Horst W. Opaschowski im Interview

Horst W. Opaschowski untersucht seit Jahrzehnten das Freizeitverhalten der Deutschen. Hier spricht er über die Auflösung seines Forschungsgegenstands, die aussterbende Spezies des lustvollen Müßiggängers und darüber, weshalb Helmut Kohl falschlag.




brandeins: „Deutschland, ein kollektiver Freizeitpark“ – wissen Sie noch, von wem dieses Zitat stammt, Herr Opaschowski?

Horst W. Opaschowski (lacht): Das war Helmut Kohl. In seinem Regierungsprogramm stand auch der Satz: Zukunft ist wichtiger als Freizeit. Was auch immer er damit sagen wollte, Kohl mahnte in den Achtzigerjahren jedenfalls zu mehr Arbeit und Disziplin.

Zu Recht?

Nun, Mitte der Siebzigerjahre hatte Deutschland den Höhepunkt der Freizeitentwicklung erreicht. Die Gewerkschaften forderten die 35-Stunden-Woche. Alle, auch ich, glaubten, die Entwicklung würde so weitergehen. Bereits in den 1980ern konnte ich aber nachweisen, dass eine Kehrtwende einsetzte: Nicht mehr, sondern weniger Freizeit war der neue Trend. Ich musste dem Bundeskanzler also widersprechen.

In den Siebzigerjahren waren Sie auch an der freizeitpolitischen Konzeption der Bundesregierung unter Willy Brandt beteiligt. Sie wurde nie veröffentlicht. Wovor hatte man Angst?

Ich forschte damals zu freizeitbenachteiligten Bevölkerungsgruppen, zum Beispiel berufstätigen Müttern. Damals herrschte Vollbeschäftigung – doch dann gab es plötzlich 300.000 Arbeitslose. Politiker und Gewerkschaften reagierten geschockt. Über Freizeit zu reden hielt man da für unpassend.

Heute hängt an dieser Zahl noch eine Null mehr. Und Freizeit ist eine Industrie geworden. Hatte Helmut Kohl am Ende doch recht?

Die Freizeitgesellschaft war und ist eine Legende. Die frei verfügbare Zeit ist seit den Achtzigerjahren rückläufig. Wir arbeiten so viel wie noch nie - zumindest im Vergleich zu den vergangenen 50 Jahren. Wir sind fast rund um die Uhr beschäftigt. In der Arbeitswelt vollzieht sich zudem eine beispiellose Leistungsintensivierung. Und der lange Arm des Berufs reicht immer mehr in die Freizeit hinein. Das geschieht mitunter sehr subtil.

Haben Sie deshalb im Jahr 2007 Ihr BAT Freizeit-Forschungsinstitut in die Stiftung für Zukunftsfragen umbenannt?

Freizeit spielt politisch nicht mehr die Rolle. Zu Willy Brandts Zeiten galt Freizeit als soziale Errungenschaft und Fortschrittsfaktor. Unter Helmut Kohl war die Freizeit ein bloßes Anhängsel der Arbeit, das erst verdient werden musste. Heute nun löst sich der Freizeitbegriff in den Themen Wohlstand und Lebensqualität auf, nur für Wirtschaft und Industrie stellt er noch eine eigenständige Größe dar.

Ist das Thema damit vom Tisch?

Zumindest haben die Menschen in Krisenzeiten andere Probleme. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001, der Finanzund Euro-Krise sorgen sie sich eher um ihren Wohlstand als um ihre Freizeit. Ich forsche aus diesem Grund seit 2007 an den Zusammenhängen zwischen Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität und gesellschaftlichem Fortschritt.

Andererseits wird viel über Überlastung und Zeitmangel diskutiert. Dabei verfügt laut einer OECD-Studie jeder Deutsche heute über 6,5 Stunden Freizeit pro Werktag. Das ist so viel wie noch nie – und widerspricht Ihrer These von der schwindenden Freizeit.

Freizeit ist zunächst eine Frage der Definition.

Und wie definieren Sie Freizeit?

Nicht als den klassischen Rest, der vom Tag nach Abzug der Erwerbsarbeit verbleibt. Freizeit ist für mich jene Zeit, in der die Menschen tun können, was ihnen Freude macht. Ich nenne es frei verfügbare Zeit, ohne Regeln und Reglementierungen.

