Ultraorthodoxe Juden

Sie arbeiten wenig und werden immer mehr. Einblicke in die Welt der Strenggläubigen, die dem Staat Israel selbstbewusst auf der Tasche liegen.




• Wer mit 18 Jahren schon weiß, was er mit 50 beruflich machen wird, ist entweder karrieregeil, Erbe einer Familienfirma, Künstler oder kriminell. Nichts davon trifft auf Yehuda zu, der seinen Nachnamen nicht nennen mag. Als Student an einer jüdischen Religionsschule in Israel muss er weder arbeiten noch Militärdienst leisten (die Regierung hat gerade angekündigt, Letzteres zu ändern). Er ist einer von rund 800.000 sogenannten ultraorthodoxen Juden, die ihren Lebtag mit der Erwartung des Messias zubringen. Der Staat zahlt ihnen dafür Unterhalt. Aus Sicht vieler Israelis tut Yehuda also vor allem eines: nichts. Und er wird es weiter tun, sein Leben lang.

"Mein Leben gehört Gott und der Familie", sagt der junge Mann. Und das sei nicht weniger wert als Job und Karriere. Den ganzen Vormittag lang sitzt er schon im Garten seiner Jeschiwa genannten Talmud-Schule im Jerusalemer Stadtviertel Mea Schearim, wo fast ausschließlich Haredim leben, Gottesfürchtige.

An den Zufahrtsstraßen ins Viertel steht auf Warnschildern geschrieben: "Nicht in unangemessener Kleidung weitergehen." Die Frauen dort tragen zugeknöpfte Blusen, knöchellange Röcke und Perücken auf ihren geschorenen Köpfen. Die Männer schwarze Anzüge, Hüte, Kniestrümpfe und Lackschuhe. Von ihren Schläfen hängen lange Locken.

Yehuda beugt sich über die vor ihm aufgeschlagene Tora, die hebräischen fünf Bücher Mose. Während er Zeile für Zeile liest, murmelt er den Text leise vor sich hin und streift sich dabei immer wieder die langen Schläfenlocken hinter die Ohren. "In diesem Buch findest du die Lösungen für alle Probleme dieser Welt", flüstert er andächtig. "Auch wenn du das von außen nicht verstehen kannst und denkst, ich sei verrückt."

Verrückt? Das sehen viele weltlich eingestellte Israelis so. Sie halten ihre strenggläubigen Landsleute eher für Faulenzer, während alle anderen schuften und für das Gemeinwohl mitunter ihr Leben riskieren: Der Wehrdienst für junge Männer dauert drei Jahre. Yehuda kann damit rechnen, dass er auch in Zukunft vom Staat erhält, was er zum Leben braucht. Das Broockdale-Institut hat errechnet: Rund 530 Euro bekommt eine orthodoxe Familie durchschnittlich pro Monat. Daneben gibt es Stipendien für das Studium an Religionsschulen und Zuschüsse aus Stiftungen. Insgesamt fließen monatlich bis zu 960 Euro in den Haushalt von Yehudas Familie, das ist mehr als der monatliche Mindestlohn in Israel.

Worüber macht sich ein 18-Jähriger Gedanken, wenn nicht über Mädchen und seine berufliche Zukunft? Yehuda nickt nachdenklich und mit der Miene eines weisen Mannes. "Auch ich war früher einmal wie die dort drüben", spricht er und deutet mit der Hand zum Stadtzentrum Jerusalems, wo gearbeitet und gefeiert wird. Das findet Yehuda heute nicht mehr gut, denn: "Ich habe die andere Welt gesehen."

In dem kleinen Land Israel prallen die Vorstellungen der Strenggläubigen und der Säkularen hart aufeinander. Immer lauter verlangen manche Fromme heute Geschlechtertrennung. So sollen Frauen in bestimmten Autobussen hinten sitzen. Im vergangenen Dezember spuckte ein ultraorthodoxer Mann ein achtjähriges Mädchen an, weil dessen Kleidung ihm "nicht angemessen" schien. Umgekehrt eignen sich die Strenggläubigen als leicht identifizierbares Feindbild. Im Sommer vergangenen Jahres kam es zu den größten sozialen Protesten in der Geschichte des Landes: Bis zu eine halbe Million Menschen demonstrierten in mehreren Kundgebungen gegen hohe Mieten, Preise und soziale Ungerechtigkeit. Die Spruchbänder und Sprechchöre richteten sich nicht nur gegen die Regierung Netanjahu, sondern auch gegen die Haredim.

