Partner von
Partner von

Bohren ohne Betäubung

Goldman Sachs ist eine der erfolgreichsten Investmentbanken – und gerät immer wieder wegen umstrittener Geschäftspraktiken in die Schlagzeilen. Warum sagt die Firma nicht Nein zu manchen Geschäften?




• Goldman Sachs ist eine anspruchsvolle Firma. "Die Interessen unserer Kunden haben stets Vorrang" ist das erste von vielen Bekenntnissen auf der Homepage der New Yorker Investmentbanker. Es sind auch Versprechen dabei ("Wir ermöglichen unseren Mitarbeitern einen rascheren Aufstieg, als dies in den meisten anderen Firmen der Fall ist"), Ziele ("Wir betrachten unsere Größe als wichtigen Erfolgsfaktor, den es zu erhalten gilt") und, zum Abschluss, eine Art moralischer Appell: "Integrität und Aufrichtigkeit sind bei der Ausübung unserer Geschäftstätigkeit unverzichtbar. Wir erwarten, dass unsere Mitarbeiter in allem, was sie tun – in ihrer Arbeit wie in ihrem Privatleben – hohen ethischen Anforderungen genügen."

Das klingt gut. Nur warum ist es dann möglich, dass sich ein amtierender deutscher Finanzsenator Ende 2009 von Goldman erpresst fühlte? Dass die US-Börsenaufsicht wenige Monate später eine Strafe von 550 Millionen US-Dollar verhängte, weil Goldman Kunden unzureichend informiert hatte? Oder dass der Bosch-Chef Franz Fehrenbach vor wenigen Monaten ein Geschäft Goldmans mit den Worten kommentierte, ihm drehe sich "gelinde gesagt der Magen um"?

Goldman hat in einem Report seines Business Standards Committee, das wegen der Finanzkrise interne Qualitätsstandards überprüfen sollte, einen Teil der Antwort gegeben: "Es soll nicht nur darum gehen, ob wir eine gegebene Geschäftsaktivität ausführen ,können', sondern, ob wir sie ausführen ,sollten'." Es geht also um die Frage, ob man nicht auf das eine oder andere Geschäft verzichten sollte, wenn es den Glaubenssätzen widerspricht.

Die Antwort ist vielschichtig. Sie hat zu tun mit Mut und mit Angst; mit ökonomischen Zwängen und persönlichen Überzeugungen; mit Spiel und Psychologie; vor allem aber mit dem Geschäftsmodell von Goldman Sachs. Die 1869 gegründete amerikanische Investmentbank, mit gut 35 000 Mitarbeitern und einer Bilanzsumme von 911 Milliarden Euro (Ende 2010) weltweit eine der größten ihrer Zunft, bietet allerlei Dienstleistungen rund um die Kapitalmärkte an: Sie organisiert Börsengänge, platziert Anleihen, berät bei Fusionen und Übernahmen, führt Wertpapierkäufe und -verkäufe durch, verwaltet Vermögen und stellt Finanzierungen zusammen – das sind die Aktivitäten, die im Auftrag von Kunden stattfinden. Sie allein sind schon umfangreich genug, um diverse Interessenkonflikte zu provozieren. Daneben agiert die Bank auch auf eigene Rechnung, investiert also Firmenkapital, was die Sache nicht einfacher macht.

Ein simples Beispiel: Beim Börsengang oder einer Kapitalerhöhung hat das jeweilige Unternehmen ein Interesse an einer hohen Bewertung seiner Aktien; Anlegern hingegen ist an einem niedrigen Preis gelegen. In der Vergangenheit waren oft beide Parteien Kunden von Goldman. Wie dafür sorgen, dass sie gleichermaßen gut bedient werden? Für Goldman Sachs kein Problem: "Wir unterhalten Beziehungen zu vielen Unternehmen, auch unabhängig von aktuellen Mandaten", heißt es in einer schriftlichen Erklärung dazu. "Bei eventuell auftretenden Interessenkonflikten im Zusammenhang mit möglichen Transaktionsmandaten klären wir die Situation mithilfe unserer Compliance-Abteilung dergestalt, dass unsere Mandate keinen Interessenkonflikt für Goldman bedeuten."

Tatsächlich agieren viele Investmentbanken ähnlich wie die Amerikaner, und sie sind auch nicht die Einzigen, die immer wieder einmal auf eigene Rechnung handeln. "Ich vertraue keinem Investmentbanker, sie haben oft eine versteckte Agenda, egal von welcher Bank sie kommen", sagt deshalb der Finanzchef eines deutschen Großunternehmens. Und ein hochrangiger Goldman-Konkurrent räumt ein: "Alle in der Branche müssen mit Interessenkonflikten umgehen." Allerdings, so fügt er hinzu: "Die zu lösen, in die sich Goldman teilweise begibt, würde ich mir nicht zutrauen."

