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Wir sind so frei

Vier Mittelständler, normale Leute mit normalen Geschäften. Sie haben wenig gemein. Nur eines – alle sagten irgendwann: so nicht mehr!




Rät anderen Unternehmern, es ihm gleichzutun: Johannes Genske in seinem Kölner Möbelgeschäft

I. Johannes Genske (58), Möbelhändler

"Der Bank ein Schnippchen schlagen."

Das Wasser stand ihm bis zum Hals, als Johannes Genske beschloss, sich freizuschwimmen. Der Kölner Möbelhändler musste eine defizitäre Filiale in Düsseldorf schließen, rund 10 000 Euro Verlust hatte er mit ihr gemacht, jeden Monat. Als er die Reißleine zog, kündigte ihm die Bank die Konten und stellte einen Kredit von 90 000 Euro fällig. "Das war wohl eine Art Mittelstandsbereinigung", sagt Genske heute. "Innerhalb eines Monats musste ich Geld besorgen, oder die hätten mich vor Gericht gezerrt."

Einzelhändler wie er haben in einer solchen Lage kaum eine Chance, mit heiler Haut davonzukommen. "Sie schießen aus Ihrem Ersparten zu", so Genske, "oder verscherbeln Ihr Tafelsilber." Doch er hatte keines. Andere Banken winkten ab. Seine Lieferanten waren selbst klamm. Eigentlich blieb ihm nur, den Laden dichtzumachen. Nicht nur in Düsseldorf, sondern auch das Hauptgeschäft in Köln, nach 15 erfolgreichen Jahren, mit einem Jahresumsatz von damals 2,5 Millionen Euro und 15 Mitarbeitern.

Doch Genske hing an seinem an sich gesunden Geschäft, dem Handel mit Biomöbeln. Da fielen ihm seine Kunden ein, von denen nicht wenige Geld genug haben: "Das muss doch irgendwo investiert werden." Er setzte sich hin und schrieb einen Brief an etwa 1000 seiner 10000 registrierten Kunden: "Schlagen Sie Ihrer Bank ein Schnippchen." Er bot ihnen gegen eine Einlage von 10000 Euro vier Prozent Zinsen, einen Anteil am Unternehmensgewinn und günstige Einkaufskonditionen. Sie sollten stille Teilhaber von Genskes GmbH werden.

Der Unternehmer gab offen zu, in Schwierigkeiten zu stecken. "Klar hatte ich Angst davor. Aber ich habe mich nicht geschämt. Ich bin mit der Düsseldorfer Filiale ins Risiko gegangen, und es hat nicht funktioniert. Das ist nicht ehrenrührig. Diese Niederlage bedeutete nicht, dass mein Geschäftskonzept nichts taugt." Genske ging trotz des hohen Drucks mit Bedacht vor. Er schrieb Stammkunden an, die ihre Möbel immer auf einen Schlag bezahlten, wies auf "Spielgeld" hin, das sie vielleicht investieren könnten. Und er bat nicht um Darlehen, weil die nicht ins Eigenkapital einflössen. Das aber war sein Ziel, denn er wollte sich aus der Abhängigkeit von den Banken befreien. "Nur mit einer hohen Eigenkapitalquote kann man wirklich verhandeln. Ich brauchte schließlich neues Geld nicht nur für das laufende Geschäft, sondern auch für Investitionen."

Das erklärte er seinen Kunden. Er verhehlte nicht das Risiko, hatte aber auch Vorteile zu bieten: Stille Teilhaber bekommen Einsicht in die Bücher, bei Entscheidungen jenseits des Tagesgeschäftes sprechen sie mit. Sollte ihre Einlage verloren gehen, können sie den Verlust steuermindernd geltend machen. So gewann er 13 Kunden als stille Teilhaber, die insgesamt 130000 Euro bei ihm investierten.

Das verschaffte ihm die nötige Luft. Er konnte den Kredit ablösen, seine Lieferanten bezahlen und neue Ware zu günstigeren Bedingungen ordern. Die Preisvorteile gab er an seine Kunden weiter – was seinem Geschäft neuen Schwung gab. Und mit seinen stillen Teilhabern und der höheren Eigenkapitalquote fand er schnell andere Banken, die ihm Kredite zu besseren Konditionen boten. Die nutzte er, um sein Ladengeschäft zu renovieren und auszubauen. "Ich habe mir Spielraum geschaffen, statt nur Löcher zu stopfen", sagt Genske.

