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Klo für die Welt

Milliarden Menschen leben in erbärmlichen hygienischen Verhältnissen. Der Stockholmer Architekt Anders Wilhelmson hat eine Erfindung gemacht, die das ändern könnte. Ihr Name ist Programm: Peepoo.




• Als alle Synonyme erschöpft sind – Exkremente, Ausscheidung, Notdurft –, schlägt Anders Wilhelmson vor, was er immer vorschlägt, wenn man lange genug über die wichtigste Erfindung seines Lebens spricht: "Reden wir nicht länger drum herum", sagt er fröhlich, "es geht um Scheiße. Um menschliche Scheiße." Shit, poo, Kacke, caca. Auf Suaheli kunya.

Aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Denn es geht auch um eine kühne, vielleicht aberwitzige Frage: Kann man, streng unternehmerisch gesehen, mit Scheiße so umgehen wie Google mit Suchanfragen? Oder Apple mit Mobiltelefonen? Kann man also aus den Abfällen nicht nur ein Geschäft machen, sondern sogar ein nicht ekliges, vielleicht ein cooles? Eines zudem, das vor allem den Allerärmsten dieser Erde hilft, Slumbewohnern und Katastrophenopfern?

"Natürlich kann man", sagt Anders Wilhelmson. Der 56-Jährige ist Professor, Inhaber eines der namhaftesten Architekturbüros Schwedens und mittlerweile eine Berühmtheit in der Welt der Sanitation, der Entsorgung menschlicher Abfälle. Und vielleicht muss man wie er in einem Haus leben, das keinerlei Innenwände hat, 500 riesenhafte Wohntürme für Stockholm entworfen haben sowie die Umsiedlung einer ganzen Stadt geplant, um zu glauben, dass sich sogar das Defäkieren revolutionieren lässt.

"Natürlich kann man", sagt Wilhelmson noch einmal und hält seine Lösung in die Höhe. Eine kleine weiße Tüte mit zartem grünem Aufdruck: Peepoo. Von pee und poo. Englisch für Pipi und Aa. Aus den Kinderworten hat Wilhelmson auch den Namen seiner Firma gebildet: Peepoople. Ein übermütiges Wortspiel auf den Menschen als ausscheidendes Wesen.

Die Tüte ist sechs Gramm schwer, fünf davon entfallen auf den eingekapselten Harnstoff. Zusammengefaltet ist sie so klein, dass sie sich in der Hosentasche verstauen lässt, und entfaltet 14 mal 38 Zentimeter groß, damit sie auf alle gängigen Eimer passt. Die Nähte der Tüte werden per Ultraschall verschweißt, so entfällt giftiger Kleber. "Aber schreiben Sie ja nicht Tüte", sagt Wilhelmson, "sondern Toilette." Besser noch: Hightech-Toilette.

Und noch genauer: ein Toilettensystem. Denn die Tüte macht dank des Harnstoffes und einer raffinierten Beschichtung die Exkremente innerhalb weniger Tage unschädlich und verwandelt sie innerhalb weniger Wochen in Dünger. Die Tüte selbst löst sich nach wenigen Monaten rückstandsfrei auf.

Ein Toilettensystem also, das ohne Wasser auskommt. Sämtliche Krankheitskeime tötet. Dünger produziert. Keine gewaltigen Investitionen in Rohrleitungen verschlingt. In Massen herstellbar ist. Überall einsetzbar. Und vergleichsweise erschwinglich, vielleicht sogar für Slumbewohner: Jede Tütentoilette kostet ein paar Cent.

Noch werden die Tüten in Nairobi produziert, bald in Deutschland
Arbeitet mit Hochdruck an der Toiletten-Revolution: Anders Wilhelmson

Dass sie zudem buchstäblich Leben rettet, begreift, wer sich vor Augen führt, wie die Hälfte der Menschheit tagtäglich ausscheidet. Auch Anders Wilhelmson ist auf die verschwiegene Katastrophe spät aufmerksam geworden, obwohl er jahrelang durch die Slums dieser Welt gereist war: Als Professor hat er mit seinen Studenten die Lebensbedingungen in den Hüttenstädten untersucht.

