Lass! Das! Kind! In! Ruhe!

Ein Appell an Übermütter, es mal gut sein zu lassen.




• Vielleicht heißt das Kind Dankwart. Oder Leandra. Und vermutlich ist es gar nicht hochbegabt. Jedenfalls würde seine Mutter das nie behaupten, weil man das heute nicht mehr macht. Obwohl es eindeutige Anzeichen dafür gibt. Aber egal, es ist jedenfalls von der Schaukel gefallen. Nun liegt es im Sand, eher verwirrt als verängstigt. Doch das ändert sich augenblicklich, als es Mama sieht. Mama guckt besorgt, Mama steht auf, Mama kommt. Und da fällt in dem kleinen Kopf eine Entscheidung: Mama kommt, also ist die Lage ernst! Und schon hebt ein großes Heulen an. "Ich bin von der Schaukel gefallen." Und Mama öffnet ihre Arme. Jetzt hat das Kind etwas fürs Leben gelernt.

LASS! DAS! KIND! IN! RUHE!

Nach dem ersten Lebensjahr ist ein Kind kein Vollzeitjob mehr – aber man kann es dazu machen. Die Vollzeitmutter gibt das Kind erst mit drei in die Kita, weil Jamula oder Kopi oder Hannibal zart und bedürftig ist und die Erzieher nicht genug auf ihn eingehen. Das ist bei der Vollzeitmutter natürlich anders, so muss sie sich auch nicht um ihre eigenen Bedürfnisse kümmern, was eventuell gravierende Folgen hätte. Stattdessen geht sie mit dem Kind in die Sandkiste. Und wehe, es kommt ein anderes Kind dazu, das sich vielleicht sogar ein Förmchen ausleiht. Dann muss die Mutter das Förmchen die ganze Zeit im Auge behalten. Oder, schlimmer noch, wenn das Kind größer ist und mit einem Roller kommt oder einem Laufrad: Das nehmen dann andere Kinder, und die Mutter muss hinterher. Oft nutzt das Kind die Gelegenheit und macht sich unbeobachtet an einem Gerät zu schaffen. 20 Meter weiter. Wenn dann die Vollzeitmutter zurückkehrt und das Kind nicht mehr da sitzt, wo es immer sitzt, wird sie panisch.

LASS! DAS! KIND! IN! RUHE!

Später kommt das Kind in die Kita und gewöhnt sich daran, auch mal etwas selber zu tun. Doch nachmittags wird es von der Vollzeitmutter von Förderung zu Förderung gefahren: Musik, Ballett, Bewegung. Mit dem Auto zur Bewegung. Die Mutter sitzt daneben und guckt zu, wie sich das Kind nicht bewegen oder nicht Geige spielen kann. Das Auto ist übrigens kein SUV, sondern gern ein Sprit sparender Kleinwagen, der nur für das Kind angeschafft wurde. Weil sie es überall hinfahren muss. Und für die Sprudelkisten. Die übrigens auch dafür herhalten müssen, dass man jetzt in einem Haus mit Fahrstuhl wohnt. In einer Wohnung, in der alles mit Gittern, Stoppern und Polstern abgesichert ist, damit das Kind nirgends rankommt und sich bloß nicht verletzt.

LASS! DAS! KIND! IN! RUHE!

Irgendwann kommt das Kind in die Schule, und nach ein paar Jahren hat es ein Burn-out. Daran ist natürlich das Schulsystem schuld und der Leistungsdruck. Die Freizeitgestaltung hingegen nicht. Beziehungsweise der Fakt, dass das Kind keine Freizeit hat, nur Gestaltung. Was Leonardo oder Jim gar nicht so stört, denn was sollte der kleine Mensch da tun? Spielen hat er schließlich nicht gelernt, denn dafür braucht es Raum und Zeit. Und das hat er von der Vollzeitmutter nie bekommen.

LASS! DAS! KIND! IN! RUHE!

Romulus oder Remus studiert was, das möglichst viel mit seinen Interessen zu tun hat, aber auch viel Geld bringt. Er ist kritisch, vor allem gegenüber dem Staat, der oft seine Aufsichtspflicht verletzt. Aufsichtspflicht ist so ein Wort: Wo das hinfällt, da wächst nichts mehr. Aber der Staat hat sie. Gegenüber den Banken. Und der Wirtschaft. Wobei Liberalisierung schon gut ist, weil sie Chancen eröffnet. Vor allem, wenn man aus überförderten Verhältnissen kommt, statt aus überforderten. Aber trotzdem: Man muss den Managern auf die Finger sehen. Ach ja, die wilde politische Zeit an der Uni. Doch die ist bald vorbei, dann trifft Granola oder Bonifatius eine Frau. Sie bekommen ein Kind, für das sie monatelang einen Namen gesucht haben, und er muss arbeiten, bis das Blut spritzt, denn die Frau hat keine Zeit. Die muss sich um das Kind kümmern.

LASS! DAS! KIND! IN! RUHE!