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Uni? Nein danke!

Junge Amerikaner verweigern sich der Universität. Weil sie nicht in der Schule, sondern im Leben lernen wollen.




Verließ die altehrwürdige Harvard Universität freiwillig: Ben Yu

• Auf der Website www.uncollege.org springt eine große schwarze Zahl sofort ins Auge: 25250 Dollar. "Durchschnittliche Verschuldung nach dem Studienabschluss" steht darunter. Es finden sich dort Sätze wie: "Wir zahlen zu viel für das College und lernen zu wenig." Oder: "Wenn du unauffällig und durchschnittlich sein willst, geh aufs College." Die Seite wird von Dale Stephens betrieben, einem 19-Jährigen, der nach einem Semester die Uni schmiss und seine E-Mails mit "Chief Educational Deviant" (Chefbildungsabweichler) unterschreibt. Er habe das Studium als weltfremd, die Kontakte mit den Professoren als oberflächlich empfunden, erzählt er. Wenn er eine wirklich gute Ausbildung haben wolle, sei ihm klar geworden, könne er sich nicht auf eine Universität verlassen.

Als Uncollege im Februar 2011 online ging, reagierte der "Chronicle of Higher Education", das Zentralorgan für höhere Bildung, prompt und beschrieb die Website als Projekt eines frustrierten Jugendlichen, der das Establishment provozieren wolle. Doch Dale Stephens steht mit seiner Kritik nicht allein da. Wenn man einer kleinen, aber lautstarken Gruppe von Hochschulskeptikern glauben darf, ist der Gang auf ein College für viele Studenten ein nutzloser, wenn nicht schädlicher Zeitvertreib. Die Universitätsausbildung sei zu schlecht, zu teuer und halte von den wichtigen Dingen im Leben ab.

Unterstützung bekommen die Boykotteure auch aus der akademischen Welt, etwa von einem geheimnisvollen Professor X, der im Magazin "Atlantic" die Praxis, Millionen von jungen Leuten enorme Schulden für ihre Ausbildung aufzubürden, für unmoralisch erklärte, oder von dem Ökonomieprofessor Richard Vedder, der im "Chronicle of Higher Education" darauf hinwies, schon heute würden 17 Millionen Hochschulabsolventen als Postbote, Stewardess oder in anderen Jobs arbeiten, die man ohne Studium gut bewältigen kann. So entstand eine kleine Bewegung, die die Universitäten in den USA verändern könnte.

Es gibt viele Ideen, man muss sie nur anpacken

Denn auch zahlreiche Wirtschaftsbosse zweifeln an der Notwendigkeit eines College-Abschlusses. James Altucher beispielsweise, ein New Yorker Hedgefonds-Manager, Investor und Buchautor, predigt, junge Leute könnten ihre Zeit sinnvoller als im Hörsaal oder in der Bibliothek verbringen. In seinem Blog hat er eine Liste von Alternativen erstellt: die Welt bereisen, in der Entwicklungshilfe arbeiten, Stand-up-Comedy lernen oder – am besten eine Firma gründen. Auch Caterina Fake, Mitgründerin von Flickr, outete sich als College-Skeptikerin. Sie hat zwar einen Abschluss in englischer Literatur, doch Hochschulen, so ihre Überzeugung, sind nicht dafür geeignet, Unternehmer auszubilden. Die dafür notwendigen Fähigkeiten könne man sich viel besser aneignen, indem man bei einem Start-up arbeite. "Wenn du Entrepreneur werden willst", rät sie, "brich das College ab."

Die größte Aufmerksamkeit hat Peter Thiel erregt. Der milliardenschwere Paypal-Mitgründer und Facebook-Investor gibt regelmäßig Interviews, in denen er das College-System als Innovationsbremse beschreibt. Absolventen, die nach dem Studium mit hohen Schulden dastünden, argumentiert er, könnten kaum das Risiko eingehen, eine Firma zu gründen. Auf dem Markt für höhere Bildung, warnt er, bilde sich eine Blase. Wie zuvor bei Internetaktien und Immobilien bezahlten die Menschen heute zu viel für einen Hochschulabschluss. Den Wert von Bildung infrage zu stellen sei so, als zweifle man gegenüber einem Dreijährigen die Existenz des Nikolaus' an, erklärte er bei einer Podiumsdiskussion in Chicago: "Niemand will Kinder erschrecken, aber wir können uns eine dritte Blase in diesem Land nicht leisten."