Sie sollen hygienisch sein, ökologisch, erschwinglich für die Ärmsten - und: cool

Im Mai 2005 zwängte er sich in Mumbai in das winzige Zuhause von "pavement dwellers", von Gehsteig-Bewohnern, die ihn mit den Worten begrüßten: "Wir brauchen keine Architekten." Was stimmte. Ihre Hütten waren technische Meisterwerke, federleicht sowie schnell auf- und abzubauen. Auch hatten die Bewohner Zugang zu Wasser und Strom. Aber ein Problem konnten sie nicht lösen, sie nannten es: "die persönliche Hygiene".

Keine öffentliche Toilette weit und breit und wenn, dann über die Ekelgrenze hinaus verdreckt. Keinerlei Privatsphäre. Die Frauen hockten sich im Schutz der Dunkelheit in verkotete Ecken, aber was heißt schon Schutz. Dort lauerten nicht selten Vergewaltiger. Für Bettlägerige, meist an Magenkrankheiten leidend, war die toilettenlose Situation derart unerträglich, dass sich viele den Tod wünschten. Aber öfter starben die Kinder, die sich ansteckten, an Typhus und Cholera.

Es war Anders Wilhelmson ein bisschen peinlich, dass er nicht schon früher begriffen hatte, wie – Verzeihung – beschissen die Lage ist. Vor lauter Wut forderte er seine Studenten heraus: "Ich werde das Problem eher lösen als ihr."

Er überlegte, welche Anforderungen ein modernes Toilettensystem erfüllen müsste. Eines, das nicht die Fehler des bestehenden wiederholt. Wir spülen unsere Exkremente aus den Toilettenschüsseln in unser Trinkwasser, das wir deshalb besonders aufwendig klären müssen. Wir durchziehen die Städte mit gewaltigen Rohrsystemen, die sich viele Länder der Dritten Welt nicht leisten können. Und wir legen zwar in allem Wert auf Individualität, aber die Toilette teilen wir mit der Familie, mit Kollegen, in öffentlichen Räumen mit Tausenden von Fremden. "Ist das noch zeitgenössisch?", fragt er mit großer Geste. Zeitgenössisch ist sein Lieblingswort.

Und so notierte Wilhelmson nach dem Besuch in Mumbai, welchen Ansprüchen eine Toilette genügen sollte. Die Programmatik der modernen Notdurft, wenn man so will, das Manifest vom iKlo.

Die Toilette sollte persönlich sein, also nur dem Benutzer gehören. Sie hat stets sauber zu sein, was am besten gelingt, wenn sie nur einmal benutzt wird. Sie muss mobil sein. Und darf keinen Schaden anrichten, so wie Google es fordert: "Don't be evil." Und wie Toyota es vormacht, sollte sich der Ressourcenverbrauch aufs Notwendigste beschränken. Doch am wichtigsten und schwierigsten: Erschwinglich muss sie sein, sogar für Gehsteig-Bewohner.

Eine Toilette wie ein Handy, dachte Anders. Zeitgenössisch. Warum sollten wir uns mit weniger zufrieden geben? Warum sollten sich Slumbewohner mit weniger bescheiden?

Wilhelmson weiß es noch wie heute. Er formulierte die Prinzipien am 20. September 2005. Am folgenden Tag hatte seine Frau, Camilla Wirseen, Geburtstag, aber er redete die ganze Zeit nur über Exkremente. Sie störte sich nicht daran, sie fand seine Idee genial und wurde die erste Mitarbeiterin.

Und so funktioniert Peepoo: Dieses Mädchen demonstriert es

Es dauerte ein Jahr, bis Wilhelmson mithilfe etlicher Wissenschaftler einen Prototypen entwickelt hatte. Als Architekt ist er mit komplexen Projekten vertraut. Zuletzt hat er das nordschwedische Kiruna von Grund auf neu geplant, die bisherige Stadt muss den Eisenerzminen weichen.

