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Guerilla

Thilo Bode sagt gern Nein. Das funktionierte schon bei Greenpeace. Besonders gut aber funktioniert es bei Foodwatch.




• Zu den vielen Dingen, die ein Revival erleben, zählt die Guerilla-Taktik. Das wurde erst neulich wieder klar, als Thilo Bode, der Geschäftsführer von Foodwatch, bei der Plauderstunde eines Berliner Radiosenders von der "Beißhemmung" sprach, die einen im politischen Geschäft immer dann befalle, wenn man viel zusammensitze und rede. "Ich bin froh", sagte Bode, "dass wir bei Foodwatch eine kleine Organisation sind, wo wir noch einen echten Guerilla-Status und gar nicht die Zeit haben, uns in lange politische Prozesse einbinden zu lassen [...]. Unsere Stärke liegt im Druck von außen."

Der führt schon mal dazu, dass die Riesen der Lebensmittelbranche auf Foodwatch so aufgeschreckt, allergisch und aggressiv reagieren, als wäre ihre ungedeckte Flanke attackiert worden. Schon als Bode Geschäftsführer von Greenpeace war, rief der Vorstand eines Energieunternehmens erregt: "Angesichts zurückgehender Spenden brennen bei Greenpeace offensichtlich die Sicherungen durch."

Die Abwehrreaktionen auf die Kampagnen, mit denen Bode und Foodwatch heute auf Missstände bei Lebensmitteln aufmerksam machen, sind nicht freundlicher. Ilse Aigner, die Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, sagt über Bode: "Er lebt von der Skandalisierung. Das ist sein Geschäftsmodell, um möglichst viele Mitglieder und Spendengelder zu gewinnen. Kampagnen, die ein Klima der Verunsicherung schüren, halte ich für bedenklich."

Thilo Bode hat das Neinsagen zum Geschäft gemacht. Weil er das Gefühl hat, alles andere helfe nicht mehr weiter.

Achtung: ein gefährlicher Mann

Ein vernebelter Dienstag. In der Berliner Brunnenstraße 181 sitzen die Mitarbeiter von Foodwatch vor einer Plastikkuh und konferieren. So geht das jeden Dienstag hier. Diesmal ist von einem Report über Agrar-Rohstoff-Spekulanten die Rede, von einem Bericht über Gen-Mais, und davon, weshalb es nie eine Art Food-watch-Gütesiegel für Lebensmittel geben dürfe. "Das soll in das nächste Mitgliederblatt", sagt der Pressesprecher Martin Rücker, "Gespräche ja, Kooperation nein."

Thilo Bode ruht in sich selbst. Das ist hier sein Laden, und dieser Laden läuft.

Aber er ist misstrauisch. Als er sich in seinem Büro an den Schreibtisch setzt, weiß die Haare, schwarz der Rolli, braunes Jackett, sagt er zur Begrüßung: "Ich war mir nicht ganz sicher, ob wir das hier machen sollten, so ein Gespräch über mich persönlich." Er ist ein Profi, der seine Sätze auf Knopfdruck abspulen kann. Wenn man ihn fragt, ob er "von der Skandalisierung lebe", antwortet er druckreif: "Wer gravierende Missstände aufdeckt und Verantwortliche beim Namen nennt, betreibt keine Skandalisierung. Der erfüllt eine demokratische Bürgerpflicht." Er könnte ewig so weiterreden.

Keine Frage: Thilo Bode spricht lieber von der großen Sache als von sich selbst. Das hat er sich angewöhnt. Das hat auch damit zu tun, dass selbst das linke Lager, dem er sich zugehörig fühlt, den Sinn seiner Protestpose zuweilen missversteht. "Wie soll man jemand nennen, der die politischen Parteien als 'Krebsgeschwür' bezeichnet? Der die repräsentative Demokratie als 'Kern des Übels' sieht? Der bestreitet, dass 'Demokratie sich von innen heraus erneuern kann'?" Das fragte die "taz", als sie 2003 Bodes Buch "Die Demokratie verrät ihre Kinder" rezensierte. Sie versuchte die Antwort so: "Ganz egal, ob er von rechts oder links, von oben oder von unten angreift – man sollte ihn gefährlich nennen. [...] Bode propagiert nichts weniger als die Kapitulation der Zivilgesellschaft vor der Macht der Straße."

