Sie nennen es Arbeit

Berater flechten gern hübsche Wortgirlanden. Der Dokumentarfilmer Harun Farocki hat sie dabei beobachtet.




• Harun Farocki, 68, ist einer der wichtigsten deutschen Dokumentarfilm-Regisseure. 2007 war bei der Documenta in Kassel ein zwölfteiliges Werk von ihm zu sehen, weitere Arbeiten präsentiert das Museum of Modern Art (MoMA) in New York. 2006 bis 2011 war Farocki Professor an der Akademie für Bildende Künste in Wien.

Seit 1966 hat er in mehr als 100 spröden, sachlichen Werken die Gesellschaft mit den Mitteln des Kinos analysiert. Ein Teil seines Œuvres besteht aus Filmen, in denen er unkommentiert Fachleuten bei der Arbeit zusieht: Werber, die einem Mittelständler eine Kampagne vorstellen, Planer von Einkaufzentren, Fernseh-Mitarbeiter, die Gäste für Talkshows casten, Risikokapital-Investoren, die mit einem Mittelständler verhandeln.

In seinem Film "Ein neues Produkt" hat er Unternehmensberater der Hamburger Agentur Quickborner Team beobachtet. Die Berater sind Experten für die Entwicklung moderner Großraumbüros. Für Unilever haben sie an der Planung der Unternehmenszentrale in der Hamburger Hafencity mitgearbeitet.

brandeins: Ihr Film "Ein neues Produkt" zeigt Präsentationen und Diskussionen von Unternehmensberatern, die ihren Kunden helfen, die Gestaltung von Großraumbüros zu planen. Was interessiert Sie an diesem banalen Thema?

Harun Farocki: Das ist nicht so banal. Architektur steht immer auch für einen Lebensentwurf, das gilt auch für Büroarchitektur. Die Gründer der Unternehmensberatung Quickborner Team haben eine anspruchsvolle Vergangenheit, sie kommen aus der Bauhaus-Tradition, Hochschule für Gestaltung Ulm, sehr avanciert. Aber so wie das Bauhaus auch ziemlich elend im sozialen Wohnungsbau geendet ist, denken sie jetzt halt über standardisierte und flexibel nutzbare Büroarbeitsplätze nach.

Wie kam der Film zustande?

Er wurde möglich, weil es von der Initiative "Neue Auftraggeber" und den Hamburger Deichtorhallen Produktionsgelder für ein Filmprojekt gab, das mit der Hamburger Hafencity zu tun hat. Dort steht die Unilever-Firmenzentrale, an deren Planung die Berater beteiligt waren. An der Hafencity hat mich interessiert, dass ihre Architektur versucht, die Unternehmen als ungeheuer modern darzustellen, als Teil einer abgeschlossenen Welt. Verglichen damit, ist der Potsdamer Platz in Berlin gar nichts. Ich wollte immer mal einen Film machen über die Montagskonferenzen, die in vielen Unternehmen stattfinden. Das klappte aber nicht, wir kamen nicht rein, oder das, was wir filmen konnten, war uninteressant. Die Unternehmensberater aber haben immer steiler und mit immer größeren Bedeutungszusätzen über Büro-Räume gesprochen. Und wenn sie über den Büroalltag der Mitarbeiter redeten, klang das fast, wie wenn Ethnologen über einen fernen Stamm irgendwelcher Eingeborenen in Neuguinea reden.

Auch Ihr Film könnte von einem Ethnologen stammen, der die Rituale in Meetings und Konferenzen untersucht.

Eine bestimmte Haltung der Verwunderung ist bei dieser Art von Dokumentarfilm ganz wichtig: So wird bei uns gelebt, so reden heute die Leute in bestimmten Unternehmenspositionen. Das sind auch Zeitdokumente, die noch in 20 Jahren Staunen erregen können, wenn sich die Codes wieder geändert haben.

Sie sind bekannt als kritischer Dokumentarfilmer. Hatten die Berater keine Angst, sich vor der Kamera lächerlich zu machen?