Aber Peepoo verlangte ganz neue Einfälle, weil sich viele bislang unverbundene Techniken in der unscheinbaren Tüte treffen. Privatleute gaben ihm Geld, inzwischen sind sechs Familien, die ungenannt bleiben wollen, mit Millionenbeträgen beteiligt. Risikokapital hat Wilhelmson nicht eingeworben, es hat sich nicht ergeben. Dabei würde es passen, weil Peepoo eine Firma sein soll. Eine, die Profite erwirtschaftet.

Denn Wilhelmson will expandieren, und das geht nur mit Gewinnen. Sie sollen aus zwei unterschiedlichen Quellen sprudeln, aus zwei gänzlich verschiedenen Kundenkreisen kommen. Die einen sind die größten Hilfsorganisationen der Erde, das Internationale Rote Kreuz, Oxfam und U N-Habitat zum Beispiel. Sie haben zugesagt, von Ende 2012 an, wenn die Massenproduktion der Peepoos anläuft, Hunderte von Millionen Tütentoiletten abzunehmen, um sie bei Naturkatastrophen auszuliefern.

Die derzeitige Notlösung für 200 000 Menschen in Kibera: "Fliegende Toiletten"

Es gibt kein anderes System, das so schnell so wirksam die sanitäre Lage verbessert wie Peepoo, rechnet Wilhelmson vor. In Haiti hatten sieben Monate nach der Erdbeben-Katastrophe nur rund 70 Prozent der Flüchtlings-Camps eine – überwiegend erbärmliche – sanitäre Versorgung, der Rest war sich selbst überlassen. Peepoople kann mit nur zwei Mitarbeitern innerhalb von drei Wochen 50.000 Menschen versorgen, eine Million also mit 40 Leuten. Mehr als jede Erfindung zuvor wird die Tütentoilette, darin sind sich Experten einig, das Schicksal von Katastrophenopfern grundlegend verändern; sie wird die Zahl der Epidemien senken und die Lebensumstände der Menschen in den behelfsmäßigen Unterkünften deutlich verbessern.

Dieser Markt ist leicht zu verstehen. Da sind die Vorteile der Peepoos: die vergleichsweise einfache Distribution und wenige finanzkräftige Abnehmer.

Die andere Zielgruppe ist viel anspruchsvoller. Und größer. Wenn aus ihr denn Kunden werden. Jene 2,6 Milliarden Armen weltweit, vor allem in den städtischen Slums, die keine menschenwürdige Entsorgung kennen. Die buchstäblich nicht wissen, wohin mit ihrem Pee, vor allem aber mit dem Poo.

Zwar läge nichts näher, als die Tütentoiletten auch für diese Gruppe an zwei oder drei große Hilfsorganisationen zu verkaufen, die sie dann in den Slums der Dritten Welt verschenken. Aber Wilhelmson hasst es, Menschen zu Hilfeempfängern zu degradieren. "Sie sind unsere Kunden, und wir wollen sie so ernst nehmen wie Kunden im Norden."

Er will von den Käufern lernen, er will ihre Welt verstehen, und dafür benötigt er Feedback, das er am präzisesten durch Verkaufszahlen erhält: "Firmen sind die lernfähigsten Organisationen, die es gibt." Deshalb hat er eine hochrangige Managerin von Tetra Pak als Vorstandsvorsitzende von Peepoo angeheuert.

Und aus Respekt vor den Kunden in den Slums, die selten von Schönheit umgeben sind, hat er das Design der Tüten von einer der besten Agenturen Schwedens entwerfen lassen, von Lowe Brindfors. Sie kümmern sich unter anderem um Babybjörn und das Mode-Label Tiger of Sweden. Nur das Logo seiner Firma hat Wilhelmson selbst gestaltet: ein grünes umgedrehtes Herz. Es dauert meist einen Wimpernschlag, bevor Betrachter erkennen, dass die Drehung aus dem Herz einen Po macht.

