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Kann man in China Geschäfte machen und dabei seinen Grundsätzen treu bleiben? Google hat es versucht. Hier die Chronologie dieses Experiments.




24. Januar 2006 Google.cn wird freigeschaltet. China gilt als der wachstumsträchtigste Online-Markt der Welt. Bisher war Google nur über eine kleine Beteiligung am 2000 gegründeten chinesischen IT-Unternehmen Baidu in dem Land vertreten.

Das Engagement in China ist umstritten. Um seine Dienste anbieten zu können, muss sich der Internetgigant mit dem Leitmotto "Don't be evil" zur Selbstzensur verpflichten. So darf die amerikanische Suchmaschine in China Informationen etwa zur Demokratiebewegung oder den Unabhängigkeitsbestrebungen in Taiwan nicht zeigen. Das Zugeständnis an die chinesischen Behörden hatte in der Firma zu heftigen Diskussionen geführt.

Februar 2006 Das US-Repräsentantenhaus verlangt von Google und anderen Internetfirmen, dass sie ihr Vorgehen in China vor dem Ausschuss für Menschenrechte rechtfertigen. Die Manager verteidigen sich: Das Internet könne zu Reformen in China und zur Öffnung des Landes beitragen. Ein beschränkter Zugang zu Informationen sei besser als gar keiner.

April 2006 Google-Vorstandschef Eric Schmidt sagt bei einer Veranstaltung in Peking, sein Unternehmen habe sich gegenüber der Regierung verpflicht, sich "strikt" an die Gesetze des Landes zu halten. Google werde keine "Informationen verbreiten, die illegal, unangemessen, unmoralisch oder sonst was sind". Der Suchdienst wolle auf jeden Fall in China präsent sein.

Der Marktanteil von Google liegt dort laut Analysten bei 32 Prozent. Stärkster Wettbewerber ist das chinesische Suchportal Baidu, das es auf 56 Prozent bringt.

2008 Immer wieder blockieren chinesische Behörden die Suchmaschine. Sie soll angeblich pornografische Inhalte verbreitet haben.

Dezember 2009 Chinesische Menschenrechtler bemerken, dass ihre Gmail-Konten offenbar ausgespäht werden. Nach intensiven Recherchen stellt Google fest, dass es tatsächlich "eine sehr intelligente, umfangreiche und ausgeklügelte Attacke" auf die Server gegeben habe. Bei Programmierern verdichtet sich der Eindruck, dass die Angreifer in China sitzen. Mehr noch, die Fachleute vermuten, dass offizielle chinesische Stellen hinter den Attacken stecken.

12. Januar 2010 Der Chefjustiziar David Drummond schreibt im Unternehmens-Blog, dass er davon überzeugt sei, die neuerlichen Hacker-Attacken auf chinesische Bürgerrechtler sowie zahlreiche amerikanische Unternehmen gingen auf das Konto von China. Deshalb sei man nicht länger bereit, seine Suchergebnisse auf Google.cn zu zensieren. Außerdem gibt das Unternehmen bekannt, es erwäge, seine chinesische Website abzuschalten. Auch über eine Schließung der Büros, in denen 700 Mitarbeiter arbeiten, werde nachgedacht.

China ist für die Firma bislang ein eher kleiner Markt. Beobachter gehen davon aus, dass die Umsätze der weltgrößten Suchmaschine in dem Land bei höchstens 600 Millionen Dollar und damit bei rund zweieinhalb Prozent des Gesamtumsatzes von 23,6 Milliarden Dollar liegen.

Dennoch ist China für das langfristige Wachstum wichtig. Der Marktanteil der Amerikaner liegt nach Angaben des Forschungsinstituts Analysys International in China bei 35,6 Prozent. Der Konkurrent Baidu kommt auf einen Marktanteil von 58,4 Prozent. Den Rest des chinesischen Marktes teilen kleinere Suchmaschinen wie Alibaba unter sich auf.

Nirgendwo auf der Welt wächst die Nachfrage nach Online-Diensten so schnell wie in China, wo 380 Millionen Menschen das Internet nutzen. Das entspricht in etwa einem Viertel der Bevölkerung. Für 2010 prognostizieren Experten rund 30 Prozent mehr Nutzer. Zum Vergleich: In den USA, Deutschland und Japan sind drei Viertel der Bevölkerung online. Die Wachstumsrate in Deutschland beträgt nach Schätzungen für 2010 zwischen zwei und vier Prozent.

Die Auseinandersetzung zwischen Google und China schlägt hohe Wellen. Hillary Clinton, die amerikanische Außenministerin fordert die chinesische Führung dazu auf, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen.

26. Januar 2010 China wirft den USA im Streit um die Internetzensur Verschwörung vor, wie im Zentralorgan der Kommunistischen Partei zu lesen ist.

