Der gute Mensch von der Moskwa

In den wilden Neunzigerjahren riskierte Andrei Skotsch in Moskau Kopf und Kragen, um reich zu werden. Nun, auf dem großen Geldberg sitzend, fragt er sich: wohin damit?




• Die Führung des Konzerns hat er längst seinem Partner überlassen. „Ich habe noch ein eigenes Office dort und einen persönlichen Assistenten. Aber ich bin anderthalb Jahre nicht mehr da gewesen.“ Auf Geschäftsdeutsch würde man Andrei Skotsch, 46, einen stillen Teilhaber nennen. Mit 4,2 Milliarden Dollar wohl Russlands reichsten stillen Teilhaber. Nicht dass Skotsch keinen Anteil nähme. Seinen Partner und Freund Alischer Usmanow, den »Forbes« mit 18,1 Milliarden Dollar auf dem Spitzenplatz der vermögenden Russen führt, trifft er fast täglich. „Erst gestern war er den ganzen Tag bei mir zu Hause.“ Man rede durchaus über strategische Entscheidungen, aber schon lange nicht mehr übers Tagesgeschäft. „Wir tun beide, was uns gefällt. Alischer lebt für das Business, ich liebe es, anderen zu helfen.“

Skotsch ist nicht der einzige russische Multimilliardär, der, auf dem Gipfel seines Geldberges sitzend, die Lust verloren hat, noch mehr Kapital anzuhäufen. Ausgestiegen ist trotzdem kaum einer der sogenannten Oligarchen. Jetzt kämpfen sie um Anerkennung. Und gegen das dumpfe Gefühl innerer Leere. Skotsch behauptet, er habe seinen Frieden gefunden – beim Geldausgeben.

Sein Vater hat in einer Flugzeugfabrik gearbeitet, seine Mutter wurde als Hilfskraft in einem Forschungsinstitut verstrahlt und musste in Rente gehen. Sowjetische Verhältnisse. Eine Zweizimmerwohnung im Weichbild Moskaus, Russischlehrer und Zeichentrickfilme predigten Glaube, Liebe und Hoffnung. Der Junge Andrei lernte mäßig, in der Freizeit versuchte er sich an Eishockey, Basketball, Gitarre, Zeichnen, Schach und der ersten selbst gedrehten Zigarette. Eine glückliche Kindheit sei es gewesen, sagt er. Die Eltern diskutierten, ob bald der Kommunismus komme.

In der Schule begann Skotsch zu boxen, er boxte sehr gut, gewann die Moskauer Jugendmeisterschaften ... „Schreib bloß nicht, dass Andrei geboxt hat!“, mischt sich sein Pressesprecher ein. Wir sitzen zu dritt im VIP-Raum des Cafés Noa, einem Edel-Italiener zwischen Moskwa und Gartenring. Der Sprecher trägt Anzug, sein Chef ein kurzärmeliges Hemd. Kein Schlips, keine Security. „Russische Vorurteile“, klagt der Sprecher. „Wer geboxt hat, gilt gleich als Bandit.“

Skotsch studierte Sport, nach einem Jahr wurde er zur Armee eingezogen. Jetzt hagelte es Nahkämpfe im Training mit Gast-Offizieren. Als er 1986 entlassen wurde, brodelte die Perestroika. Bald schmiss er das Studium hin, träumte neue amerikanische Träume. „Geld für ein Auto verdienen, um Eindruck bei den Mädchen zu machen“, sagt er. Er eröffnete mit einem seiner Armeekameraden eine Fladenbrotbäckerei und einen Schaschlikstand. Bald erschienen Banditen, forderten Schutzgeld. Hinter einer Vorstadtgaststätte kam es zur Rasborka, wie der Showdown damals in Russland hieß. Skotsch und ein paar Freunde standen 40 drahtigen Kerlen mit grimmigen Mienen gegenüber. In seiner Erinnerung lief es so ab:

„Ihr zahlt doch niemandem?“ „Nee, wir zahlen niemandem.“ „Also, dann zahlt ihr uns!“ „Auf gar keinen Fall!“ Skotsch glaubt, er habe dabei ebenfalls grimmig geguckt. „Dann legen wir euch um.“ „Wenn ihr uns umlegt, legen wir euch um.“

Von den Banditen hörte Skotsch nie wieder. „Schutzgelderpresser sind auch Menschen, haben auch Angst. Warum sich mit uns herumschlagen, wenn es andere gibt, die ohne Gegenwehr zahlen?“ Skotsch lächelt, arglos und doch selbstsicher, so wie die Eismeerfischer oder die Brüder Klitschko. Leute, die wissen, wie sich Angst anfühlt.