Bis heute, mehr als acht Jahre nach der Krise, sind ihm seine stillen Teilhaber treu und erzielen eine Rendite von durchschnittlich sechs Prozent, er selbst rechnet für das Jahr 2011 mit einem Umsatz von vier Millionen Euro. Genske ist mittlerweile ein umworbener Mann bei den Banken, denn seine Eigenkapitalquote liegt bei 40 Prozent. "Ich könnte wieder verhandeln, das ist doch ein Erlebnis." Ohne seine stillen Teilhaber hätte er das nie geschafft, auch deshalb denkt er gar nicht daran, sie wieder loszuwerden. " Je weniger ich auf eine Bank angewiesen bin, umso ruhiger schlafe ich." Die letzten Kredite hat er in diesem Jahr abbezahlt.

Besser kann man es als Einzelunternehmer eigentlich nicht treffen. Daher wundert sich Genske, warum nicht mehr Mittelständler es ähnlich machen. Weil sie sich ihren Kunden offenbaren müssten? "Bei einer Bank müssen Sie sich auch entblößen." Weil man an Einfluss verliert im eigenen Unternehmen? "Meine Teilhaber wollten bis heute nicht in die Bücher gucken." Weil nicht jeder eine solch solvente Kundschaft hat?

Für Johannes Genske ist auch das kein Gegenargument. Privatleute seien doch auf der Suche nach soliden und sinnvollen Investitionsmöglichkeiten. "Man braucht nur eine überzeugende Idee und eine Kundschaft, die das Unternehmen kennt. Ein Unternehmen mit einer Funktion, mit einer Geschichte, die beweist, dass es eigentlich gesund ist. Und das kann auch ein Dachdecker sein - auch der hat mit Besitzern von Mietshäusern vermögende Kunden."

II. Peter Esser (46), Brauer

"Ich habe mir meinen Traum erfüllt."

Beim ersten Versuch in der elterlichen Küche stieg so viel Dampf auf, dass sich der Kleber löste und die Schmuckteller von der Wand fielen. Mehr als 30 Jahre später steht Peter Esser vor einem mannshohen Stahlbottich, schüttet Malz aus einem weißen Papiersack in 50 Grad heißes Wasser, dann rührt er mit einer armlangen Holzstange darin herum. Wieder dampft die Maische. Später wird er sie filtern, Hopfen und Hefe hinzugeben, wird gute zwei Wochen später sein Helios-Bier unter die Leute bringen, in der "Braustelle" in Köln, seiner eigenen Kneipe, an deren hinterem Ende die Brauanlage offen steht. Jedes Jahr braut Peter Esser so 500 Hektoliter Bier, zwischen rot und grün gestrichenen Wänden.

"Ich habe mir meinen Traum erfüllt", sagt Esser, "mit der ,Braustelle' habe ich Nein gesagt zum Angestelltendasein, zur Gängelung, zum Sterben auf Raten. Jetzt entscheide ich selbst, und nur so kann ich machen, was ich wirklich will: brauen."

Es dauerte eine Weile, bis sich Esser seinen Traum erfüllt hatte. Er ist ein ruhiger Mann, nicht groß, kräftig, er macht wenig Aufhebens um sich. Er hat eine Frau und zwei Kinder, spielt Mandoline in einer Country-Coverband. "Bier? Für mich gehört das einfach zum Leben. Ich fühle mich wohl damit. Das Brauen ist sinnlich, man kann was riechen und anfassen. Das passt zu mir, ich bin eher ein Handwerkertyp."

Auf den Geschmack ist er früh gekommen. Seine Eltern hatten einen Garten, setzten Obstwein auf. Dass man auch Bier zu Hause brauen kann, sieht er als Schüler im Fernsehen, und dann nimmt er sich einen Kochtopf, Babywindeln zum Filtern und bastelt sich aus Korken und einem Schaschlikspieß eine Art Thermometer. Er mischt und heizt – "am Ende war das eine Riesensauerei, die ganze Küche war verklebt, und das Bier hat auch nicht geschmeckt, aber es war eine Erfahrung."

