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Die Freigeister

Die ersten Jahre ranklotzen, dann verkaufen - und seine Freiheit genießen. Davon träumen viele Firmen-Gründer. Zwei junge Berliner haben das Prinzip umgedreht.




- Wer Bastian Kröhnert, Gründer und Geschäftsführer eines Unternehmens mit rund 30 Mitarbeitern treffen möchte, muss sich anstrengen. Diverse E-Mails und SMS sind nötig, um einen Termin mit dem 25-Jährigen zu vereinbaren. Nicht, weil Kröhnert sehr beschäftigt wäre. Im Gegenteil: Er hat seine Geschäftsabläufe so weit automatisiert, dass er gar nicht mehr physisch präsent sein muss. Kröhnert und sein Geschäftspartner Thomas Jakel, 26, reisen durch die Welt, während ihr Unternehmen Geld verdient. Genau so haben die beiden ihr Start-up konzipiert, und genau so funktioniert es auch.

Heute ist Kröhnert ausnahmsweise mal in Berlin, dem offiziellen Firmensitz. "Treffen wir uns doch im Haus am See", mailt er. Ah, der mobile Unternehmer wählt, dem Sujet entsprechend, Strand statt Schreibtisch? Nein, "Mein Haus am See" entpuppt sich als typisches Berlin-Mitte-Café mit gebrauchten Sofas, selbst gebackenem Kuchen und Gästen, die nicht alle aussehen, als gingen sie einem geregelten Broterwerb nach. Bastian Kröhnert passt da gut rein: Acht-Tage-Bart, Jeans, lässiger Pullover. "Hier war eine Zeit lang unser Büro", sagt er. Hier saßen sie mit ihren Laptops und haben minutiös durchgeplant, wie ein Unternehmen aufgebaut sein muss, damit man es "remote" führen kann, also auf Distanz. Ein richtiges Büro haben Kröhnert und Jakel bis heute nicht. Wozu auch, es wäre eh nie jemand da.

Stattdessen reisen sie um die Welt - nicht beruflich, sondern aus Spaß. Anfang des Jahres ein paar Wochen Marokko ("Das Wetter in Berlin ging gar nicht. Da haben wir spontan gesagt: Lass uns mal irgendwo hinfahren"). Davor Brasilien, London und Portugal, teils monatelang. Aus Lissabon sind sie nach Köln zurückgetrampt. Wohlgemerkt: Da waren sie schon Geschäftsführer. Dieses Frühjahr hat Kröhnert bei einem Meister in den chinesischen Wudang-Bergen Kung-Fu gelernt. Jakel ist gerade in Istanbul. Der zweite Chef hat sich neulich überlegt: Wenn er schon so viel Freizeit hat, könnte er die doch auch für einen guten Zweck nutzen. Nun fährt er mit dem Fahrrad von Berlin nach Indien und sammelt dabei Geld. Distanz: rund 10000 Kilometer. Dauer: vier bis fünf Monate. "Wir haben schon rund 50 Prozent der Spenden, um 75 Trockentoiletten für 375 Menschen zu bauen, die keinen Zugang zu den einfachsten Sanitär anlagen haben", schreibt Jakel per E-Mail - ans Telefon bekommt man ihn nicht. "Bisher sind wir mit dem Fahrrad 3500 Kilometer gefahren und haben die Visa für Iran, Pakistan und Indien, um unsere Fahrradtour fortzusetzen."

In anderen Unternehmen hätte so eine Idee vermutlich zum Nervenzusammenbruch des Co-Geschäftsführers geführt. Kröhnert hingegen zuckt nur mit den Schultern. Der Mann wirkt tiefenentspannt: "Warum sollte ich Thomas das verbieten? Wir sind Freunde, und wir wollen beide so leben." Ist er selber in Berlin, sagt Kröhnert, nimmt die Unternehmensführung vielleicht ein paar Tage pro Monat in Anspruch. Und wenn er unterwegs ist? "Oft nur alle paar Tage eine halbe Stunde." Ein Liebhaber-Projekt ist ihre Gründung namens Strandschicht dabei keineswegs, vielmehr finanziert sie den supermobilen Lebensstil der Inhaber. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Genaue Zahlen mag Kröhnert nicht verraten, aber der monatliche Umsatz sei fünfstellig.

