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Stoff für Missverständnisse

Nein ist eine klare Ansage. Könnte man meinen. Allerdings verstehen Amerikaner, Chinesen und Russen sie sehr unterschiedlich. Wie, berichten unsere Korrespondenten.




Nach außen tun die Russen gern so, als sei ihr Geist einer, der stets verneine. Untereinander aber meiden sie klaren Widerspruch.

Text: Stefan Scholl

• Die Russen gelten als große Neinsager. Erinnern wir uns nur an den legendären Sowjet-Außenminister Andrej Gromyko. Der wurde im Westen wegen seines sturen Verhandlungsstils, den er sich in seiner 28-jährigen Amtszeit angeeignet hatte, nicht umsonst Mister Njet genannt.

Schon Jahrhunderte vorher übte sich Russlands Intelligenzija im Widerspruch zum Rest der Welt. "Wir sind niemals mit den anderen Völkern zusammengegangen, wir gehören keiner der großen Familien der Menschengeschlechter an, wir sind weder Osten noch Westen", behauptete der Philosoph Pjotr Tschaadajew schon 1829. "Wir stehen gewissermaßen außerhalb der Zeit." Niemals, keiner, weder noch!

Der Papst will Russland besuchen? "Njet!", rufen die Popen. Moskauer Schwule wollen am Christopher Street Day auf die Straße? "Njet!" verbietet die Obrigkeit, Einsatzpolizisten verprügeln die Wagemutigen, die es doch riskieren. Der Weltsicherheitsrat will etwas gegen die blutige Assad-Diktatur in Syrien unternehmen? "Njet!", lautet das russische Veto.

Die Russen tun, als wäre ihre Seele der Geist, der stets verneint. Russland habe zwar selbst keine Nationalidee, dafür die Mission zu verhindern, dass andere große Völker ihre Ideen realisieren, verkündete kürzlich Ivan Okhlobistin in einem Fernseh-Interview. Der Schauspieler, der zurzeit in einer Ärzte-Serie im Privatfernsehen glänzt, nennt das die "große russische Anti-Idee". Sie habe schon Hitler und Napoleon gestoppt.

Beim zweiten Hören lautet das große russische Nein allerdings meist: nein, aber …. Bei aller Abgrenzung haben Russlands Denker, Dichter und Diktatoren ihre Projekte oder Pleiten immer wieder westlichen Prototypen nachempfunden, die sie jedoch in sehr eigene Richtungen bogen. Aus der römisch-katholischen Reichsidee bastelten die Moskauer Großfürsten ihr Drittes Rom. Den Marxismus verdrehten die Bolschewisten zum Leninismus, dann zum Stalinismus. Hardrock inspirierte den viel sanfteren Undergroundrock der Breschnew-Ära. Die Marktwirtschaft aber transformierte man in Staatsmonopolkonzerne mit leicht umzuleitendem Cashflow.

Nicht erst seit Stalin gilt Widerspruch gegen Mächtige als skandalös

Die lauten Njets für den Rest der Welt täuschen darüber hinweg, dass innerhalb der russischen Gesellschaft, vor allem in der Öffentlichkeit, nur zögerlich Nein gesagt wird. Kein Wunder: Laut Dals Wörterbuch stammt das russische Njet vom altslawischen Ne jest ab. Übersetzt heißt das: ist nicht. "Jest" aber bedeutet im Russischen "zu Befehl". "Ist nicht" stellt also eine glatte Befehlsverweigerung dar.

Der größte Reformer des Landes, Zar Peter I., ließ den eigenen Sohn zu Tode foltern, weil der gegen seinen Westkurs opponiert hatte. Russland ist es gewohnt, dass Macht Wahrheit bedeutet und das Recht auf Widerspruch Vorrecht des Stärkeren ist.

Jasagerei hat hier seit Jahrhunderten Tradition. So unsinnig sie auch sein mag. Der Kinderdichter Kornej Tschukowski reimte 1922 seine Fabel "Riesenkakerlake" zum Thema: Elefanten, Bären, Löwen und allerlei andere Tiere zittern und kriechen vor einer Kakerlake, die sich großmäulig zum Tyrannen erklärt hat. Als ein zugereistes Känguru sich über ihre Angst vor der mickrigen Schabe lustig macht, geraten sie erst recht in Panik und wollen das Känguru ausweisen. Da aber landet ein Spatz und macht der Kakerlake den Garaus … Unter Stalin wurde die "Riesenkakerlake" aus dem Verkehr gezogen.