Nein. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass so etwas wie kulturelle Geltung in diesem Milieu eine Menge zählt. Einer der Berater war im Urlaub in New York und sah Arbeiten von mir im MoMA. Das hilft. Was beim Drehen angenehm war, war die Souveränität dieser Berater. Sie haben nicht versucht, ihr Bild zu kontrollieren. Und irgendwann haben sie die Kamera vergessen.

Sie dürften sich ihre Wirkung vermutlich anders vorgestellt haben.

Wenn große Maler Gemälde der Königskinder oder der Fugger angefertigt haben, zeigten die Bilder ja vielleicht auch etwas anderes als das, was die Auftraggeber über sich selbst dachten. Ich habe mal einen Film über einen sehr schlechten Coach gemacht, man konnte ihn darin ziemlich peinlich finden. Andere Coaches haben sich beschwert, dass der Film den Berufsstand verunglimpfe. Aber dieser Coach hat den Film für seine Akquise benutzt. Solche Ambivalenzen sind interessant. Ich kommentiere ja nicht, ich zeige und beobachte. Ich will mich nicht mit Flaubert vergleichen, aber er hat es geschafft, Romane zu schreiben, in denen keine einzige Figur sympathisch ist. Das ist in Ordnung, weil er sich so intensiv für seine Figuren interessiert hat. Es ist doch interessant, wenn lauter gebildete Leute unendlich viel Zeit und Energie darauf verwenden, über die Philosophie eines Großraumbüros nachzudenken.

Was ist daran für Sie interessant?

Es kommt einem ja vor, als würde inzwischen die halbe Gesellschaft solchen Tätigkeiten nachgehen. Das zeigt, wie enorm reich wir sind. Ich habe mal einen Film gemacht, in dem man sieht, mit welch wissenschaftlicher Akribie die Gestaltung von Shopping-Malls geplant wird. Die Architekten des neuen Berliner Hauptbahnhofs wollten ursprünglich ein viel besseres Treppensystem bauen, aber sie hatten die Auflage, dass die Passanten an möglichst vielen Läden vorbeikommen müssen. Das kennt man von Flughäfen, in denen man durch endlose Parfüm-Abteilungen geschleust wird, bevor man zum Gate kommt. Über so etwas wird von vielen Spezialisten mit enormem Aufwand und einem Ernst nachgedacht, als ginge es um die Rettung der Welt. Der Rationalisierungsgrad in der materiellen Produktion ist so hoch, dass für solche Tätigkeiten offenbar große Ressourcen zur Verfügung stehen. Das hat auch etwas von einer Beschäftigungstherapie.

Die Berater versteigen sich in fast schon esoterische Gedankengebäude, wenn sie über die Inneneinrichtung der Büros sprechen. Die Rede ist von Sinn, von Ganzheitlichkeit und von der Philosophie ihres Entwurfs. Ist so eine Bedeutungsüberhöhung typisch?

In Werbeagenturen wird auch nicht anders geredet. Die Begründung, warum man jetzt eine Frau mit grünen statt mit schwarzen Schuhen zeigt, kann ähnlich klingen, sehr elaboriert und immer mit schnellem Zugriff auf viele Theorieablagerungen, die verstreut im Feuilleton gelandet sind. Jeder sagt zum Beispiel systemisch, wenn er systematisch meint, als wären alle plötzlich zu Lesern von Niklas Luhmann geworden. Das sind Signalworte, die die Kenntnisse des Sprechers demonstrieren sollen. So etwas wie eine Büroeinrichtung wird, zumindest in den Reden der Berater, mit Sinnfragen aufgeladen.

Wie stellen sich die Planer die Angestellten in diesen modernen Büros vor?

Einer der Berater denkt im Film ganz emphatisch darüber nach, dass im Jahresgespräch mit den Mitarbeitern auch das gelungene oder nicht gelungene Privatleben zum Thema gemacht werden könnte: Was hat sich der Mitarbeiter für das vergangene Jahr privat vorgenommen, was davon hat er erreicht? Und weil dazu auch seine Ehefrau gehört, sollte sie vielleicht beim Jahresgespräch dabei sein. Das hat fast schon etwas von einem sozialistischen Kapitalismus. Das Unternehmen will die voll entwickelte Persönlichkeit. Ein anderer Berater schränkt dann ein, mehr Freiheit in der Arbeit sei nur zu vielleicht fünf Prozent verhandelbar, der Rest sei durch Ansage von oben festgelegt.