Eine andere Erklärung könnte sein: Thilo Bode, Jahrgang 1947, Sohn eines Journalisten und aufgewachsen in den Jahren der Antiparlamentarischen Opposition, ist zu desillusioniert, um noch an Fortschritte auf dem üblichen politischen Weg zu glauben. Die Wirtschaftslobby scheint ihm übermächtig und allgegenwärtig, die Wissenschaft nicht unabhängig, die Medien ... ach ja, die Medien. Und der Staat, überrumpelt und schwach, versage bei der Zurechtweisung "allgemeinschädlich gewordener" Branchen, da er zum Dienstleister der Wirtschaft degradiert sei: "Wir haben kein Erkenntnisproblem", sagt Bode, "wir haben ein Umsetzungsproblem." Dann trommelt der Mann unter dem Schreibtisch mit den Schuhen auf dem Boden.

Vorsicht: Schlauchboot

Es gab Zeiten, in denen Bode anders tickte. Nach der Promotion etwa, als er für Lahmeyer International an Wasser- und Energieversorgungsprojekten in der Dritten Welt arbeiten konnte. "Ich wollte Entwicklungspolitik machen, seit wir mit dem Bus über den Hippie Trail fuhren." Auch die Jahre, in denen er sich für die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) um den Maghreb und Somalia kümmerte, erlebte er als Aufbruch.

Doch je stärker er die Logik der jeweiligen Institution zu durchschauen meinte, desto unzufriedener wurde er. Ständig zog es ihn weiter. Der Experte von der KfW? Wollte rasch "raus aus dem KfW-Mechanismus" und freier arbeiten; so gelangte er im Auftrag der Weltbank ins chinesische Kohleministerium. Der Mann, der das Geld in die Entwicklungsländer getragen hatte? Warnte unter Pseudonym in großen Zeitungen vor dem Irrsinn der deutschen Entwicklungshilfe. Eine Karriere als Journalist? "Hätte mich nur über die schreiben lassen, die handeln. Ich wollte selbst gestalten." Und auch bei einem mittelständischen Unternehmen war Bode nicht glücklich: "Das war ein Familienbetrieb, einer von den guten, die keinen Kredit bekommen, ohne dafür mit dem eigenen Vermögen zu haften. Irgendwann hatte ich aber genug Metall verkauft." Die Sinnfrage.

Thilo Bode war auf der Suche nach einem Ort, an dem er seine ganze Unzufriedenheit in Energie verwandeln konnte. An dem er Chef sein konnte.

1989 meldete er sich auf eine Stellenanzeige von denen, die mit dem Schlauchboot Umweltsünder attackierten. "Ich mache keine Konsensgeschichten", sagte er gleich beim Bewerbungsgespräch. "Ihr seid schnell gewachsen, jetzt sucht ihr jemanden, der von außen kommt und eure Organisationsprobleme löst. Also muss ich als neuer Geschäftsführer wirklich entscheiden können, was nötig ist und was nicht."

Für Greenpeace ging das in Ordnung. Bode bekam den Job, und als er mit der Umstrukturierung in Hamburg fertig war, bekam er 1995 auch den als geschäftsführender Sanierer von Greenpeace International in Amsterdam. Mehr noch: Der Mann, der nie Aktivist war, brachte es zum "Greenpeace-Chef, der die Mächtigen herausfordert" und gern gesehenen Talkshow-Gast.

Für eine Organisation, die es gewohnt war, in den Medien aus vielen Einzelgesichtern zu bestehen, war das eine Überraschung. Offensichtlich hatte auch Bode dazugelernt, und das so gut, dass er das Protestmanagement zu seiner Spezialität erklärte: "Während Werbe- und Wahlkampagnen mit Geld Öffentlichkeit kaufen, müssen NGO-Kampagnen so gut sein, dass die Medien über sie berichten, ohne dafür bezahlt zu werden. [...] Die entscheidende Kunst einer Kampagne ist es, den richtigen Nerv in der Gesellschaft zu treffen. Der Ausgangspunkt muss deshalb auch nicht unbedingt der wichtigste Aspekt eines Problems sein. Wichtig ist die Dynamik der öffentlichen Debatte, die einsetzt." Oder anders: "Sie müssen warten, bis der Gegner einen Fehler macht."

Thilo Bode muss davon geträumt haben, eines Tages ein eigenes Unternehmen auf diesem Prinzip aufzubauen. Eines, in dem nicht so viel Zeit für die interne Politik aufgewendet werden muss.