Auch heute gilt Widerspruch als skandalös. Im Herbst legte Präsident Dmitri Medwedew Finanzminister Alexei Kudrin vor laufenden Kameras nahe, wegen "Insubordination" seinen Hut zu nehmen: "Sie können gleich jetzt und hier antworten: Schreiben Sie ein Rücktrittsgesuch?"

Kudrin erwiderte diese rhetorische Frage für russische Verhältnisse unverschämt trocken. "Herr Medwedew, ich habe wirklich andere Ansichten als Sie. Aber ich fälle meine Entscheidung, was Ihren Vorschlag angeht, nachdem ich mich mit dem Premierminister beraten habe." Zahlreiche Anwesende erbleichten peinlich berührt; Kudrin wurde noch am selben Tag entlassen.

Russlands Öffentlichkeit funktioniert weiter halb sowjetisch. Da nimmt man beispielsweise an einer Radiodiskussion teil, ein Kreml-naher Jugendfunktionär wird zugeschaltet und beginnt, einen heftig zu beschimpfen. Nur fällt – rein zufällig – in diesem Moment der Kopfhörer aus. Man erfährt erst nach der Sendung, dass der Bursche sich Worte erlaubte, die außer geharnischtem Widerspruch eigentlich einen Handschuh im Gesicht verlangt hätten. Aber die meisten elektronischen Medien machen auf Harmonie, auch wenn diese abgekartet ist.

Russland verneint ungern, täuscht lieber allerlei fragwürdige Zustimmung vor. Wer etwa die hübsche Aljona aus dem Nachbardorf einlädt, sie mit nach Omsk zu nehmen, muss damit rechnen, dass sie einen – wenn sie nicht sofort freudig zustimmt –, wochenlang zappeln lässt, aus Spieltrieb. Und dann spöttisch ablehnt. Wenn ein Automechaniker versichert, der Wagen sei heute Abend fertig, heißt es, sich darauf einzustellen, mehrere Tage zu Fuß zu gehen, denn russische Handwerker sind sehr kühne Optimisten.

Fragt einen aber ein Russe, ob man mit ihm Wodka trinken wolle, ist ein glattes Nein nicht zu empfehlen. Eine Leberzirrhose oder eine hochschwangere Gattin, die in einem ungeheizten Blockhaus sechs Autostunden weiter auf einen wartet, geht als Ausrede gerade noch so durch. Aber nur gerade so eben.

Kunden erst an sich zu binden und dann zu verärgern ist keine gute Geschäftsidee. Das zeigt diese persönliche Geschichte eines Aufstands der Abonnenten.

Text: Steffan Heuer

• Elf Jahre sind eine lange Zeit. So lange bin ich einer Firma treu geblieben, von der man nur per E-Mail und der monatlichen Kreditkartenabrechnung hört. Noch nie habe ich einen Mitarbeiter auch nur am Telefon gesprochen oder gar getroffen. Diese Firma heißt Netflix, und bis vor Kurzem war ich ein zufriedener Kunde. Ich werde ihr wohl auch noch ein Weilchen treu bleiben wenn auch mit knirschenden Zähnen.

Netflix war der freundliche Rebell, der die schlecht sortierten Videotheken um die Ecke mit einem verlockenden Angebot ausstach: bequemer Zugang zu fast allen Filmen, so viele man anschauen will und vor allem ohne festes Rückgabedatum und Säumnisgebühren. Und keine Ausflüge durch die verregnete Nacht, um dann enttäuscht vor einem leer geräumten Regal zu stehen.

Der Kunde muss lediglich seinen Wunschzettel auf einer Website pflegen, und das Kino kommt zu ihm nach Hause. Entweder per Post als DVD oder neuerdings als Stream direkt in den Fernseher oder aufs iPad. Ich war deshalb einer von rund 25 Millionen amerikanischen Abonnenten, die für dieses Angebot jeden Monat 18 Dollar zahlten. Netflix war zwar ein anonymes Wesen, aber kulant und reagierte schnell, wenn eine DVD einmal verkratzt war oder verloren ging – im Zweifel hatte der Kunde recht. So wurde der Dienst über die Jahre zu meinem persönlichen Filmarchiv: knapp 1200 Streifen gesehen und bewertet, weitere 532 befinden sich in der Warteschleife, an der die ganze Familie mitarbeitet. Eine glückliche Fernbeziehung also – bis zum 12. Juli 2011.