Tatsächlich ist die Liste der – bekannt gewordenen – Geschäfte, die für öffentliche Kritik sorgten, lang:

– So wurde der Investmentbank vorgeworfen, sie hätte der griechischen Regierung 2002 über einen langfristigen Währungstausch (Fachbegriff: Cross-Currency-Swap) geholfen, die offiziell vermeldete Verschuldung des Landes zu drücken, insgesamt um 1,6 Prozent, gemessen am griechischen Bruttoinlandsprodukt. Dahinter verbarg sich ein Kredit, der nach den damals gültigen Regeln als solcher nicht ausgewiesen werden musste. Goldmans Kommentar dazu: Die Geschäfte seien üblich gewesen, im Volumen gering und vor allem nicht ausschlaggebend für den griechischen EU-Beitritt. Dem hatten die EU-Komissare bereits zugestimmt, bevor Goldman tätig wurde.

– 2005 wurde in den USA massive Kritik laut, weil Goldman bei der Fusion zweier großer Börsen, New York Stock Exchange und dem elektronischen Handelsplatz Archipelago, nicht nur beide Seiten beriet, sondern auch noch an beiden Firmen beteiligt war – und in den Merger-Unterlagen lukrative Sonderrechte für die Investmentbank auftauchten. Den Vorwurf, Goldman stehe in vielfachen Interessenkonflikten, kommentierte ein Sprecher trocken mit den Worten, das Leben sei voller Konflikte, "manche real, andere eingebildet; entscheidend ist, wie man mit ihnen umgeht". Die Transaktion lief weiter wie geplant.

– 2006 stand Goldman in Großbritannien am Pranger, weil sich die Bank beim britischen Flughafenbetreiber BAA um das Mandat bewarb, das Unternehmen gegen eine feindliche Übernahme zu schützen, und, nachdem sie den Fall sorgfältig geprüft hatte, als Führer eines Investment-Konsortiums selbst eine Offerte für BAA abgab. Der damalige Goldman-Chef Henry Paulson, warnte daraufhin seine Kollegen, dass ein derartiges Vorgehen das Renommee der Bank schädigen könne. Ein Sprecher betonte später, Paulson habe die Richtlinien der Bank nicht geändert, sondern nur an bestehende erinnert.

– 2007 zählte Goldman zu den Hauptbeteiligten bei der amerikanischen Subprime-Krise. Aus internen E-Mails, die im Zuge von Ermittlungen der US-Börsenaufsicht SEC bekannt wurden, ging hervor, dass die Banker Kunden in großem Stil strukturierte Hypotheken-Anleihen verkauft und gleichzeitig wichtige Informationen zu deren Werthaltigkeit vorenthalten hatten. Goldman zahlte eine Strafe von 550 Millionen Dollar (6,5 Prozent des Nachsteuergewinns), verkaufte seine Eigenhandelsaktivitäten und setzte eine interne Kommission ein. Inwieweit deren Aktivitäten zu veränderten Geschäftsabläufen führten, ist nicht bekannt. Auf die Frage, wie viele Mitarbeiter von der Kommission geschult worden seien, gab Goldman keine Auskunft.

Wie es zu all dem trotz der ganzen Grundsätze kommen konnte? Eine Antwort könnte sein: Die Bank versucht schlicht nicht, Streit zu vermeiden. Dafür zumindest spricht die Analyse zweier Konflikte, in die Goldman Sachs geriet, während in den USA noch die SEC-Ermittlungen liefen.

Goldman und seine Partner waren bei Karstadt in der Pole Position - und verloren trotzdem

Im ersten Fall spielt der Kölner Insolvenzverwalter Hans-Gerd Jauch eine tragende Rolle, ein gelassener, pragmatischer Mann mit viel Lebenserfahrung. Seit rund 20 Jahren versucht der 58-Jährige, Firmen vor der Pleite zu retten. Ob Babcock Borsig, Agfaphoto oder Philipp Holzmann – kaum ein großer Krisenfall hierzulande, in dem er nicht beratend oder leitend tätig war. Die Kölner Kanzlei Görg, bei der er Partner ist, gilt als führend in der Branche. Seine Geschichte mit Goldman nimmt Mitte 2009 ihren Anfang, als Klaus Hubert Görg, Gründer und Partner der Kanzlei, zum Insolvenzverwalter des gestrauchelten Arcandor-Konzerns ernannt wurde.

