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Kampf gegen Giganten

Seit mehr als einem halben Jahrhundert beherrscht eine Clique ranghoher Militärs die ägyptische Wirtschaft. Doch sie bekommen nun Konkurrenz: von jungen Unternehmern, die inmitten des politischen Chaos Neues wagen.




• Bassem El-Hady hat drei Pullover übereinander angezogen, einen beigen, einen grünen und einen grauen. Trotzdem friert er und ist müde. Seit knapp einer Woche sitzt, steht und schreit der 24-Jährige Tag und Nacht auf dem Tahrir-Platz im Herzen von Kairo. "Um unsere heilige Revolution zu verteidigen", sagt El-Hady. Es ist Anfang Dezember, in Ägypten wird gewählt. Zum ersten Mal. Bassem El-Hady hätte nun eigentlich was anderes zu tun. Er besitzt eine eigene Firma und müsste Kunden akquirieren.

Allerdings weiß er inzwischen: Im Kampf um die wirtschaftliche Existenz kann man taktisch oder strategisch agieren. Sich duschen, rasieren und ins Büro gehen, das brächte kurzfristig Rendite. Jetzt auf dem Tahrir-Platz auszuharren verspricht langfristig Gewinn - es fordert die Herrschenden heraus und verleitet sie womöglich zu Fehlern. "Du kannst den Aufbruch förmlich riechen", sagt er heiser und ahmt einen Jagdhund nach, der waidwundes Wild wittert. El-Hadys Gegner war einmal unbesiegbar, benimmt sich aber mehr und mehr wie ein Gehetzter - ein beinahe greiser Mann, dem im Laufe seiner Karriere die Mimik buchstäblich aus dem Gesicht gewichen ist: Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi.

Tantawi und die uniformierten Herren um ihn herum haben es auf ihre alten Tage allesamt zu Generälen gebracht. Manche Ägypter fragen sich, wer bei so vielen Generälen überhaupt noch Befehle empfangen soll. Doch diese Militärs haben viel mehr zu tun, als auf Kasernenhöfen die Parade abzunehmen: Sie beschäftigen sich mit wirtschaftlichen und politischen Fragen. Und man hat ihnen eingebläut, dass sich die Ägypter nur disziplinieren lassen, wenn das Brot knapp wird oder Angst vor Chaos herrscht. Beides ist seit dem Sturz des Mubarak-Regimes im Februar oft genug vorgekommen. Dennoch steht Bassem El-Hady wieder auf dem Tahrir-Platz. Ein junger Mann, der selbst nach militärischen Maßstäben weder ein Faulpelz noch ein Linker ist, einer also, den man bei der "Truppe" gut gebrauchen könnte - wenn er nicht so wenig Achtung vor dem Senioritätsprinzip hätte, das da lautet: Irgendwann wird jeder General, sofern er keinem Kameraden Ärger macht.

Der Informatiker ist einer der Jungunternehmer, die seit dem Sturz von Hosni Mubarak und inmitten des politischen Chaos mit neuen Ideen Erfolg haben. Im Mai dieses Jahres hat er Kijamii Media gegründet, eine Firma, die sich auf Social-Media-Marketing spezialisiert hat. Das Wort Kijamii heißt "sozial" auf Swahili. Warum ausgerechnet Swahili? Man muss nicht alles hinterfragen, schon gar nicht, wenn es um Marketing geht.

In Ägypten war seit dem Sturz von Mubarak viel die Rede von der Twitter- und Facebook-Revolution. Den sogenannten "ägyptischen Blogger" behandelten ausländische Medien beinahe wie eine zoologische Spezies. Der Begriff bezeichnet Leute wie El-Hady, der außer einer Tischtennisplatte kaum analoge Alltagsgegenstände besitzt. Wirkliche Computerfreaks wie er haben sich und ihrer Bewegung jedoch einen neuen Namen gegeben: "Wir sind die Ureinwohner von Facebook oder Generation X", sagt er. Vor einigen Monaten gründete El-Hady zudem mit einigen Artgenossen TedxCairo, die ägyptische Dependance der Inter-net-Plattform Ted - Ideas Worth Spreading. Ted veranstaltet Video-Konferenzen im Internet, bei denen Wissenschaftler, Unternehmer oder politische Aktivisten Vorträge über verschiedene Themen halten.

