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Mensch, Meier

Er liebt, was nutzlos ist. Damit wurde er zum Dada-Künstler und millionenschweren Popstar. Heute ist er zudem Bio-Unternehmer, Gastronom und Investor. Besuch bei dem Dandy-Anarchisten Dieter Meier.




• Spätestens seit dem 25. Februar 1971 muss Dieter Meier als Fachmann für die Kunst des Ja- und Neinsagens gelten. An diesem Tag steht der damals völlig unbekannte Schweizer in seinem Trenchcoat in New York, Ecke 57th Street und Eight Avenue, und kauft Passanten wahlweise das Wort „yes“ oder „no“ für jeweils einen Dollar ab. Jeder, der sich auf das sinnlose Geschäft einlässt, bestätigt das dem Künstler mit Foto und Unterschrift. Meier seinerseits verpflichtet sich, das Wort nicht zu missbrauchen. Einige Passanten wollen handeln: „Für einen Dollar bekommst du von mir höchstens ein ‚may be’.“

„You are famous, asshole“

Ein paar Tage später wundert sich Meier, als er seine Gin Tonics im „Max's Kansas City“, damals die New Yorker Lieblingsbar von Andy Warhol und Lou Reed, bezahlen möchte. Der Barkeeper will sein Geld nicht. Er raunzt nur: „It's on the house, you are famous, asshole“, und zeigt ihm die »New York Times«. Auf einer ganzen Seite hat Grace Glueck, die Kunstkritikerin der Zeitung, über seine Yes-no-Aktion berichtet. Aufmerksam war sie auf den seltsamen Schweizer geworden, weil der vergeblich versucht hatte, eine Anzeige für eine andere Kunstaktion zu schalten: Er wollte ein tiefes Loch in den Rasen des Central Parks graben.

Meier, damals 26 Jahre jung, Sohn eines Zürcher Privatbankiers und bis dahin verkrachter Lebenskünstler, verbummelter Jura-Student, ehemaliger Profi-Pokerspieler und kurzzeitiges Mitglied der Schweizer Golf-Nationalmannschaft, war plötzlich auf bestem Wege, ein anerkannter Künstler zu werden. Aber statt die Chance zu nutzen und nun mit Ehrgeiz bei Sammlern, Galeristen und Museumsdirektoren zu antichambrieren, sagte er Nein. Genau genommen sagte er nicht einmal Nein. Er ließ die Chance einer Künstler-Karriere einfach an sich abperlen.

Zum Beispiel 1972, ein Jahr nach seiner Aktion in New York. Die Kasseler Documenta, die berühmteste Avantgarde-Kunstausstellung der Welt, lud ihn ein, seine Werke zu zeigen. Was hätten andere dafür gegeben! Meier ließ sich mit der Reise nach Kassel 22 Jahre Zeit. Sein Documenta-Beitrag war eine Bodenplatte vor dem Kasseler Hauptbahnhof. Die Inschrift lautet: „Am 23. März 1994 von 15.00 – 16.00 Uhr wird Dieter Meier auf dieser Platte stehen.“ Das hat er dann auch gemacht.

Lässiger kann man die Aufgeregtheit des Kunstbetriebs nicht unterlaufen. Nach der ignorierten Documenta war dann auch erst mal knapp vier Jahrzehnte Pause mit der Karriere als bildender Künstler. Kein Grund zur Bitterkeit, im Gegenteil: „Der Kunstmarkt ist eine wunderbare Blase. Die Prozesse der Selig- und Heiligsprechung sind im Kunstbereich noch irrationaler als im Vatikan. Ich war unfähig, an diesem Auswahl- und Verwertungsprozess teilzunehmen“, sagt Meier heute. „Bis zu meiner überraschenden Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen hatte ich mich darauf eingerichtet, meine Fotos, Installationen und Videos in einer Lagerhalle in Argentinien aufzubewahren, damit sie nicht verloren gehen und meine Enkel und Urenkel vielleicht ihren Spaß daran haben, was das Dieterchen sich alles so ausgedacht hat.“