An diesem Tag kündigte Netflix an, die Abo-Gebühren um bis zu 60 Prozent zu erhöhen und sein Geschäft zu spalten: eine Abteilung für DVDs und eine für das Streaming, denn Letzteres ist profitabler. Die Botschaft verfehlte ihre Wirkung nicht: In den folgenden Monaten verspielte Netflix nicht nur so ziemlich allen Goodwill unter seinen Kunden, sondern auch unter Anlegern an der Wall Street, wo sich das Unternehmen bisher auf dem Höhenflug befunden hatte. Der Aktienkurs sank von 299 Dollar auf gerade noch 68 Dollar Ende November. Mehr als 800 000 Abonnenten machten unter lautstarkem Protest Schluss – auch wenn sie damit ihre über viele Jahre eigenhändig kuratierte Videothek löschen mussten.

Und wie reagierte Netflix, Paradebeispiel einer modernen Internet-Firma, die durch individuelle Angebote moderne Kunden eng an sich gebunden hat? Indem sie den Zerknirschten mimte, aber am Nein zur alten Geschäftsbeziehung eisern festhielt. "Bei der Art und Weise, wie wir die Trennung und die Preisänderungen ankündigten, fehlte es uns an Respekt und Demut", räumte Reed Hastings, Gründer und Vorstandsvorsitzender im September ein. "Dafür möchte ich mich ernsthaft entschuldigen." Doch er bleibt dabei, dass Netflix künftig nur noch DVDs eintüten und eine neue Firma namens Qwikster das Streamen besorgen werde. Die Abonnements sollten sich also nicht nur verteuern, die Kunden sollten ihre Film-Listen künftig auch auf zwei verschiedenen Internetseiten pflegen.

"Ich war ein Mitglied der ersten Stunde", beschwerte sich Anthony Miccarelli auf der Facebook-Fan-Seite von Netflix. "Die Preiserhöhung hätte ich noch geschluckt, aber nicht die Aufspaltung in zwei Dienste. Was zur Hölle habt ihr euch dabei gedacht??!!"

Anscheinend nicht viel, denn der Name Qwikster war nicht nur schon auf Twitter vergeben, sondern das ganze Vorhaben eine Totgeburt. Einen Monat später, im Oktober, gab Netflix seine Pläne zur Zweiteilung wieder auf. Der Schaden war allerdings bereits angerichtet. Und das Vertrauen dahin, dass man mit einem anonymen Dienst eine dauerhafte Beziehung eingehen konnte, ohne böse Überraschungen befürchten zu müssen. Die abendlichen Diskussionen mit der Familie, welche neuen Filme auf die Wunschliste gehören, werden nicht nur bei mir zu Hause von der Frage überschattet: Sollen wir überhaupt noch etwas bei Netflix eintragen? Wird es vielleicht bald einen Konkurrenten geben, der mehr Vertrauen verdient?

"Wir schulden Ihnen gar nichts, sicherlich nicht Loyalität, geschweige denn Mitleid für Ihre Geschäftsprobleme", schrieb sich ein Mit-Abonnent in einem Web-Forum die Wut von der Seele. "Wir sind für Sie nur Dollars, und genauso sollten auch wir Sie behandeln."

Märkte sind Gespräche. Und keine Antwort ist auch eine Antwort

Fachleute für die neuen sozialen Medien mögen einwenden, dass die Wut von enttäuschten Kunden früher oder später verrauche. Aber seit jenem Sommertag brodelt es in der Netflix-Gemeinde unvermindert weiter. Und es hagelt Kündigungen. Nicht nur von DVD-Abonnenten der ersten Stunde, auf die das Unternehmen vermutlich leicht verzichten kann, sondern auch von den lukrativen Streaming-Kunden, auf die man in Zeiten von iTunes setzt. Der anhaltende Abo-Schwund und der Rückgang des Aktienkurses brachte die Firma im November in Geldnot und gefährdete ihre Expansionspläne. Denn um für das Streaming-Angebot teure Lizenzen einzukaufen und international zu wachsen – Lateinamerika, Großbritannien und Irland stehen auf dem Plan –, braucht das Unternehmen eine sichere Basis auf dem Heimatmarkt USA.

