Kaltgestellt

"Hier hast du ein neues Büro", sagte man mir. Einen Stuhl, einen Schreibtisch und einen Garderobenständer. Aber kein Telefon, keinen Computer, keine Aufgaben mehr. Schönen Tag noch.




• Am Tage als die Freistellung kam, war ich bereits seit 45 Jahren im Betrieb. Viele Mitarbeiter gingen damals in Auffanggesellschaften oder in den Ruhestand. Und es gab viele Frühpensionierungen und -verrentungen. Da waren auch Kollegen dabei, die noch einen großen Teil ihres beruflichen Lebens vor sich hatten und erhebliche Kürzungen ihrer Altersversorgung hinnehmen mussten.

Ich war damals zu jedem Gespräch bereit. Aber ich ließ mich nicht so einfach abschieben, in eine Auffanggesellschaft mit einer unsicheren Zukunft. Und ich wollte am Ende eines durchaus erfüllten Berufslebens auch keine Kürzung meines Pensionsanspruchs hinnehmen. Ich wollte weiterarbeiten.

Also stellte man mich kalt. Die Loyalität, die ich dem Betrieb so lange entgegengebracht hatte, wurde nicht mehr erwidert. Man ließ mich ins Leere laufen. Um mich herum begann der Kehraus.

Ursprünglich wollte ich mal Maschinenbauingenieur werden. Doch nach der Schule, Anfang der Sechzigerjahre, begann ich eine Ausbildung als Verwaltungsbeamter bei einem damals noch staatlichen Unternehmen.

Es fiel mir leicht. Ich habe immer viel und gern gearbeitet. So entsprach ich eher nicht dem weitverbreiteten Klischee eines Verwaltungsmitarbeiters. Mein Einsatz wurde belohnt. Nach weiteren Ausbildungen übernahm ich leitende Funktionen mit bis zu 350 Mitarbeitern.

Kompetenz und Einsatz brachten mich weiter – damals. Der Arbeitstag begann über lange Zeit um halb sechs am Morgen und endete, wenn es denn sein musste, auch mal gegen Mitternacht. Von einer damals üblichen 40-Stunden-Woche konnte keine Rede sein, und oftmals bin ich dann zu Hause, die Zeitung in der Hand, vor dem Fernseher eingeschlafen.

Aber es hat Spaß gemacht. Rund 20 Jahre lang konnte ich im Rahmen der Vorgaben machen, was ich für richtig hielt. Hauptsache, ich machte es gut. Ich konnte relativ frei entscheiden, mich einbringen, neue Arbeitsverfahren einführen.

Mit der Wiedervereinigung begannen die Integration der ostdeutschen Unternehmensteile und bedeutsame Umstrukturierungen. Ich habe damals in einer Arbeitsgruppe daran mitgewirkt. Viele ostdeutsche Mitarbeiter wurden freigesetzt. Ich hatte da mit nicht direkt zu tun, aber mir war bewusst: Auch im Westen würde es wegen der bevorstehenden Privatisierung des Unternehmens Einschnitte geben. Der Personalabbau fing unten an und arbeitete sich langsam nach oben vor. In den höheren Etagen wurden die Leute gegen Externe ausgetauscht – die meist besser bezahlt wurden.

Veränderungen sind nichts Schlechtes, gehören zum Leben dazu. Man muss sie annehmen, und sie bieten Chancen. Fast mein gesamtes Berufsleben bestand aus Veränderungen – ja, ich habe geradezu davon gelebt. Es stellt sich nur die Frage, ob ein Unternehmen in solchen Phasen fair und ehrlich mit seinen Mitarbeitern umgeht. Gilt das, was in schönen Reden und auf plakativen Spruchbändern behauptet wird?

Dann kam meine Freistellung. Erst wurde meine Aufgabenstellung verändert, ich wurde plötzlich Sachbearbeiter in meiner eigenen Abteilung. Die Position des Abteilungsleiters wurde kassiert. Und dann hieß es, man habe keine Aufgaben mehr für mich.