Die Dinge sind meistens auf mich zugekommen

40 Jahre nach seiner New Yorker Yes-no-Aktion sitzt Dieter Meier in roter Hose und elegantem Hemd in seinem weitläufigen Zürcher Atelier in See-Nähe. In der Zwischenzeit ist viel passiert. In den Achtzigern wurden Meier und sein musikalischer Partner Boris Blank mit dem Elektro-Pop-Duo Yello zu Popstars, die „so um die zwölf Millionen“ CDs und Platten verkauften, vielleicht sind es auch mehr, so genau weiß das Meier im Augenblick nicht. Weil er sein Geld auf Rat seines Vaters, des Bankiers, klug angelegt hat, haben sich allein seine Beteiligungen an der Banknoten-Druckerei Orell Füssli und einer Eisenbahngesellschaft, die Touristen aufs Matterhorn bringt, nach Schätzungen der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« in den vergangenen 20 Jahren im Wert „mindestens verzehnfacht“, auf gut 50 Millionen Franken. Meier nonchalant: „Derzeit ist es etwas weniger.“

Seit anderthalb Jahrzehnten produziert „Meier-mach-schon“ (Selbsteinschätzung) in großem Stil Bio-Rindfleisch und Bio-Wein in Argentinien. Mit einer Jahresproduktion von 500 000 Flaschen spielt er dabei längst nicht mehr in einer kleinen Liebhaber-Nische. Das Problem ist nicht, guten Wein herzustellen, das Problem ist, ihn zu vermarkten, weiß der Winzer. Also betreibt er in Zürich zwei Restaurants, in denen er seine Produkte anbietet. Demnächst kommt eine Bar dazu. Dass er in der Schweiz etwa so bekannt ist wie John Lennon in Liverpool, kann dabei nicht schaden.

Und weil wir in der Schweiz sind und Klischees im Zweifel doch stimmen, hält Meier auch eine Beteiligung an einem Hersteller mechanischer Uhren. Yello gibt es natürlich auch noch, nebenbei schreibt das Multitalent „seit 20 Jahren“ an einem Theaterstück, macht mit Knetmännchen lustige Fotos, designt edle Seidentücher, veröffentlichte vor Kurzem ein Kinderbuch und hatte im Herbst in den Hamburger Deichtorhallen eine große Einzelausstellung mit seinen Musikvideos, Zeichnungen und Fotos seiner Kunstaktionen. Schon beim Zuhören kann einem bei den überschießenden Aktivitäten schwindelig werden. Mit den Worten des Unternehmers und Kunstsammlers Harald Falckenberg, der Meier die Hamburger Ausstellung ausrichtete: „Dem Berichterstatter bleibt die Spucke weg.“

Das Erstaunlichste daran ist, dass das aus Meiers Mund alles klingt wie die Fortsetzungen der fröhlich sinnfreien Dada-Aktionen seiner Jugend. Die übliche Manager-Attitüde des energischen Handelns bei vollem Durchblick und kühler Strategie, dreht er um: „Die Dinge sind meistens auf mich zugekommen, und ich war eigentlich immer überrascht, dass ich sie dann doch zielgerichtet zu Ende führte. Eher sehe ich mich, wenn es überhaupt irgendeine Interpretation gibt, als eine Art Wurzelflechtwerk, wie es Pilze haben. Wenn die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit stimmen und die Symbiose zu einem nahen Baum, schießen die Pilze aus dem Boden. Ich staune eigentlich über alles, was ich gemacht habe. Ich habe das Gefühl, dass das gar nicht wirklich ich war, sondern es ist mir sozusagen passiert.“

Eine mit Ehrgeiz vorangetriebene Popstar-Karriere? „Nein, nein, um Gottes willen.“ Der Erfolg von Yello, immerhin eine der innovativsten Elektropop-Bands der achtziger Jahre, deren frühe Videos (Regie: Meier) heute im Museum of Modern Art in New York wie Kunstschätze gehütet werden – das war, wenn man ihm glaubt, eine Mischung aus Spiel, Zufall und glücklicher Fügung: „Wir wollten nicht Avantgarde sein, wir konnten ganz einfach keine Instrumente spielen und wollten trotzdem Musik machen, so waren wir gezwungen, in einer Frühform von Sampling unsere Klänge zu erfinden.“ Also bastelte Boris Blank mit Tonband-Loops, Geräuschen und den ersten Synthesizern seine elektronischen Klangskulpturen. Auch Meiers Stakkato-Gesang folgte keinem raffinierten Konzept: „Ich konnte nicht singen, also musste ich in den Anfängen von Yello eine Art Rap erfinden, bei dem nicht die Melodie, sondern der mit Stimme erzeugte Rhythmus im Vordergrund war.“