Zur Erinnerung: Arcandor war einmal KarstadtQuelle, ein Handelsunternehmen. Bis 2006 der damalige Vorstandschef Thomas Middelhoff auf die Idee verfiel, die Warenhausimmobilien für viel Geld an die Investorengruppe Highstreet zu verkaufen und mit Teilen des Erlöses ins vermeintlich lukrative Touristik-Geschäft einzusteigen. Damit kam Goldman Sachs ins Spiel, denn Highstreet wurde zum größten Teil durch die US-Bank und einen Deutsche-Bank-Immobilienfonds finanziert. Die Strategie von Middelhoff schlug fehl; was blieb, waren immense Mietbelastungen für die von Highstreet zurückgemieteten Kaufhäuser. Der Deal belastete Karstadt noch aus einem anderen Grund: Er machte es dem Unternehmen sehr schwer, unrentable Häuser zu schließen, denn die Mietverträge hatten lange Laufzeiten. Eine Kündigung wäre teuer geworden. So schlitterte Arcandor in die Pleite – und die Kanzlei Görg übernahm.

Das Ziel der Krisenexperten und auch der Gläubiger: Karstadt als Ganzes in einem Deal zu verkaufen, der – welchem Investor auch immer – erlaubte, die Firma nachhaltig zu sanieren. "Wer ein Unternehmen bekommt, ist dem Insolvenzverwalter in der Regel egal", sagt Jauch. "Unser Anliegen war, Karstadt eine Perspektive zu geben."

Als Goldman Sachs als wesentliches Mitglied einer neuen Investorengruppe namens Tahoe Interesse signalisierte, hatte der Jurist keine Vorbehalte – im Gegenteil. "Jeder potenzielle Käufer musste drei Parteien für sich gewinnen, um Karstadt sanieren zu können: die Mitarbeiter, die Gewerkschaften und den Vermieter der Warenhäuser. Alle mussten einen finanziellen Beitrag liefern, sei es in Form von Lohn- oder Mietsenkungen. Da Goldman als Mitglied von Highstreet selbst zu den Vermietern zählte, hatte die Firma eine der drei Interessengruppen schon mehr oder weniger in der Tasche. Damit waren sie unter den Investoren eigentlich in der Pole Position", erinnert sich Jauch. Nur hatte er die Rechnung ohne die Goldman-Strategen gemacht.

Die Insolvenzverwalter hatten – nach einer Sondierung des Marktes im Zuge eines Bieterprozesses - beschlossen, Karstadt nahezu schuldenfrei für den symbolischen Betrag von einem Euro abzugeben. Zu weiteren Zugeständnissen waren sie nicht bereit. "Wenn etwas so billig ist, gibt es keine Garantien für spätere Risiken oder mögliche Schäden", so Hans-Gerd Jauch. "Deswegen ist es ja so billig." Tahoe aber bestand genau darauf. Für die Zeit zwischen Einigung und endgültigem Vertragsabschluss, gute drei Monate also, forderte der Goldman-Deutschland-Chef Alexander Dibelius für Tahoe unter anderem eine Ausstiegsklausel und diverse Haftungserklärungen.

Nicht nur die Insolvenzverwalter, auch der Karstadt-Gläubigerausschuss empfand die Bedingungen als unannehmbar. Sie erteilten Dibelius eine Absage. Von ursprünglich drei Kaufinteressenten, die sich dem Gremium präsentiert hatten, waren damit noch zwei übrig. Einer der beiden, ein Private-Equity-Haus namens Triton, stieg später freiwillig aus. Nicolas Berggruen, einem international tätigen Investor, gelang es indes, nicht nur die Karstadt-Gläubiger, sondern auch die mittlerweile ebenfalls involvierte Bundesregierung für sich zu gewinnen.

Der Unternehmer Thomas Heilmann, der auf Bitten von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen in Sachen Karstadt vermittelte, erinnert sich: "Berggruens Konzept bot aus Sicht der Bundesregierung eine gute Perspektive für Karstadt." Doch Dibelius gab nicht auf. "Er zeigte sich mir gegenüber trotz der Absage des Gläubigerausschusses zuversichtlich, dass Tahoe Karstadt am Ende doch noch übernehmen würde", so Heilmann. Mit Berggruen, teilte Dibelius mit, werde Highstreet keinen Vertrag schließen.