Nun haben bald eine Million Kunden mit der Maus abgestimmt. Mir persönlich fällt das schwer. Vielleicht, weil ich als Uralt-Kunde und Anhänger der These "Märkte sind Gespräche" immer noch auf ein Zeichen warte. Bislang hat sich niemand von Netflix bei mir gemeldet und aufrichtig um Verständnis oder gar Verzeihung für die von Wachstumszwängen diktierten Fehlentscheidungen gebeten.

Schweigen ist immerhin auch eine Antwort: Es besteht offenbar kein Interesse an Kundenbindung, die in der vernetzten Wirtschaft ja angeblich über alles gehen soll. Eigentlich müsste der Algorithmus dieser Firma statt neuer Film-Tipps nur diese Empfehlung aussprechen: Kunden wie Sie haben auch auf "Abo kündigen" geklickt.

Ein chinesisches Nein ist elastisch wie ein Gummiband. Für Ausländer ist das eine irritierende Erfahrung – die aber auch ihre Vorzüge hat.

Text: Bernhard Bartsch

• Im Frühjahr 2002 landete auf dem Schreibtisch von Chinas damaligen Staats- und Parteichef Jiang Zemin eine Beschlussvorlage für den Bau einer Schwebebahn von Peking nach Schanghai. Das Projekt war jahrelang kontrovers diskutiert worden, ohne dass man sich zu einer Entscheidung durchringen konnte. Jiangs zweiter Mann, Premier Zhu Rongji, ein bekennender Fan des deutschen Transrapids, hatte in Schanghai den Bau eines schwebenden Flughafenzubringers durchgesetzt und befürwortete auch die 1300 Kilometer lange Strecke zwischen der Hauptstadt und der Wirtschaftsmetropole. Siemens und ThyssenKrupp machten sich Hoffnung auf das Prestigeprojekt. Kritiker, vor allem im Eisenbahnministerium, warnten davor; sie wollten lieber in Schnellzüge investieren. Das Patt der Positionen machte das Projekt zur Chefsache, nun war es an Jiang, ein Urteil zu fällen. Als der Präsident die Akte zurück in den Apparat schickte, so erzählen es Insider, enthielt sie weder ein klares Ja oder ein Nein, sondern eine knappe Randnotiz aus zwei Wörtern: "Dreimal nachdenken."

Die Entscheidung war eindeutig uneindeutig, aber aus chinesischer Sicht dennoch glasklar. Jiang war gegen das Projekt, doch die Debatte darum sollte nicht mit einem Basta enden, sondern mit einem für alle Seiten gesichtswahrenden Konsens. Dreimal nachdenken war die Einladung, noch ein letztes Mal zu diskutieren, um den Plan dann kollektiv abzulehnen. Allerdings ließ sich der Präsident ein Hintertürchen offen: Sollten sich die Bedingungen ändern, würde er seine Meinung noch einmal überdenken können, ohne sein Urteil revidieren zu müssen.

Dreimal nachdenken ist ein klassisches chinesisches Nein: eine Ablehnung, die völlig ohne Negation auskommt. Ein direktes Nein hört man in China selten, denn es gilt als vulgär und gefährlich. "Das Papier eines Fensters geht leicht kaputt", lautet ein Sprichwort. Soll heißen: Wer das Reispapier durchsticht, mit dem einst die Fenster bespannt waren, kann zwar klar sehen, ist dafür aber auch Wind, Kälte und den Blicken seiner Mitmenschen ausgesetzt. Sich mit den vagen Schemen auf der anderen Seite des Papiers zu begnügen ist aus chinesischer Sicht keine Einschränkung, sondern sogar ein Gewinn.

Chinas traditionelle Dichtkunst oder Malerei feiert das Verborgene, das nicht benannt oder gezeigt, sondern nur angedeutet wird. Hanxu nennen die Chinesen ihre Kunst des Subtilen. Ihr Ziel ist die Harmonie, und ein offenes Nein droht diese zu zerstören. "Man nimmt den Topf, der nicht kocht", besagt eine andere Redewendung. Vor heißen Diskussionen sollte man sich hüten, und wer Nein sagt, bringt sie mutwillig zum Siedepunkt.