Viele gönnen ihnen die Privilegien nicht mehr, die sie seit jeher genießen. Schon vor der israelischen Staatsgründung im Jahr 1948 versuchte die Politik, die Interessen der Orthodoxen mit denen der säkularen zionistischen Bewegung unter einen Hut zu bringen. Im Interesse der Einheit des jüdischen Staates kam man den Strenggläubigen weit entgegen. Sie wurden als unbedeutende Minderheit und Teil der vielfältigen jüdischen Kultur betrachtet.

Mit durchschnittlich acht Kindern pro Familie ist die Gemeinschaft der Haredim allerdings stark gewachsen. Heute zählen rund zehn Prozent der 7,7 Millionen Israelis dazu. Im Jahr 2034 wird laut Prognosen jeder fünfte Bürger ein Strenggläubiger sein – die Kosten für ihren Unterhalt werden entsprechend steigen.

"Ultraorthodoxe geben der Gesellschaft insgesamt viel weniger, als sie sich herausnehmen", sagt Yoel Finkelman, Rabbiner und Experte für orthodoxes Judentum. Die "rationale" Ablehnung ihrer Privilegien durch die Säkularen gehe aber zunehmend einher mit einem "irrationalen" Feindbild. "Das führt zu Hass", sagt Finkelman.

Die extremistischen Nichtstuer sind zwar die lautesten. Aber sie lenken die Öffentlichkeit von einer anderen Entwicklung ab: Die Beschäftigungsrate von strenggläubigen Männern ist in den vergangenen drei Jahren merklich gestiegen. 2009 gingen fast 39 Prozent einem Erwerb nach, 2011 waren es fast 46 Prozent. Und bei den Frauen hat die Beschäftigungsrate inzwischen fast 60 Prozent erreicht: Sie arbeiten, meist in Teilzeit und für Niedriglöhne, aber mehr als ihre Männer, die tagsüber in den Religionsschulen studieren.

Um sich hie und da etwas Geld dazuzuverdienen, arbeiten Haredim in einer Art informeller Religionsökonomie. Sie stellen beispielsweise Zertifikate für koschere Produkte und Dienstleistungen aus oder religiöse Schriftrollen her. Dass die Frommen nur wenig zum Bruttoinlandsprodukt beitragen, liegt auch an ihrer Ablehnung des Wehrdienstes. Denn für viele junge Leute ist die Armee die Tür in die Berufswelt. Dort bekommen sie nützliches Wissen und Kontakte. "Die Haredim wollen nicht zur Armee, deshalb bleiben sie in der Jeschiwa. Und nach jahrelangem Tora-Studium sind sie nicht mehr qualifiziert für den Arbeitsmarkt", sagt Ayal Kimhi, Vizedirektor des Taub Center for Social Policy Studies in Israel. Statistiker haben im vergangenen Jahr 3300 ultraorthodoxe Oberschulen untersucht: Bei lediglich 40 Prozent stehen Englisch und Mathematik überhaupt auf dem Lehrplan.

Mancher Strenggläubige möchte aber doch selbst Geld verdienen. Zum Beispiel mit Reklame

Die Strenggläubigen mögen sich dem modernen Leben weitgehend entziehen – Geschäfte lassen sich dennoch mit ihnen machen. Zum Beispiel in Bnei Berak, einer Hochburg der Frommen in Tel Aviv. Das Viertel liegt kaum einen Kilometer von den Cafés und Bars der modernen Metropole entfernt. Dort tragen Männer Hüte, Frauen Perücken; Fernsehen und Internet sind verpönt – aber Zeitungen und Zeitschriften sind erlaubt. Ein Traum für Verleger, die noch an die Zukunft des gedruckten Wortes glauben.

"Die Frommen lesen extrem viel. Die Bibel, religiöse Texte, aber auch Magazine", sagt Eitan Dobkin, während er vor dem Abendkurs letzte Änderungen in seine Powerpoint-Präsentation einfügt. Er leitet seit zwei Jahren einen Studienzweig Werbung für Orthodoxe. Israels Industrie entdeckt eine neue, stetig wachsende Zielgruppe. Die gilt es allerdings richtig anzusprechen. Und wer weiß am besten, wie man den Frommen weltliche Dinge näherbringt? Die Zielgruppe selbst. Dobkin nennt sich übrigens "modern-orthodox".