12. März 2010 Die chinesische Führung zeigt sich unbeeindruckt von der Drohung, dass Google das Land verlassen werde. Das Unternehmen werde "die Konsequenzen tragen" müssen, wenn es seine lokale Suchmaschine nicht mehr zensiere, so Chinas Minister für Informationstechnik Li Yizhong.

18. März 2010 Die Zeitung "China Business News" berichtet, Google plane, seine Geschäfte in China zum 10. April einzustellen. Als Quelle nennt das Blatt den anonymen Mitarbeiter einer chinesischen Werbeagentur, die für das Unternehmen arbeiten soll.

22. März 2010 Google leitet alle Suchanfragen aus China automatisch auf eine Seite in Hongkong um. Diejenigen, die dort landen, unterliegen nicht der Zensur. Für die chinesische Regierung unliebsame Ergebnisse bekommen die Nutzer aus China über diesen Umweg allerdings trotzdem nicht zu sehen: Anfragen nach solcherlei Informationen werden von einer Firewall mit Fehlermeldungen beschieden. Für den Chef der Rechtsabteilung, David Drummond, ist dies "eine vernünftige Lösung – völlig legal", wie er im Unternehmens-Blog schreibt. Die chinesische Führung reagiert verärgert. Offenbar blockiert sie für Festland-Chinesen den Zugang zur Seite in Hongkong. Ein Regierungssprecher äußert gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua "Missfallen und Entrüstung" über die Umleitung der Suchanfragen. Das Unternehmen habe ein schriftliches Versprechen gebrochen. Das Weiße Haus zeigt sich "enttäuscht" darüber, dass kein Kompromiss mit China gefunden werden konnte.

Aus Google-Kreisen ist zu vernehmen, dass das Unternehmen seine Niederlassung in China, den Vertrieb und vor allem sein Entwicklungszentrum im Land lassen wolle. An der New Yorker Börse haben die Google-Papiere seit dem Beginn der Auseinandersetzungen mit China fast 12 Prozent ihres Wertes verloren. Die Aktien von Baidu, die seit 2005 an der Wall Street gehandelt werden, sind hingegen um um mehr als 45 Prozent gestiegen.

April 2010 Baidu gibt die Ergebnisse für das erste Quartal bekannt. Demnach seien die Erlöse im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um knapp 60 Prozent gestiegen. Nach Angaben des Marktforschungsinstituts Analysys International erreicht Baidu in China nun einen Marktanteil von 64 Prozent. Der Anteil von Google ist um knapp 5 Prozent auf 30,9 Prozent gefallen.

Google-Finanzchef Patrick Pichette gibt bekannt, dass die Erlöse, die sein Unternehmen bislang in China erzielte, für das Unternehmen eher zu vernachlässigen gewesen seien.

Juni 2010 Die chinesische Regierung signalisiert, dass sie nicht bereit sei, die automatische Umleitung von Suchanfragen über Google.cn nach Hongkong zu tolerieren. Wer in China Geschäfte mache, müsse sich auch an die Gesetze halten.

28. Juni 2010 Google stellt offiziell den Antrag auf die Verlängerung seiner Internet-Lizenz. Sie läuft zwar eigentlich bis 2012, wird aber regelmäßig im Juni jedes Jahres überprüft.

Außerdem beugt sich Google den chinesischen Vorgaben und schaltet die automatische Weiterleitung nach Hongkong ab. Wer nun auf die chinesische Seite der Suchmaschine klickt, kann sich über einen Link auf das unzensierte Google-Angebot in Hongkong weiterleiten lassen, schreibt Chefjustiziar David Drummond im Firmen-Blog. Über Google.cn laufen nun Suchanfragen, die für die staatliche Zensur uninteressant sind. Anfragen aus dem Ausland laufen automatisch über die Seite in Hongkong. Ungefilterte Ergebnisse dürfen Chinesen allerdings auch jetzt nicht erwarten, wenn sie den Umweg über Hongkong machen. Google umgeht so zwar weiterhin die Auflage zur Selbstzensur, das Herausfiltern unliebsamer Informationen übernimmt dafür die chinesische Firewall.

Durch den Kniff mit dem Hongkong-Link erfüllt man zumindest formal die Auflagen der chinesischen Behörden.

30. Juni 2010 Die Betriebslizenz von Google läuft in China aus. Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua meldet, das Unternehmen werde von den zuständigen Behörden "sehr bald" eine Antwort auf seinen Antrag erhalten. Allerdings habe sich Google erst "sehr spät" um eine Verlängerung gekümmert.

1. Juli 2010 Entgegen aller Befürchtungen läuft die Suchmaschine auch nach dem Ablauf der Lizenz. Allerdings funktionieren manche Funktionen nicht oder nur eingeschränkt.

6. Juli 2010 Noch immer ist nicht klar, ob die chinesischen Behörden die Lizenz für Google.cn verlängern werden. Mittlerweile wird öffentlich über die Folgen einer Kündigung spekuliert.