Zunächst lernt er Industriekaufmann bei Siemens, eine solide Ausbildung, außerdem ist sein Vater auch in der Firma, aber die Arbeit ist ihm doch deutlich "zu trocken". Deshalb absolviert Esser nebenher Praktika in kleinen Brauereien, wo noch Holzfässer gepicht werden und die Hefe in offener Gärung schäumt. "Ich habe Tanks geschrubbt und Fässer geschleppt, aber dieses Alchimistische, das hat mir gefallen. Dann wusste ich: Brauen, das ist es." So studiert er mit Mitte 20 Brauereitechnik in Weihenstephan. 1993 ist er fertig.

Aber er findet keinen Job. Ihm fehlen Praxis und Kontakte, auch weil er nicht mitgezecht hat in den Studentenverbindungen. So kehrt er zurück zu Siemens und vertreibt Medizintechnik. Doch dort hält er es nur ein halbes Jahr aus. Er träumt von einem Posten in einer kleineren Hausbrauerei, und als er schließlich doch einen Braumeister-Job in einem Kölner Gasthaus findet, sieht er sich am Ziel.

Und wird enttäuscht. Zwar braut Esser Kölsch, Weizen- und Schwarzbier, etwa 2000 Hektoliter im Jahr, das gefällt ihm. Aber er will Neues ausprobieren: "Ales, Stouts, Bockbiere, Rauchbiere, man kann auch Kräuter zusetzen – es gibt so viel auszuprobieren. Aber mein Chef sagte immer nur: Das brauchen wir nicht. Und wenn ich mal randurfte, wurde das Bier über einen ungekühlten Hahn gezapft, das hat nur geschäumt. Kein Wunder, dass das bei den Leuten nicht ankam."

Daran ändert sich auch nichts, als Esser für sein Schwarzbier im Ausland einen Preis gewinnt – sein Chef erlaubt ihm nicht einmal, zur Preisverleihung zu reisen. Stattdessen lässt er seinen Brauer Kessel schrubben. "Ich hatte keinerlei Unterstützung", sagt Esser, "und das Geld stimmte auch nicht." Sechs Jahre lang gärt es in ihm, dann zieht er einen Schlussstrich unter das Dasein als Angestellter. "Mir wurde klar: Ich will kreativ sein, das kann ich nur in einer eigenen Brauerei."

So kauft er sich eine alte Brauanlage und legt seinem Chef im Frühjahr 2001 die Kündigung auf den Tisch. Er hat noch kein eigenes Lokal, das macht ihm Angst. "Zugleich aber fühlte ich mich unglaublich erleichtert." Im Dezember 2001 eröffnet er schließlich seine "Braustelle". Zehn Jahre ist das nun her. "Ein langer Weg", sagt Peter Esser, "erst jetzt ist es so, wie ich es immer wollte."

Denn Esser ist vorsichtig. Zwar weiß er sofort, was er will "nicht so ein feines Brauhaus, eher etwas Szeniges, wo man auch mal feiert". Aber er übernimmt eine "Genickschuss-Kneipe" mit üblem Leumund und fängt klein an, mit einer Sorte Bier und Eintopf. Auch beim Interieur setzt er auf ein "Minimalkonzept", man weiß ja nie, ob die Sache gut geht. So ist Esser selbst ein bisschen überrascht, dass sich seine "Braustelle" zügig füllt.

Was ihn einerseits freut, aber auch belastet. Denn er will ja brauen. "Die Gastronomie selbst liegt mir gar nicht so sehr. Gäste bedienen, auf sie zugehen, da fühle ich mich nicht wirklich wohl." Er möchte das schnell delegieren, aber noch lange steht er selbst hinterm Tresen. Erst fünf Jahre nach der Gründung kann er den ersten Restaurantleiter einstellen. Es folgen noch einige Wechsel: "Wie das so ist in der Gastronomie – bis man das richtige Personal findet, dauert es. Aber jetzt ist das Restaurant in guten Händen, und ich kann im Hintergrund experimentieren. Darauf habe ich all die Jahre hingearbeitet."