Die neurussische Geschäftswelt war wie ein großer Boxring. Ohne Richter, ohne Regeln, voller Konkurrenten und Krimineller. Andrei Skotsch war jung, fand alles spannend. Wenn er morgens aus dem Haus ging, wusste er oft nicht, ob er abends zurückkehren würde.

Er und seine Partner stiegen auf Computer um. Andere importierten fertige PCs, sie sorgten für Ersatzteile, montierten und verkauften sie mit viel Gewinn. Laut Skotsch machten sie das erste große Geld eher zufällig. „Einer von uns war mit einer Ungarin verheiratet. Er erfuhr, dass die staatliche Außenwirtschaftsbank Bürgern mit ausländischen Verwandten Rubel zum offiziellen Kurs in Dollar tauschte.“ Drei- bis viermal günstiger als auf dem Schwarzmarkt. Sie trugen ihre Computer-Rubel in Sporttaschen in die Bank und kamen als reiche Männer heraus. „Meine erste Million war es noch nicht, aber 600.000 Dollar, unvorstellbar viel Geld.“ Er kaufte sich sein Traumauto, einen Wolga.

Sie handelten weiter mit Computern, stiegen auf Benzin um, das sie oft direkt aus dem Tankwagen an Autofahrer verkauften. Sie erstanden eine Servicegesellschaft, die auf dem Flughafen Moskau-Wnukowo Flugzeuge betankte. Und sie hatten Armeekameraden als Leibwächter angeheuert, die sich Pumpguns besorgten, auf Jagdschein. Einsetzen mussten sie die nie. Er und seine Freunde hätten nur gegen Vorkasse geliefert, niemanden hereingelegt, sagt Skotsch. Andererseits verprügelte er wiederholt Burschen, die seine Mädchen im Café zu penetrant zum Tanzen aufgefordert hatten. Er hatte den Ruf, sich nichts gefallen zu lassen. Er sagt, fast alle Moskauer Unternehmer hätten sich so durchgeschlagen. Aber Oligarchen, die kremlnahen Chefs der neuen Rohstoffimperien, das war doch noch eine ganz andere Liga.

Understatement ist in Russland selten. Doch Skotsch erzählt seine Geschichte als Verkettung günstiger Fügungen. Die Ideen für die meisten Geschäfte hätten andere gehabt. Als wäre er wie ein russischer Forrest Gump: unbedarft, aber vom Glück verfolgt.

Nie habe ihn ein Geschäftspartner gelinkt. Er habe allen blind vertrauen können. Und das in einer Zeit, als man einander in Russland systematisch betrog oder gar Auftragskiller beauftragte. „Ich habe ein Gefühl für Leute. Ich weiß nach fünf Minuten, ob es Zweck hat, mit jemanden zu tun zu haben.“ Das klingt schon weniger bescheiden. Auf der Suche nach mehr Öl lernte Skotsch Alischer Usmanow kennen. „Wir gingen in ein Restaurant, tranken miteinander und stellten fest, dass wir uns gut verstehen.“

Sie trafen sich öfter. Usmanow wusste besser als der zwölf Jahre jüngere Skotsch, was Angst war. Irgendwann, im Treppenhaus vor seiner Wohnung, sagte Usmanow, er habe die Nase voll. Im Land herrsche Chaos, das Business sei lebensgefährlich, er habe keine Hoffnung, dass es besser werde. Er wolle nach Sachalin, um als Leuchtturmwärter zu arbeiten. Skotsch redete Usmanow zu, er solle sich beruhigen, man werde gemeinsam noch viele Erfolge feiern. „Ich habe ihn mit Vertrauen vollgepumpt.“ Skotschs Stimme klingt nicht besonders tief, aber zusammen mit seinen breiten Schultern und der faltenfreien Stirn hat sie wirklich etwas Beruhigendes. Es sei Usmanows Idee gewesen, 1995 das Elektrometallurgische Kombinat in Stary Oskol im Süden Russlands zu übernehmen. Ein halb toter Stahlriese, den sie mit einem slowakischen Kredit und langfristigen Exportverträgen wieder flottmachten. Das Kombinat wurde zum Flaggschiff des Konzerns Metalloinvest, der heute Russlands größter Stahlproduzent ist und 2011 mehr als 1,4 Milliarden Dollar Reingewinn abgeworfen hat. Und zu 30 Prozent Skotsch gehört.