Wer reglementiert uns nach Feierabend?

Neben der Arbeit, die uns heute nach Dienstschluss auf Handy und Laptop verfolgt, auch die Familie und die Medien. Seit die Tagesschau um 20 Uhr sendet, haben die Menschen auch in der Freizeit feste Termine. Vorher war die beliebteste Tätigkeit: aus dem Fenster schauen. Es gibt heute mehr Angebote als Zeit, davon Gebrauch zu machen. Der Ötzi hat die Karibik nicht vermisst. Weil er nicht wusste, dass es sie gibt.

Freizeitangebote stehlen uns also die Freizeit?

Zumindest herrscht eine Angebotsinflation. Früher war die Freizeitbranche noch eine Art Langeweileverhinderungsindustrie. Seit den Neunzigerjahren begannen die Menschen immer mehr Konsumwünsche miteinander zu kombinieren, um alles unter einen Hut zu bekommen: den Einkaufsbummel mit dem Treffen von Freunden; das Fernsehen mit dem Lesen von Zeitungen oder E-Mails. Auf diese Weise nimmt die Konsumproduktivität zwar zu, aber die freie Verfügbarkeit von Zeit ab.

Woher wollen Sie das wissen?

Forschung stützt sich auf Tagesablaufprotokolle, Aktivitätenlisten und Zeitbudget-Erhebungen. So lassen sich grundlegende Erkenntnisse über Zeitaufwand und Zeitumfang, Zeitverbrauch und Zeitnutzung gewinnen. Wir erheben diese Daten im Vergleich mit den zurückliegenden 40 Jahren. Repräsentative Lebenssinnbefragungen gibt es sogar seit mehr als fünf Jahrzehnten.

Was haben Lebenssinnfragen mit Freizeit zu tun?

Eine Menge, würde ich sagen, wenn wir die Menschen fragen, ob sie das Leben vor allem genießen oder etwas leisten wollen.

Und wie antwortet man in Deutschland darauf?

Bis zu Beginn der Neunzigerjahre nahm die Zahl der Genießer stetig zu, seither sinkt dieser Anteil rapide.

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Horst W. Opaschowski ist ein munterer Gesprächspartner. Zeit hatte er dafür nur an einem Sonntagnachmittag. Der lange Arm des Berufs – er wirkt auch in die Freizeit eines Freizeitforschers.

Freizeit ist in Deutschland das Metier einer überschaubaren Gruppe von Wissenschaftlern. Renate Freericks etwa, Leiterin des internationalen Studiengangs Angewandte Freizeitwissenschaft und Vorsitzende des Forschungsinstituts Freizeitwissenschaft und Kulturarbeit an der Hochschule Bremen, spricht von einem "weißen Flecken. Wir wissen weder, wie viele Menschen tatsächlich in der Freizeitindustrie arbeiten, noch gibt es eine wirklich fundamentale Studie zum Freizeitverhalten in Deutschland." Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern drehe sich hier immer noch alles um - die Arbeit.

Dabei arbeiten nach Schätzungen von Freericks fünf Millionen Deutsche unter anderem in Freizeitparks, Sportvereinen oder Museen, in jener Branche also, die um die 6,5 Stunden buhlt, die die Deutschen gegenwärtig laut der OECD-Studie werktags angeblich für Freizeit übrig haben.

Doch das reine Stundenzählen führt schon lange nicht mehr zu relevanten Aussagen. Nicht die Frage, wie viel Zeit die Menschen haben, ist entscheidend, sondern was sie damit anstellen.

„Der wichtigste Trend ist nach wie vor die Flexibilisierung“, sagt Freericks. Freizeit beginnt nicht mehr nach fünf und wird dann im Block als Feierabend geliefert. Sie wird fragmentiert und kleinteilig gereicht: durch permanente Erreichbarkeit, Gleitzeitarbeit, immer mehr konkurrierende Angebote – nichts endet wirklich, alles läuft parallel. Das muss für den Einzelnen nicht unbedingt schlecht sein, es bringt aber einiges durcheinander.

„Vielen Menschen bleibt heute nicht genügend zusammenhängende Zeit, um etwas Sinnvolles zu tun“, sagt Freericks. So viel Freizeit wie nie, und doch zerrinnt sie uns zwischen den Fingern. So viele Angebote, und doch lohnt es sich mitunter kaum, etwas anzufangen, und falls man es doch tut, bedeutet es nicht selten gleich wieder Stress.