Ich fiel in ein Loch. Ich beschäftigte mich ständig mit Strategien, wie ich dagegenhalten könnte. Das war reiner Selbstschutz. Ich begann zu kämpfen, immer weiter, wie Don Quichotte. Immer wenn sich mir doch mal eine Aufgabe stellte, meinte ich, sie erledigen zu müssen, obwohl das gar nicht mehr nötig war. Absurd. Einem Kollegen nebenan ging es genauso. Der hat dann im Büro gebastelt.

Zwischendurch bekam ich sogenannte Sonderaufträge, die jeder Sachbearbeiter hätte erledigen können. Sie waren ein Test. Macht er es? Oder macht er es nicht? Und wenn er sich weigert, können wir ihm dann mit rechtlichen Konsequenzen drohen? Ich habe diese Aufgaben "unter Vorbehalt" erledigt und gleichzeitig auf eine gleichwertige Weiterbeschäftigung geklagt. Von da an herrschte Krieg.

Taktieren, schauen, was die andere Seite macht, Gegenstrategien entwickeln, sodass man unbeschadet über die Runden kommt – es war wie ein Spiel. Es gab Höhen und Tiefen und Hoffnungen, dass einem von juristischer Seite Gerechtigkeit widerfahren könnte, die sich dann doch immer wieder zerschlugen. Der Ball ging hin und her. Und lag der Ball wieder in meinem Spielfeld, stellte sich die Frage: Was fange ich damit an?

Über ein Jahr lang ging das so. Ich habe mich irgendwie beschäftigt. Ich wusste ja, was abläuft. Ich hatte das schon x-mal bei anderen Kollegen gesehen, hatte mich darauf eingestellt und wollte diesen Machenschaften widerstehen und nicht einknicken. Das nimmt irgendwann leider auch persönliche Züge an. Alte versteckte Feindschaften werden plötzlich offen ausgetragen, und Freundschaften intensivieren sich. Man rückt näher zusammen. Ohne den Rückhalt vieler Kollegen hätte ich all das nicht durchgestanden.

Trotzdem geht diese Situation nicht spurlos an einem vorbei. Man verändert sich, das bleibt nicht aus. Auch wenn ich versucht habe, zu bleiben, wie ich bin, meine Einstellung zur Arbeit, zu den Kollegen und zum Betrieb zu erhalten. In dieser Zeit habe ich doch sehr viel gegrübelt. Meine Frau sagt, damals sei das Leuchten aus meinen Augen verschwunden.

Ich wollte mich behaupten gegen einen mächtigen Apparat mit seinen Anwaltssozietäten, die nur darauf warteten, dass man einen Fehler machte. Ich blieb standhaft. Oder stur?

Aber irgendwann nützt alles Aufschieben nichts mehr, irgendwann muss man das Spiel der anderen mitspielen. Und man muss ausloten, inwieweit man seine Vorstellungen noch verwirklichen kann, ohne dabei unter die Räder zu geraten. Von einem bestimmten Zeitpunkt an fühlt man sich ausgeliefert. Wie lange hält man das durch?

Ich habe trotzdem bis zur Altersgrenze weitergemacht. Wie, das möchte ich hier nicht im Einzelnen schildern. Aber die Zeit war hart. Auch nach der Pensionierung hing mir diese Phase, in der ich kaltgestellt war, noch lange nach. Ich hätte mir ein anderes Ende gewünscht. Aber es sollte nicht sein.

Am Ende des Berufslebens stehst du immer auf der falschen Seite. Dann bist du nicht mehr derjenige, der gebraucht wird. Dann bist du derjenige, der in der Unternehmensplanung stört. Trotzdem würde ich es heute wieder so machen. Es ging um meine Lebensplanung, meine Selbstbestimmung, meine finanzielle Absicherung. All das wollte ich mir nicht nehmen lassen. Ein letzter kleiner Sieg.

Im Nachhinein betrachte ich mein Berufsleben immer noch als eine schöne Zeit. Denn Rückschläge gehören zum Leben. Ich denke, ich bin daran gewachsen.