Peter Esser braut nun endlich, wie es ihm passt. Zwei Tage die Woche obergäriges Helios, zudem Alt- und Weizenbier. Er hetzt sich nicht und findet auch Zeit für die Spezialitäten: Rauchweizen, bei dem das Malz über Buchenholz aromatisiert wird, das besonders starke Hoppeditz-Altbier, Bier mit Schokolade, Kaffee oder versetzt mit Rosmarin, Wacholder oder Hibiskusblüten. Nun ist er am Ziel. "Dafür brauchst du einfach deinen eigenen Laden."

Wobei sich in Zukunft herausstellen wird, ob dieser Laden so bleibt, wie er ist. Seit Esser auf eigene Rechnung braut, zeigt er sich immer wieder auf Messen und nimmt sich Zeit für die Kontaktpflege mit anderen Brauern und Bierhändlern. Weshalb es seine Produkte mittlerweile auch in Großbritannien und den Niederlanden gibt, die USA und Kanada werden folgen. "Wenn ich jeden Tag brauen würde", sagt er, "würde ich 2000 Hektoliter schaffen. Aber selbst dann wäre ich noch ein kleiner Brauer. Und darauf kommt es schließlich an." [3]

III. Alois Harich (53), Steinmetz

"Sonnenuhren statt Seelenrutschen. Ich päppele mich wieder auf."

Alois Harich reißt krachend das graue Blechtor in die Höhe. Dahinter eine leere Werkstatt, eigentlich eine Doppelgarage, im Anbau eines kleinen Fachwerkhauses in Olzheim in der Eifel. Kalt ist es darin, und eigentlich sieht es hier nach nichts aus.

Doch in Harichs Kopf kreisen die Gedanken um die Zukunft. In einigen Tagen will er Meißel, Hämmer, Blätter für die Flex, Pressluftpistole, Drehbock und einen Flaschenzug aus dem Keller hineinschaffen. "Sicher, das ist hier keine große Sache", sagt er. "Aber damit päppele ich mich wieder auf. Ich habe so viele Ideen, für Skulpturen, Briefkästen, Sonnenuhren. Oder für zwei große, ineinander verschlungene Eheringe für Hochzeitspaare, mit eingravierten Namen. Die können sie sich dann in den Garten stellen."

Der Steinmetz steht wieder am Anfang. Nach erfolgreichen Jahren mit einem eigenen Betrieb, bis ihn die Umstände daraus vertrieben. "Ich bin gern Steinmetz", sagt Harich, "aber so wie vorher konnte es nicht weitergehen. Globalisierung, Preiskampf, der Pfusch, den das erzwingt – dafür habe ich mein Handwerk nicht gelernt. Ich wollte nur noch weg."

Vor gut drei Jahren war das. Dann wurde er Hotelier. Hotelier? "Das war ein Umweg", sagt Harich, "aber beides fügt sich jetzt wieder zusammen zu einem Ziel."

Er erinnert sich gut an seine goldenen Zeiten als Grabsteinmetz. Schon 1973 macht er die Lehre, sechs Jahre später steigt er in der väterlichen Firma ein. Besonders gut ist er im Umgang mit Schriften: Er meißelt Namen in Marmor, Basalt, Granit. "Das war richtig Handarbeit, man entwickelt seine ganz eigene Art." Nach dem Tod des Vaters übernimmt er den Betrieb, der Bruder kommt hinzu, in ihren besten Zeiten beschäftigen die Harichs acht Mitarbeiter.

Zwar wird immer gestorben, doch das Bestattungsgeschäft ändert sich Mitte der neunziger Jahre. Chinesen und Inder schicken containerweise vorgefertigte, billige Steine. "Die haben mit ihren polierten Seelenrutschen den Markt überschwemmt", erinnert sich Alois Harich. "Da kloppte man nur noch die Namen rein, am besten mit der Maschine. Oder schraubte lausige Bronzebuchstaben drauf. Und dann haben billige Subunternehmer die Teile aufgestellt."

In der Firma der Brüder Harich wird es ungemütlich. "Plötzlich entschieden sich 80 Prozent der Leute über den Preis, es war völlig egal, wie das Ding aussah." Es kommt zu harten Preiskämpfen zwischen den Steinmetzen, sie ködern Bestatter mit Provisionen und stecken selbst Friedhofsgärtner ihre Visitenkarten zu, versprechen für jede Vermittlung ein Handgeld.

