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Das Meilenrätsel

Wer viel reist, wird mit Flugmeilen belohnt. Doch wie viel ist eine Meile eigentlich wert?




• Zehn Millionen Flugmeilen – das ist das Lebensziel von Ryan Bingham. George Clooney porträtiert ihn in der Tragikomödie "Up in the Air".

Dem Unternehmensberater geht es in seiner Sammelwut nicht um den nächsten Langstreckenflug für die ganze Familie, auch nicht um ein paar Tage in einem Wellness-Hotel oder was die Fluggesellschaft sonst noch in ihrem Prämienkatalog feilbietet.

Ryan Bingham will nach ganz oben: Er will den exklusiven Meilen-Multimillionär-Status erreichen. Seiner Kollegin schwärmt er – natürlich auf einer Flugreise – vom lebenslangen Executive-Status, von einem nach ihm benannten Flugzeug und einem Treffen mit dem Chefpiloten von American Airlines vor.

Bingham geht es um den Status, den meisten anderen Meilensammlern um den Tauschwert ihres Guthabens. Und viele fragen sich: Was ist eine Meile eigentlich wert?

Doch wer einmal bei der Fluggesellschaft nachfragt, landet hart – aber nicht auf dem Boden der Tatsachen.

Denn der Meilenwert ist geheim: "Das zugrunde liegende Geschäftsmodell hierzu und weitere Prozesse sind wettbewerbsrelevant, deshalb möchten wir diese nicht veröffentlichen", antwortet zum Beispiel die Deutsche Lufthansa auf Fragen zu ihrem Miles-&-More-Programm. Auch Verkehrswissenschaftler berichten, dass sie bei dem Versuch, das Meilenrätsel zu entschlüsseln, regelmäßig von den Fluggesellschaften an die frische Luft gesetzt werden.

Dabei kann man sich einer Antwort zumindest annähern. Man muss dazu zwischen Status- und Prämienmeilen unterscheiden. Statusmeilen kann man sich nur erfliegen, und sie bringen, wie der Begriff sagt, Statusvorteile. Das muss ja nicht gleich der eigene Name auf dem Rumpf einer A380 sein. Aber so mancher Fluggast freut sich über den Zugang zur exklusiven Lounge oder den Vortritt beim Check-in. Was das dem Einzelnen wert ist, variiert von Mensch zu Mensch und lässt sich nicht in Euro und Cent umrechnen.

Meilen stehen auch in der Unternehmensbilanz

Aber Statusmeilen sind immer auch Prämienmeilen. Die kann man auch ergattern, ohne zu verreisen. Etwa indem man bei einem der zahlreichen Partner einer Airline einkauft, mietet oder logiert. Modeketten, Mietwagenfirmen und Hotels locken mit Meilen. Und für die gibt es im Gegenzug Güter, die einen Wert haben.

Wie hoch der sein kann, zeigt eine wahre Geschichte, die in dem Film "Punch-Drunk Love" nacherzählt wird. Ihr Held im realen Leben: der Kalifornier David Philips alias "The Pudding Guy". Er errechnete 1999, dass sich aus einer gemeinsamen Werbeaktion eines Puddingherstellers und einer Fluggesellschaft ein ziemlich ordentlicher Profit schlagen lässt: Für etwas mehr als 12 000 Puddings im Gesamtwert von rund 3000 US-Dollar erhielt er 1 253 000 Vielfliegermeilen – die hätten für mehr als 30 Tickets von den USA nach Europa gereicht – hin und wieder zurück, wohlgemerkt.

Seit American Airlines 1981 das Kundenbindungsprogramm erfand, haben sich Flugmeilen zu einer echten Währung entwickelt. Im Jahr 2005 überschlug der "Economist", dass Passagiere Flugmeilen im Wert von rund 700 Milliarden US-Dollar gehortet hätten – mehr als alle US-Dollar-Noten und Münzen, die damals im Umlauf waren.

Dabei ging das Magazin von einem Preis zwischen einem und zehn Cent pro Meile aus und nahm für seine Rechnung den Mittelwert: fünf Cent. Ein Vierteljahrhundert hätte es gedauert, bis all diese angesparten Meilen mit Gutscheinen abgeflogen gewesen wären – wenn sie denn nicht, in der Regel nach drei Jahren, verfallen würden.

