tag am Arbeitsplatz. Die anderen denken mit gemischten Gefühlen an ihn. Für Hildburg Spiegel, 66, pensionierte Professorin für Wirtschaftspsychologie, und Karl-Heinrich Narjes, 64, Manager in Altersteilzeit, gilt Letzteres. Die beiden arbeiten als "freie Intellektuelle" zusammen, sind nicht in jedem Punkt einer Meinung – in einem aber schon: Die Verabschiedung in die Rente sei "eine narzisstische Kränkung" (Narjes).

Der Mann mit dem trockenen Humor hatte nach seinem Psychologie-Studium bei der Lufthansa angefangen, 15 Jahre in der Personalabteilung gearbeitet und sich dann auf die bei Fluggesellschaften komplexen Verkehrsabrechungen verlegt. Zum Schluss war er bei der Lufthansa Revenue Services GmbH in Norderstedt bei Hamburg Leiter einer Abteilung, die solche Abrechnungen mithilfe einer selbst entwickelten Software für andere Airlines erledigt. Auf dieses Projekt ist Narjes noch immer sehr stolz.

Die Firma, für die er tätig war, heißt zwar Lufthansa, ist aber rechtlich selbstständig, kann also jederzeit verkauft oder abgewickelt werden, weshalb man dort besonders auf Profitabilität achtet. In den vergangenen 15 Jahren sind rund 40 Prozent des Personals abgebaut worden. Bislang immer sozialverträglich, betont Narjes. Und ihm sei natürlich klar gewesen, dass auch er irgendwann an der Reihe sein würde. Als es so weit war und sein Chef ihm freundlich Altersteilzeit nahelegte, "habe ich mich trotzdem geärgert. Es ist nicht schön, zu hören: ,Wir brauchen dich nicht mehr.'" Altersteilzeit bedeutete in seinem Fall, zweieinhalb Jahre zu einem geringeren Gehalt zu arbeiten und dann gar nicht mehr, bis das offizielle Rentenalter erreicht ist. In dieser sogenannten passiven Phase ist Narjes seit September 2011.

Bei Hildburg Spiegel kam das Signal zum Abschied äußerst geschäftsmäßig daher. Die durchsetzungsfähige, warmherzige Frau hat zielstrebig Karriere gemacht. Nach dem Abschluss ihres Psychologiestudiums (mit Prädikat) arbeitete sie als Unternehmensberaterin, dann an ihrer Promotion, bekam eine Professur an der Fachhochschule des Bundes und baute später bei der privatisierten Deutschen Telekom eine interne Beratung auf. Im Jahr 2000 suchte sie sich eine Professur für Wirtschaftspsychologie an der heutigen Hochschule Rhein-Main in Rüsselsheim, wo Ingenieure ausgebildet werden. Dort spezialisierte sie sich auf Luftfahrt und lernte so Karl-Heinrich Narjes kennen. Als ihr Pensionsalter im Juni 2011 erreicht war, meldete sich die Personalabteilung der Hochschule: Spiegel könne sich ihre Entlassungsurkunde beim Präsidenten abholen. Das tat sie nicht und ärgert sich nach wie vor über diese eisige Verabschiedung. Die Urkunde wurde ihr später nachgeschickt. Immerhin richteten Kollegen einen Sektempfang für sie aus. Spiegel lud ihrerseits noch Kollegen in ein Restaurant auf dem Land ein – "aber nur die nette Leute". Solche Übergangsrituale sind wichtig. Aber wie bereitet man sich auf den Ruhestand vor? "Überhaupt nicht", antwortet Narjes. "Mir sind die Fragen der Leute –,Was machst du denn dann?' – auf die Nerven gegangen. Ich habe denen gesagt: Ich war bisher noch nie in Rente, daher kann ich dir das leider nicht sagen, hinterher vielleicht."

Am Anfang ist es wie Urlaub. Und nach einiger Zeit sehr langweilig

Hildburg Spiegel, die gern alles durchdenkt, hatte dagegen rechtzeitig Pläne geschmiedet. Die Alleinstehende beschloss, auch privat einen Schnitt zu machen, und zog von Wiesbaden nach Lübeck – in eine Wohnung im dritten Stock, wie sie betont, weil sie optimistisch ist, die Treppen noch lange zu schaffen. An die Regel, dass man alte Bäume nicht verpflanzen soll, glaubt sie nicht. Andererseits hat sie sich für ihr neues Leben eine bekannte Konstellation gesucht: Wie früher lebt sie in einer kleineren Stadt in der Nähe einer Großstadt; statt Frankfurt ist das nun die Metropole Hamburg. Und statt fünfmal in der Woche ins Büro fährt sie nun häufig an die Ostsee.

Allerdings hat sie sich auch umgehend wieder Beschäftigung gesucht und Lehraufträge an ihrer alten Hochschule sowie in Hamburg und Kiel angenommen. "Das macht man nicht, wenn man nicht das Gefühl der fehlenden Struktur hat", sagt sie. Mittlerweile ist sie etwas entspannter und hat auch schon Jobs abgelehnt. Zum Beispiel die Mitarbeit an einem Master-Studiengang in Hamburg, Sankt Petersburg und Schanghai. "Das wäre mir zu viel Aufwand. Was soll ich abends in Sankt Petersburg? Mit den Russen einen trinken?"