Das wirkt sich auf das Befinden der Menschen aus und auch auf die Industrie. „Der Boom der Fitnessstudios etwa beruht auf der simplen Tatsache, dass die Leute ohne Zeitbindungen trainieren können“, sagt die Forscherin. Ähnlich erklärt sich für viele Sportvereine der Mitgliederschwund: Wer kann und will noch jeden Dienstag um 18 Uhr regelmäßig zum Training? Auch die freie Zeit verlangt heute nach Optimierung.

In den Siebzigerjahren wollten die Menschen oft nur der Langeweile entfliehen. Heute darf Langeweile durchaus zum Programm gehören und „chillen“ heißen. Antistressprogramme und Wellness spielen eine große Rolle. Neue Bedeutung erlangte nach Auskunft von Renate Freericks informelle Bildungszeit, soziale Kontakte werden immer wichtiger, und der Anspruch wächst, im Museum, im Kino oder bei einem Konzert auch emotional berührt zu werden.

Sie entwickelt für Museen oder Zoos entsprechende Konzepte. Zusammen mit Freizeitparks plant sie etwa spezielle Seniorenangebote: Der Heidepark Soltau wirbt nicht mehr nur mit imposanten Fahrgeschäften, sondern auch mit entspannten Bootsfahrten und Kaffeekränzchen in einer parkähnlichen Anlage. Durch den demografischen Wandel avancieren Pensionäre zur wichtigsten Zielgruppe der Freizeitindustrie. Das einzige Milieu, das heute noch beides hat: Zeit und Geld.

Für viele andere gilt, was Günter Voß, Soziologe an der Technischen Universität Chemnitz, sagt: „Wir haben gelernt, wesentlich mehr und intensiver zu arbeiten. Diese Aussage gilt für alle Berufszweige. Nun müssen wir noch lernen, dabei nicht draufzugehen.“ Er beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Entgrenzung von Arbeit und Freizeit. Das Phänomen begann Mitte der Achtziger, als Neuerungen wie die Gleitzeit eingeführt wurden – damals für manche etwas Ungeheuerliches. Voß war einer der ersten Wissenschaftler in Deutschland, die den gesamten Alltag der Menschen untersuchten. Er fuhr zu ihnen in die Büros und Fabriken und oft auch nach Hause. Ein Resultat dieser Studien zur Lebensführung: Die Forscher konnten Arbeit und Freizeit nicht mehr genau unterscheiden.

Auf einmal saßen die Menschen in Cafés und sagten, dass sie arbeiteten. Neben der klassischen Erwerbstätigkeit gibt es andere anspruchsvolle Beschäftigungen in Haushalt, Familie und Ehrenamt, die zunehmend als Arbeit angesehen werden. Zum Golfen geht man am Wochenende nicht aus Leidenschaft oder zum Zeitvertreib, sondern zur Pflege beruflicher Kontakte. Und einige Hobbys, so Voß, "werden heute mit einer solchen Professionalität ausgeführt, dass wir darin eigentlich alle Kriterien einer Arbeit erfüllt sehen".

Freizeit, diese Erfindung des 20. Jahrhunderts, ist kein tauglicher Begriff mehr. „Wenn ich Ihnen die Frage beantworten soll, was heute Freizeit und was Arbeit ist, werde ich blass um die Nase“, sagt Voß. Diese Grenze könne seiner Meinung nach nur politisch gezogen werden, nicht wissenschaftlich.

Die Stechuhr sagt einem nicht mehr, wann Freizeit ist – wer aber sagt es einem dann? Diese Grenze müssen die, die arbeiten, künftig immer häufiger selbst ziehen. Voß würde Freizeit daher auch mit Zeit für Selbstfürsorge übersetzen. Nur, wie macht man das?

Für den Gesetzgeber wird die Freizeit, die bislang mit Arbeitsschutzrechten bis ins Detail geregelt war, wieder zum unbekannten Terrain. Sie muss neu definiert werden, damit die Menschen bei der Arbeit nicht draufgehen. Was früher Rückenprobleme waren, ist heute die Psyche. In Bayern soll das Amt des Burn-out-Beauftragten eingeführt werden, Betriebe nehmen die Prävention psychischer Schäden in ihr Gesundheitsmanagement auf, die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und die Deutsche Forschungsgesellschaft arbeiten mit Günter Voß an neuen Arbeitsschutzmodellen zur Prävention solcher seelischen Leiden. Tritt der Freizeitkurs bald an die Stelle der Rückenschule? Ersetzt das Warnschild „Handy aus“ dann den Hinweis „Helm auf“?

