Ich sehe was, das du nicht siehst

Kunst kann auch heißen: sich Aufwand zu sparen.




Nichtstun an sich ist meistens öde. Interessant wird es erst durch den Kontrast zum Tun. Jeder angehende Musiker, Schauspieler und Regisseur lernt, wie sehr es nicht allein auf Noten oder Wörter, sondern auf richtig intonierte Pausen ankommt, auf Momente der Stille, des Innehaltens, in denen Sätze, Melodien, Bilder ihre Wirkung entfalten.

Und manchmal wird die Pause zur Hauptsache. Zu einer Strategie, um mit Traditionen zu brechen und Neues durchzusetzen. Neun Beispiele, wie vielfältig und erfolgreich das sein kann: durch Verweigerung, Provokation, mit List, Witz. Oder einfach Nichtstun.

Schauen

Ein Film braucht eine Handlung, Dramaturgie und ein Drehbuch? Nicht unbedingt. In der Nacht vom 25. auf den 26. Juni 1964 filmte Andy Warhol in New York vom Fenster eines benachbarten Wolkenkratzers aus das Empire State Building. Der Stummfilm in Schwarz-Weiß dauert acht Stunden und fünf Minuten, mit einer einzigen Einstellung, ohne Schnitte, Kamerafahrten oder -schwenks. Mal gehen Lichter im Gebäude an oder aus, mal huscht der Schatten eines Flugzeugs durchs Bild, sonst geschieht nichts. Die Nacht bricht an, die Zeit vergeht.

Warhols Empire gilt als einer der wichtigsten Experimentalfilme überhaupt. Er wurde als Variation des barocken Vanitas-Motivs zur Vergänglichkeit aller Dinge interpretiert, ein kolossales Gemälde mit den Mitteln des Films. Heute gehört das Werk zur Sammlung des Museum of Modern Art in New York.

Spielen

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit? Muss nicht sein. Wozu sich abmühen, wenn alles, was man braucht, im nächsten Kaufhaus liegt? 1913 montierte Marcel Duchamp die Vordergabel eines Fahrrads auf einen Hocker – fertig war die Skulptur. 1917 signierte er ein Urinal und reichte es zu einer Ausstellung ein, was prompt einen Skandal auslöste. Und zumindest für einen Moment davon ablenkte, dass zur gleichen Zeit auf Europas Schlachtfeldern die alte Ordnung blutig unterging. Duchamp schuf mit seinen Ready Mades einen der meistkopierten Witze der Kunstgeschichte: Was ein Künstler signiert, und sei es ein Gebrauchsgegenstand, wird unweigerlich zum Kunstobjekt erhoben. Seitdem gilt Duchamp als einer der eigenwilligsten, aber auch einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Sein Prinzip des Ready Made wurde seither unzählige Male aufgenommen und variiert.

Träumen

1915 stellte der russische Maler Kasimir Malewitsch erstmals sein Gemälde Schwarzes Quadrat aus. Es zeigt nicht mehr, aber auch nicht weniger, als es der Titel verspricht: eine monochrom in Schwarz bemalte quadratische Leinwand. Das war nicht einfach abstrakte Malerei. Es war gewissermaßen ein Endpunkt der Malerei, ein Bild, das alle anderen Bilder auslöschte. Malewitsch schuf damit eine Ikone der Moderne – das Bild als definitives Nicht-Bild. "Denn die Kunst kann sich nur selbst zum Inhalt haben", erklärte Malewitsch programmatisch. Seither ist in der Malerei alles möglich.

Ausruhen

4'33", (Four minutes, thirty-three seconds), so lautet der rätselhafte Titel eines Musikstückes von John Cage, uraufgeführt am 29. August 1952 durch den Pianisten David Tudor. Die Partitur soll übrigens auch für ein Streichquartett und ein komplettes Symphonieorchester geeignet sein, klingt unabhängig von der Besetzung aber immer gleich: Vier Minuten und 33 Sekunden lang wird kein einziger Ton gespielt, vier Minuten und 33 Sekunden lang herrscht Stille. Als Teil eines Konzertabends kann so etwas mitunter vielleicht für Erholung sorgen. Oder für Irritation. In der Fachwelt löste Cages Komposition jedenfalls Debatten über das Wesen der Musik aus. Dabei hatte Cage schon 1949, drei Jahre vor der Uraufführung von 4'33" , bei einem "Vortrag über Nichts" in einem New Yorker Künstler-Club erklärt: "Ich bin hier, und es gibt nichts zu sagen. Was wir brauchen, ist Stille."

Herumlärmen

Metal Machine Music von Lou Reed klingt auch Jahrzehnte später noch wie schwere Körperverletzung, auf Vinyl gepresst. Statt neue Songs zu schreiben und einzuspielen, ließ der legendäre Musiker (Velvet Underground) 1975 das Rückkopplungsgejaule von zwei an Verstärker gelehnten E-Gitarren aufnehmen und als Doppelalbum veröffentlichen: höllischer Lärm. Jahre später antwortete Reed auf die Frage, ob das vielleicht nur ein Witz habe sein sollen: "Ich nahm das Ganze schon ernst. Aber ich war auch ernsthaft auf Drogen." Die Platte beeinflusste gleichwohl den sogenannten Noise Rock und Bands wie Sonic Youth. 2007 führte das Kammermusik-Ensemble Zeitkratzer die Metal Machine Music mit klassischem Instrumentarium auf.

