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Schlucken statt schmecken

Das Problem der Russen ist nicht Trägheit. Viel größer ist ihre Angst davor.




• Die Russen gelten als Faulpelze. Ihre Märchenhelden wälzen sich sieben Jahre auf der Ofenbank, angeln dann aber wie zufällig den goldenen Fisch, der ihnen alle Wünsche erfüllt. Oblomow, einer ihrer berühmtesten Romanhelden, braucht ungefähr 100 Buchseiten, um überhaupt aus dem Bett zu kommen. „Die Arbeit ist kein Wolf. Die verschwindet nicht im Wald“, heißt eines ihrer Sprichwörter. Und wie viele russische Frauen haben sich bei mir über das drohnenhafte Nichtstun ihrer Männer beklagt, die alle gemeinsamen Träume auf dem Sofa, hinter einer Zeitung, aussitzen.

Allerdings neigen auch russische Frauen zur Mythenbildung. Sicher, Russen verdingen sich zu Hunderttausenden als Wachmänner, ein Job, in dem sich vielstündiger Müßiggang hervorragend mit martialischer Mimik verbinden lässt. Aber mir sind in 15 Nettojahren Russland vier Zeitung lesende Russen auf dem Sofa begegnet. Und kein einziger je auf der Ofenbank. Märchen und Sprichwörter stammen aus vergangenen, von der neukapitalistischen moskowitischen Wirklichkeit gründlich überholten Jahrhunderten. Heute regieren auch dort Smartphone-Weckfunktionen. Und nicht nur deutsche Unternehmer schwärmen von der rauschhaften Arbeitswut ihrer jungen russischen Angestellten. In der Hauptstadt gehen Gerüchte um, Wladimir Putin halte seine Audienzen keineswegs auf gepolstertem Thronsessel ab, sondern in seinem persönlichen Schwimmbecken. Er fertige die Bittsteller am Beckenrand ab, bei der Wende zwischen seinen Kraulsprints. Jedenfalls ist Russlands Symbolfigur der körperlich aktivste aller G-20-Staatschefs: Wenn er nicht schwimmt (und nicht regiert), wälzt er sich auf Judomatten oder spielt Eishockey.

Moskau hält sich stolz für die stressigste Stadt Europas. In sibirischen Walddörfern aber schleppen schon Zweijährige mit vor Glück glänzenden Augen Zaunlatten hinter ihren zimmernden Vätern her. Noch immer ist Dorfrussland von malochenden Schreinerschlachtermechanikerelektrikerjägeranglerfallenstellerbauern bevölkert. Kürzer auch Rabotjagy (Malocher) genannt. Und Rabota, zu russisch Arbeit, ist nicht zufällig als Roboter zum einzig globalen Fremdwort mit russischen Wurzeln mutiert.

Die russische Seele mag mit ihrer Trägheit kokettieren, tatsächlich lechzt sie nach Schweiß, schwerer Arbeit, großer Leidenschaft. Das Problem der Russen ist nicht die Faulheit. Ihr Problem ist eher die Unfähigkeit, nichts zu tun.

Mein Freund Roman aus Twer, groß, schön und blond, geht langsam vor die Hunde. Nicht aus Faulheit. Seinen Job als Friseur hat er geschmissen, um in einer Fabrik Eisenrohre zu gießen. Die Mädchen sind auf ihn geflogen, er aber ließ sie immer hastiger sitzen. Statt Frauen schafft er sich neue Mountainbikes an, die er dann mit ein paar Kumpanen zu Schrott fährt. Sie radeln saufend. Und im Suff suchen sie die ideale Mischung zwischen Wodka und Fahrrad: Wie viel muss man trinken, um keinen Schmerz mehr zu spüren, wenn man mit dem Fahrrad – beim Versuch, die Ufertreppen zur Wolga mit einem Sprung zu meistern – auf die Schnauze fällt?

Roman und seine Genossen eifern den berühmtesten Figuren der russischen Literatur nach, unter denen der faule, schlampig gestylte Oblomow als Außenseiter zu betrachten ist. Glänzend frisierte, aber tragische Helden, die nicht an ihrer Trägheit scheitern, sondern an der eigenen Sinn-, Rast- und Zügellosigkeit.

Aus reiner Langeweile bricht Lermontows Dandy Petschorin unschuldigen Jungfürstinnen das Herz, Nebenbuhler schießt er nach durchzechter Nacht tot. Puschkins Onegin ist ebenfalls ein übler Schürzenjäger, flirtet heftig mit der Braut seines besten Freundes, tötet ihn hinterher im Duell. Tolstojs Wronski spielt und säuft, reitet sein edelstes Pferd zuschanden, ruiniert die Ehe seiner Geliebten und treibt die Entehrte dann mit seiner Gleichgültigkeit dazu, sich vor einen Zug zu stürzen. „Überflüssige Menschen“ hat die russische Literaturkritik diese heißblütigen, hoch talentierten, aber innerlich hohlen Gestalten getauft. Keine Nichtstuer, sondern Taugenichtse.

Wenn man Müßiggang als die Kunst betrachtet, den Drang nach heftigen Erlebnissen, von außen stimulierten Gefühlen und Sensationen zu mäßigen, sind die meisten Russen ziemlich unfähig zum Müßiggang. Innehalten, den Geschmack eines Mundes voll Wein genießen, die Seele baumeln lassen? Um Gottes willen, nein! Es könnten sich Abgründe auftun.

Otdychat, sich erholen, klingt auf Russisch immer ungesund, nach Stress, nach schlaflosen Nächten, nach vom Karaoke schmerzenden Stimmbändern, blau geschlagenen Augen, demolierten Kotflügeln, Sodbrennen und einem mörderischen Kater. Selbst im Schwitzbad, dem gesündesten, dem besinnlichsten Ort Russlands, können die Russen nicht still sitzen, sondern dreschen mit schweißspritzenden Birkenreisern aufeinander ein. Ein ruhiger Lebensabend? Lieber stirbt der statistische männliche Durchschnittsrusse mit 61, ein Jahr nach dem Erreichen des Rentenalters. Und wehe, wenn sibirische Rabotjagy aufhören zu malochen. Dann fangen sie in der Regel an zu saufen: Wodka, Bier, Selbstgebrannten, nicht einmal vor Frostschutzmittel schrecken manche zurück.

In Russland schont man sich beim Trinken so wenig wie beim Malochen. Man schluckt lieber als zu schmecken. Man bekreuzigt sich häufig, betet aber nur selten. Man ist zwar abergläubisch, doch über den Sinn des Lebens denkt man lieber nicht nach.

Manchmal aber bieten selbst russische Männermassen monumentale Bilder des Friedens, der Harmonie von Seele und Natur. Wenn an strahlend hellen Wintertagen Tausende Eisangler dick vermummt und gelassen wie sich sonnende Pinguine auf dem weißen Eis der Wolga kauern. Zeitlos, still, gemeinsam. Als hätten sich Russlands Männer unter dem weiten frostigen Blau des Winterhimmels auf dem Eis wiedergefunden. "Unsinn", seufzt ein russischer Freund. „Die Eisangelei ist nur ein Vorwand, um sich mit Wodka abzufüllen.“ ---