Harich ist das alles zuwider. Er sagt, dass man Steine spüren kann, dass man sich so angenehm klein fühlt neben ihnen. Dass in jedem Stein etwas ganz Eigenes steckt, das man herausarbeiten kann. "Man muss nur den Rest wegschlagen." Noch lange versucht er sein Handwerk so zu pflegen, wie er es für richtig hält. Er spezialisiert sich auf Einzelstücke aus Naturstein, buckelt Basalt aus längst aufgegebenen Steinbrüchen. Er will persönliche Gedenksteine schlagen – "Warum soll ein Jäger nicht ein Hirschgeweih auf seinen Grabstein kriegen?" –, doch er merkt, dass die Hinterbliebenen das gar nicht wollen. "Hauptsache pflegeleicht." Und Handarbeit? "Die übernahmen billige Steinmetze aus Polen, diese Lücke hatte sich schnell wieder geschlossen."

Harich rast pausenlos umher, misst auf, schreibt Angebote oft vergeblich. "Man rennt den Kunden hinterher, nur um auf eine schwarze Null zu kommen. Am Ende des Jahres hast du nicht mehr Geld in der Tasche, aber viel Arbeit an Steinen hinter dir, die dir gar nicht mehr gefallen. Und da habe ich mich irgendwann gefragt, ob ich denn mit solchen Steinen selbst ins Grab sinken will. Wie viel Lebenszeit ich damit noch verschwenden soll."

Er weiß, wie schnell die eigene Zeit abgelaufen sein kann. Als er sich auch noch mit seinem Bruder zerstreitet, geht es ihm richtig dreckig. "Ich lebte abgestumpft, wie in Trance." Im Jahr 2008 endlich entschließt er sich, aus der Mühle auszubrechen, und übernimmt mit seiner Frau das "Haus Feldmaus", ein heruntergekommenes kleines Hotel in der Eifel. Er nimmt kein Werkzeug mit, kein Material. "Ich habe mein vorheriges Leben hinter mir gelassen."

Das neue fordert ihn. Morgens serviert er den Gästen das Frühstück, über Tag renoviert er das marode Hotel, am Abend pendelt er wieder zwischen Küche und Gastraum. Aber trotz der vielen Arbeit kommt Ruhe in sein Leben, und im Sommer 2009 beschließt Harich, "sich wieder rumzudrehen zu den Steinen".

Er fängt ganz klein an. Er kauft sich gebrauchtes Werkzeug, denn für neues hat er kein Geld. Er sammelt weggeworfene Sandsteine aus Steinbrüchen und gebrauchte Bordsteine. Er weiß, das ist ein Abstieg, aber das macht ihm wenig aus.

Denn er setzt wieder an dem an, was ihm gefällt, und baut Sonnenuhren, so wie früher, als sie sein Hobby waren. Für ihn sind Sonnenuhren kein Kitsch, er liebt das Filigrane daran, und die Erkenntnis, dass man die Zeit nicht beeinflussen kann. Die Vorgänge in der Natur, die sich im wandernden Schattenstrich zeigen. Er schlägt den Stein in den wenigen freien Stunden, und sind die Uhren fertig, stellt er sie in den Garten des Hotels.

Er merkt, dass sich mit seinen Gästen auf einmal wieder Menschen für seine Arbeit interessieren. "Die sprachen mich an und wollten etwas wissen", sagt Harich, "und nicht nur den Preis. Sie haben sich damit beschäftigt. Und plötzlich wollte auch wieder jemand etwas kaufen. Nicht irgendwas, sondern ein Schmuckstück."

So gewinnt der Steinmetz Harich wieder das, was er in seinem alten Betrieb verlor: Freude an der Arbeit, Stolz auf seine Handwerkskunst und Kunden, die ihn schätzen. Er fährt mit dem Kompass raus zu den Leuten, schaut, wie die Bäume die Sonnenstrahlen lenken, welche Uhr zu welchem Menschen passt. Er metzt "für die Lebenden, nicht für die Toten", und auch wenn es bis heute nur eine Handvoll Kunden sind, denen er solche Stücke liefert, gewinnt er wieder Mut.

