Leben, nicht leben lassen

Was weiß eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern, mit kleiner Manufaktur, Haus auf dem Lande und immer neuen Ideen vom Nichtstun? Eine ganze Menge.




- Von Susanne Wetzel kann man lernen, dass es verschiedene Arten des Nichtstuns gibt. Für die erste ist sie völlig unbegabt. Gemütlich in einem Sessel sitzend, sagt ihre jüngste Tochter, kenne sie ihre Mutter nicht. Auch mit der anderen Art des Nichtstuns hat Susanne Wetzel nicht viel Erfahrung. Sie ist keine Frau, die ihr Leben einfach laufen lässt, den Umständen die Führung anvertraut, sich auf dem einmal eingeschlagenen Weg weitertreiben lässt. Sie trifft Entscheidungen. Und trägt die Folgen mit stolzer, fröhlicher Konsequenz.

Allerdings, das weiß sie, braucht es die Momente des kleinen Nichtstuns, des Durchatmens und Zurücktretens, um das große Nichtstun zu vermeiden. Nur so lassen sich die Dinge sortieren, nur so kann sie entscheiden, dem einen Weg die Absage zu erteilen und den anderen einzuschlagen. Es kann gefährlich sein, sich diese Zeit des Nichtstuns nicht zu nehmen. Das kleine Nichtstun als Bedingung, um das große Nichtstun zu vermeiden.

Als Susanne Wetzel 30 Jahre alt wurde, ist ihr das zum ersten Mal bewusst gelungen. An ihrem Geburtstag hat sie sich ihr Leben ganz genau angeschaut. Dabei muss ihr klar geworden sein, dass sie es so nicht leben wollte - es aber so leben würde, wenn sie nichts unternähme. Sie beschloss, aufs Land zu ziehen, raus aus Berlin. Heute wohnt sie im 250-Seelen-Örtchen Qualitz mitten in Mecklenburg, in einer grünen, hügeligen, seenreichen und von Touristen ignorierten Landschaft.

In einem backsteinroten Küsterhaus hat sie ihre drei Kinder großgezogen, allein. Das Haus gehört ihr, es ist fast abbezahlt. Dieses Zuhause und den Lebensunterhalt ihrer Familie verdient Susanne Wetzel mit Puppen. Ihre Firma heißt Viecheria. Wetzel filzt Spielzeug, eigenartige, ausdrucksstarke Kuscheltiere. Kunden aus ganz Deutschland kaufen bei ihr ein, persönlich und online. Knapp 100 bis 150 Euro zahlen sie für die "benutzbaren Kunstwerke", wie Wetzel sie nennt. Sogar in den USA hat die Puppenbauerin ihre Viecher schon auf einer Messe vorgestellt.

Warum sie die Entscheidung damals getroffen hat, weiß sie nicht mehr so genau. Aber dass sie sich damals die Zeit nahm, über ihr Leben nachzudenken, daran erinnert sie sich. Das Ergebnis war die Puppenwerkstatt auf dem Land.

Heute ist Susanne Wetzel 45 Jahre alt, und sie hat sich für das Leben einer selbstständigen, alleinerziehenden Kunsthandwerkerin in einer abgelegenen Ecke entschieden. Viel anspruchsvoller, anstrengender und weniger lukrativ kann man sich sein Aufgabenfeld in der Bundesrepublik im Jahr 2012 kaum abstecken. Ihr Material, sagt sie, müsse man sich vorstellen "wie Knete, die sich wehrt". Sie nimmt Schurwolle, übergießt sie mit Wasser und Seife und reibt die Fasern so lange, bis daraus ein untrennbares Gewebe entstanden ist. Einen halben Tag braucht sie für ein Kuscheltier, dieses "nahtlose, zugfeste, formstabile, waschmaschinenfeste Unikat". 5000 dieser Wesen hätten ihre Werkstatt inzwischen verlassen, schätzt sie.

Als sie fast 18 Jahre alt war, wachte sie nachts auf und konnte ihre linke Körperhälfte nicht mehr bewegen. Im Krankenhaus diagnostizierten die Ärzte ein Blutgerinnsel im Gehirn, drei Monate lang war sie halbseitig gelähmt. So ein Erlebnis ändere die Dinge, sagt sie, "dass es schneller zu Ende sein kann, als man denkt. Ich habe befürchtet, ich könnte was verpasst haben, wenn ich dem Tod eines Tages auf die Schippe hopse und nicht daneben." Sie lacht ihr leises, glucksendes Lachen. "Ich hatte das Gefühl, das muss jetzt stimmen, was ich lebe."

