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Die Kunst des Luftanhaltens

Martin Roth organisierte in China eine Ausstellung zum Thema Aufklärung, die kaum jemand für möglich hielt. Viele meinen, sie hätte auch niemals möglich gemacht werden dürfen.




• 600 Kunstwerke aus der Epoche der europäischen Aufklärung ausgerechnet am Platz des Himmlischen Friedens auszustellen, auf 2700 Quadratmetern im neu eröffneten Chinesischen Nationalmuseum in Peking, dem größten der Welt, gleich neben der riesigen Statue von Konfuzius und dem Mausoleum von Mao, das mag man noch ambitioniert nennen.

Diese Ausstellung unter der gemeinsamen Schirmherrschaft des Bundespräsidenten und des chinesischen Staatspräsidenten zu veranstalten, den ganzen Spaß von der deutschen Politik und Wirtschaft mit ungefähr zehn Millionen Euro bezahlen zu lassen, fanden viele dann schon verwerflich.

Martin Roth hat die Ausstellung "Die Kunst der Aufklärung" über viele Jahre vorbereitet; die ersten Kontakte mit den Chinesen gab es 2002. Die Befürchtungen seiner Kritiker sind allesamt eingetreten. Der Vorstand eines Dax-Konzerns pries Mao, und Medienberichten zufolge waren deutsche Unternehmer über kritische Ftragen von Journalisten nicht glücklich, und zwei Tage nach der Eröffnung sperrte die chinesische Führung mit Ai Weiwei den bekanntesten Künstler des Landes ein. Es lassen sich viele Gründe aufzählen, diese Ausstellung abzubrechen oder gar nicht erst stattfinden zu lassen. Martin Roth sieht in jedem dieser Gründe aber nur einen Grund mehr für dieses Projekt.


Herr Roth, erinnern Sie sich noch, wie Sie von der Verhaftung Ai Weiweis erfuhren?

Ich saß im Flugzeug in Peking, die Maschine rollte bereits zur Startbahn, da erhielt ich die Nachricht per SMS. Dann starteten wir, und die Telefone mussten für die nächsten Stunden ausgeschaltet bleiben.

Sie hatten Zeit, nachzudenken.

Ja, und ich habe die Tragweite des Ganzen verkehrt eingeschätzt. Ich dachte: Wie gut, dass wir mit dieser Ausstellung eine Plattform haben, um dieses Thema anzusprechen. Zurück in Deutschland merkte ich aber, dass man nicht darüber reden, sondern die Ausstellung desavouieren wollte.

Was meinen Sie damit?

Statt die Ausstellung als Provokationsmedium zu nutzen, haben vor allem die Medien lieber einen Gesinnungs-Check vorgenommen. Es ging nicht mehr um die Ausstellung oder Ai Weiwei, sondern einfach nur gegen die Ausstellung und gegen mich. Besonders erschreckend fand ich die hasserfüllten Worte der Nobelpreisträgerin Herta Müller, von der ich aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Werke mehr Subtilität oder zumindest eine differenzierte Sprache erwartet hätte (Anmerkung der Redaktion: Herta Müller hatte unter anderem gesagt: "Es kommt mir vor, als würde die deutsche Kulturpolitik regelrecht winseln um Anerkennung durch China. Es wirkt wie eine Anbiederung. Der Wunsch, deutsche Kultur um jeden Preis in die weite Welt zu schicken, verrät letztlich eine provinzielle Haltung der deutschen Kulturpolitik ...").

Martin Roth ist eine eloquente Person. Kulturwissenschaftler, Jahrgang 1955, gebürtiger Schwabe, groß gewachsen und tadellos gekleidet. Bis zum Sommer 2011 war er Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, nun leitet er das Victoria und Albert Museum in London mit mehreren Millionen Exponaten.

Roth ist ein moderner Museumsdirektor, kein Biedermann, sondern eher vom Typus Manager. Nur gebildeter und mit besseren Umgangsformen. Er gehört zum Establishment der Hoch-Kultur und genießt die damit verbundenen Privilegien: Limousinen, Fünf-Sterne-Hotels, Zugang zu den Zirkeln der Einflussreichen. Er akquiriert Gelder, knüpft Verbindungen und trifft sich mit Funktionären von Chinas kommunistischer Partei ebenso wie mit Ureinwohnern in Kanada. Er redet leise und mit großer Gestik, ist einnehmend auf seine Art.

