Like a Rolling Home

Die schwäbische Firma Hymer hat es mit Wohnmobilen weit gebracht. Nun versucht sie, neue Kunden von dieser Art des Reisens zu überzeugen.




• Der Hymer-Geschäftsführer Jörg Reithmeier empfängt im Erwin Hymer Museum gegenüber dem Werk im schwäbischen Bad Waldsee. Mit dem Bau – dessen verglaste Fronten Caravan-Fenstern nachempfunden sind – hat sich der Firmengründer ein Denkmal gesetzt. Anhand von mehr als 80 zum Teil skurrilen Wohnwagen und -mobilen wird dort liebevoll die Geschichte des Autowanderns dokumentiert. Angefangen bei Pionieren wie Hans Berger, der in den Dreißigerjahren schrieb: "Menschen, denen ein Sonnenaufgang in den Bergen höchstes Gebet bedeutet, das sind die Anhänger dieser Reiseart." Über Wirtschaftswunderdeutsche, die es mit dem "Troll" nach Italien zog. Hippies, die mit umgebauten VW-Bussen nach Indien pilgerten. Bis zu Komfort-Campern, die bestens ausgestattet auf Reisen gehen – inklusive Satellitenschüssel und Fahrrad-Garage im Heck. Dank ihnen ist die Hymer AG Platzhirsch in Europa geworden und hat etliche Konkurrenten übernommen, deren Marken weitergeführt werden (u. a. Bürstner und Laika).

Nun stehen die Zeichen auf Konsolidierung. Der Ingenieur Reithmeier, der im September 2011 von einem Automobilzuliefer kam, will die Marke Hymer auf einem schrumpfenden Markt behaupten. Er setzt auf mehr Effizienz. Sein Ideal ist die Plattform-Produktion von Konzernen wie Volkswagen, bei der möglichst viele gleiche Teile für verschiedene Modelle verwendet werden. Außerdem will er mit Service punkten: Wenn irgendwo in Europa an einem Hymermobil etwas kaputtgeht – was im Urlaub ja besonders ärgerlich ist –, soll innerhalb von 24 Stunden Ersatz geliefert werden. Dabei kann die Firma ihr großes Händlernetz ausspielen.

Bei den Produkten geht der Trend hin zu kompakten Fahrzeugen bis zu 3,5 Tonnen, weil die auch von jüngeren Leuten mit einem neueren Führerschein gefahren werden dürfen. Und zu allerlei technischen Finessen: Einpark-Assistenten, Ceranfeldherde, Berganfahrhilfen und LED-Innenbeleuchtung. "Die Leute wollen möglichst nah dran an die Natur – aber auch gern morgens 30 Minuten heiß duschen", scherzt Reithmeier. Der Luxus hat seinen Preis: Für Spitzenmodelle sind mehr als 130 000 Euro fällig. Dafür sei die "Hymermobilie" aber wertbeständiger als manche Ferienwohnung im Süden, betont der 43-Jährige.

Er geht allerdings davon aus, dass die Entwicklung weg vom Besitzen und hin zum Nutzen geht. Beiläufig rechnet er vor, dass bereits 60 Prozent aller Skier gemietet werden, weil das bequemer für die Leute sei, als sich eigene anzuschaffen. Deshalb will auch Hymer das Verleihgeschäft ausbauen und neue Kunden anlocken, die sich nicht an ein rollendes Heim binden mögen. Reithmeier erzählt von einem IT-Leiter in der Bekanntschaft, der sich spontan ein Wohnmobil lieh, um mit der Familie für zwei Wochen nach Sardinien zu fahren. Der Mann sei angetan gewesen, "obwohl er für den Preis auch in einem guten Hotel hätte absteigen können". •

Ein Freund bringt Erwin Hymer 1956 auf die Idee: Erich Bachem wünscht sich einen leichten Wohnwagen, den die damals schwach motorisierten Autos ziehen können. Der Tüftler Hymer macht sich in der väterlichen Werkstatt für Landfahrzeuge im schwäbischen Bad Waldsee ans Werk. 1957 ist der Prototyp des später Troll genannten Wägelchens fertig. 1958 beginnt die Serienproduktion. 1961 baut Hymer einen Borgward Transporter zum ersten Reisemobil um, doch der Caravano bleibt Episode, weil nach der Pleite des Bremer Autoherstellers das Basisfahrzeug fehlt. 1971 gelingt mit einem Mercedes-Fahrgestell der zweite Versuch. Die bald Hymermobil genannten rollenden Ferienwohnungen werden zum Erfolg. Die Firma expandiert und geht 1990, vom Zeitgeist getrieben, an die Börse. Zum 50. Jubiläum gönnt sich der immer noch sehr aktive Patriarch für 17 Millionen Euro das Museum. Der 82-Jährige ist gerade dabei, alle Aktien zurückzukaufen, um die Firma von der Börse zu nehmen und die lästigen Berichtspflichten loszuwerden. Hymer AG
Mitarbeiter: weltweit 2635
Umsatz im Geschäftsjahr 2010/11: rund 792 Millionen Euro
Gewinn (vor Steuern): 20,5 Millionen Euro