Harich zieht das Tor seiner neuen Werkstatt wieder krachend nach unten. Er muss weiter, im Hotel wartet Arbeit auf ihn, aber sie wird weniger werden, weil seine Tochter mit eingestiegen ist in das Geschäft. Die "Feldmaus", sagt Harich, sei dann wirklich eine gute Basis für das, was er vorhat. Steine metzen, aber nicht für die Masse. Kurse geben, Anfragen gebe es genug. Wieder arbeiten in dem Beruf, den er gelernt hat, den er eigentlich liebt. "Kommerziell, aber nicht mehr fünf Tage die Woche, sondern so, wie ich kann. Und wie ich will."

IV. Karl-Josef Vermöhlen (53), Bauer

"Ein fairer Milchpreis. Das haben wir geschafft. Mit unseren paar Männekens."

180 Milchkühe. Das bedeutet morgens vier Stunden melken. Und abends noch einmal vier Stunden. Dazwischen füttern, die Nachzucht aufpäppeln, den Stall reparieren. Auch samstags und sonntags. "Ich arbeite bis zu 80 Stunden die Woche und komme auf einen Stundenlohn von sieben Euro", sagt Karl-Josef Vermöhlen, Milchbauer aus Sonsbeck am Niederrhein. "Das ist doch Ausbeutung." Nur zweimal sei er in seinem Leben in den Urlaub gefahren. Immer nur Arbeit. "Dafür will ich einen anständigen Milchpreis, aber den gibt's nicht."

Mit 18 Jahren hat Vermöhlen den Hof vom Vater übernommen. Jahrzehntelang hat er mitgespielt: Milch ist für Handelskonzerne eine Lockware und muss billig sein. Sie pressen die Molkereien, die geben den Preisdruck an die Milchbauern weiter. "Die bekommen dann, was übrig bleibt", sagt Vermöhlen, "gerade so viel, dass sie nicht aufgeben. Aber das ist keine Basis."

Deshalb hat er sich ausgeklinkt, zumindest teilweise. Aus dem Bauern, der nur Milch produzierte, wurde ein Bauer, der die Vermarktung in die eigenen Hände nahm. Weshalb er seit Oktober 2010 für ein Viertel seiner jährlich 1,4 Millionen Liter Milch 40 Cent pro Liter bekommt. "Das ist fair", sagt Vermöhlen, "und deswegen heißt sie auch ,faire Milch'. Weil es sie gibt, kann ich Milchbauer bleiben, ohne nur der Knecht zu sein."

Zunächst hat es Vermöhlen mit Politik versucht. In den neunziger Jahren kämpfte er mit den rebellischen Bauern vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) für seine Interessen. Höhepunkt war der Milchstreik 2008, als Bauern bundesweit ihre Ware in Gullys schütteten oder mit großen Sprengwagen auf ihren Feldern verteilten. "An der systematischen Ausbeutung hat sich nichts geändert", sagt Vermöhlen. Aber es gäbe Vermöhlens faire Milch ohne diese Auseinandersetzung nicht. Denn er erkannte: Solange nicht die Bauern selbst mehr Einfluss auf die angebotene Milchmenge bekommen, wird sich nicht wirklich etwas ändern. "Das aber dauert 20 Jahre und länger. Mir wurde klar, dass wir sofort etwas für uns tun mussten."

Was Vermöhlen nicht wollte, war ihm ebenfalls klar: nicht wachsen auf etwa 500 Kühe, wegen des Flächenverbrauchs und weil er kleinere Bauern nicht noch mehr unter Druck setzen wollte. Seine Kühe mit Medikamenten und Kraftfutter zu höherer Leistung bringen? "Kam nicht infrage – meine Kühe sollen ihre Milch freiwillig geben. Und ich will nicht dreimal am Tag melken, vielleicht noch mithilfe rumänischer Billiglöhner. Das ist keine Art."

Vermöhlen dachte lieber über seine Ware nach. "Wir brauchen ein Produkt, über das der Kunde selbst entscheiden kann, wir müssen den Leuten etwas bieten." So kommt er im Frühjahr 2010 auf die "faire Milch", ein Konzept, das die mit dem BDM assoziierte Milchvermarktungsgesellschaft MVS kurz zuvor in Süddeutschland umgesetzt hatte.

Seine Milch wird von der Molkerei nun ordentlich bezahlt. Im Gegenzug füttert er seine Kühe lieber mit Gras als mit Kraftfutter, wobei das Gras bienen- und kleintierfreundlich wächst und gemäht wird, und gentechnikfrei muss ohnehin alles sein. Verarbeitet und verkauft wird die Milch nur in dem Bundesland, in dem sie auch erzeugt wird. Die Milch hat einen besonders hohen Anteil an Omega-3-Fettsäuren, und jeder Bauer muss sich ein kleines Projekt suchen, das der Umwelt nützt.