Bei Warnungen hat es der Provokateur nicht belassen. Über seine Stiftung rief er ein Programm ins Leben, das 100000-Dollar-Stipendien an junge Leute bis zum Alter von 20 Jahren vergibt. Die Bedingung: Ein Stipendiat muss zwei Jahre der Universität fernbleiben und stattdessen mit ganzer Kraft ein zukunftsweisendes Projekt verfolgen. Ende Mai 2011 erhielten 24 Heranwachsende ihren ersten Scheck.

Ben Yu ist einer von ihnen. Seit ein paar Monaten wohnt er in einem schicken Apartmentturm mitten in San Francisco. Diese Welt ist noch neu für ihn, das merkt man dem 19-Jährigen an. Der Sohn chinesischer Einwanderer ist in einem der typisch amerikanischen Vororte in Illinois aufgewachsen. Für die Eltern und auch für ihn selbst war es nie eine Frage, dass er mal studieren würde. Am Ende der Highschool bewarb er sich in Harvard und wurde prompt angenommen. Er wählte Molekularbiologie, regenerative Biologie und Volkswirtschaft, Fächer, die ihn leidenschaftlich interessieren. Trotzdem war er unglücklich.

Es sei alles so behäbig, eng und vorgezeichnet gewesen. Die Kommilitonen schienen das Studium nur als Sprungbrett für eine Karriere zu sehen. Er wollte andere Kulturen kennenlernen, sich sozial engagieren. Vor allem träumte er davon, an einem großen Projekt mitzuarbeiten. Doch in Harvard schien ihm die Zeit davonzulaufen: "Ich hatte Angst, wenn ich Jahre auf einem Campus verbringe, würde ich es nie schaffen, meine Ziele zu erreichen."

Er beschloss, eine Auszeit zu nehmen, um nach Afrika und China zu reisen. Da las er im Magazin "Slate" einen Artikel über Peter Thiels Programm. Der, hieß es darin, hätte einen "haarsträubenden Plan": "Studenten dafür zu bezahlen, wenn sie das College abbrechen." Yu entschied: "Das ist genau das Richtige."

Vor seiner Abreise bewarb sich mit einer Idee für eine Website, die Preisvergleiche im Internet verbessert. Seitdem hat sich sein Leben radikal verändert. Nicht nur bestieg er den Kilimandscharo – ein Abenteuer, das ihn an seine Grenzen brachte –, dank des Stipendiums kann er sich jetzt ganz der Entwicklung seiner Firma Pricemash widmen.

Er ist selbst ein begeisterter Schnäppchenjäger und kann Stunden damit zubringen, im Internet nach guten Deals zu suchen. Sein Dienst soll besser funktionieren als die, die es schon gibt, und Nutzern helfen, den besten Preis für ein Produkt in kürzester Zeit zu finden. Das Geschäftsmodell wird profitabel sein, davon ist er fest überzeugt.

Auch ohne Stipendium, betont er, hätte er Harvard verlassen, um seine Idee umzusetzen. Thiels Programm aber bringt ihm mehr als Geld. Am letzten Tag der Auswahlgespräche lud der die Kandidaten zu einem Treffen mit anderen Entrepreneuren zu sich nach Hause ein. Es waren die aufregendsten drei Stunden in Yus Leben: "Das waren Leute, wie ich sie nie zuvor getroffen hatte. Viele in den Zwanzigern und Dreißigern, die schon Firmen gegründet haben und damit erfolgreich sind. Zu sehen, wie viele diesen Weg eingeschlagen haben und was alles möglich ist, hat mich beeindruckt. Da wusste ich, ich muss meine Unternehmensidee jetzt verfolgen, egal, was aus dem Stipendium wird."

Mit seinem Projekt trifft Thiel ins Herz des bürgerlichen Bildungsideals der USA. Je mehr Schulabgänger sich fürs Studium einschreiben, desto besser, da ist sich die Mehrheit der Nation einig. Fast neun von zehn Amerikanern sind der Meinung, dass Menschen ohne College-Abschluss persönliche und berufliche Nachteile haben. Entsprechend hoch sind die Studentenzahlen: 2009 schrieben sich so viele Highschool-Absolventen wie niemals zuvor an einer Hochschule ein.