Die Betriebswirtschaft hinter der Flugmeile ist mysteriös. Ist es der Preis eines Puddings oder doch der eines Flugtickets, geteilt durch die zu sammelnden Punkte, der ihren Wert bestimmt?

Oder anders gefragt: Was hat das Ganze den Süßspeisenhersteller – der die Meilen vermutlich erworben hat – beziehungsweise die Airline gekostet?

Die Kosten der Fluggesellschaften lassen sich in der Bilanz nachschlagen. So wurden bei der Deutschen Lufthansa im vergangenen Geschäftsbericht zum 31. Dezember 2010 die Rückstellungen für 198 Milliarden Meilen mit 605 Millionen Euro bewertet. Das ergibt einen Wert von 0,31 Cent pro Meile. Wie der sich genau errechnet, verrät das Unternehmen nicht.

Die Bahn, bei der sich eine Abteilung mit rund 30 Mitarbeitern um die Bonusprogramme kümmert, ist da etwas offener. Auch sie muss Rückstellungen für ihre Bahn-Bonuspunkte bilden. Und unterliegt damit der europäischen Bilanzierungsrichtlinie IFRIC 13. Die schreibt – grob gesagt – Folgendes vor: Wenn als Gegenwert für 5000 Bonuspunkte ein Koffer winkt, muss das Unternehmen diese Punkte zum Wert des Koffers bilanzieren. Und zwar nicht zum Einkaufspreis, sondern zum Marktpreis – also dem Preis, den ein Kunde dafür bezahlen würde.

Monatlich aktualisiert die Bahn diese Zahlen. Rechnen wir nach: Nehmen wir die Schultertasche S-Cape von Samsonite, die, in Schwarz, zurzeit 45,89 Euro bei Amazon kostet – abzüglich Mehrwertsteuer ist sie 38,56 Euro wert. Bei der Bahn ist sie für 2500 Bonuspunkte zu haben, damit hätte, zumindest laut ihrer eigenen Rechnungslegung, ein Bonuspunkt den Gegenwert von 1,5 Cent und für den Bahnkunden, der die Umsatzsteuer mitbezahlt, gut 1,8 Cent. Allerdings dürfte der Konzern als Großkunde im Einkauf bessere Preise erzielen – damit ist der Wert für den Kunden korrekter kalkuliert als für das Unternehmen.

Ein weiterer Versuch, den Preis zu bestimmen, führt über die Meilenkaufprogramme der Airlines. Wem noch Punkte für die ersehnte Prämie fehlen, der kann sie sich auch einfach kaufen. Delta Air Lines verlangt zum Beispiel 3,5 US-Cent pro Meile, American Airlines 2,75 bis 2,95 US-Cent. Bei der Deutschen Lufthansa kostet eine Meile zwischen 3,5 Euro-Cent (für bis zu 1000 Meilen) und 2,4 Euro-Cent (ab 12 000 Meilen).

Enttäuschte Sammler rechnen nach

Interessant ist wiederum der Vergleich mit dem Prämienkatalog. So bietet die Lufthansa ihren Vielfliegern unter vielen anderen Prämien einen Gutschein der Herrenmodekette Anson's. 7500 Meilen berechtigen dort zum Einkauf im Gegenwert von 22,73 Euro. Wer diese 7500 Prämienmeilen aber bei der Lufthansa kaufen würde, müsste 195 Euro berappen, was wohl nur Verrückte täten, jedenfalls zum Zwecke des Anzugserwerbs.

Von solchen Angeboten enttäuscht, zog ein Mathematikprofessor im November gar gegen das Bonusprogramm der Fluggesellschaft vor Gericht: Anfang des Jahres habe Miles & More den Gegenwert der Meilen gesenkt. Dadurch hätten seine Meilen 40 Prozent ihrer Tauschkraft eingebüßt. Die Streitsumme sei auf 20 000 Euro festgelegt worden. Wie viele Meilen der Professor angesammelt hat, wollte er nicht verraten.

Dabei ist das Meilenrätsel gar nicht so schwierig, wie es scheint. Nach dem Wert einer Meile befragt, sagt Christos Evangelinos, Verkehrswissenschaftler von der TU Dresden: "Die einfachste Antwort ist: null." Denn erst der 1000. Sammelpunkt macht die 1000-Punkte-Prämie erschwinglich, 999 sind nichts wert.