Aber wie verkauft man bettelarmen Kunden ein trügerisch simpel erscheinendes Hightech-Produkt? Wie erreicht man sie? Und wollen sie das Produkt überhaupt?

Diese Fragen versucht Camilla Wirseen, die Frau des Gründers, im kenianischen Kibera zu beantworten, einem der größten Slums Nairobis. Die 46-Jährige hat für das Projekt ihre Karriere als Fotografin und Chefin einer Fotoagentur aufgegeben, zuvor war sie Kuratorin, hat an der Universität gelehrt und jahrelang in Italien und Kanada gelebt.

Nun pendelt die große, vor Überarbeitung blasse Frau zwischen Stockholm, dem Hauptsitz von Peepoople, und Kibera, wo sie rund zwei Wochen im Monat arbeitet. Laut der jüngsten Volkszählung aus dem Jahr 2009 leben hier rund 200 000 Menschen, mehr als die Hälfte davon ohne Arbeit, in einer Landschaft aus Rost und Abfall, in einer bis zur Unerträglichkeit verdichteten Welt aus Lehmhütten unter korrodierten Blechdächern. Dazwischen schneiden Abwasserrinnen in die rote Erde, verstopft von Müll, den riesenhafte Schweine durchwühlen, und von schwarzen Tüten, auf die man besser nicht treten sollte.

Denn das sind die Flying Toilets, das derzeitige Sanitärsystem Kiberas. Nur sehr wenige Latrinen finden sich im Hüttenlabyrinth, wie wenig es sind, weiß niemand genau. Wollten alle Bewohner Kiberas die paar Toiletten gleichzeitig benutzen, ergab eine Studie, müsste jeder rund zwei Tage lang anstehen. Die meisten Latrinen sind zudem verstopft oder laufen über. Neue Gemeinschaftstoiletten werden nicht gebaut, weil der Platz fehlt und weil der Staat sich seit Langem aus Kibera zurückgezogen hat, die Wasserversorgung beherrschen kriminelle Banden.

Flying Toilets sind also die Lösung der sanitären Dauerkatastrophe, wenn man als Lösung bezeichnen will, sich in der eigenen Hütte über eine Zeitung zu hocken, das Papier anschließend in eine schwarze Plastiktüte zu stecken und diese dann über die Hofmauer zu schleudern, beim Spaziergang fallen zu lassen oder sie in ein Gebüsch zu werfen, wobei Letzteres selten vorkommt: Es gibt kaum noch Buschwerk in Kibera.

Kein Zweifel, Peepoos könnten hier Wunder wirken. Unabhängige Untersuchungen, unter anderem von der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ), haben in Kibera – bei Christen, den "Wischern" – und in einem Slum in Bangladesch – bei Moslems, den "Waschern" – eine enorm hohe Akzeptanz der Tütentoiletten für das große Geschäft belegt.

Aber wie verkauft man sie? Wie macht man sie bekannt? Es sind Fragen, an denen man in Kibera verzweifeln kann. Drei Vertriebskanäle immerhin haben die Peepoople identifiziert.

Der einfachste sind die Schulen. Einige ordern Peepoos bereits in größeren Mengen, die Bethel Outreach School etwa, in der sich in einem Klassenraum 88 Kinder drängen. In der Kita liegen die Babys auf dem nackten Lehmboden. Spielzeug gibt es nicht mehr, es wurde immer wieder gestohlen.

Die einzige Latrine für die insgesamt 250 Schüler und Lehrer lief stets über, auch weil die Entsorgung so unerträglich ist. Der Inhalt müsste eimerweise an den weit entfernten Rand des Slums gebracht werden, um ihn dort auszuschütten. So begannen die Kinder in ihrer Not, die Ecken des Schulhofes zu nutzen, was Krankheiten provozierte, die eine Hauptursache waren für die horrend hohen Fehlzeiten; bis zu sechs Cholera-Epidemien hatten sie alljährlich an der Schule zu bekämpfen, erzählt der stellvertretende Schuldirektor.