Glaubt man ihm, keimten schon frühzeitig Zweifel an seiner Berufung zum Unternehmer. 1994 erwartete seine Freundin Fünflinge. Nun spürte auch er, was Angst hieß, Angst um Frau und Kinder. Er begann, eine gute Geburtsklinik zu suchen. „Alle in Russland schickten mich weg. Ich fuhr nach Deutschland. Auch dort schickten sie mich weg, gaben mir aber die Adresse einer Spezialklinik in der Schweiz.“ Die Entbindung verlief gut. Skotsch erzählt, die Babys seien so winzig gewesen, dass er Puppen gekauft habe, um deren Kleidchen seinen Kindern anzuziehen. Einer der Fünflinge starb nach einer Woche.

Im Jahr 1999, als das Stahlgeschäft gerade erst richtig anlief, kandidierte er erfolgreich für die Staatsduma. Schon damals drängten viele Unternehmer ins Parlament. Allerdings mussten sie als Abgeordnete ihre Geschäftstätigkeit einstellen, zumindest formal. Andrei Skotsch aber machte Ernst, überschrieb seinem Vater die Aktien, vertraute Usmanow die Verwaltung der Aktiva an. „Alischer würde ich auch mein Leben anvertrauen.“ Und das gelte auch umgekehrt.

Rührende Worte aus dem Mund eines Oligarchen. „Kindergeschwätz“, schrieb ein Blogger 2010. „Ist doch klar, Usmanow wird ihn aus Metalloinvest hinausdrängen.“ Laut »Forbes« hat Usmanow seit 2010 Skotschs Reichtum verdreifacht.

Aber auch die Erklärung, die Skotsch der Zeitung »RBK Daily« für das Ende seiner wirtschaftlichen Aktivitäten gab, irritierte viele Leser: „Ich hatte einen gewissen geschäftlichen Erfolg, aber gleichzeitig überkam mich heftige Langeweile.“ Auch wenn die meisten Russen den Reichen nicht trauen, gibt es für sie nichts Spannenderes als reich zu werden.

Der Duma-Hinterbänkler Skotsch hat in zwölf Jahren mehr als 100 Gesetzesentwürfe eingebracht, 20 wurden angenommen. Sein erster Erfolg war noch sehr egoistisch, denn er ersparte Usmanows Elektrometallurgischem Kombinat beim Umrüsten auf Krupp-Technik 130 Millionen Dollar Mehrwertsteuer. Spätere Vorschläge scheiterten oft, so gemeinnützig sie auch waren. Ein Gesetz über die Legalisierung ehrenamtlicher Helfer in Krankenhäusern etwa hakte daran, dass ehrenamtliche Helfer im russischen Recht nicht vorgesehen sind.

Der gute Mensch aus der Staatsduma aber begann, Kirchen zu bauen und Augenkliniken, verschenkte Autos an kinderreiche Familien und an Kriegsveteranen, spendierte Computertomografen, Kranken- und Polizeiwagen, ließ Soldatengräber pflegen. Mittlerweile finanziert er Jugendlichen Internet-TV-Studios, stiftet Preise für junge Schriftsteller, für Herzchirurgen und Erfinder. Aber vor allem bezahlt er Operationen, schickt todkranke Kinder ins Ausland zu Organtransplantationen, die oft Hunderttausende Euro kosten. Mehr als 1500 Operationen hat er so finanziert, mehr als 200 Millionen Dollar in gute Zwecke gesteckt.

Welcher Antrieb mag hinter den Wohltaten russischer Großunternehmer stecken? "„nsere Oligarchen haben die Mentalität von Raubtieren“, sagt der Wirtschaftsjournalist Sergei Artjomow. „Wenn sie ihr Revier schon nicht erweitern können, tun sie doch alles, um es zu verteidigen.“

Skotschs Wohltaten richten sich vor allem auf das Gebiet im Süden Russlands, wo seine Stahlwerke stehen. Seit 2003 kandidiert er in der Region Belgorod für die Staatspartei „Einiges Russland“. Der Menschenfreund rettet der Partei, die immer unpopulärer wird, einen Haufen Stimmen. Oder wie ein Kriegsveteran in Stary Oskol, dessen Augenoperation Skotsch bezahlt hat, vor den jüngsten Duma-Wahlen sagte: „Für mich zählt nicht ,Einiges Russland'. Für mich zählt Skotsch.“

„Unsere Oligarchen sind wohltätig, um dem Staat Loyalität zu erweisen“, sagt Artjomow. Die Gunst des übermächtigen Staates gilt als die meist umkämpfte unternehmerische Ressource in Russland. Und so verteilt man großzügig patriotische Gaben. Der zwölffache Milliardär Viktor Vekselberg kaufte 2004 für 90 Millionen Dollar im Ausland neun der 50 Prunk-Ostereier zurück, die einst der Juwelier Carl Fabergé für den Zaren gefertigt hatte. Und stellte sie dem Kremlmuseum zur Verfügung. Roman Abramowitsch, mehr als 13 Milliarden Dollar schwer, fungierte drei Jahre lang als Gouverneur von Tschukotka in Fernost, wo er Millionen in die Infrastruktur steckte. Nebenher beglich er für Guus Hiddink das Gehalt als Trainer der russischen Fußballnationalmannschaft.