Wichtig sei, sagt El-Hady und streckt seine müden Glieder, dass die Mächtigen des Landes nun merkten, "dass wir eine Generation sind, die die Gegenwart verändert und einen beispiellosen Siegeswillen hat". Die Panzer und Militärfahrzeuge, die vor einigen Tagen noch am Tahrir-Platz standen, haben sich zurückgezogen. "Die Armee kann in ihre Kasernen gehen oder, noch besser, zur Hölle fahren", schimpft er.

Von beidem ist die Armee aber noch weit entfernt. Und vielen Menschen in Ägypten wird das gar nicht unrecht sein. Schließlich handelt es sich um den größten Arbeitgeber des Landes, der, je nach Schätzungen, zwischen fünf und 40 Prozent der ägyptischen Volkswirtschaft kontrolliert. "Die genauen Zahlen sind ein Staatsgeheimnis", sagt Robert Springborg, der an der Universität der amerikanischen Streitkräfte im kalifornischen Monterey lehrt und sich an seinem Forschungsthema, Ägyptens Militär und Wirtschaft, die Zähne ausgebissen hat. Springborg ist überzeugt, dass der Feldmarschall Tantawi um jeden Preis versuchen wird, zu verhindern, dass "ein Zivilist Präsident wird, der die Armeeführung dann zwingen könnte, die Bücher offenzulegen und Transparenz zu schaffen".

Die Armee veröffentlicht zwar ihre Kommuniqués vornehmlich auf ihrer Facebook-Seite - aber sie selbst ist so "old" wie eine Old Economy nur sein kann: eine kuriose Mischung aus einer Industrie-Holding, einem Mafia-Clan und einer sowjetischen Kolchose. Und nun ist sie auch noch an der Regierung und erteilt ihren eigenen Firmen öffentliche Aufträge. Denn seit Mubaraks Sturz führt der Militärrat de facto die Regierungsgeschäfte.

Von Dynamit bis Tomaten - die Produktpalette der Armee ist beeindruckend

Das Wirtschaftsimperium, in dem Schätzungen zufolge jederzeit 100 000 Wehrdienstleistende als billige Arbeitskräfte Dienst tun, ist gelinde gesagt komplex verschachtelt. Es gibt ein Ministerium für militärische Produktion, eine National Service Products Organization mit Sitz im Kairoer Vorort Nasr City sowie die Arabische Organisation für Industrialisierung. In diesen drei Schaltstellen, die knapp 30 Fabriken im ganzen Land verwalten, werden auf Befehl des Generalstabs Produktionslinien vorgegeben - ob für militärisches Gerät oder zivile Gegenstände.

Wenn die Maadi-Gesellschaft für Ingenieurindustrien, im Militärjargon Fabrik 54 genannt, gerade keine Maschinengewehre herstellt, werden Fleischwölfe, Küchenmesser und Holzmöbel gefertigt. Fabrik 100 in Heliopolis hat neben Dynamit auch Kosmetik im Angebot. Fabrik 27 im Kairoer Armenviertel Shubra bringt neben Panzerfäusten auch Steckdosen auf den Markt. In Fabrik 999 in Helwan gibt es Raketenwerfer und Bohrmaschinen.

Auch Großbäckereien und Molkereien, Plantagen, Fischfarmen und Krankenhäuser sind in der Hand des Militärs. Der Ruf der Kommisswaren ist beinahe mythisch: Einige behaupten, sie könnten Armee-Tomaten von gewöhnlichen am Geschmack unterscheiden. Das Armee-Brot gilt als reichhaltig - in zivilen Bäckereien fand man mit Sägemehl gestreckte Fladen. In Ägypten importiert man jedes Jahr rund zehn Millionen Tonnen Weizen, da die Ernte nicht reicht. Und auch dabei hat die Armee die Finger im Spiel.

Die starke Position der Truppe hat historische Gründe: In den Jahren zwischen dem Sechs-Tage-Krieg 1967 und dem Jom-Kip-pur-Krieg 1973 flossen mehr als 50 Prozent der Steuern ins Militärbudget. Aber auch das reichte nicht aus - vor allem nicht, als die Regierung in Kairo Anfang der siebziger Jahre noch Streit mit der Sowjetunion anfing und deshalb Militärhilfe einbüßte. Das Kabinett beschloss, dass die Armee fortan auch ihren Teil zur Volkswirtschaft beitragen sollte.