Er ist in dem Viertel Bnei Berak aufgewachsen und hat Karriere in großen Werbefirmen gemacht. Er gehört zu einer neuen Generation religiöser Juden. Die wünschten sich, etwas mehr Geld in der Tasche zu haben und sich zu verwirklichen, sagt Dobkin. Wer weiß schließlich, wie lange der Messias noch auf sich warten lässt?

Jüdische Stiftungen aus dem Ausland, vor allem aus den USA, Großbritannien und Kanada, fördern Initiativen, Strenggläubige in Lohn und Brot zu bringen. Die größte dieser Stiftungen heißt Kemach, also Mehl, und spielt auf ein jüdisches Sprichwort an: Ohne Mehl keine Tora – ohne Tora kein Mehl. Die Stiftung fördert auch die meisten Studenten in Dobkins Werbeakademie: Ein Semester kostet 2600 Euro.

Kemach hat in den vergangenen drei Jahren Stipendien an rund 6000 Studenten vergeben, die Hälfte davon für Berufsschulen. Zurzeit gibt es eine viermonatige Wartefrist für neue Bewerber. Zehn Millionen US-Dollar Budget sollen die amerikanische Wolfson-Familie und der britische Milliardär Leo Noe der Stiftung für 2012 überantwortet haben.

Rund 25 Frauen und Männer, strikt nach Geschlechtern getrennt, studieren zurzeit Werbedesign in Bnei Berak. Einer ist der 22-jährige Ishai Hizkia. "Ich bin das, was man einen neuen Haredi nennt", sagt er kurz vor Beginn des Seminars. Viele Haredim benutzen das Internet nur mit einem speziellen Filter, der sie vor dem Anblick verderblicher und verwerflicher Inhalte bewahrt – Ishai traut sich ungeschützt ins Netz: "Ich lerne von der neuen Welt und hole mir viele Ideen vom Werbemarkt." Schon mit seiner Kleidung unterscheidet er sich von den meisten Frommen: Das Hemd ist nicht weiß, sondern farbig und kariert. Statt eines Hutes trägt er nur eine unscheinbare Kippa.

Der professionelle Spielraum für religiös-korrekte Reklame in Bnei Berak ist allerdings eng. So hat die ultraorthodoxe Stadtverwaltung im vergangenen Jahr einige Plakate mit Aufklebern gebrandmarkt: illegale Werbung. Darauf waren – anständig bekleidete – Lehrerinnen zu sehen, die sich für eine landesweite Bildungsreform aussprachen. Ishai fand die Reaktion der Behörden übertrieben. Was nicht gehe, sei die alte Werbermasche "sex sells" – allein wegen der Handwerker-Ehre: "Es ist einfach nicht kreativ, einen nackten Frauenkörper zu platzieren." Sein Lehrer Dobkin preist Ishai bereits als potenziellen "Mad Man" von Bnei Berak an.

Wer die Menschen dort von einem Produkt überzeugen will, muss viele Regeln befolgen. In den Besonderheiten des Marktes liegen aber auch Chancen. Eitan Dobkin blättert durch Magazine und erklärt eine erfolgreiche Annonce: Eine Milchfirma wirbt etwa damit, dass ihre Ware dank eines speziellen Verpackungskartons "besonders koscher" sei. Auf der nächsten Seite des Inserats geben dann mehrere Rabbiner ihre Gutachten dazu ab: "Diese Rabbis haben viel Geld dafür bekommen", sagt Dobkin, auch das sei Teil des Geschäftes.

Coca-Cola, so Dobkin weiter, habe lange Zeit Probleme gehabt, sich in der streng religiösen Gemeinschaft in Israel zu behaupten: Die Limonade galt als zu teuer. Bis der Konzern mit der Zauberformel "zum heiligen Schabbes" warb. Die Kampagne war ein Erfolg – die Haredim glauben nämlich, dass Gott alles Geld zurückschickt, was der Mensch zur Vorbereitung des Sabbats ausgibt. An diesem Tag lassen fromme Juden sämtliche Arbeit ruhen. Und die nicht ganz so frommen auch.

Andreas Hackl ist Israel- und Palästina-Korrespondent des Magazins "Zenith – Zeitschrift für den Orient" und des "Zenith Business Report", der auf Deutsch, Englisch und Russisch erscheint. "Zenith" ist Kooperationspartner von brand eins und berichtet über Wirtschaftsthemen aus Nahost, Afrika und Zentralasien.