Warten

Seit der Uraufführung von Samuel Becketts Warten auf Godot am 5. Januar 1953 ist klar, dass auf einer Theaterbühne aus dem Nichts ein Ereignis werden kann – auch ganz ohne Konflikte oder Intrigen, ohne Helden und Verbrechen, ohne Liebe, Hass oder andere starke Gefühle und Motive. In Becketts Stück warten zwei Landstreicher auf einen ominösen Herrn Godot. Der kommt aber nicht. Beckett selbst schwieg eisern, wenn er um Erklärungen gebeten wurde. Ein Schauspieler der englischen Erstaufführung 1955 berichtet von der Reaktion des Publikums: "Wellen von Feindseligkeit schlugen uns entgegen, und der Massenexodus begann bald, nachdem sich der Vorhang gehoben hatte."

Zwei Jahrzehnte nach Godot radikalisierte Beckett sein Verfahren noch. Sein Stück Atem, 1969 in New York uraufgeführt, besteht nur aus einem Lichtwechsel und Geräuschen des Ein- und Ausatmens. Es dauert 25 Sekunden.

Warten auf Godot, der "Pillenknick der jüngeren Dramatik" (Heiner Müller), war Becketts Antwort auf eine ideologieselige Nachkriegsliteratur und gilt als eines der wichtigsten Theaterstücke des 20. Jahrhunderts. Vielleicht, gerade weil das Stück weder Trost noch handliche Welterklärungen bieten will.

Abhaken

Im April 2009 erklärten die Mitglieder der Gruppe Rimini Protokoll die Daimler-Hauptversammlung im Internationalen Congress Centrum Berlin zum Theaterstück. Viel mehr mussten sie nicht tun für die ungewöhnlichste Dokumentar-"Inszenierung" des Jahres – eine Art Ready Made des Sprechtheaters. Sie hatten frühzeitig Aktien gekauft und damit 200 theaterinteressierten Zuschauern als Kleinaktionären den Zugang zur Hauptversammlung ermöglicht. Die Akteure – Vorstand und Aufsichtsrat auf dem Podium und redefreudige Aktionäre im Saal – hielten sich streng an ihre Rollen, ohne auch nur zu ahnen, dass ein Teil des Publikums nicht wegen der Dividende erschienen war, sondern aus Neugierde auf ein Lehrstück. Das Bühnenbild: Kein Staatstheater kennt noch solch einen Aufwand. Die Dauer der Aufführung, 8 bis 21 Uhr, übertraf locker Goethes Faust, Teil 1 und 2. Der Unterhaltungswert: leider bescheiden. Eine gewisse Monotonie der Aufführung war nämlich unvermeidbar und durchaus beabsichtigt. "Dramaturgisch ist es aus Sicht des Unternehmens sinnvoll, so langweilig wie möglich zu sein. Alles, was Abwechslung bringt, verlängert die Sache und schafft unter Umständen unerwünschte Transparenz", sagt der Aktionärsschützer Lars Labryga, ein regelmäßiger Besucher von Hauptversammlungen.

Leere

Mit der Vorstellung, bildende Kunst sollte zumindest sichtbar sein, hat im Juni dieses Jahres die Londoner Hayward Gallery aufgeräumt. Ihre Ausstellung Invisible: Art about the Unseen 1957-2012 versammelte unsichtbare Kunst. Komplett weiße Leinwände, schön in Holz gerahmt. Gianni Motti hat für seine Zeichnungen unsichtbare Tinte verwendet. Hinter Glas kann man ein Blatt leeres Papier bewundern. Zum richtigen Kunstwerk wird es erst, zumindest für den Künstler Tom Friedman, weil er in den vergangenen fünf Jahren Tausende Stunden darauf gestarrt hat. Auch schön: das Podest, auf dem vor vielen Jahren Andy Warhol einmal für einige Minuten als lebende Skulptur posiert hat. Jetzt kann ihn sich jeder auf dem leeren Podest vorstellen.

Schweigen

Obwohl längst jeder auch nur mäßig bekannte Künstler aufdringlich um Aufmerksamkeit für sich und seine Arbeit bettelte, wollten einige der bedeutendsten Autoren mit Public Relations nie etwas zu tun haben. Die US-Schriftsteller J. D. Salinger (Der Fänger im Roggen) und Thomas Pynchon (Die Enden der Parabel) etwa sind damit fast so berühmt geworden wie durch ihr Werk. Nach nur einem dünnen Roman und drei Bänden mit Erzählungen fand Salinger, nun habe er alles gesagt. 1965 erschien seine letzte Erzählung (Hapworth 16, 1924) im "New Yorker". Doch auch in den folgenden 45 Jahren, bis zu seinem Tod 2010, legte er seine Scheu nicht ab. Seinem Ansehen und Erfolg hat es offensichtlich nicht geschadet.

Samuel Beckett ließ sich immerhin fotografieren, die Öffentlichkeit aber mied er nach Möglichkeit. Fragen zum Werk mochte er nicht beantworten. Als ihm 1969 der Literaturnobelpreis zugesprochen wurde, so ist überliefert, habe seine Frau beim Anruf aus Stockholm erschrocken geantwortet: "Quelle catastrophe!" Beckett tauchte unter und nahm den Preis selbstverständlich nicht persönlich entgegen. Auch so bewahrte er seinem rätselhaften Werk die Aura: Es ist nicht Teil des allgemeinen Geredes geworden.

Die Weigerung eines Künstlers, sich öffentlich zu erklären, hält Interpreten freilich selten davon ab, eine Arbeit lang und wortreich zu deuten: Je weniger der Künstler redet – mag es auch bloß eine Masche sein –, desto mehr reden die anderen über ihn. Jedenfalls hat sich Josef Beuys, der gern und viel über seine Arbeit sprach, 1964 zu einer hübschen Sottise über Duchamp anregen lassen: "Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet", schrieb er auf eine Tafel. Sein Galerist ließ es rahmen und verkaufte es als Kunstobjekt.