Voß sagt, die Gesellschaft habe sich gerade erst auf einen neuen Weg begeben. "Wir wissen noch nicht, was Arbeit und Freizeit künftig ausmachen, wie wir damit umgehen, was passieren wird." Die Vorstellung allerdings, man könnte zurück zu den festen Arbeitszeiten oder E-Mails und Handy nach Feierabend einfach verbieten – so wie es bei Volkswagen jüngst im Gespräch war –, und dann würde alles wieder gut, hält Voß für naiv.

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Wann ist uns die Balance zwischen Tun und Nichtstun eigentlich abhandengekommen, Herr Opaschowski?

Schon zu einer Zeit, als an Smartphones noch nicht einmal zu denken war. Die Kunst des Müßiggangs, das Nichtstun mit Methode und großem Vergnügen zu pflegen, ist seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert aus der Übung geraten. Wir haben seither zwar immer mehr verordnete Freizeit, aber kaum noch Ruhe und Kompetenz zum Genießen der freien Zeit.

Warum denken wir bei Freizeit auch immer gleich an Arbeit?

Der Begriff Freizeit stammt ursprünglich aus der Schulwelt im Sinne von unterrichtsfreier Zeit. Erst im 19. Jahrhundert wurde er auf die Arbeitswelt übertragen. Beiden Lebensbereichen gemeinsam ist die räumliche Trennung der Pflichtzeit in Schule und Betrieb von der Freizeit im privaten Bereich zu Hause.

Hat ein Arbeitsloser demnach überhaupt keine Freizeit? Oder eine, die nie endet?

Ein Arbeitsloser hat gar keine Freizeit, weil er nicht arbeitsfrei, sondern arbeitslos ist. Freizeit können Sie nur als freie Zeit erleben, wenn sie im wahrsten Sinn des Wortes erarbeitet und verdient wurde. Die „Zwangsfreizeit“ ist sehr schwer mit Aufgaben und Sinn zu füllen. Arbeitslose sind keine Freizeitmillionäre.

Werden Wissensgesellschaften wie Deutschland künftig also von einem großen Anteil an Bürgern gekennzeichnet sein, für die es weder etwas zu tun noch Freizeit gibt?

Es gibt für alle genug zu tun – nur nicht immer gegen Geld. Wir brauchen in Zukunft beides: eine Dienstleistungsgesellschaft gegen Geld und eine Hilfeleistungsgesellschaft gegen Zeit. Insbesondere die Generation 50 plus ist gefordert und muss mehr Freizeit, auch unentgeltlich, zur Förderung einer lebenswerten Zukunft investieren. Das ist sie der Enkelgeneration schuldig.

Die Freizeit für Nützliches aufwenden, ist das nicht schon wieder eine neue Reglementierung, die uns letztlich die Freizeit raubt?

Ja, aber aus der Notwendigkeit heraus, sonst können wir nicht überleben. Freizeit ist kein Selbstzweck. Frei wofür und wovon? Diese Frage muss sich die Gesellschaft immer stellen. Früher gab es die Zeit und auch das Geld geradezu geschenkt, den Rest machte die Erlebnisindustrie. Wir satten Freizeitkonsumenten müssen nun aber aktiv werden. Der Traum von einer Freizeitgesellschaft als Anspruchsgesellschaft ist meines Erachtens ausgeträumt. ---

Horst W. Opaschowski

wurde 1941 in Oberschlesien geboren. 1968 promovierte er an der Universität Köln. Von 1975 bis 2006 war er Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg. 1973 erarbeitete er sein erstes freizeitpolitisches Konzept für die damalige Bundesregierung. 1979 gründete er das BAT Freizeit-Forschungsinstitut, das vom gleichnamigen Tabakkonzern finanziert wird. Seit 2007 widmet sich das Institut der Zukunftsforschung. Opaschowski ist Berater der Bundesregierung und des Bundespräsidialamts.