Für die Insolvenzverwaltung wurde es damit schwierig. Wenn es zwischen Highstreet und Berggruen zu keiner Einigung kam, blieb als letzter Ausweg nur die Liquidation. Zwar tauchte in letzter Minute noch ein neuer Bieter namens Maurizio Borletti auf, mit der Borletti-Group auch Mitglied des Highstreet-Konsortiums. Doch der, das bestätigen mehrere Beteiligte, legte kein ernst zu nehmendes Angebot vor.

Über Wochen entwickelte sich nun eine Art Pokerspiel. Würde Highstreet gegenüber Berggruen einlenken? Wenn nicht: Würden Jauch und seine Kollegen dann doch noch einen Verkauf an Tahoe in Erwägung ziehen – oder würde er tatsächlich Karstadt liquidieren? Der öffentliche Druck, sowohl auf Jauch als auch auf Dibelius, Karstadt mit seinen rund 25000 Beschäftigten nicht pleite gehen zu lassen, wuchs. Täglich berichteten die Medien. Goldman war wieder einmal in den Schlagzeilen. Und Jauch blieb hart. "Ich hätte liquidiert. Wenn Sie zur Not nicht auch zur Liquidation bereit sind, dürfen Sie kein Insolvenzverwalter werden." Am Ende lenkte Highstreet ein. Das Konsortium erklärte sich zu Mietminderungen bereit, und Berggruen konnte Karstadt übernehmen.

Der zweite Fall, in dem Goldman auf Konfrontation statt Kooperation setzte und damit in die Schlagzeilen geriet, spielt in Berlin. Ulrich Nußbaum, Finanzsenator der Bundeshauptstadt, erinnert sich gut an sein erstes Zusammentreffen mit Alexander Dibelius. Es war Ende 2009. Der Goldman-Deutschland-Chef war angereist, um den Politiker darüber zu informieren, dass seine Bank eine 2004 vom Land Berlin erworbene Immobiliengesellschaft, die GSW, früher als geplant an die Börse bringen wolle. Dazu brauchte er die Zustimmung des Landes. "Es gab keinen Small Talk, keine Einleitung. Er kam direkt auf den Punkt. Man könnte sagen: Es war wie Bohren ohne Betäubung", so Nußbaum.

Als der Senator signalisierte, das Plazet des Landes sei nicht umsonst zu haben, aus dem Börsengang entstehe ja ein materieller Vorteil, reagierte Dibelius wenig kompromissbereit – und fuhr schweres Geschütz auf: ein juristisches Gutachten, das nahelegte, durch die Zahlung eines "nicht unerheblichen Geldbetrages" würde eine "Strafbarkeit wegen Bestechung eintreten".

Der Senator empfand das als unfreundlichen Akt, holte eine Auskunft vom Berliner Justizministerium ein – und blieb bei seiner Forderung nach einem Entgelt. Die Strategie war erfolgreich, Goldman und ein Partner in dem GSW-Deal mussten am Ende 30 Millionen Euro zahlen. Aber trotzdem machte Nußbaum den Vorgang öffentlich: "Man muss hin und wieder den Mut haben, eine Grenze zu ziehen, auch eine moralische", sagt Nußbaum heute. "Nach meinen Erfahrungen würde ich keinem raten, schon gar nicht öffentlichen Institutionen, mit Goldman Sachs Geschäfte zu machen."

Die Fälle Jauch und Nußbaum zeigen: Goldman hatte die Möglichkeit einzulenken, auf Rendite zu verzichten, Nein zu sagen. Allerdings macht das Geschäftsmodell der Banker das Beidrehen schwer. Sowohl in den Karstadt-Verhandlungen als auch beim geplanten GSW-Börsengang waren sie als Investor in eigener Sache involviert und mussten zugleich die Interessen ihrer diversen Partner berücksichtigen – allein bei Highstreet neben den von Goldman verwalteten Fonds und der Deutschen Bank unter anderem die Borletti Group, der Versicherer Generali und Pirelli. Nur die Standhaftigkeit der Verhandlungspartner zwang die Banker zum Einlenken – vielleicht ein Modell mit Vorbildcharakter?

So sieht es nicht aus. Die sogenannten Rennlisten der Investmentbanking-Branche sprechen eine klare Sprache: Sowohl bei der Beratung von Fusionen und Übernahmen als auch bei Kapitalerhöhungen und anderen Aktien-Geschäften liegt Goldman weltweit auf Platz eins. Auch hierzulande gehören die Amerikaner zu den Marktführern.