Seitdem sie Peepoos benutzen, sagt er, gibt es keine Cholera mehr, und die Zahl der Fehlstunden ist drastisch gesunken. Und aus großen weißen Säcken im Schulgarten, die mit Peepoo-Dünger gefüllt sind, wächst Spinat für die Mahlzeiten, die eine Köchin auf offenem Feuer auf dem Schulhof zubereitet.

Der zweite Weg, sich hier zu etablieren, könnten die Geschäfte an den Hauptlehmpfaden Kiberas sein, Bretterverschläge, in denen die Waren in winzigen Mengen ausliegen: Seifenbröckchen, Zuckerhäuflein, einzelne Zigaretten – denn kaum jemand hat genug Geld, um größere und damit relativ günstigere Päckchen zu erstehen. Es ist teuer, arm zu sein.

Aber wie bringt man Händler dazu, Peepoos zu verkaufen, wenn diese so billig wie möglich sein sollen? Mehr als drei Kenianische Schillinge dürfen sie nicht kosten, rund drei Eurocent, das ist schon viel hier – und liegt dennoch unter den Herstellungskosten. Welche Marge bleibt dann den Ladenbesitzern? Und wie macht man das Produkt bekannt? Kaum jemand hat einen Fernseher, nicht alle ein Radio, und Zeitungen kennen die meisten nur als jene einzelnen Blätter, die sie für die Flying Toilets verwenden. Bleibt nur der letzte Weg, der mühsamste – von dem fast alle erfolgreichen Sozialunternehmer in der Dritten Welt abraten: einen eigenen Vertriebskanal aufbauen. Aber wie sonst sollte es gehen?

Jeden Tag zieht eine kleine Schar von Verkäuferinnen los, um Peepoos zu verkaufen, besonders beliebt bei ihnen sind Plot Partys. Plot, so heißen die Höfe, um die sich mehrere Hütten drängen, Party soll an Tupperware-Partys erinnern, auch wenn niemand jemals Tupperware in der Hand hielt.

Wenn aus Fäkalien wertvoller Dünger wird, ist der Kreislauf geschlossen

"Wer nutzt Flying Toilets?", fragt Anne Nduge Mwawasi in die kleine Runde von Müttern und alten Männern im Innenraum eines Hüttenhofs. Sie ist die begabteste Verkäuferin von Peepoople und gesegnet mit dem Talent, das Drama namens Kibera als Komödie zu inszenieren.

"Wer nutzt Flying Toilets?", fragt sie erneut. Lachend heben alle ihren Arm. "Und wie entsorgt ihr's?" Ein alter Mann tritt vor, ein guter Schauspieler, der verstohlen nach rechts und links schaut und dann mit einem leichten Drehschwung die imaginäre Tüte in die Luft katapultiert. Johlendes Gelächter. "Und wieso macht ihr das?" Schweigen. Bis eine Frau wispert: "Aus Angst." Nachts den Hof zu verlassen kann tödlich enden. "Und wo landen die Tüten?" Anne Nduge Mwawasis brachiale Stimme kann sich immer noch steigern. In den Rinnsalen, die Kibera wie Adern voll schmutzigen Blutes durchziehen. Dort aber liegen auch die Frischwasserleitungen aus brüchigem Plastik, die regelmäßig aufplatzen, sodass sich das frische Wasser mit dem Kot mischt. "Kocht ihr euer Wasser ab?" Kopfschütteln. Sie fragt nicht nach dem Grund, sie kennt ihn: Holzkohle ist so teuer. "Und womit wascht ihr euer Gemüse?" Schweigen. "Und wie oft haben eure Kinder Durchfall?" – "Viel zu oft", flüstert eine Mutter, die aussieht, als wäre sie selbst dem Kindesalter gerade erst entwachsen.