Bei einer dieser Debatten geht es um die Motivation der Mitarbeiter. Um sie zu steigern, solle der Druck der Hierarchie durch Eigenverantwortung ersetzt werden. Klingt ja nicht schlecht, oder?

Der Druck wird verinnerlicht. Jeder soll wie ein Unternehmer agieren, die Stunden nicht zählen und auch gerne am Wochenende arbeiten. Und das Bürodesign soll die alten Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Selbstmotivation und Druck der Hierarchie verwischen. Diese neue Arbeitswelt wird präsentiert wie in einem Werbeprospekt, in der Sprache von Werbern. Das macht einen natürlich sofort misstrauisch. Interessant ist auch die Terminologie, wenn Angestellten, die sich etwas schützen wollen, unterstellt wird, sie lebten in einer Komfort-Zone. Der Mitarbeiter soll sich mit dem Unternehmen identifizieren oder zumindest so tun. Das soll die Architektur abbilden.

Vielleicht fühlen sich manche Mitarbeiter in Großraumbüros, in denen man an dem Schreibtisch arbeitet, der gerade frei ist, tatsächlich wohler als in Einzelzimmern.

Das kann ich nicht beurteilen. Ich habe zum Glück nie in solchen Büros gearbeitet. Immer mehr Unternehmen arbeiten so, schon weil man auf diese Weise viele Quadratmeter Bürofläche spart. Bei der Bahn, wo wir auch gedreht haben, auch wenn wir das dann nicht in den Film reingenommen haben, reden die Unternehmensverantwortlichen und der Betriebsrat genauso wie die Unternehmensberater vom Quickborner Team.

Und geht das Konzept auf? Arbeiten die Leute besser, sind sie vielleicht sogar kreativer und zufriedener, oder sparen diese flexiblen Büros einfach nur Fläche?

Darüber gibt es sicher viele Untersuchungen, aber das ist wahrscheinlich so schwer zu beantworten wie die Frage, ob eine bestimmte Therapie wirkt. Natürlich bemühen sich die Designer solcher Bürowelten um die Anmutung von Modernität. Es soll irgendwie cool sein, trendig, auf keinen Fall langweilig, und ein bisschen bildende Kunst gehört auch dazu. Vor einiger Zeit war ich in einer richtig altmodischen Firma, um ein Spezialkabel für eine Kamera zu kaufen. Es sah dort aus wie vor 30 oder 40 Jahren: eine designfreie Zone mit alten Schreibtischen, auf denen große Kaffeetassen stehen und Zetteln mit Bürohumor an der Wand. Ein paar solche Firmen konnten sich noch halten. Aber in den großen Unternehmen soll ein Geist der Gegenwart behauptet werden, und dazu gehört das Design der Büros.

Ist doch nicht schlecht.

Ziel ist natürlich Produktivitätssteigerung. Wahrscheinlich machen es die Firmen auch, weil es eben alle machen. All die Theorien über Leitungsmethoden und moderne, post-tayloristische Arbeitsorganisation haben vielleicht auch mit dem Bedürfnis zu tun, Management zu legitimieren. Wenn Produktion und Distribution immer stärker rationalisiert wird, soll auch das Management zumindest so wirken, als sei es auf der Höhe der Wissenschaft und handle nicht aus dem Bauch heraus. Von diesem Bedürfnis leben viele Unternehmensberater.

Harun Farocki: Ein neues Produkt.
Deichtorhallen Hamburg, Haus der Fotografie, bis 26. August 2012 Die 20 wichtigsten Filme Farockis sind in einer DVD-Edition erschienen:
Harun Farocki – Filme 1967-2005.
5 DVDs, 924 Minuten, Absolut Medien; 46,15 Euro