Genauso scheinbar ambitionslos stolperte er in die Kunst. Nach dem steilen Start hatte er über Jahrzehnte keine bedeutende Ausstellung, nur ab und zu eine kleine Schau in der Zürcher Galerie eines Freundes, praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Meier: „Ich war einfach nicht geeignet für den Kunstbetrieb. Meine frühen sogenannten Konzeptarbeiten waren eine Annäherung an die ,Unbedeutung' und das Nichts. Ich wollte mich einem Dasein, das Mittel zum Zweck eines Verwertungsprozesses ist, entziehen und deshalb auch im Kunstmarkt nicht wirklich stattfinden. Da ich finanziell unabhängig war, musste ich am Kunstrennen nicht teilnehmen und meine Arbeit auch nicht der demütigenden Bewertung ausliefern.“

Die Hamburger Ausstellung, die im Frühjahr ans renommierte ZKM, Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, geht? Nichts als eine glückliche Fügung. Der Großsammler Falckenberg hatte zufällig eine kleine Berliner Ausstellung von ihm gesehen und war begeistert, das reichte. Mit 66 Jahren wird der Konzeptkünstler Dieter Meier von der Kunstwelt neu entdeckt.

Selbst bei seinem mit Ehrgeiz betriebenen Unternehmertum gibt Meier nicht den Macher, der alles im Griff hat: „Was mich immer interessiert hat, war, Leute zu treffen, die auf einem bestimmten Gebiet eine große Kompetenz haben, um mit ihnen aus einem Dialog heraus gemeinsam etwas zu entwickeln, was ich alleine nie könnte. Ich habe in Argentinien nicht Land und Rinder gekauft und dann ein paar Leute angestellt. Sondern ich habe zwei Jahre lang Partner gesucht, die in voller Verantwortung die gemeinsamen Pläne durchführen, sodass ich dort allenfalls noch ein beratender Gast bin. Ich hätte auch nie im Leben ein Restaurant aufgemacht, wenn ich nicht einen jungen Profi bei der Arbeit gesehen hätte, der für mich der perfekte Gastronom ist.“ Gerade hat er wieder ein Stück Steppe in Patagonien gekauft, durch das der Rio Negro fließt. Jetzt arbeitet er mit Spezialisten daran, die 12000 Hektar zu bewässern. Dort will Meier vor allem Nüsse, Trauben und Äpfel anpflanzen. Klar, er will dabei kein Geld verlieren, aber das sei nicht der entscheidende Antrieb: „Mich interessiert, etwas aufzubauen, was nachhaltig ist. Ich werde dort Elektrizität herstellen und Schulen bauen. Der Treiber ist das Interesse, ein Ausprobieren und eine kindliche Entdeckerfreude.“

Meier ist nicht uneitel. Aber mit seinen unternehmerischen Erfolgen zu protzen wäre ihm entschieden zu vulgär. Auch als Unternehmer bleibt er ein Dandy, dem guter Stil wichtiger ist als Geld. Also erzählt er nebenbei, dass die Investments am profitabelsten sind, bei denen er sich operativ kaum engagiert: Orell Füssli, die Matterhorn-Bahn und Ulysse Nardin, der Hersteller edler mechanischer Uhren. Als Meier mit Partnern in den Achtzigern einstieg, stand die Firma kurz vor der Insolvenz, der Umsatz lag bei 800000 Franken im Jahr. Heute sind es mehr als 200 Millionen Franken.

„Das ist nicht meine Leistung, das ist die Leistung des leider verstorbenen Hauptaktionärs und Managers Rolf Schnyder“, sagt Meier. „Ich habe ihm vertraut und einem genialen Konstrukteur mechanischer Uhren, Ludwig Oechslin, den Schnyder entdeckt und ins Unternehmen geholt hat. Der hat in der Oper Karten abgerissen und nachts bei einem Uhrmacher gearbeitet und geforscht, er ist besessen von der Schönheit der mechanischen Zeitmessung.“ Und dann spricht Meier lieber von den Freuden so einer Obsession, als von den Unternehmenskennzahlen.

Was machst du, wenn du nichts machen musst?

