Tropische Lethargie

Brasilianer pflegen das spielerische Abhängen.




• Schwerelos schwebt sie über der Erde. Wer sich ihr anvertraut, den umarmt sie und wiegt ihn wie ein Baby: die Hängematte. Was sind schon Futons und Federbetten, Diwane, Sofas und Chaiselongues gegen eine Hängematte? Den Indianern sei Dank, dass sie der Menschheit so etwas Großartiges geschenkt haben: ein Nest, ein Bett, ein Zelt, ein Haus, das man so klein wie eine Windel falten kann. Was ist schon ein fliegender Teppich gegen eine wiegende Hängematte? Sie ist das Möbelstück schlechthin für Siesta und Müßiggang.

Wo man die Matte aufknüpfen soll? In Brasiliens Häusern gibt es dafür Haken. Auch auf der Veranda, dem Balkon oder unter den Bäumen im Garten ist Platz. Dort wartet die Schaukel fürs Nichtstun wie ein Schoßhund, der gekrault werden will.

Die Hängematte war die Wiege der Nation. "Der Herr verließ die Hängematte weder, um den Sklaven Befehle zu erteilen, noch um seinem Plantagenschreiber oder Kaplan Briefe zu diktieren, noch um mit einem Verwandten oder Kumpan ein Spielchen zu machen. Fast immer reiste er in der Hängematte, denn er hatte keine Lust zu reiten, lieber ließ er sich in der Hängematte schütteln wie ein Pudding in der Schüssel", beschreibt Gilberto Freyre im Klassiker "Herrenhaus und Sklavenhütte" das träge Leben in den Tropen. "Der Herr konnte seine Hände zu nichts weiter gebrauchen, als die Perlen seines Rosenkranzes zu zählen, Karten zu spielen, aus der Tabakdose Prisen zu nehmen oder die Brüste der kleinen Neger- und Mulattenmädchen aus seinem hübschen Harem zu befingern ... Faul, doch bis zum Übermaß von sexuellen Interessen erfüllt, führte der Herr fast nur noch ein horizontales Hängemattenleben."

Brasiliens Aristokraten schäumten über diese Nestbeschmutzung, hatte Freyre es doch 1933 gewagt, die Vermischung der weißen "Herrenrasse" mit den schwarzen "Untermenschen" zum brasilianischen braunen Phänotypen positiv hervorzuheben und bewusst gegen den grassierenden Rassenwahn zu setzen. Und er hatte die Leistungsträger der Gesellschaft als faule Bande porträtiert – so wie der Schriftsteller Iwan Gontscharow im Roman "Oblomow" dem russischen Adel einen Spiegel vorgehalten hatte.

Oblomow, feudaler Faulpelz und Held der Untätigkeit, bekämpfte seine Langeweile auf dem Diwan, bei zugehängten Fenstern, in einen orientalischen Chalat gewickelt. Die tropische Entsprechung ist der brasilianische Patron in seiner Hängematte. Er hat Zeit, viel Zeit; die muss er vergeuden. Langeweile ist sein Elixier, Unpünktlichkeit seine Stärke. Alle anderen haben auf ihn zu warten. Gepflegtes Nichtstun ist Ausweis von hoher Stellung. Alles Historie – aber auch vorbei?

Der US-amerikanische Psychologe Robert Levine ("Eine Landschaft der Zeit") will festgestellt haben, dass Brasilien zu den langsamsten Ländern der Welt zählt. Als er eine Gastdozentur in Brasilien antrat, erlebte er einen Kulturschock. Seine Studenten trudelten irgendwann zwischen zehn und zwölf Uhr im Seminar ein, ohne sich irgendwie zu erklären. Sie machten aber auch keine Anstalten zu gehen, wenn die Zeit um war. Auch die Sekretärin des Professors kam und ging, wann sie wollte, ihre "dringenden anderen Termine" waren aber so wenig klar wie jene, die sie versäumte. Der Psychologe Levine wollte es genauer wissen: Nach welchen Regeln wird die kulturelle Zeit gemessen? Wo darf man also wie zu spät kommen?

Krasser Fall: Gar nicht zu einer Verabredung zu erscheinen ist nach brasilianischem Verständnis ein extremer Fall von Verspätung und durchaus akzeptabel. Allerdings nur für Autoritäten. Die kulturelle Zeit in Brasilien ist sozial gestaffelt. Wer oben ist, hat Zeit, und der lässt warten. Wer unten ist, hat sich zu sputen. Der Patron in der Hängematte muss die Zeit totschlagen; der Sklave, der nicht spurt, wird totgeschlagen: So war es, und das hat Spuren in Brasilien hinterlassen.

Dass ein Schaffner, eine Putzfrau oder Kassiererin im Supermarkt pünktlich zur Arbeit erscheint, gilt auch in Brasilien als selbstverständlich. Falls nicht, ist das ein Grund zur Kündigung. Freiberufler, etwa Anwälte oder Ärzte, können souveräner mit der Zeit umgehen. Bleiben die im Stau stecken, heißt es, der Herr Doktor sei verhindert. Lässt ein Minister auf sich warten, braucht es keine Erklärung: Der Mann ist einfach zu wichtig. Wer warten lässt, hat Macht. Wer pünktlich ist, hat keine.

Es scheint, als ob die Brasilianer Zeit als Zwang empfinden und alles versuchen, diesen Zwang abzuschütteln. Durch Nichtstun zum Beispiel.

Sklaven konnten ihr Joch nicht so einfach loswerden. Aber sie entwickelten eine Camouflage, ähnlich wie der Soldat Schwejk: Sie folgen den Befehlen nur, um sie zu unterlaufen. Nichtstun zur Selbsterhaltung, zur Einsparung von Lebensenergie. Auch diese Technik hat sich in den Tropen bis heute bewährt. Außerdem: Nichtstun macht nur Spaß, wenn es sich mit Freiheit paart. Die Freiheit war verschlossen – also erfand man sich eine. Man musste die Welt zum Tanzen bringen; sie durfte nicht ernst genommen werden. Das Leben ist ja nur ein Spiel!

Vilem Flusser war 1940 vor den Nazis nach Brasilien geflohen. Was ihn dort faszinierte, war, wie er glaubte, die "Genese eines neuen Menschen", eines "Homo ludens". "Die Angst und Sorge ... der Brasilianer ... ist im Grunde: Wir sind elend und werden immer elender, weil wir uns und die Welt um uns herum zu ernst nehmen" (aus: "Brasilien oder die Suche nach dem neuen Menschen - Eine Phänomenologie der Unterentwicklung"). Die Spielleidenschaft, der Karneval, der Fußball und die afrikanische Kultur des Rhythmus, ja "die rituell graziöse Art, mit welcher selbst Messerstechereien in Vorstadtlokalen ausgeführt werden" (Flusser) - sind sie nicht Belege dafür, dass Brasilien eben keine "ernste Nation" ist, wie Charles de Gaulle einmal abfällig sagte?

Es ist das Spiel, das zählt! Im Spiel vergeht die Zeit und fallen alle Mauern. Brasilianer kennen daher keine Langeweile. Ihr Nichtstun ist das Spiel, und sie haben kein schlechtes Gewissen dabei. Arbeiten sie nicht, so tanzen, twittern und spielen sie unschuldig wie die Kinder. Daraus, so der Historiker Johan Huizinga, erwächst Kultur und übrigens auch ein Volk. Denn "brincar" heißt im Brasilianischen nicht nur spielen, sondern auch lieben. Etwa in der Hängematte. •