Die Kapitalisten zahlen, der Staat spart. Man könnte es auch als eine Art Schutzgeld ansehen. "Kein Beamter hat mich je gebeten, in Belgorod wohltätig zu werden", versichert Skotsch. "Mir macht das Helfen Spaß."

Stört es ihn nicht, dass er mit seinem Geld ein korruptes System stützt, das nach Ansicht der Opposition dabei ist, Russland zu ruinieren? Skotsch lässt das nicht gelten: "Was soll ich sagen, wenn die Mutter eines todkranken Kindes zu mir kommt? Ich gebe dir kein Geld für die Operation? Geh auf die Straße? Protestiere? Ändere das System? Nein, da helfe ich lieber."

Es gibt in Russland keine Studien über die Psyche der Oligarchen. Wirtschaftsexperten glauben aber, dass ein Großteil ihre Konzerne längst Managern überlassen haben, um sich anderweitig zu verwirklichen. "Zutiefst unglückliche Menschen", urteilt der Publizist Stanislaw Belkowski. "Sie betrachten Geld weiter als einzig echten Wert eines Menschen, versuchen das Glück zu kaufen und begreifen nicht, warum das nicht funktioniert."

„Ich bin Egoist: Helfen macht mir Vergnügen!“

Viele russische Mogule richten ihre Barmherzigkeit auf sehr spezielle Zielgruppen. So scheint ihnen besonders an der Liebe und Dankbarkeit angelsächsischer Ballsportfans gelegen zu sein. Der neunfache Milliardär Michail Prochorow kaufte einen heruntergekommenen Basketballklub in New Jersey. Usmanow investierte in den Londoner Fußballclub Arsenal, Abramowitsch steckte gar 700 Millionen Euro in den FC Chelsea. Ob er glücklich ist, wenn das ganze Stadion an der Stamford Bridge „Kalinka“ singt?

„Ich bin 15 Stunden am Tag aktiv. Ich kann mir nicht vorstellen, auf dem Sofa zu liegen und über den Sinn des Lebens nachzudenken“, sagt der Jetski-Fahrer, Kickboxer, Biathlonverbandspräsident und Parteiengründer Prochorow dem von ihm selbst finanzierten Hochglanzmagazin „Snob“. Alphamännchen, die früher um Aktienmehrheiten rangen, jagen heute nach Fabergé-Eiern, Wählerstimmen oder Weltklassestürmern. Nach allem, was man mit Geld kaufen kann und was Ruhm verspricht.

Skotsch steht morgens auf, geht joggen, ganz allein, am Ufer der Moskwa. Danach drei Stunden lesen, musizieren, Gitarre oder Trommeln, manchmal schreibt er auch Gedichte. Nachmittags trifft er sich mit seinen Assistenten aus dem Parlament, mit Mitarbeitern seiner Stiftung. „Außerdem habe ich ja inzwischen neun Kinder zu erziehen.“ Ein Stundenplan, in dem Geld keine sonderliche Rolle mehr spielt.

Er führt weder Naomi Campbell noch andere Models aus, besitzt keine Jachten, keine Landsitze im Ausland. Er schaut nicht jedes Wochenende Coppolas „Pate“ auf DVD, um sich seelisch zu stärken. Er gibt Männermagazinen keine Interviews, in denen er sich mit seinem Adrenalin brüstet. Andrei Skotsch erzählt lieber von einem Plakat, das er auf dem Moskauer Autobahnring entdeckte: „Hilfe“ stand darauf und eine Telefonnummer. Er rief an und erfuhr von einer Krebskranken, die die Ärzte schon aufgegeben hatten. Er schickte sie im Sanitätsflugzeug nach Deutschland. Solche Geschichten mag er.

Glücklich sei man erst, wenn man sich für etwas begeistere, sagt Skotsch. Er selbst habe sein Glück, seinen Platz im Leben gefunden: Menschen helfen. „Dabei bin ich eigentlich Egoist. Weil es mir Vergnügen bereitet zu helfen.“ Wie er das sagt, klingt es echt. Man glaubt ihm. Aufgeschrieben wirkt es wieder pathetisch. Wie Zitate anderer Oligarchen. Vielleicht weil wir uns von Reichen nicht über Glück und Selbstfindung belehren lassen wollen? ---