Roth ist Ritter des französischen Ordens der Künste und der Literatur und gerade auf dem Weg ins Hyatt-Hotel von Düsseldorf. Er redet von schweren Zeiten, berichtet von seinen Kollegen in Spanien, die für ihre Museen gerade Budgetkürzungen von bis zu 80 Prozent hinnehmen mussten. Wo andere den Verdacht äußern, bei großen Kulturprojekten wie der Ausstellung in China spielten auch wirtschaftliche Interessen eine Rolle, wundert sich Roth, wie man überhaupt glauben könne, das eine hätte mit dem anderen nichts zu tun.

Der schönste Kommunismus

Es liegt fast ein Jahr zurück, dass Martin Roth vor der Eröffnung in Peking vom Platz des Himmlischen Friedens schwärmte, von den dort im Wind flatternden roten Fahnen, dem blauen Himmel darüber und den schimmernden Wagen der Oberklasse auf den Magistralen davor. Diesen Anblick des Tiananmen-Platzes bezeichnete Roth "als die schönste Form des Kommunismus"

Der chinesische Künstler Ai Weiwei nannte die Kunst der Aufklärung später "eine Form der Anbiederung". Zwei Tage nach der feierlichen Eröffnung im Nationalmuseum, den Grußadressen von Außenminister, Wirtschaftsbossen und Parteifunktionären wurde der Künstler Ai Weiwei verhaftet. Tagelang wussten seine Angehörigen nicht, wohin man ihn verschleppt hatte. In deutschen Medien wird "Die Kunst der Aufklärung" später als "eine Form der Anbiederung" kritisiert.

Warum haben Sie nicht gesagt: Da machen wir nicht mehr mit?

Weil Sie damit nichts erreichen. Ich gehöre zu einer Generation, die immer "so nicht" gesagt hatte. Macht kaputt, was euch kaputt macht. Für mich war das nie die Ultima Ratio, schon gar nicht bei diesem Projekt. Es geht in der Diplomatie darum, immer wieder eine Lösung zu finden. Alles andere ist politische Onanie.

Wie war Ihre Gemütslage nach der Ankunft in Deutschland?

Unter meinen Mitarbeitern herrschte anfänglich große Sorge, bisweilen auch Panik. Die Ereignisse um Ai Weiwei stellten alles infrage. Der Druck der Medien war ungeheuer. Ich wurde angegriffen, falsch zitiert, das Ganze wurde irrwitzig aufgeladen.

Aufgeladen? Die Bundesregierung eröffnet eine Ausstellung mit Unterstützung der deutschen Wirtschaft und der KP, dann wird einem Mitglied der Delegation die Einreise verweigert und kurz nach der Eröffnung der bekannteste Künstler Chinas verhaftet. Dachten Sie, dass alles geräuschlos über die Bühne geht?

Meine Großmutter pflegte zu sagen, man könne sich nicht den Pelz waschen lassen, aber nicht nass werden wollen. Wir haben die Aufklärung an den Platz des Himmlischen Friedens gebracht! Solche Projekte beinhalten auch immer die Frage, wer am Ende am längsten die Luft anhalten kann.

Das haben Sie?

Zumindest gibt es diese Ausstellung noch und Konfuzius leider nicht mehr. Die Statue wurde eines Nachts einfach fortgeschafft. Stellen Sie sich das mal vor: eine viele Tonnen schwere Skulptur, einfach weggeflogen, wie von Zauberhand. Sie steht nun in einer Ecke des Museumsgartens, wo man sie nicht mehr sieht.

Man stelle sich dieses Bild vor: Konfuzius, ein KP-Chef, ein Automobilbauer und ein Museumsdirektor stehen sich gegenüber und halten die Luft an. Wer zuerst Luft holt, verliert, muss in die Ecke, darf keine Leute mehr einsperren, keine Autos mehr verkaufen oder Ölgemälde am Platz des Himmlischen Friedens ausstellen. Da stehen sie nun, mit dicken Backen, knallroten Gesichtern und hervorstehenden Augen. Und Konfuzius verliert.