"Und gibt es eine Lösung?" Achselzucken. "Oh, doch!" Mwawasis Gesicht glüht auf, als sie einen Peepoo aus der Tasche zieht und das saubere weiße Tütchen mit dem zarten Aufdruck in die Höhe reckt: "Eure Heimtoilette!" Die Lösung der Probleme. Kein Geruch, keine Ansteckungsgefahr, kein fliegendes Plastik. Denn nach Benutzung wird die Tüte eingesammelt, und die Kunden bekommen einen Teil des Kaufpreises zurück. So zahlen sie nur zwei Kenianische Schillinge für eine Toilette, zwei Eurocents.

Fragen prasseln auf die Verkäuferin ein: Können Kinder sie benutzen? Mwawasis setzt ein zweijähriges Mädchen auf ein Eimerchen mit einem Peepoo darin, das Kind quietscht vor Vergnügen. Sind die Tüten dafür da, Krankheiten zu verhindern oder damit alles schön sauber bleibt? "Für die Sauberkeit", donnert Mwawasi – das hat sie längst gelernt: Sauberkeit ist die große Sehnsucht an diesem verschmutztesten aller Orte.

Was passiert, wenn die Tüten weg sind, bevor neues Geld da ist? Kein Problem – dann bekommt ihr Kredit. Der beträgt oft nicht mehr als 25 Eurocent, aber wer ihn nicht einräumt, kann als Unternehmer hier nicht bestehen – eine Erfahrung, die alle Sozialunternehmer im Slum machen.

Es wird ein langer Nachmittag, Fragen und Antworten verweben sich zu einem Wechselgesang, zur Gospel der Sanitation – so muss man hier verkaufen. Zeitaufwendig. Personalintensiv. Langwierig. Plot für Plot. Der Job der Peepoople wird ein mühsamer Häuser-Kampf werden, dessen größter Feind die Allgegenwart der Abfälle ist. Zwar berichten jene Plots, die auf Peepoos umgestellt haben, von weniger Erkrankungen, aber erst wenn deutlich mehr Kunden mitmachen, wird sich die Gesamtsituation im Slum spürbar verbessern. "Wie überzeugen wir die Menschen vom Wert der Peepoos, auch wenn wir noch keinen kollektiven Effekt haben?", fragt ein kenianischer Mitarbeiter. "Wir sind dazu verdammt, sehr schnell zu wachsen."

Als wären diese Herausforderungen nicht genug, hat Camilla Wirseen inzwischen auch Bekanntschaft mit dem quälendsten Dilemma aller Slum-Unternehmer gemacht: in einer Umgebung zu arbeiten, in der man härter sein muss als überall sonst, aber so gern viel weicher wäre. Im Slum ist erfolgreich nur, wer brutalste Kostendisziplin übt und die besten Mitarbeiter beschäftigt – und alle anderen feuert. "Aber ich kann doch hier niemanden rausschmeißen und die Mitarbeiter zurückschicken in die Armut", sagt sie, hadernd. Sie versucht den Konflikt zu mildern, in dem sie ihre Mitarbeiter ausbildet und ihnen auch dann Vertrauen schenkt, wenn die Leistung schwankt. Das ist gut für den Seelenfrieden. Auch für das Geschäft? Schwer hebt und senkt sie die Schultern.

Mit der Unterstützung der Regierung können die Peepoople in Kenia nicht rechnen. Das Land hat andere Pläne, größere. Der Mann, der sie entworfen hat, arbeitet für die deutsche GIZ und sitzt im Fairmont Hotel rund zehn Kilometer von Kibera entfernt. Roland Werchota ist Projektleiter für die "Reform des Wassersektors" und damit beschäftigt, Kenia eine so gute Wasserversorgung zu verschaffen, wie sie Deutschland besitzt. Er lebt seit sechs Jahren in Nairobi, in Kibera aber ist er noch nicht gewesen. Er gesteht freimütig ein, dass Kenia ein halbes Jahrhundert lang nichts für seine Bürger unternommen hat, aber das ändere sich derzeit – dank "kohärenter nationaler Konzepte" und "konsistenter Implementierungsrichtlinien", vorformuliert von deutschen Experten.