Obsessionen sind wichtig. Obsessionen sind eine Möglichkeit, Dinge aus einem einzigen Grund zu tun: Weil man sie unbedingt tun will, nicht wegen finanzieller Notwendigkeiten oder gesellschaftlicher Verpflichtungen. Das genau war das Problem des jungen Dieter Meier, dem vielseitig begabten, aber an einer bürgerlichen Karriere eher desinteressierten Sohn aus wohlhabendem Hause: „Was machst du, wenn du nichts machen musst?“

Und dann wird Meier in seinem Zürcher Atelier sehr prinzipiell und persönlich: „Wenn man weiß, dass man keinen ökonomischen Zwängen ausgeliefert ist, um zu überleben, legt man sich die Latte des Tuns, gerade als Künstler, blödsinnig hoch. Ich fand damals alles, was ich machte, ungenügend, was durchaus kindisch ist. Aus der Not, nichts mit mir anfangen zu können, habe ich Dinge in die Welt gesetzt, die sich mit dieser Not auseinandersetzen. Meine Sachen als sogenannter Künstler und später auch die Unternehmungen sind alle Ausdruck dessen, dass ich mir immer überlegen musste, was ich überhaupt machen will. Ich hätte ja auch einfach nichts machen können.“

Auf den Jugendfotos sieht er, mit langen Haaren, aber stets in maßgeschneidertem Tuch, ein bisschen aus wie eine 68er-Ausgabe von Marcel Proust: ein Dandy, dem alle Genüsse schal geworden sind. Nicht mal die Bankiers-Eltern dienten als brauchbares Feindbild, an dem sich der junge Dieter Meier mit seinen Anarcho-Launen abarbeiten konnte: „Wir haben uns sehr geliebt, meine Eltern und ich. Ich hatte die Sicherheit, nicht unterzugehen. Ich war jahrelang in der unnatürlichen und auch unglücklichen Situation, zu wissen, dass ich mein Leben lang auch nichts machen könnte. Ich hätte ja 20 Jahre lang vorgeben können, an einem Roman zu schreiben, um der Welt irgendeine Aktivität vorzuspielen. Wenn der Zwang fehlt, etwas abzuschließen - der eben auch sehr befreiend sein kann – wird alles viel schwieriger. Der Druck einer Familie mit viel Geld ist größer als bei einer Familie ohne Geld. Aus reichem Milieu gibt es viele konforme Langweiler, Gescheiterte und unwürdig Überhebliche, die an der Kohle ersticken oder verblöden.“

So gesehen wirken Meiers Dada-Aktionen der frühen Jahre sehr persönlich: eine nur an der Oberfläche lustige Auseinandersetzung mit der eigenen Situation. Seinen damaligen Zustand nennt Meier heute eine Zwangsneurose: Bloß nichts machen, was nützlich ist! Und gut genug ist ohnehin nichts.

Es muss eine anstrengende Zeit gewesen sein. „Ein normaler Künstler, sei er Schriftsteller, Maler oder Musiker, muss abliefern, er muss eine Ausstellung machen oder ein Buch rausbringen, um seine Miete zu bezahlen“, sagt Meier. „Dieser Zwang sorgt auch für ein Ende des Zweifels, irgendwann muss das Bild oder das Buch fertig sein. Bei mir war dieser Zweifel sehr groß. Meistens kam es gar nicht dazu, dass ich überhaupt mit etwas anfing: Aus großer Distanz sehe ich einen schönen Berg und denke, wie wunderbar es wäre, ihn zu erklettern und auf dem Gipfel zu stehen. Je näher ich dem Berg komme, wird er zu einer schnöden Geröllhalde und dann zu einer Steilwand, in der man keine Griffe findet. Man steht davor und hat tausend Gründe, sich das Klettern abzuschminken, weil man den Berg und die schwachsinnige Idee der idealen Besteigung aus der Nähe gar nicht mehr sieht.“

Man könnte sagen, dass Meier in diesen Jahren sein Leben in ein einziges großes Nein verwandelt hat. Sein einziger Ehrgeiz war es, keinen Ehrgeiz zu entwickeln – oder einen Ehrgeiz, der so groß ist, dass er alles lähmt. Deshalb mussten seine Kunstaktionen auch so komplett sinnlos sein, etwa wenn er sich 1969 in Zürich auf den Heimplatz stellte und eine Woche lang kleine Metallteile in Tüten verpackte, acht Stunden am Tag, insgesamt 100.000 Metallstücke – eine sinnlose und etwas traurige Imitation industrieller Arbeit. Seine erste Beteiligung an einer Museumsausstellung nutzte er zielsicher, um sich in der Kunstszene unbeliebt zu machen. Er nahm das Vernissagen-Geplauder mit verdeckten Mikrofonen auf und ließ es nach einiger Zeit, immer lauter werdend, über Lautsprecher abspielen: Den Museumsbesuchern wurde ihr eigenes Kunst-Gerede zugemutet.