Ungesund: Zuckerbombe

Die Gelegenheit dazu kam schneller als erwartet. Kurz nachdem Bodes Vertrag bei Greenpeace ausgelaufen war, redete ganz Deutschland über BSE. Verrückte Rinder, verstörte Verbraucher, verjagte Minister? Bode spürte, was da losbrach. Er gründete Foodwatch, und ein wenig schien es, als hätte sich Bode nach der Arbeit für den multinationalen Kraftprotz Greenpeace noch einmal ein Start-up leisten wollen.

Nur dass es diesmal darum ging, statt der Welt nur Lebensmittel zu retten. "Es ging zurück auf null", sagt Bode. "Wir mussten, wie in den Anfängen der Umweltbewegung, erst einmal recherchieren, informieren und lernen, die Leute bei einem Thema abzuholen, das sie bewegt."

Bei Foodwatch hatte Bode allerdings keine halbe Million zahlender Mitglieder im Rücken wie bei Greenpeace. Zehn- oder zwanzigtausend ließen sich vielleicht durch Mitgliederwerbungen auf der Straße, Telefonmarketing, Talkshow-Auftritte und medienwirksame Kampagnen mobilisieren. "Aber so einfach ist das nicht", sagt der Unternehmensberater Henner Ehringhaus, der von diesen Überlegungen erzählt. Er schätzt Bode, seit dieser über eine Ökosteuer und beide über die finanziellen Sorgen von Greenpeace International grübelten. "Wir dachten gemeinsam über das richtige Finanzkonzept für Foodwatch nach und riefen schließlich eine Art Afghanistan-Konferenz ein, bei der die einzelnen Teilnehmer Hilfszusagen machten." Am Ende dieser Gespräche konnte Foodwatch dank Spenden, Stiftungsgeldern, Garantien und einem Kredit der GLS Gemeinschaftsbank mit einem Startkapital von 1,5 Millionen Euro kalkulieren.

Die Zahl der Fördermitglieder stieg in dem Maße, in dem Foodwatch in den Medien auftauchte – besonders dann, als kurz nach den Gammelfleischskandalen die Kampagne "Abgespeist" anlief, zu der neben einem gleichnamigen Buch eine umstrittene Internet-Seite gehörte. Auf ihr müssen sich Hersteller einer Reihe von großen und beliebten Markenprodukten wie Actimel, Milchschnitte und Nimm2 den Vorwurf gefallen lassen, mit "dreisten Werbelügen" zu Werke zu gehen.

Ein Kinderriegel für die "extra Portion Milch"? Für Foodwatch war das "die Extra-Portion Zucker und Fett", so wie auch Actimel, der Joghurt, der die "Abwehrkräfte aktiviert", vor allem eine "Zuckerbombe" war. Heute hat Foodwatch 21000 Fördermitglieder. Eine gute Basis.

Finger weg: das Gift

Bode sagt nicht viel über den Zusammenhang zwischen Kampagnen und Mitgliederzahlen. "Gute Kampagnen gehen Hand in Hand mit politischer Unterstützung durch viele Menschen. Und diese wiederum sind der Garant für finanziellen Erfolg", sagt er bloß. Und erinnert an die Crux seines Geschäftes. Denn die Provokation - die rhetorische Zuspitzung im Stil des Fast-Food-Journalismus, die Bereitstellung vorformulierter Protest-Mails, die Turbo-Verbreitung über Youtube und Facebook ("42 588 gefällt das") und die genüssliche Dokumentation des Schriftverkehrs mit den attackierten Firmen – funktioniert auf Dauer nur, solange sie von Fakten gedeckt wird. Andernfalls verlöre Foodwatch sowohl das Vertrauen der Medien als auch derjenigen, die die Organisation regelmäßig unterstützen. So wie damals, als Messfehler Greenpeace beinahe den Erfolg der Brent-Spar-Kampagne vermasselt hätten.

Der damals verantwortliche Bode weiß, dass es vor allem darauf ankommt, gelassen auf Vorwürfe zu reagieren. "Foodwatch erscheint als eine Marketingmaschine für die Alimentationsinteressen von Herrn Dr. Thilo Bode", giftete ein Firmensprecher von Storck, nachdem Foodwatch die Werbung für die bunten Nimm2-Bonbons als "gefährlich" bezeichnet hatte: "Die Auseinandersetzung mit unserem Produkt stammt von einer Organisation, die sehr maßgeblich von einem Hauptwettbewerber unseres Hauses finanziert worden ist."