Begonnen hatte alles in Dresden mit einem Diktator, der nicht lächeln wollte, auch nicht vor der Sixtinischen Madonna. Dabei heißt es, dass vor diesem Gemälde bisher noch jeder habe lächeln müssen. Es gibt entsprechende Fotos mit diversen Despoten. Roth wurde diese Anekdote vom langjährigen Direktor der Gemäldegalerie, Harald Marx, aufmunternd zugeraunt, als sie vor zehn Jahren einen sichtlich misslaunigen chinesischen Parteichef durch die Sammlung Alter Meister führten. Dessen Entourage legte dem greisen Politiker besorgt immer wieder einen Mantel über, aus Angst, er könne sich verkühlen. Jiang Zemin marschierte mit steinerner Miene durch die Kunstsammlung. Während seiner Amtszeit wurden in China einige Tausend Todesurteile vollstreckt, einmal waren es mehr als 4000 in einem Jahr. Vor der Sixtinischen Madonna nahm man für das übliche Foto Aufstellung: Martin Roth lächelt, der damalige Ministerpräsident von Sachsen, Kurt Biedenkopf, lächelt - Jiang Zemin nicht.

Martin Roth, der gerade als Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden angetreten war, die in die Jahre gekommenen Museen aufzupeppen, schlug trotzdem ganz nüchtern einen Austausch von Kuratoren vor. Noch bevor der Übersetzer das übermittelt hatte, lächelte der Staatspräsident und sagte: "Das ist eine gute Idee." Von da an wussten auch die deutschen Diplomaten, dass der chinesische Parteichef leidlich Deutsch versteht und spricht.

Daraufhin kamen sich Kulturmanager beider Seiten sehr vorsichtig und tastend näher. Immer häufiger besuchten nun Delegationen aus China die von Roth geleiteten Museen in Dresden. "Es schien, als hätten sie vorher zu Hause unsere gesamten Sammlungen auswendig gelernt", erinnert der sich mit einem Schmunzeln. Die Detailfragen der chinesischen Gäste hätten ihn regelmäßig in Verlegenheit gebracht. Andererseits habe Roth deutsche Landespolitiker erlebt, die sich bei den Reisen nach China, freundlich gesagt, sehr tapsig angestellt hätten und ausgesprochen schlecht vorbereitet gewesen seien. Martin Roth wurde bald zu offiziellen Empfängen nach China eingeladen.

Der Vertreter der Kultur machte sich als Begleiter der Politik und Wirtschaft gut. Die Chinesen zeigten sich interessiert. Roth sah bei diesen Reisen ein boomendes Land und wunderte sich, warum er die Besucher im damals noch maroden Pekinger Nationalmuseum immer mit einem Handtuch um die Schultern antraf. Die Menschen gingen vor allem aus einem Grund ins Museum: Es war einer der wenigen Orte, an denen man duschen konnte.

Mittlerweile ist das Museum umgebaut. Geplant von Architekten aus Deutschland, gilt es nun, natürlich, als das größte der Welt. Die erste internationale Ausstellung in diesem Haus wurde die "Kunst der Aufklärung". Angela Merkel und Hu Jintao unterzeichneten entsprechende Verträge.

Offenbleiben

Die Dinge kamen ins Rollen. Das Vorhaben zur Kunst der Aufklärung wurde groß und größer; dass es kein Zurück mehr geben konnte, war klar, bevor man überhaupt am Ziel war. Die Zahl der Kritiker wurde gleichwohl nicht kleiner.

Herr Roth, hatten Sie zu irgendeinem Zeitpunkt das Bedürfnis, "so nicht" zu sagen und die Luft nicht mehr länger anzuhalten?

Nein, und es ist wirklich kein Starrsinn, wenn ich behaupte, dass ich auch heute alles wieder genauso machen würde. Das Problem war eher die öffentliche Meinung in Deutschland, damit wollte ich mich nicht abfinden. Diese intellektuell eindimensionalen Scheuklappen beim Blick auf China und auf uns selbst.