An dieser Haltung, erst einmal jedem Ordnungssystem und besonders dem des Kunstbetriebs zu misstrauen, hat sich bis heute nichts geändert: „Ich bin Anarchist. Das heißt nicht, dass ich Bomben lege, sondern dass ich versuche, die Denksysteme und mich selbst in diesen Systemen infrage zu stellen und die Systeme aufzulösen. Die Aufforderung des Wanderpredigers aus Nazareth ,Werdet wie die Kinder' ist im Grunde ein Aufruf zur Anarchie. Das wunderbare Potenzial, das jeder Mensch in sich hat, wird in unserer pervertierten Welt darauf abgerichtet, einem System zu dienen, dass Marx als zweite Natur bezeichnet hat, der wir ausgeliefert sind wie die Neandertaler der ersten. Der Mensch soll sich nicht finden und erfinden, das führte zur Anarchie, weil dann der Homo sapiens sein Leben nicht mehr als Mittel zum Zweck missbrauchen ließe, sondern es als Selbstzweck verstehen würde. Religion, Macht, Besitz, Status – all das sind Ablenkungen von dem für die meisten Leute grauenhaften Gedanken, dass sie wunderbar sinnlos sind, weil das Leben letztlich kein verwertbares Gut ist.“

Das klingt verführerisch schön und einleuchtend. Als Lebensentwurf ist es gefährlich. Wer sich darauf einlässt, hat gute Chancen, sich alles zu verbauen und zur skurrilen Figur zu werden. Für Meier war genau dieser Dandy-Anarchismus der einzige Weg, nicht zum gescheiterten Sohn aus reichem Hause zu werden, der mit sich nichts anzufangen weiß. Indem er erst mal gegen alles war, gegen das Jurastudium und die Optionen einer bürgerlichen Karriere, gegen die Gebräuche der Kunstszene, die Dogmen der linken 68er und die bequemen Ausflüchte aus dem eigenen Iden-titäts-Durcheinander, konnte er sich selbst erfinden. Kein Wunder, dass das liebste Motiv des Konzeptkünstlers Dieter Meier Dieter Meier ist: Kunst als Spiel mit der eigenen Identität. Vermutlich ist er selbst sein schönstes Kunstwerk. Sein Sieg ist nicht der Erfolg, sein Sieg ist das gelungene Leben.

Nur indem er jahrelang Nein sagte, konnte er irgendwann Ja sagen. Zum erfolgreichen Bio-Unternehmer und Popstar wurde er erst, als ihn die frühen Dada-Aktionen von dem Gefühl befreit hatten, in einem sinnlosen, überflüssigen Leben eingesperrt zu sein. Das genau kann man, auch ohne beruhigende Millionen im Hintergrund, von Meier lernen: Wer zum eigenen Leben Ja sagen will, kommt nicht drum herum, öfter mal Nein zu sagen.

You gotta say Yes to another Excess

Die lustigste Art, Ja zu sagen, zelebrierten Meier und Boris Blank, ein früherer Fernfahrer und manischer Klang-Forscher, der seine Tage am liebsten im Tonstudio verbringt, ab 1978 mit Yello. Ja zum bunten Elektro-Pop-Spaß! Ja zu den merkwürdigsten Musik-Videos, die die Welt bis dahin gesehen hatte! Und natürlich Ja zum munteren Popstar-Leben! Oder, mit dem Titel der Platte, die 1982 den Durchbruch vom Club- und Underground-Ruhm zum Mainstream-Pop brachte: „You gotta say Yes to another Excess.“

Wobei Blank und Meier, als der große Rummel und das viele Geld kamen, ihr Eigenbrötlertum schon so perfektioniert hatten, dass sie den üblichen Popstar-Quatsch ignorierten und trotzdem in aller Ruhe Millionen verdienten. „Dass ein Song wie ,Bostich' eine Hymne in den Tanzpalästen der Schwarzen und Latinos in den USA wurde, war natürlich toll, aber daran hätten wir nie gedacht“, stapelt Meier wieder mal tief. „Ich habe mich auch nie als Star gefühlt, eher wie ein Zauberlehrling, der in einer irrealen Zauberbude drinsteht.“