Anders als so viele Vertreter der Digitalen Boheme, die in Cafés wie dem Haus am See das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends damit verbrachten, Blogs zu schreiben und über neue Arbeitsformen zu debattieren, kam Kröhnert 2008 mit einem konkreten Plan in die Hauptstadt, mit ökonomischem Sachverstand und dem festen Willen, nicht zu reden, sondern zu machen. Er hatte in Mannheim Betriebswirtschaft studiert und gerade das Buch "Die Vier-Stunden-Woche" des amerikanischen Autors Tim Ferriss gelesen. Darin wird beschrieben, wie man sich eine "Muse" baut, also ein Unternehmen, das dank Outsourcing und Automatisierung den "Dream-Lifestyle" des Gründers finanziert, das ihn also nicht ans Büro fesselt, sondern sich auf Distanz führen lässt. Ferriss' Buch war ein Bestseller, doch die meisten haben es wohl eher als Unterhaltungslektüre gelesen. Anders Kröhnert: Er nahm die scheinbare Schnapsidee ernst und kombinierte sie mit seinem betriebswirtschaftlichen Wissen. Er wollte so ein Unternehmen wirklich aufbauen. Das ist jetzt drei Jahre her, und es scheint zu klappen.

Damit es klappen konnte, hat sich Kröhnert, damals mit einem anderen Partner, zunächst eine Geschäftsidee ausgesucht, die sich überhaupt automatisieren ließ: "Strandschicht" vermittelt sogenannte Virtuelle Persönliche Assistenten (VPAs) an Kleinunternehmen und Privatleute. Die Idee, klassische Assistentendienste wie Recherche, Reisebuchung oder Erstellen einer Präsentation anzubieten, dabei Lohngefälle und unterschiedliche Zeitzonen zu nutzen, kommt aus Indien. Dort beschäftigen Unternehmen wie Get Friday englischsprachige Callcenter-Mitarbeiter, die US-amerikanischen Kunden lästige Dinge abnehmen. Dieses Prinzip übertrug Kröhnert mit Assistenten aus Osteuropa auf den deutschsprachigen Markt. Die rund 30 Helfer, die für Strandschicht arbeiten, leben in Rumänien, Polen oder Bulgarien. Die Kunden kommunizieren mit ihren virtuellen Assistenten nur per Telefon oder E-Mail.

Nachdem also die theoretisch automatisierbare Idee gefunden war, machten sich Kröhnert und sein damaliger Geschäftspartner Simon Barth daran, Assistenten zu rekrutieren und Kunden zu akquirieren. Anfangs lief einiges falsch. Die beiden setzten zu sehr auf Privatleute, die mit dem Service nichts Rechtes anzufangen wussten. Ein paar Tage nach dem offiziellen Start war der erste große Kunde gleich wieder weg. Vor allem aber waren die beiden Gründer ganz entgegengesetzt zum Konzept für ihre Mitarbeiter stets erreichbar: "Ich fühlte mich wie der IT-Support", erinnert sich Kröhnert. "Bastian, mein Skype geht nicht! Bastian, wie mach' ich das bei Excel?" Seinem Partner war das alles zu viel - er verließ das Unternehmen, arbeitet inzwischen fest angestellt in einem Logistikkonzern. Statt seiner kam Thomas Jakel, den Kröhnert ebenfalls aus dem Studium kannte.

