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Das Ende ist der Anfang

Menschen, Hippies, Lina: Ein Nein ist für alle lehrreicher als ein Ja.




• Lina ist nicht ganz zweieinhalb und hat noch viel zu lernen. Etwa, dass "Nein!" nein bedeutet – zumindest gilt das traditionell als wünschenswert. Nur glaube ich nicht so recht daran, denn ich habe in meinem Leben ein Nein nie als Grenze verstanden, und das hat mir eher genützt als geschadet. Also habe ich für alle Fälle, die nicht lebensbedrohlich sind, insgeheim eine Regel eingeführt: Nein heißt nein – außer du ignorierst es und beschaffst dir selbst, was du möchtest. Das hat dazu geführt, dass Lina auf alle Möbel klettern kann, Verschlüsse jeder Art aufbekommt und sich vieles selber besorgt. Gut gelaunt und selbstbewusst wackelt sie durch ihr Leben.

Auf den ersten Blick scheinen Nein und Ja austauschbar, denn beide sind von Raum und Zeit begrenzt: Wer zu etwas Ja sagt, muss zu etwas anderem Nein sagen – und das gilt natürlich auch umgekehrt. Doch es gibt einen großen Unterschied: Wer Ja sagt, will ein Ziel erreichen. Wer dagegen Nein sagt, will einfach nur los, oft ohne zu wissen, wohin. Ja ist eine Straße. Nein ist ein Horizont.

Was nicht heißt, dass alles, was sich an so einem Horizont auftut, funktioniert. Ein gutes Beispiel ist die Gegenkultur der sechziger Jahre. "Die freie Liebe endete furchtbar, die Kommunen sind gescheitert, die Drogen waren eine Sackgasse und die Dome von Buckminster Fuller nicht wasserdicht. Aber die Musik und die Computer waren gut." So fasst Stewart Brand das Erbe der Hippies zusammen. Brand weiß, wovon er spricht: 1968 erfand er für die Bewegung eine Art gedruckte Suchmaschine, den Whole Earth Catalog, in dem Bücher, Produkte, ihre Hersteller, aber auch Ideen und Konzepte aufgelistet waren, die für Aus- und Einsteiger interessant waren.

Der Whole Earth Catalog war verdammt dick, denn die Vielfalt war die Grundlage der Hippiebewegung. Sie entsprang einem großen Nein – dem Nein zum American Way of Life: Nein zu Straßenkreuzern und dem Leben in den Vororten, Nein zu Prüderie und Angst, Nein zu Versicherungen und zum Bund fürs Leben, Nein zu Krawatten und BHs, Nein zu Moral, Disziplin und Leistung. Kurz: Nein zu allem, was als normal galt. Kritiker behaupten gern, dieses Nein sei die Reaktion kleiner Kinder, Trotzphase, lächerlich. Und vermutlich haben sie damit sogar recht. Nur: Wie soll ein Kind erwachsen werden, ohne sich gegen seine Eltern aufzulehnen?

Das ist eine Frage, die man auch als Erbe der Hippies verstehen kann: Galt früher als erwachsen, wer in der Lage ist, sich in die Gesellschaft einzufügen, ist man es heute, wenn man eine stabile Persönlichkeit entwickelt hat. Solche sozialen Spuren gehen ebenso tief und sind ebenso nachhaltig wie die offensichtlichen Folgen der Hippies: die Popularisierung von Drogen, das Bewusstsein für Umweltschutz, die Friedensbewegung. Oft sind sie sogar weitreichender. Das Ideal der Flexibilität etwa ist eine Folge des Neins zur festen Ordnung, mit allen guten wie schlechten Folgen, von persönlichen Arbeitszeitkonten bis zur persönlichen Überforderung. Und zu den Erben der Leistungsverweigerung kann man auch die Finanzjongleure zählen, die mit möglichst wenig Aufwand möglichst großen persönlichen Nutzen suchen.

All dies haben natürlich nicht einige Langhaarige durchgesetzt, sondern wir alle in einem jahrzehntelangen Diskurs. Doch das gehört eben auch zum Nein: Es ist egal, ob du es sagst oder es dir gesagt wird – du bist gezwungen, damit umzugehen. Ein Nein verlangt von dir, deine Position zu überprüfen, und seine Folgen gehören fortan automatisch zu deinen Lebensoptionen. Will ich als Angestellter Tag für Tag Tabellen füllen? Oder lieber auf einer Harley-Davidson mit einer barbusigen Blondine durch die Wüste cruisen? Tja, und dass eine Harley-Davidson schwer, Wüsten heiß und Blondinen laut sein können, muss man erst einmal erleben.

Das ist die Kehrseite des Neins: Es ist gefährlich. Es kann alles ändern, und man weiß nie, wo es endet. Als Standardantwort ist es deshalb ungeeignet. Keiner kann in steter Unsicherheit leben. Trotzdem: ein Ja zum Nein in der Krise. Ein Nein zur Bankenrettung klingt im ersten Moment nach einem Marsch in den Abgrund – aber vielleicht landen wir auch auf einem üppigen Hochplateau!

Keine Sorge, wird schon schiefgehen. Ist es bisher immer. Und das hat nichts mit der mysteriösen ordnenden Hand des freien Marktes zu tun. Das ist viel tiefer im Menschen verankert. Wir haben es weit gebracht in 10 000 Jahren, und das verdanken wir nicht komplizierten Regelwerken oder der schlechten Gewohnheit, sich an schlechte Gewohnheiten zu klammern. Nein, es war viel einfacher: Wir haben uns immer etwas Neues einfallen lassen. Deshalb mache ich mir auch keine Sorgen um meine Tochter, denn die ist wie alle Menschen: klein – aber nicht blöd.