Die einen sagen, mit den chinesischen Kommunisten könne und dürfe man nicht kooperieren, die anderen meinen, so schlimm sind sie doch gar nicht, und lohnen tut es sich auch. Zwischen den Kritikern und den Veranstaltern dieser Ausstellung einen Konsens herbeizuführen kommt dem Versuch der Quadratur des Kreises gleich. Martin Roth bastelte an einer grandiosen Ausstellung auf 2700 Quadratmetern direkt am Platz des Himmlischen Friedens. Er tat etwas für seine Karriere und lernte die angenehmen Seiten der chinesioschen Führung kennen. Der Schriftsteller und Dissident Liao Yiwu dagegen, der im Jahr 2011 den Geschwister-Scholl-Preis erhielt, wurde von derselben Führung für vier Jahre ins Gefängnis gesteckt, weil er ein Gedicht über diesen Platz verfasst hatte.

Haben Sie während der Vorbereitung dieser Ausstellung über eine Exit-Strategie nachgedacht, Herr Roth? Dass Sie Kontroversen auslösen würden, war Ihnen ja anscheinend klar.

Natürlich, aber immer in gänzlich anderer Richtung. Nicht, an welchem Punkt wir dichtmachen, war die Frage, allenfalls wie wir die Ausstellung zugänglich halten, wenn die Chinesen versuchen sollten, sie zu schließen.

Was auch passiert, Sie machen weiter?

Vor Ai Weiwei wurden in China allein zwischen Januar und April 2011 mehr als 500 chinesische Aktivisten verhaftet, die wir alle nicht kennen. Auch das war für mich kein Grund zu sagen: Halt, stop, mit euch nicht, sondern ganz im Gegenteil: Deswegen haben wir das alles doch gemacht.

Das klingt nach einem pädagogischen Ansatz.

Stellen Sie sich doch nur einmal die Demokratisierung in Deutschland in den Jahrzehnten nach der Nazi-Zeit ohne die Kultur vor, ohne die Beatles, Bob Dylan, die jüdischen Dirigenten, die nach dem Krieg wieder zurück nach Deutschland kamen und die Philharmonie dirigierten. Das nennt man heute soft diplomacy, es ist die Kohäsion der globalisierten Welt, anders kann ich mir das alles gar nicht vorstellen.

Und deswegen arbeiten Sie mit einem Regime zusammen, das seine Kritiker in Gefängnissen foltert, nur eines Gedichtes wegen?

Sollte ich Ihrer Meinung nach jetzt auch die Zusammenarbeitr mit den USA einstellen? Wenn ich viele Leute erreichen mächte, muss ich mit großen Institutionen zusammenarbeiten, und die sind meist in staatlicher Verwaltung. Ich mache diese Ausstellung aber nicht für die Apparatschiks, sondern weil es in China nicht möglich ist, so ein Projekt mit einer Nichtregierungsorganisation durchzuziehen. Es geht nur mit der Regioerung, wenn Sie etwas verändern wollen. Die Politiker in Deutschland haben uns letztlich in dieser Haltung unterstützt.


Martin Roth, Jahrgang 1955, studierte Empirische Kulturwissenschaft in Tübingen. Er war Direktor des Deutschen Hygiene-Museums, Präsident des Deutschen Museumsbunds, Präsident der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, Leiter des Themenparks, der Weltweiten Projekte und des Global Dialogue bei der Expo 2000 in Hannover. Ab 2001 arbeitete Roth als Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlung Dresden und fungierte als Sprecher der Konferenz Nationaler Kultureinrichtungen. Im September 2011 übernahm er als erster Ausländer die Leitung des Victoria and Albert Museums in London. Die Kunst der Aufklärung Die Ausstellung wird von den Staatlichen Museen zu Berlin, den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen präsentiert. Das Projekt steht unter der Schirmherrschaft des Deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff und seines chinesischen Amtskollegen Hu Jintao. Die Ausstellung kostete rund zehn Millionen Euro. Mehr als 6,6 Millionen Euro steuerte das Auswärtige Amt bei. Rund 1,5 Millionen gab die Stiftung Mercator, die parallel zu der Ausstellung eine Diskussionsreihe veranstaltet. Partner ist die BMW Group.