Ein mit dem deutschen dualen Ausbildungssystem vergleichbares Modell gibt es in den USA praktisch nicht. Wer nach der Schule direkt ins Berufsleben einsteigen möchte, dem bleibt kaum etwas anderes übrig, als in einem Aushilfsjob oder als ungelernte Kraft anzufangen. Davor schrecken die meisten zurück. Für ein Studium sind viele bereit, eine Menge Geld auszugeben, denn es gilt als Investition in die Zukunft.

Statistiken scheinen dem recht zu geben. Nach Zahlen des Bildungsverbands College Board lag das jährliche Median-Einkommen von College-Absolventen 2008 bei 55700 Dollar, fast 22000 Dollar höher als bei jenen, die nur die Highschool beendet hatten. Doch die Hochschulskeptiker warnen davor, solche Zahlen für bare Münze zu nehmen. Der Hedgefonds-Manager James Altucher argumentiert, die Einkommensunterschiede zwischen Akademikern und Nichtakademikern seien als Korrelation, aber nicht unbedingt als kausaler Zusammenhang zu verstehen. Da heute fast jeder einigermaßen talentierte junge Mensch aufs College gehe, sei der Vergleich mit der finanziellen Situation von Arbeitern ohne weiterführende Bildung zwangsläufig verzerrt.

Es sind ohnehin ganz andere Zahlen, die momentan Schlagzeilen machen. Die Studiengebühren steigen seit Jahren rasant an. Wer ein öffentliches Vier-Jahres-College besucht, muss mittlerweile für das Studium ein Budget von mindestens 34000 Dollar jährlich einplanen; bei privaten Hochschulen sind es um die 42200 Dollar. Zwei Drittel aller Bachelor-Studenten schließen ihr Studium mit Schulden ab. 2011 haben Ausbildungskredite wohl erstmals die Ein-Billionen-Dollar-Grenze überschritten - das ist mehr als die Kreditkartenschulden der gesamten Nation. Die Arbeitslosenquote von College-Absolventen lag im Juni mit 12,1 Prozent auf einem historischen Hoch.

Der Anti-College-Aktivist Dale Stephens muss sich keine Sorgen um Ausbildungsschulden machen. Sein erstes und einziges Semester hat 8000 Dollar gekostet, die er schon bald abbezahlt haben wird. Dass er sich überhaupt an einem College einschrieb, betrachtet er inzwischen als Fehler: "Es war halt das, was jeder macht."

Der selbstbewusste 19-Jährige ist nie zur Highschool gegangen. Nach der fünften Klasse hatten ihm die Eltern, ein Ingenieur und eine Lehrerin, erlaubt, die Schule zu verlassen, weil er über Langeweile, uninteressierte Mitschüler und überforderte Lehrer klagte. Sie überließen es ihm zu entscheiden, was und wie er lernen wollte. Unschooling nennt sich dieses Konzept, ein Begriff, den der Pädagoge John Holt in den siebziger Jahren prägte. Dale fand 20 andere Schulaussteiger, die sich in Lerngruppen trafen; er suchte sich Mentoren und löcherte Experten mit seinen Fragen; er verbrachte ein halbes Jahr in Frankreich, lernte so gut zu fotografieren, dass er seine Bilder verkaufen konnte. Im Vergleich dazu kam ihm der Universitätsalltag am Hendrix College rigide und uninspiriert vor.

In der Praxis lernen heißt überleben lernen

Mit Uncollege will er nun Prinzipien des Unschooling auf das Studium übertragen. Die Idee hat ihm nicht nur ein Thiel-Stipendium, sondern auch eine Menge öffentliche Aufmerksamkeit eingebracht. Im Januar ist er als Redner zum World Economic Forum in Davos eingeladen. Er schreibt an einem Buch, das 2013 erscheinen soll. Darin interviewt er Persönlichkeiten wie Joi Ito, den Direktor des MIT Media Lab, die auch ohne Diplom Großes erreichten, und gibt Ratschläge für selbstbestimmtes Lernen. Von den 19 Millionen Studenten in den USA wären zehn Prozent besser dran, schätzt er, wenn sie ihre Ausbildung in die eigenen Hände nähmen.