Etwas hat Ägypten im Überfluss: billige Arbeitskräfte. Inzwischen leben im Land mehr als 82 Millionen Menschen, jedes Jahr kommen etwa zwei weitere Millionen hinzu. Das Land hätte einen fantastischen Binnenmarkt, wäre die Kaufkraft nicht so gering und hätte die Armee nicht in allen lukrativen Wirtschaftszweigen die Finger drin.

Klüngel auf Ägyptisch: Posten und Pöstchen für alternde Generäle

Dass die Armee in der Privatwirtschaft Fuß fassen konnte, verdankt sie dem Friedensvertrag mit Israel aus dem Jahr 1979. Der hatte zur Folge, dass der damalige Präsident Anwar al-Sadat das Budget radikal kürzte und rund die Hälfte seiner knapp eine Million Soldaten entließ. Viele fanden neue Jobs - und zwar beim selben Arbeitgeber. Sadat öffnete in den siebziger Jahren Ägypten für ausländische Investoren. Marschall Abdel Halim Abu Ghazala, der unter Sadat ebenso wie unter Mubarak als Verteidigungsminister diente, erwarb Mehrheiten an ehemaligen Staatsbetrieben und setzte ehemalige Generäle als neue Direktoren ein. Die konnten im Rentenalter ihre Pensionen aufbessern, während mehr als 40 Prozent der Ägypter unterhalb der Armutsgrenze von zwei Dollar am Tag leben, umgerechnet etwa 1,50 Euro. Statistiker haben errechnet, dass das nicht möglich sei, selbst wenn ein Mensch sich nur von Kichererbsenbrei ernähre. Diese erstaunliche Entdeckung nennt man in Kairo ironisch das eine "ägyptische Wirtschaftswunder" - das andere ist die Armee.

Bis heute wechseln Generäle nach dem Dienst in den Streitkräften in Spitzenpositionen: Abdel-Aziz Amin ist nun Manager des Internationalen Stadions in Kairo. Ahmed Ali Fadel, ein ehemaliger Admiral, steht der Verwaltung des Suezkanals vor. Dieser ist bis heute eine der größten Einnahmequellen des Staates - gewiss kann es in einer solchen Position nicht schaden, wenn man etwas von Nautik versteht, aber die Ernennung des Admirals a. D. folgte gewiss anderen Erwägungen.

Mächtige Familien-Clans im Dunstkreis der Herrschenden haben das Land ruiniert

Mittlerweile geht die Armee sogar Joint Ventures mit ausländischen Unternehmen wie Chrysler und Heineken ein. Die Niederländer sind seit 2002 in Ägypten im Geschäft und sorgen dort für den Vertrieb von Safi, einem Mineralwasser, das aus den Quellen der Oase Siwa nahe der libyschen Grenze stammt und der Armee gehört. In Zusammenarbeit mit dem US-Automobilhersteller lassen Ägyptens Generäle zudem an der Wüstenstraße zwischen Kairo und Suez in Lizenz Geländewagen von Wrangler und Cherokee bauen.

"Nicht alle Generäle sind korrupte Haie, die sich die eigenen Taschen vollstopfen", sagt Ahmed Sedky. Er trägt Bürstenhaarschnitt, blaues Hemd und ein freundliches Lächeln im Gesicht. Als Unternehmer ist er in Deutschland und Ägypten erfolgreich, und natürlich kennt er viele Militärs. Sedky wurde 1961 in den Kreis der Mächtigen des Landes hineingeboren. Sein Vater Atef Sedky war von 1986 bis 1996 unter dem inzwischen gestürzten Präsidenten Mubarak Ministerpräsident.