Klingt gut, ist für einen Bauern jedoch eine ziemliche Hürde. Denn er braucht andere, die mitmachen: eine Molkerei zur Verarbeitung, Händler für den Verkauf und Kunden, die für einen Liter Milch zwischen 89 Cent und 1,09 Euro ausgeben. "Das haben wir alles geschafft", sagt Karl-Josef Vermöhlen, "wir stinkige Bauern. Nicht schlecht, oder?"

Halb zieht es sie, halb werden sie getrieben. Acht andere Bauern zu finden fällt Vermöhlen nicht schwer – es sind Anführer des Milchstreiks zwei Jahre zuvor. Ihre Molkereien haben ihnen die Verträge gekündigt – "von wegen ihre Höfe würden nicht mehr in die Abholtour passen, dabei wollten die doch nur diejenigen zur Strecke bringen, die aufmuckten". Statt ihrer alten Molkerei "in den Hintern zu kriechen", gründen sie nun lieber ihre eigene "Milcherzeugergemeinschaft NRW". Und sie stellen ihre Produktion um, trotz der Angst, dass ihre Kühe dadurch womöglich weniger Milch geben. Sie füttern mehr Gras, spritzen weniger, lassen die Tiere länger draußen. Um den erhöhten Fettsäureanteil zu erreichen, experimentieren sie beim Futter mit Rapsschrot und Leinsaat, jede Woche gleichen sie ihre Ergebnisse ab.

Sie stellen fest, dass sich die Mühe allein deshalb lohnt, weil Gras deutlich billiger ist als Kraftfutter. Weil die Tiere wegen der robusten Haltung seltener krank werden. "Wir sparen 80 Prozent der Tierarztkosten. Insgesamt ist das viel wirtschaftlicher als die alte Art. Das hätten wir vorher nie gedacht." Und die Kühe geben nicht wesentlich weniger Milch als zuvor.

Mit steigendem Selbstbewusstsein suchen sie sich eine Molkerei. Wiederholt werden sie abgewiesen, denn sie gelten als Konkurrenten, wollen sie der Molkerei doch nicht die Vermarktung überlassen. Schließlich finden sie eine kleine Privatmolkerei, die sich die Kooperation allerdings auch gut bezahlen lässt.

So weit bewegen sich die Bauern im gewohnten Kosmos. Anders wird das, als sie die Handelsketten für sich gewinnen wollen. Mit dieser Welt hatten sie zuvor nie etwas zu tun: "Wir hatten doch gar keine Connections." Deshalb suchen sie sich einen Fachmann bei der MVS aus Süddeutschland – den schicken sie vor zu Rewe in Köln und Dortmund. Der Mann schafft es, die ersten Deals einzufädeln, wohl auch, weil Rewe bereits in Süddeutschland bei der fairen Milch mitmacht. Nun springen die Bauern selbst über ihren Schatten. Mit jeweils zwei Mann klappern sie die regionalen Edeka-Märkte ab, "immer schön zwischen den Melkzeiten", stellen sich mit ihrer Milch in den Gang, reden mit den Leuten, und manchmal nehmen sie ihre Frauen mit. Nach und nach gewinnen sie so elf Edeka-Märkte für ihre faire Milch. "Ist doch erstaunlich, was wir als Bauern so alles können", meint Vermöhlen, "wir mit unseren paar Männekens."

Jetzt im Winter ziehen sie wieder los, hin zu den Edeka-Märkten ihrer Region. Schließlich reicht der Absatz bislang nur für ein Viertel der Gesamtmenge, und erst wenn sie 50 Prozent erzielen, wollen sie ihre Erzeugergemeinschaft vergrößern. Karl-Josef Vermöhlen denkt derweil an faire Butter und an einen Profi, den sie einstellen müssten. Für die Kontaktpflege, für Werbung im Radio und im Fernsehen. Bauer sucht Markt. "Klar", sagt Vermöhlen, "denn wenn man sich nicht verändert, kann man das Buch doch gleich zuklappen."