Während sich die Chinesen in ihrer seit Jahrtausenden kultivierten negationsarmen Welt bestens zurechtfinden, verlieren Ausländer darin schnell die Orientierung. Schon die ersten Europäer, die sich im Reich der Mitte niederließen, klagten darüber, wie schwierig es sei, den Chinesen eine klare Aussage zu entlocken. "Einem chinesischen Versprechen traue ich zwei Stunden", schrieb etwa der Deutsche Georg Baur, einer der ersten Krupp-Entsandten in China, 1890 an seine Familie, einen altgedienten Kollegen zitierend. Dabei dürften viele der vermeintlichen Zusagen tatsächlich Absagen gewesen sein, die er nur nicht als solche verstanden hatte - so wie auch seine Nachfolger bei ThyssenKrupp 2002 nicht recht erkennen wollten, dass "dreimal nachdenken" keine Aufforderung für neue Argumente, sondern eine Absage war.

Der gute Tipp: dem Chef stets recht geben. Und unauffällig das eigene Anliegen ergänzen

Ein deutsches Nein sitzt fest wie ein Nagel, ein chinesisches ist dehnbar wie ein Gummiband. Beides hat seine Vor- und Nachteile. Auf den Halt eines Nagels ist Verlass, aber er bleibt auch dann fest an seinem Platz, wenn man merkt, dass er an der falschen Stelle sitzt. Ihn herauszuziehen und neu einzuschlagen ist mühsam und hinterlässt in jedem Fall ein hässliches Loch. Das Gummiband ermöglicht dagegen Anpassungen in alle möglichen Richtungen. Doch nicht nur derjenige, der es befestigt, kann an ihm ziehen, und ein überspannter Gummi droht schmerzhaft zurückzuschnellen.

Auch die Chinesen sind sich dieser Gefahr bewusst. Der bekannte Ratgeber "Die Theorie des Untergebenen – Wie man seinem Chef dient" widmet deshalb gleich ein ganzes Kapitel der Frage: "Wie man falschen Meinungen eines Vorgesetzten widerspricht." Ein offenes Nein müsse dabei um jeden Preis vermieden werden. Stattdessen müsse der Vorgesetzte behutsam zu der erwünschten Meinung gesteuert werden. "Versichere deinem Chef zuerst, dass er recht hat, und ergänze dann unauffällig einige eigene Punkte", lautet einer der Ratschläge. "Man muss dem Chef immer Spielraum lassen, egal, wie falsch seine Meinung auch ist." Besonders hartnäckige Vorgesetzte könne man notfalls durch ideologische Bedenken erschrecken, indem man ihnen die Bedeutung ihrer Entscheidung im Kontext der sozialistischen Theorie oder anderer Parteirichtlinien aufzeige. Nie aber dürfe man ihre Autorität infrage stellen: "Der Chef ist immer der Chef."

Zugegeben: Derartige Handlungsanweisungen dürften sich auch in vielen europäischen Karriere-Ratgebern finden. Doch die viel gepriesene westliche Kultur des offenen Disputs hat in der Praxis ihre Tücken. Das chinesische Nein ist dagegen verführerisch, denn es verschließt keine Türen, durch die man womöglich später doch noch einmal gehen will. Wer keine eindeutigen Aussagen hört, muss auch selbst keine machen. Während ein deutsches Nein bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, verteilt ein chinesisches Nein sie bequem auf die Allgemeinheit.

Seit Ende Juni dieses Jahres verkehrt zwischen Peking und Schanghai ein Schnellzug, den die Chinesen gern als Eigenentwicklung bezeichnen und der mit einer atemberaubenden Durchschnittsgeschwindigkeit von 330 Stundenkilometern unterwegs sein sollte. Nach den ersten Testfahrten musste das Eisenbahnministerium allerdings kleinlaut eingestehen, dass man das versprochene Tempo deutlich verfehlen werde. Die Öffentlichkeit spottete. "Man kann sich leicht vorstellen, wie es dazu kommen konnte", mokierte sich ein chinesischer Kommentator. "Die Entwickler wurden gedrängt, ein Ziel zu erreichen, und keiner traute sich zu sagen, dass es einfach nicht zu schaffen ist."