Die beiden waren sich einig, dass die Geschäftsidee prinzipiell richtig war, und analysierten, was sie daran hinderte, sich auch ganz praktisch überflüssig zu machen. "Wir haben Schaubilder gemalt, uns angeschaut, welche Prozesse es im Unternehmen gibt", sagt Kröhnert. "Alles, was öfter als einmal passiert, ist ein Prozess. Das will ich loswerden." Wer später wenig arbeiten will, muss anfangs schuften. In wochenlanger Fleißarbeit schrieben sie Tutorials, in denen für aktuelle und künftige Mitarbeiter jeder Arbeitsschritt bis ins kleinste Detail festgelegt wurde. "Am Ende stand da eine Bedienungsanleitung für das komplette Unternehmen", so Kröhnert. "Das war unser Schritt in die Freiheit."

Zwei Laptops und ein paar kostenlose Online-Werkzeuge - so geht Gründung heute

Seitdem hat Strandschicht eine Art mittlere Führungsebene, also erfahrene VPAs, die neue anleiten, kontrollieren und Nachwuchs rekrutieren. Auch die Zielgruppe veränderte sich: Inzwischen erledigen die Assistenten hauptsächlich Datenbankaufbau und -pflege, Recherchen und administrative Aufgaben für Start-ups und kleine Unternehmen. "In einer Excel-Tabelle alle Telefonnummern ins selbe Format überführen - so was delegiert jeder gern." Die seitenlangen Anleitungen der Anfangstage haben Kröhnert und Jakel inzwischen durch Schulungsvideos ersetzt, aber ihre Idee bleibt: Sag deinen Mitarbeitern exakt, was du von ihnen erwartest - und dann verschwinde. "Wenn ich leicht zu erreichen bin, bekomme ich auch ständig Fragen", hat Jakel gelernt. "Kann ich aber nur unregelmäßig antworten, sind die Mitarbeiter dazu gezwungen, Probleme selbst zu lösen."

Natürlich läuft eine Firma mit 30 Mitarbeitern nicht ganz von selbst. "Jemand muss Verantwortung übernehmen", beschreibt Kröhnert die Aufgabe der beiden Inhaber, "jemand muss die Firma weiterentwickeln." Geht etwas schief und ein Kunde ist sauer, will der auch bei Strandschicht mit dem Chef sprechen - vorausgesetzt, der ist gerade in einer Region mit Handy-Empfang. Auch das finale Einstellungsgespräch führen die Chefs stets persönlich, denn "gute Leute sind die Voraussetzung dafür, dass unser Prinzip funktioniert". Ein paar Geschäfte seien ihnen vielleicht durch die Lappen gegangen, weil sie nicht sofort reagieren konnten oder wollten, sagt Jakel. "Wenn man sich nicht von der Arbeit abhängig machen will, dann muss man die Kunst beherrschen, auch mal Dinge schiefgehen zu lassen."

Doch unterm Strich haben die Jungunternehmer vieles richtig gemacht. Investition in Infrastruktur beschränkte sich auf zwei Laptops, eine VoIP-Telefonanlage und eine professionelle CRM-Software, um Kundendaten zu managen, für Zeiterfassung und automatisierte Rechnungen. Um die Firma von unterwegs zu führen, benutzen sie darüber hinaus nur kostenlose Online-Werkzeuge wie E-Mail, Skype oder Google-Analytics. Die Unternehmens-Website hat Krönert damals - dem Konzept entsprechend - von Programmierern bauen lassen, die er nie persönlich zu Gesicht bekam: Für ein paar Hundert Euro, bei einem nepalesischen Anbieter, den er online gefunden hatte.

Weil Strandschicht also kaum Kosten hatte, suchten die Gründer - ungewöhnlich für ein Internet-Start-up - auch keine Investoren, allein, damit ihnen keiner reinredet. Mit-Gesellschafter hätten die Geschäftsführer vielleicht doch mal ins Büro zitiert (das es dazu erst mal hätte geben müssen). "Wir glauben an schlanke Unternehmen, die Ideen schnell testen und auch wieder fallen lassen können", so Kröhnert. Viele Gründer versuchten, ihren Service oder ihr Produkt zu perfektionieren, ohne auch nur einen einzigen Kunden zu haben, beobachtet Jakel. "So kann man viel Geld verschwenden. Also heißt meine Devise: Erst mal starten und dann das Produkt oder den Service ständig verbessern."