Der Künstler und sein schönstes Kunstwerk: Dieter Meier

Dass die Herren aus der Schweiz stets im gediegenen Anzug herumlaufen, ist noch eine der kleineren Irritationen im schrillen Pop-Zirkus. Blank und Meier spielen das Spiel nach eigenen Regeln. Die Verlagsrechte bleiben prinzipiell bei ihnen, das sichert bis heute hübsche Lizenzeinnahmen. Peter Vitzthum, rechte Hand, enger Freund und als Band-Manager der dritte Yello-Mann im Hintergrund, hält sich bei den Zahlen bedeckt, aber dass ohne großen Aufwand noch immer jedes Jahr sechsstellige Einnahmen aus CD- und Lizenzverkauf eintrudeln, lässt er sich entlocken. Plattenfirmen benutzen die cleveren Herren von Yello nur als Vertriebspartner, denen sie das fertige Produkt in die Hand drücken. Passte das einem Verwerter nicht, blieben Blank und Meier stur: dann halt nicht. Diese Autarkie sorgt für künstlerische Unabhängigkeit und war über die Jahre äußerst lukrativ.Zum Rummel hielten die coolen Herren Abstand, schon weil Boris Blank äußerst ungern sein Tonstudio verlässt und Bühnenauftritte als unnötige Zumutung empfindet. In ihrer mehr als 30jährigen Karriere lassen sich die Yello-Konzerte an zwei Händen abzählen. Mit Konzerten hätten sie zwar einige Millionen mehr verdient, aber weshalb sollten sie sich das antun? Auch die Veröffentlichungspolitik ist eher erratisch. Ständige Medienpräsenz? Alle zwei Jahre eine neue CD? Muss nicht sein. Vor der jüngsten CD, "Touch Yello" von 2009, war sechs Jahre Ruhe. Trotzdem waren die Verkäufe gut sechsstellig. Das Ja zum Pop-Zirkus macht den drei Yello-Herren Blank, Meier und Vitzthum offenbar nur Spaß, weil sie sich die Musikindustrie mit einem entspannten "Muss nicht sein" vom Hals halten konnten.

„Institut des Nichts“

Fragt man Meier, mit Mitte 60 ein beneidenswert frischer, in seinen Gedankengängen verspielter Herr, wie es weitergeht, dreht er wieder mal die üblichen Kategorien um: Vielleicht waren all die Unternehmungen ja nur eine Ausrede, um sich vor seiner eigentlichen Aufgabe zu drücken! "Ich versuche jetzt, mich aus dem Operativen rauszuziehen, damit ich keine Ausreden mehr habe, nicht weiter an meinem Roman, an dem ich seit 20 Jahren arbeite, und an meinem Theaterstück zu schreiben. Meine Unternehmungen habe ich wahrscheinlich angefangen, um der Schreiberei auszuweichen, vor der ich mich, so sehr ich sie liebe, auch immer fürchte, wenn ich ehrlich bin. Das Schreiben ist für mich das Schwierigste, weil ich permanent mit den Grenzen des Sagbaren und damit mit meinen Grenzen konfrontiert bin. Den Zweifel dann nicht einfach schwebend zu halten und sich mit dem Unsagbaren abzufinden oder ihn mit einem Kraftakt wegzuwischen, sondern ihn in jedem Satz als praktizierte Dialektik zu leben, daran werde ich fast verrückt. Beim Filmen oder Musik machen, beides kleinindustrielle Prozesse in einem Team, muss ich diesen Zweifel nicht einmal überwinden, weil der Rhythmus, wo ich immer mit muss, ihn schlicht ausblendet, als wäre ich auf einem Segelboot mit 20 Leuten von Southampton aus in die See gestochen, um den Atlantik zu überqueren: ,The wind keeps you busy and blows all doubts away, because you have to sail'."

Sein geplantes Theaterstück heißt "Der Goldfisch", es spielt in einer leeren, schäbigen Bar und fängt damit an, dass der Barkeeper sorgsam ein Glas nach dem anderen poliert und anschließend einzeln zerdeppert, dazu spielt der Barpianist. Der Barbesitzer betreibt seine Bar, fast sektenhaft, als ein Institut des Nichts. Meier sitzt ausgesprochen gern in Bars und beobachtet die Menschen bei ihrem sinnlosen Treiben. So wie er über den Barbesitzer in seinem Theaterstück spricht, denkt man unwillkürlich, dass sich Dieter Meier in ihm mal wieder selbst erfindet.

Ein großer Neinsager, der beim Neinsagen seit 40 Jahren Ja zum eigenen Leben sagt. ---