9. Juli 2010 Google verkündet in einem Blog sehr knapp, dass China die Lizenz verlängert habe.

20. Juli 2010 Zhang Feng, der zuständige Experte des Informationsministeriums, äußert sich zufrieden über die Abschaffung der automatischen Weiterleitung nach Hongkong. Damit halte sich Google nun an chinesische Gesetze.

Der Marktanteil von Google in China liegt im abgelaufenen zweiten Quartal bei 27,3 Prozent. Offenbar sind viele Werbepartner verunsichert und stornieren Anzeigen.

Oktober 2010 Baidu meldet für das dritte Quartal einen Netto-Gewinn in Höhe von 156,4 Millionen Dollar. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum. Der Marktanteil der Suchmaschine ist um 3 Prozent auf 73 Prozent gestiegen. So hoch wie noch nie. Google kommt in China auf 21,6 Prozent.

Dezember 2010 Ein Dokument der US-Botschaft in Peking legt nahe, dass die Hacker-Attacken auf die Gmail-Konten chinesischer Menschenrechtsaktivisten vom Dezember 2009 auf Anweisung aus dem Politbüro erfolgten.

März 2011 Die Google-Dienste Youtube und Blogger können von China aus nicht mehr angesteuert werden.

Gmail funktioniert über Wochen in China nur eingeschränkt. Techniker finden im eigenen Haus dafür keinen Grund. Das Unternehmen beschuldigt die chinesische Regierung, für die Schwierigkeiten verantwortlich zu sein. Die Suchmaschine Google hat nach Zahlen von Analysys International in China einen Marktanteil von 19,6 Prozent.

14. März 2011 Die Aktie von Baidu schießt an der Wall Street um 26,60 Dollar nach oben. Der Schlusskurs liegt bei 576,84 Dollar. Am selben Tag verliert Google 16,36 Dollar und schließt bei 563,18 Dollar. Zwar ist Google mit 179 Milliarden Dollar deutlich mehr wert als Baidu, das es auf eine Marktkapitalisierung von 20 Milliarden Dollar bringt, aber die Entwicklung zeigt, wie skeptisch Anleger die Chancen für Google auf dem größten Internet-Markt der Welt einschätzen. In China surfen mittlerweile rund 500 Millionen Menschen im Internet.

Juni 2011 In der ersten Juni-Woche stellt sich heraus, dass erneute Hacker-Attacken auf Gmail-Konten von amerikanischen Beamten und Militärs und chinesischen Menschenrechtlern offenbar von Jinan aus gesteuert wurden. Jinan ist ein Aufklärungsstützpunkt der Volksarmee.

Offenbar blockieren die chinesischen Behörden den Zugang zu Google Plus.

Google beantragt die Erneuerung seiner Betriebslizenz für China.

Juli 2011 Die chinesischen Behörden verlängern die Lizenz. Google bleibt sich treu: Chinesen, die eine Recherche jenseits der Themen Musik und Unterhaltung starten wollen, müssen auf die Seite in Hongkong klicken. Die Chinesen allerdings zensieren mithilfe einer Firewall nach wie vor die angezeigten Suchergebnisse.

Die Nachrichtenagentur Bloomberg meldet, dass Microsoft und Baidu künftig kooperieren werden. Die Nutzer von Baidu sollen bald Suchergebnisse auf Englisch über Bing erhalten können. Bing ist die Suchmaschine von Microsoft. Offenbar werden die Ergebnisse unzensiert zur Verfügung gestellt. Um die Vorgaben der chinesischen Zensurbehörde zu erfüllen, wird Baidu die Angaben wohl entsprechend bearbeiten.

Baidu stellt einen eigenen Internetbrowser vor. Experten sagen, er sähe dem Google-Browser Chrome sehr ähnlich.

September 2011 Baidu hat in China einen Marktanteil von rund 80 Prozent, Google liegt bei knapp 19 Prozent.

Der amerikanische Computerkonzern Dell gibt bekannt, dass er künftig gemeinsam mit Baidu Tablet-Computer und Mobiltelefone für den chinesischen Markt entwickeln wolle.

Oktober 2011 Baidu verkündet eine Steigerung des Gewinns im dritten Quartal um 80 Prozent auf 295 Millionen Dollar im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Für das vierte Quartal rechnen die Verantwortlichen mit einem Anstieg von 85 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal.

Es wird darüber spekuliert, dass Baidu in Kürze eine Partnerschaft mit Facebook eingehen könnte. Bislang sind soziale Netzwerke wie Youtube, Twitter oder Facebook in China verboten.

Die Analysten des amerikanischen Instituts Susquehanna prognostizieren für 2014 ein jährliches Online-Werbevolumen von 13 Milliarden Dollar in China. Klar scheint bereits jetzt, dass Baidu davon stark profitieren wird. Und natürlich seine Partner aus dem Ausland. Google wird wohl nicht dazugehören.