Die Fotoalben, die Sedky junior in seinem Büro im noblen Kairoer Viertel Heliopolis zeigt, sind voller Persönlichkeiten der arabischen High Society und wichtiger Politiker: Sie tragen eng anliegende Anzüge mit Schlaghosen, Hornbrillen und breite Schlipse. Sie stammen aus einer Zeit, in der die Welt für Menschen mit Geld und Kontakten in Ägypten noch rundum in Ordnung war. Viele Fotos wurden in den achtziger Jahren geschossen, aber erst seit Beginn des Arabischen Frühlings wirken sie gestrig. Der ehemalige syrische Ministerpräsident Mahmoud Zuabi und saudische Öl-Scheichs sind darauf ebenso zu sehen wie der Schauspieler Omar Sharif, ehemalige ägyptische Minister und hohe Funktionäre der mittlerweile aufgelösten Nationaldemokratischen Partei (NDP), in der Sedky selbst einmal Mitglied war.

"Was Ägyptens Wirtschaft aber noch viel mehr geschadet hat, war die korrupte Clique, die sich in den vergangenen zehn Jahren um den Präsidentensohn Gamal Mubarak geschart hat", sagt Sedky und macht es sich auf der Ledercouch bequem, zieht an seiner Zigarette und nennt Namen: "Männer wie Ahmed Ezz und die zwei Tycoone Mohamed Mansour und Ahmed al-Maghrabi haben das Land ruiniert."

Die Mansour-Familie war bereits in den 1960er Jahren einer der größten Baumwollhändler Ägyptens, erwarb unter Sadat die ägyptische Lizenz für den Vertrieb von Autos der Marke General Motors und erweiterte in den Neunzigern den Familienbetrieb auch auf den Landerschließungs- sowie den Nahrungs- und Genussmittelsektor. Bis zum Sturz Mubaraks erwirtschafteten allein die Mansours etwa zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Ähnlich erfolgreich war Ahmed Ezz, ein Stahlmagnat, der seine besten Beziehungen zum Hause Mubarak nie verschwieg, wohl aber, dass er sein Imperium mithilfe öffentlicher Bankkredite aufgebaut hatte.

"Bis wir den Filz der Korruption endgültig abgelegt haben, wird es mindestens noch 10 bis 15 Jahre dauern", sagt Sedky. "Es gibt keine Demokratie-App, die ich downloaden könnte. Aber der Geist ist aus der Flasche, er lässt sich nicht mehr zurückdrängen. Das merke ich auch an den vielen Start-ups, die seit der Revolution gegründet wurden."

Es sind Gründer wie die fünf Cousins Gamal Eldin Sadek, Aly Rafea, Mohamed Rafea, Mostafa Beltagy und Yehia Ismail: Sie erfanden Bey2ollak, eine Applikation für Blackberry-, Android-Nokia und iPhone-Nutzer, mit der man in Echtzeit Statusmeldungen verschicken und empfangen kann. Und durch die man weiß, wo in Kairo Stau herrscht, ein Unfall passiert ist oder aus anderen Gründen Gefahr droht. Die App kam zu einer Zeit auf den Markt, in der die Bewohner Kairos sehr wohl wussten, wie Chaos aussieht - aber keine Ahnung davon hatten, was passiert, wenn der wichtigste Verkehrsknotenpunkt der Stadt über Wochen lahmliegt. Wenige Wochen vor Beginn der Proteste auf dem Tahrir-Platz begannen die Vettern ihr Projekt. Die Panzer des Militärs, die auffuhren, um die Demonstranten einzuschüchtern, hätten die App gut gebrauchen können - die Fahrer waren meist nicht ortskundig, und ihre Kasernen liegen außerhalb der Stadt.

"Wir hatten bereits nach wenigen Stunden mehr als 5000 registrierte Nutzer, drei Wochen später folgte ein Deal mit Vodafone", erzählt Gamal Eldin Sadek und nippt an seinem Kaffee. Der junge Mann mit der Halbglatze und Bartansatz sitzt im braunen Jackett und akkurat gebügelten weißen Hemd in einem Straßencafé im Kairoer Stadtteil Zamalek. "Die Revolution hat mein Leben verändert", sagt er und kratzt sich grinsend am Kopf. Im Frühling hatten Demonstranten Vodafone-Geschäfte verwüstet, weil die Firma mit dem Mubarak-Regime gemeinsame Sache gemacht hatte. Aber Sadeks Aufschwung hat das nicht mehr beeinträchtigt.