Foodwatch teilte daraufhin mit, dass Thilo Bode zwölf Monatsgehälter in Höhe von jeweils 5800 Euro brutto erhalte. Und über den Schokoladenfabrikanten Alfred Ritter, einen alten Bekannten von Bode, der 250000 Euro zur Gründung gespendet hatte: "Zur Zeit der Gründung von Foodwatch stand infolge der BSE-Krise zunächst die Land- und Futtermittelwirtschaft im Fokus der Aktivitäten. Die vertiefte Auseinandersetzung mit der Lebensmittelindustrie ist eine Entwicklung der vergangenen Jahre." Ein Geheimnis waren die Foodwatch-Spender ohnehin nie. Sie stehen im Internet.

Überhaupt sind Transparenz und Gründlichkeit das wichtigste Gebot. Denn darum geht es doch bei einer Organisation, deren Gründer die unübersichtliche Verflechtung von Wirtschaft und Politik als Geißel der Gegenwart betrachten: "Wie funktionieren Märkte?", fragt Bode, der unlängst bei dem Versuch scheiterte, die Veröffentlichung der Gästeliste des umstrittenen Geburtstagsessens für Josef Ackermann zu erreichen, das im Bundeskanzleramt stattfand (und das nicht der falschen Menükarte wegen). "Im Grunde weiß doch der Verbraucher bei den Lebensmittelprodukten ebenso wenig wie bei den Finanzprodukten, was er kauft. Er kann sein Recht nicht wahrnehmen, im Markt der König zu sein."

Überall Nepper, Schlepper, Bauernfänger. Hätte er nicht Foodwatch gegründet, sagt Thilo Bode, wäre es Financewatch geworden.

Aufgepasst: Eurowatch

Vorerst will er nur mit Foodwatch expandieren, und zwar in Länder wie Frankreich, Großbritannien, Italien oder Spanien. "Wir haben jetzt ein Büro in den Niederlanden. Nächste Woche wollen wir das Lizenzabkommen unterschreiben."

Denn einige Dinge geraten in Bewegung. Unlängst eröffnete Ilse Aigner ein Portal namens Lebensmittelwarnung.de, das amtliche Warnungen bündelt, sowie die Mitmachseite Lebensmittelklarheit.de, die von den Verbraucherzentralen betrieben wird und in ihrer Grundidee, dem Kampf gegen Etikettenschwindel, stark an Bodes Seite Abgespeist.de erinnert – nur unaufgeregter. Als die Verbraucherministerin von einer Branchenzeitschrift gefragt wurde, ob sie damit "quasi das Geschäftsmodell von Foodwatch kaputt machen" wolle, antwortete sie: "Wenn Sie meinen, dass wir sachliche Information an die Stelle von Skandalisierung setzen: ja."

Mehr als 4000 Produkte wurden Lebensmittelklarheit.de bereits von Verbrauchern gemeldet, die ersten dieser Meldungen - der Effekt ist der gleiche wie bei Abgespeist.de – zwangen die Hersteller bereits zu Korrekturen ihrer Etiketten oder gar bei der Zusammensetzung ihrer Produkte.

Wäre eine solche Website, die von der Industrie als "Online-Pranger" bekämpft wurde, ohne das vorherige Beispiel und die Aufregung um Foodwatch möglich geworden? Vermutlich. Denn es gibt mittlerweile viele, die angesichts der industriellen Nahrungsmittelproduktion der Ekel packt. Da muss man bloß an Filme denken wie "Food Inc" und "We feed the world". An die Bio-Superläden. Und daran, dass just in dem Moment, in dem Bode 2002 als Folge der "Rinderwahn"-Empörung Foodwatch gründete, auch eine neue Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit aufgebaut wurde und im Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft beschlossen wird, den wirtschaftlichen Verbraucherschutz voranzutreiben.

Braucht man ihn da überhaupt noch?

Thilo Bode lächelt wie ein gequälter, täglich denselben Sticheleien des Oberlehrers ausgesetzter Pennäler: "Wir brauchen doch auch noch Umweltorganisationen, obwohl es ein Umweltministerium gibt", sagt er. Und ergänzt, im "sogenannten Verbraucherschutzministerium" sitze eine Ministerin, die nach der Enthüllung skandalöser Industriepraktiken noch immer reflexhaft ankündige, erst einmal mit der Industrie über die richtige Lösung für die Probleme sprechen zu wollen: "Das sagt doch alles."
Immerhin – das war mal, als Antwort, ein Ja.