Der Bauingenieur denkt, wie viele in der Entsorgungsbranche, in großen Systemen, gewaltigen Rohrleitungen, riesigen Investitionen. Ebenso groß sind die Ideale: das Menschenrecht auf Wasser und Entsorgung in Beton gießen. Und sieht ein Sanitärsystem nicht aus wie im alten Europa, dann wird es verachtet.

Von Peepoo hält Werchota "freundlich gesagt: wenig", als alternatives Entsorgungskonzept sei es völlig ungeeignet, bestenfalls akzeptabel als "Notlösung für eine Übergangszeit". Wie lange die dauert? "Ein flächendeckendes Wassersystem aufzubauen benötigt 20 bis 50 Jahre", sagt Werchota, "wenn's schnell geht." Und ein Abwassersystem? "Das dauert etwas länger. 50 bis 100 Jahre." Übergangszeit.

"Kann man 50 Jahre warten, um auf Toilette zu gehen?", fragt Camilla Wirseen. Mehr sagt sie nicht.

Die Peepooples und die traditionellen Entwicklungshelfer haben dieselben Ziele, doch sie verstehen sich nicht. Weil die einen die Zukunft in Begriffen der Vergangenheit denken und die anderen aus der Vergangenheit keinen Weg in die Zukunft sehen.

Peepoos nächstes Projekt ist in Bangladesch geplant. Dort gibt es eine Tradition, mit menschlichen Fäzes zu düngen, darin unterscheidet sich Asien von Afrika. Erst die Vermarktung des Düngers schließt das System und erwirtschaftet jene Überschüsse, die notwendig sind, um die Tütentoiletten unter Herstellungskosten anzubieten und so erschwinglich zu machen für die Armen. Derzeit laufen in Stockholm und Nairobi Tests, um zu klären, wie man die Abfälle aufbereitet, ob sie in flüssiger Form oder als Pellets verkauft und vor allem, wie sie vermarktet werden sollen. Das könnte der schwierigste Teil werden und der erfolgreichste wenn es tatsächlich gelingt, eine Kundschaft für Humanure, für menschlichen Dünger, zu finden.

"Wer weiß", sagt Anders Wilhelmson, "vielleicht ist Peepoo das erste Produkt, das in den Slums populär wird und von dort die reiche Welt erobert." Davon träumt er. Schon häufen sich in Schweden die Anfragen von Seglern, die Peepoos kaufen wollen. Auch bei Musikfestivals und anderen Großveranstaltungen könnten Peepoos die zweifelhaften Chemietoiletten ersetzen.

Entsprechende Marketingideen haben die Peepoople bereits: Der Kauf einer Toilettentüte bei einem Festival sponsert zehn in Kibera. Oder eine Kooperation mit einem Wasserwerk: Bei jedem Spülgang wird eine Tütentoilette gespendet.

Der Standort für die Massenproduktion ist jedenfalls gefunden: Deutschland. Von November 2012 an wird eine 24 Meter lange, eigens konstruierte Maschine Peepoos im Sekundentakt ausstoßen und damit die Manufaktur-Produktion in Kenia beenden. 150 Millionen Nutzer pro Tag sind das Ziel, sagt Anders Wilhelmson. Und es klingt die Hoffnung mit, dass sie nicht reichen werden, den Markt zu sättigen. "Glauben Sie mir", sagt er, "wir werden das Google der Toilettenindustrie.

Kenia: Einwohner - 41 Millionen
Währung - Kenia-Shilling (KES) (1 KES = 0,01 Euro)
BIP pro Kopf - 651 Euro
Human Development Index - Platz 143 (Deutschland: 9 von 187 Ländern)
Aktuelle Durchschnittskosten: 1 Liter Benzin - 1,03 Euro
1 Bier - 0,94 Euro
1 Kg Zucker - 2,10 Euro
1 Eimer heißes Wasser in einem Waschhäuschen - 0,10 Euro
Schulgebühr für ein Kind in Kibera pro Monat - 5 Euro

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