Bereits ein Jahr später besitzt er ein eigenes Büro im Kairoer Vorort Smart Village, das gern ein ägyptisches Silicon Valley wäre. Sadek beschäftigt eigene Mitarbeiter und verbrachte den Sommer damit, Workshops für Jungunternehmer in New York und Mexi-ko-Stadt zu besuchen. Mittlerweile nutzen 120 000 registrierte Ägypter seine Applikation. Sie schreiben minütlich neue Verkehrsmeldungen; die Zahl der Empfänger ist bedeutend höher, denn jeder kann den Updates auch einfach nur folgen, ohne sich daran zu beteiligen.

Eine gewisse Ironie mag darin liegen, dass der Technologiepark Smart Village eines der letzten Vermächtnisse des Mubarak-Regimes ist. Der ehemalige Präsident setzte auf die Entwicklung der Digitalisierung - Ägypten sollte zu einem Dienstleistungsland zwischen den Zeitzonen Asiens und Europas werden. Die korrupte Elite um Mubarak hatte im Smart Village investiert. Es wurde eines der wenigen Erfolgsprojekte, die nicht in der Hand des Militärs lagen.

Jahrzehntelang wurde jeglicher Unternehmergeist unterdrückt

Sadeks Erfolgsgeheimnis - mit 23 Jahren ist er der jüngste der Gründer von Bey2ollak - beruht nicht nur darauf, dass man das uralte Prinzip der Mundpropaganda ins Internet übertragen hat. Das Produkt ist vor allem einfach zu bedienen. "Wir haben es geschafft, eine unangenehme Situation in ein Event zu verwandeln", sagt der Informatiker und scrollt über seine App: Ein grüner Button mit der Aufschrift "Helwa - süß" bedeutet "freie Fahrt", ein gelber Button mit "Maschi - läuft so" ist das Zeichen für langsam rollenden Verkehr, und wenn auf dem Display in Signalrot "Mafisch Amal - keine Hoffnung" aufleuchtet, ist das "endloser Stau". Den wird es womöglich bald wieder geben wenn die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz der Armee noch länger Widerstand leisten.

Dass in Ägypten die Wirtschaft über Jahrzehnte nicht offen für Jungunternehmer war, sondern sich die Ideen in deren Köpfen nur stauten, dafür ist in Sadeks Augen das Militär verantwortlich. Er nennt es ein "Krebsgeschwür" - und das, obwohl sein eigener Großvater von 1970 bis 1972 Verteidigungsminister des Landes war. "Das Militär hat aus Angst um seine Pfründe und Privilegien jeglichen Unternehmergeist unterdrückt", sagt er und wird dabei so laut, dass sich die übrigen Gäste im Café umdrehen. Stattdessen habe die Armee der Bevölkerung nur beigebracht, ihre Produkte zu konsumieren. "Erfindergeist und Kreativität haben schlichtweg nicht existiert."

Die Internetverbindung seines Telefons ist langsam, aber eine auf Wikileaks veröffentlichte Depesche der US-Botschaft Kairo aus dem Jahr 2008 hat er schnell herbeigegoogelt: "Wir sehen die Rolle des Militärs in der Wirtschaft als eine Kraft, die in der Regel Reformen hin zu einem freien Markt erstickt", heißt es darin.

Nun aber sei damit Schluss, sagt Sadek. "Wir fangen an, unsere eigenen Lösungen zu finden." Dann klingelt eines seiner beiden Handys. Er zieht seine Hand, an der er eine teure silberne Uhr aus den USA trägt, aus der Hosentasche und nimmt das Gespräch entgegen. "Ich muss jetzt gehen", sagt er kurz darauf. "Meine Freunde sind schon auf dem Tahrir-Platz, die warten auf mich." Vorher wirft er noch einen Blick auf seine App. Er wird nicht allein sein auf dem Weg dorthin. "Mafisch Amal - endloser Stau" schreibt ein User.

Dominik Peters ist freier Mitarbeiter, Daniel Gerlach Herausgeber von "Zenith - Zeitschrift für den Orient", seit dieser Ausgabe Kooperationspartner von brand eins. Das Magazin berichtet schwerpunktmäßig über den Nahen Osten und die islamische Welt. In der Zenith-Reihe erscheint auch der "Zenith-Business Report", ein zweimonatliches Wirtschaftsmagazin zu Afrika, Nahost und Zentralasien in deutscher und englischer Sprache (www.zenithonline.de).