Sowohl sie als auch Narjes genießen die Freiheit zu tun, wozu sie Lust haben und bestimmte lästige Pflichten los zu sein: Gremiensitzungen und Meetings, Auseinandersetzungen mit renitenten Studenten und Mitarbeitern. Beide wissen auch recht genau, was sie nicht wollen. Spiegel hat keine große Lust mehr auf Kulturprogramme, weil sie die in ihrem früheren Leben bereits hinter sich gebracht hat. Narjes widersteht der Versuchung, wie viele Rentner noch einmal zu studieren und den jungen Leuten die Plätze im Hörsaal wegzunehmen.

Er habe es sofort prima gefunden, nicht mehr ins Büro zu müssen, sagt Narjes. Stattdessen ging er ins Fitnessstudio, fuhr Fahrrad und saugte tagsüber statt abends die Wohnung in einem Hamburger Randbezirk, wo er mit seiner Freundin lebt. Am Anfang war es wie Urlaub. Nach einiger Zeit stellte er allerdings fest: "Wenn man endlich tun kann, wozu man schon immer Lust hatte und nie die Zeit, macht es keinen Spaß mehr." Ein, zwei Tage Arbeit die Woche, dachte er, wären deshalb nicht schlecht.

Da traf es sich, dass Hildburg Spiegel ihn fragte, ob er nicht neben dem Luzerner Professor Sascha Götte als Dritter im Bunde bei Quantum Transition mitmachen wolle, einer wissenschaftlichen Vereinigung, die sich mit Organisation und Führung in der Luftfahrt beschäftigt. Da hatte er schon während seiner Zeit bei der Lufthansa mitgewirkt, statt der üblichen Managerfortbildungen. So arbeiten die Rentner Spiegel und Narjes nun zusammen, telefonieren viel, bereiten das alljährliche Symposium vor, schreiben Fachartikel und stehen auch als Berater bereit. Mit wechselndem Erfolg – sie sind froh, nicht davon leben zu müssen. Man schaue, was komme, und es komme immer irgendetwas, zurzeit erarbeiten sie eine Befragung für einen Verband. Jüngst bekam der Abrechnungsspezialist Narjes auch eine Anfrage einer Airline aus Brazzaville, im Kongo. Vielleicht reist er sogar hin.

Die beiden haben gute Voraussetzungen für ein erfülltes Rentnerleben. Sie sind solvent, fit und in der Lage, Beschäftigungen zu finden, die ihnen interessant erscheinen. Die müssen sie nicht neu erfinden, sondern sie können an ihr Arbeitsleben anknüpfen, in dem sie genug Freiraum für eigene Projekte hatten. Spiegel und Narjes sind zwar nicht so privilegiert wie Top-Manager oder Politiker, denen nach ihrer aktiven Zeit Aufsichtsratsposten und andere lukrative Jobs angetragen werden. Dafür gehen ihnen aber auch nicht die Insignien der eigenen Wichtigkeit wie Dienstwagen und repräsentative Büros ab, weil sie die nie hatten. "Wer Statussymbole bei der Arbeit braucht", so Narjes, "fällt als Rentner in kein Loch – er sitzt schon vorher drin."

Wie ist es für die beiden, an ihre alten Wirkungsstätten zurückzukehren? Schmerzt das nicht doch ein wenig? Hildburg Spiegel erzählt, dass sie vor einiger Zeit noch einmal in Rüsselsheim war, um Sachen aus ihrem Arbeitszimmer zu holen. "Ich fand es sympathisch, dass an der Tafel draußen noch mein Name stand. Als wäre ich noch ein wenig da."

In Narjes' ehemaligem Zimmer sitzt bereits sein Nachfolger. "Wir verstehen uns sehr gut, auch mit den Mitarbeitern, man ist schnell wieder vertraut. Aber ich achte natürlich darauf, den Leuten nicht mit Ratschlägen und Besserwisserei auf die Nerven zu gehen." Was ihm möglicherweise nicht immer leicht fällt. Bald wartet die nächste Herausforderung auf ihn: Seine Freundin geht ebenfalls in Rente. Auf die Frage, ob es genug Platz gebe, um sich aus dem Weg zu gehen, antwortet Narjes diplomatisch: "Platz kann man eigentlich nie genug haben."

Vielleicht untersucht er ja auch noch ein Phänomen, das, wie er sagt, in seinem Berufsleben zwar nur eine marginale Rolle gespielt habe, ihn aber dennoch fasziniere: Faulenzerei. Ihm sei nämlich aufgefallen, dass es in jedem Betrieb ab einer bestimmten Größe – und sei er noch so modern – einige wenige Leute gebe, die nie richtig arbeiten. "Jeder kennt sie, alle wissen es. Sie tricksen, ob instinktiv oder bewusst, das Unternehmen so lange aus, bis sie ihr Arbeitsleben beendet haben."

Rentner aus Berufung sozusagen.