Auch ein anderes Mantra von Start-ups finden die beiden falsch: Die ersten Jahre irrsinnig viel arbeiten, um irgendwann den großen Exit zu machen und dann frei zu sein. Kröhnert und Jakel wollten lieber von Anfang an frei sein. "Viele Gründer wissen nicht, wann sie genug haben. Wir werden mit Strandschicht keine Millionäre, aber es finanziert unseren Lifestyle." Und der besteht nicht nur aus Reisen und Wohltätigkeit, sondern auch darin, andere Projekte neben der Firma verfolgen zu können. Sie wollen ihr Konzept unter die Leute bringen. So haben sie das sogenannte Idea Camp ins Leben gerufen, eine Art Workshop, in dem unternehmungslose Leute unter ihrer Anleitung Geschäftsideen finden und perfektionieren. Das Camp bekam in der Start-up-Szene so viel Aufmerksamkeit, dass die beiden zuletzt vom Gründer-Förderer Günter Faltin auf dessen Entrepreneurship-Summit eingeladen wurden, zudem sollen sie demnächst im Auftrag der Berliner Dekra Hochschule und der Stiftung der Deutschen Wirtschaft Studenten fit machen fürs Gründen.

Faltin ist hingerissen von Strandschicht: Es sei exakt die Anwendung seiner Empfehlung, Gründung von Management zu unterscheiden. Bei einer Gründung gehe es darum, den Kopf frei zu halten für wichtige Entscheidungen und alles abzugeben, was nicht zu den Kernkompetenzen der Gründer gehört: "Den Fokus auf ein stimmiges, überzeugendes Konzept zu legen - statt alles selbst organisieren zu wollen - ist genau der richtige, zeitgemäße Ansatz." Das sieht auch Jakel so: Das operative Geschäft zu delegieren, erlaube es Gründern, sich wieder mehr auf strategische Entscheidungen zu konzentrieren. "Wer als Gründer alles selbst machen muss, wird sehr schnell an seine persönlichen Grenzen stoßen."

Faltin plädiert deshalb dafür, Gründung aus dem engen Korsett der Betriebswirtschaftslehre zu befreien. "Masters of Business Administration gibt es in Hülle und Fülle. Was fehlt, sind Masters of New Ideas and Concepts." Tatsächlich hatte Jakel schon während des Studiums an die Selbstständigkeit gedacht, aber eben nicht daran, ein automatisiertes Unternehmen fernzusteuern: "An der Uni hat man uns eher auf Jobs in Banken und Unternehmensberatungen getrimmt. Wie man mit wenig Kapital eine Firma aufbaut oder auch nur einen einfachen Markttest macht, stand nicht auf dem Lehrplan." Für Faltin haben Unternehmen wie Strandschicht darum Vorbildcharakter: "Auch wenn es heute noch wie ein radikaler Einzelfall aussieht, wird diese Vorgehensweise Schule machen."

Auf diese Anerkennung seines noch vor drei Jahren so verrückt klingenden Plans ist Bastian Kröhnert stolz - darauf festlegen lassen mag er sich nicht. Alle paar Jahre etwas Neues machen, das ist seine Art Karriereplanung. Beweglich bleiben. Jetzt erst mal nach Istanbul. "Thomas ist nur ein paar Tage da, ich besuche ihn kurz." Sagt er und verlässt das Café, in dem andere an wolkigen Projekten feilen. Kröhnert ist kein Star der deutschen Start-up-Szene. Er veröffentlicht keine Manifeste zur Innovation, sitzt nicht in Podiumsdiskussionen mit Angel Investors. Stattdessen macht er. Und beweist so ganz praktisch, dass man heute nicht mehr seine Freiheit opfern muss, um Unternehmer zu sein. -