Über diese Einschätzung lässt sich streiten. Aber unabhängig davon steht das amerikanische Bildungssystem in der Kritik. Eine große Zahl amerikanischer Studenten lernt erschreckend wenig, warnen etwa Richard Arum und Josipa Roksa in ihrem Buch "Academically Adrift". Die Soziologen verfolgten über einen Zeitraum von vier Jahren die Entwicklung von 2300 Studenten an 24 Hochschulen. Die Ergebnisse waren entmutigend: 45 Prozent zeigten innerhalb der ersten beiden Studienjahre keine signifikanten Fortschritte bei kritischem Denken, schriftlichem Ausdruck und Problemlösungsverhalten; 36 Prozent verharrten auch nach vier Jahren praktisch auf dem Ausgangsniveau.

Anders war es bei Nick Cammarata, einem weiteren Thiel Fellow. Nach der Highschool zog er direkt von Massachusetts ins Silicon Valley. Er hatte zwar einen Studienplatz an einer renommierten Universität, aber er widmete sich lieber dem Aufbau einer Internetfirma.

Ein gemütliches Unterfangen ist das offenbar nicht. Zum Interview in ein Café in Palo Alto kommt der 19-Jährige ziemlich abgehetzt. Das letzte Businessmeeting habe länger gedauert, entschuldigt er sich. Auch nach dem Gespräch verabschiedet er sich schnell. In vier Wochen steht ein wichtiger Testlauf an.

Cammarata programmiert Computer, seit er acht Jahre alt ist, zuerst für kleine Firmen und in Open-Source-Projekten, später für Großkunden wie Microsoft. In der neunten Klasse entwickelte er zusammen mit seinem jetzigen Geschäftspartner eine Anwendung, die die Verwaltung und Übertragung von Daten im Internet erlaubte. Innerhalb von vier Jahren sei das Geschäft auf 15000 registrierte Nutzer und 80 Millionen Downloads angewachsen, erzählt er. All dies stemmte Cammarata bereits als Schüler. Während seine Klassenkameraden dem Lehrer lauschten, programmierte er oder las die neuesten Softwarebücher. "Meine Noten waren ziemlich schlecht", räumt er ein. "Ich war auch nur die Hälfte der Zeit da."

Nun arbeitet er an einer neuen Idee: einer Internetplattform für den Schul- und Hochschulunterricht. Schüler und Studenten könnten viel mehr lernen, so die Idee, wenn Lehrer in der Klasse nicht so viel Zeit auf das Vortragen von Wissen verwenden müssten. Tablo ist ein System, das es Lehrern erlaubt, digitale Vorlesungen zu erstellen. Schüler und Studenten können sich diese zu Hause online ansehen. Der Unterricht bleibt für Diskussionen und Rückfragen frei. Für den Probelauf haben sich 400 Lehrer beworben, von Gefängnispädagogen bis Ivy-League-Professoren; 50 haben sie ausgewählt. Der öffentliche Launch ist für September 2012 geplant.

Wer nach der Highschool den Weg in die Selbstständigkeit wagt, muss hohe Hürden nehmen, höhere jedenfalls als bei den intellektuellen Trockenübungen, mit denen sich Studenten in diesem Alter normalerweise befassen. Der Alltag der Jungunternehmer mag unakademisch sein, aber er ist zweifellos äußerst anspruchsvoll: mit Geschäftspartnern und Investoren verhandeln, die juristischen Feinheiten einer Firmengründung verstehen, ein Team aufbauen, sich selbst organisieren. Die Lernkurven sind entsprechend steil.

Danielle Strachman, Direktorin des Thiel Fellowships, war daher erstaunt, wie schnell sich die Stipendiaten entwickeln: "Sie haben bald gemerkt, dass es als Entrepreneur auch auf persönliche Qualitäten ankommt: zuhören, Wertschätzung zeigen, nicht nur nehmen, sondern auch zurückgeben."

Dennoch will mancher das College nicht ganz abschreiben. Ben Yu könnte sich vorstellen, irgendwann nach Harvard zurückzukehren: "Aber nur um des reinen Wissenserwerbs willen und erst, wenn ich finanziell unabhängig bin und die Kurswahl nicht von Karriereüberlegungen abhängig machen muss."

Selbst Dale Stephens glaubt, dass Colleges eine Zukunft haben. Hochschulen könnten durchaus so aufgebaut werden, sagt er, dass sie gute Lernerfahrungen für Studenten ermöglichen, nämlich als Treffpunkte und Ressourcen-Center: "Es gäbe keine Vorlesungen und Seminare mehr, aber Professoren, die Studenten beraten und betreuen." Er selbst, daran lässt er keinen Zweifel, will zu diesem Wandel beitragen, obwohl – oder gerade weil – er selbst das College geschmissen hat.