Vier Jahre später kollabierte die DDR. Damit habe sie nicht gerechnet, sie habe gedacht, es werde immer so weitergehen. Dabei war sie doch so nah dran gewesen an denen, die sich dem System widersetzten. Ihre Eltern waren in kirchlichen und Umweltgruppen engagiert, sie brachten ihren fünf Kindern von klein auf bei, ihren eigenen Weg zu wählen. Die DDR bot reichlich Anschauungsunterricht, um zu lernen, dass Nichtstun nicht möglich ist. Wer nichts macht, der macht, was alle machen.

Als Susanne Wetzel 30 wurde, lebte sie in Berlin-Prenzlauer Berg, am Kollwitzplatz. Dort, wo heute Medienschaffende Mitte 30 an einem Ingwer-Minze-Latte nippen, probte damals eine kleine Gruppe in die Freiheit gefallener DDR-Bürger den pädagogischen Aufbruch. Wetzels Arbeitsplatz war ein Abenteuerspielplatz. In den Wendemonaten hatte sie sich dem "Spielwagen Berlin" angeschlossen, nebenher lernte sie erst Heimerzieherin, studierte dann Sozialpädagogik. Sie interessiert sich auch heute noch dafür, was Menschen brauchen, um "gerade", "freundlich" und "gut sortiert" zu werden, das sind Worte, die sie gern benutzt.

Zwischendurch hatte sie sich in einen ihrer Mitstreiter verliebt, Kinder bekommen, später war, irgendwo hinter Kinderkultur, Windeln und Diplom, die Liebe verschwunden. "Die Liebe geht, die Hobbys bleiben", singt der Liedermacher Rainald Grebe. Bei Wetzel und ihrem Freund blieb weit mehr übrig als Hobbys, es blieben die gemeinsame Arbeit, das gemeinsame Studium, die gemeinsamen Kinder. Es wäre also leicht gewesen, nichts zu tun, alles so zu lassen. Sehen nicht die meisten Menschen irgendwann ein, dass ihr Leben kein reines Glück ist? Immerhin ist es gut eingelebt, sie kennen die Stellen, an denen es drückt und zwickt, und so haben sie eine Schonhaltung eingenommen, dank der es sich trotzdem ganz gut tragen lässt. Also tun sie nichts.

Susanne Wetzel ist gegangen. Mit drei Kindern, das jüngste war gerade einen Monat alt, zog sie nach Mecklenburg.

Damit sie es sich heute leisten kann, den einmal eingeschlagenen Lebensweg weiterzuleben, arbeitet sie viel, und das gern. Da sind das Haus, die drei Kinder, der Garten, die Firma, die Freunde - und dann hält sie ja noch Hühner, schmiedet oder flicht Körbe, nur so als Beispiel. Ihr Leben, sagt sie, sei manchmal prekär, aber vor allem schön. Manchmal bekommt allerdings auch sie kurz Zweifel an ihrer aufrechten Haltung. So hat die Unternehmerin zum Beispiel lernen müssen, dass es in Deutschland tatsächlich lukrativer sein kann, nichts zu tun: Wer als Alleinerziehende arbeitet, hat gerade mal einen um 1308 Euro höheren Freibetrag als eine arbeitslose Schicksalsgenossin; die Zahl der Kinder ist dem Fiskus bei der Einkommenssteuer egal. Susanne Wetzel zahlt genauso viel ans Finanzamt wie ein alleinstehender Junggeselle. Sie hat diese Ungerechtigkeit mal ihrem Finanzbeamten vorgerechnet. Der Mann gab ihr Recht, riet ihr, sie solle das doch mal durchklagen. Aber Wetzel hat sich entschieden, das nicht zu tun. Dafür war ihr dann doch ihre Zeit zu schade.

Sie weiß, wie wichtig Zeit ist, von der ihr nie etwas übrig bleibt. Sie hat ja kaum Pflichten, arbeitet, weil sie es möchte. Schon als die Kinder klein waren, noch in Berlin, ist sie nachts wach geblieben und hat gefilzt. Sie weiß aber auch, dass es nicht immer gut ist, nicht gern nichts zu tun. Schließlich muss sie weiterhin ab und zu innehalten, sich ihre Firma, ihre Arbeit, ihr Leben anschauen und sich fragen, ob das Ganze noch passt. Weitermachen um des Weitermachens willen, das ist in Qualitz genauso wenig eine Option wie seinerzeit in Berlin. Also zwingt sie sich, zum Nichtstun. Und das ist wohl das Anstrengendste von allem. -