Und auch eine brandeins-Umfrage unter deutschen Top-Konzernen – darunter sämtliche im wichtigsten Börsenindex Dax enthaltene Industrieunternehmen – nährt nicht eben die Hoffnung, dass ein Nein von Geschäftspartnern die Goldman-Banker an ihre selbst formulierten Bekenntnisse erinnern könnte. Die Fragen waren einfach: Ist Ihr Unternehmen Kunde von Goldman Sachs? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht? Nur zwei der Befragten – Adidas und Beiersdorf – antworteten mit Nein. Ein weiterer Konzern, der Pharmahersteller Fresenius, gab sich verhalten: Man kooperiere mit bis zu 60 Banken regelmäßig, mit reinen Investmentbanken im Vergleich seltener.

Vier Konzerne – Allianz, Bayer, BASF und der Düngemittelhersteller K+S – gaben ein Ja zurück. Die Allianz begründet das so: "Je nachdem, welche spezielle Qualifikation wir im Einzelfall benötigen, wählen wir die dafür Besten aus. Interessenkonflikte kann es immer geben, sie sind für uns schlicht ein Ausschlusskriterium, und wir haben damit keine schlechten Erfahrungen gemacht." Will sagen: Die Allianz, als Versicherer im Umgang mit den Finanzmärkten vertraut und zudem mit dem Ex-Goldman-Banker Paul Achleitner im Vorstand, weiß sich gegen unliebsame Praktiken zu schützen. Stellt sie Interessenkonflikte fest, kommt eine Investmentbank mit ihr nicht ins Geschäft. Eine Reihe börsenerfahrener Konzerne argumentiert ähnlich – sie lassen gar nicht erst zu, dass problematische Situationen entstehen. Sie nutzen Goldman Sachs, wo es ihnen nützt.

Ein Phänomen: Was Investmentbankern erlaubt ist, gilt bei Anwälten als Straftatbestand

Die Mehrheit der von brand eins befragten Firmen blieb mit ihren Antworten im Ungefähren. Selbst der Automobilzulieferer Schaeffler, dessen geschäftliche Verbindungen zu Goldman in den Medien intensiv diskutiert wurden, mochte sich nicht zur Geschäftsbeziehung bekennen. Man scheint sie zu brauchen, aber nicht unbedingt zu mögen.

"Man möchte sie nicht zum Gegner haben", sagt der Vertreter eines Dax-Unternehmens, wie so oft, wenn es um Goldman Sachs geht, nur anonym. Ein Banker berichtet, nicht ohne Bewunderung: "Die Kunden befürchten, eine Transaktion könne ohne Goldman nicht optimal laufen oder sogar scheitern, wenn Goldman auf der Gegenseite steht."

Der Glaube an die besondere Cleverness der Goldmänner geht vor allem in den USA bisweilen so weit, dass Unternehmen, die wissen, dass Goldman in einer Transaktion die Gegenseite berät, trotzdem die Firma auch selbst anheuern – so geschehen bei der Fusion der US-Börsen NYSE und Archipelago. Bemerkenswert: Was man den Investmentbankern – wenn auch begleitet von öffentlicher Kritik – durchgehen lässt, ist Anwälten strikt verboten. Beriete eine große Kanzlei auf beiden Seiten einer Fusion, machten sich die beteiligten Juristen persönlich strafbar.

Vielleicht ist es einfach so, dass Goldman zu gut ist, um auch noch gut sein zu wollen. Ein Finanzchef: "Sie stellen, wenn wir eine Ausschreibung machen, oft das Team mit der besten Expertise." Verblüfft sei er auch immer wieder über die "Abschlusssicherheit" der Banker: "Die lassen einfach nicht locker, bis ganz zum Ende nicht, wenn alle anderen längst aufgegeben haben."

Sich dagegenzustellen erfordert Mut – und die Bereitschaft, im Zweifel auch die Folgen zu tragen. So hätte die Liquidation von Karstadt für die Kanzlei Görg einen erheblichen Image-Schaden bedeuten können. Insolvenzverwalter, zumal in so prominenten Verfahren, werden von Gerichten ausgewählt, um möglichst viel zu retten. Eine Pleite ist keine gute Werbung für die Akquisition künftiger Mandate. Bei Görg gab es intensive interne Diskussionen unter den Partnern, ob es richtig sei, den harten Kurs durchzuhalten. Auch Ulrich Nußbaum war das Risiko bewusst, das er einging, als er sich mit Dibelius anlegte. Der Vorwurf der Bestechlichkeit hätte ihm als einem der Hauptakteure in der an Skandalen nicht armen Berliner Politik durchaus Sympathien kosten können. Einzulenken wäre ein Weg gewesen, das zu vermeiden. Doch auch Nußbaum entschied sich dagegen. Die Politik brauche "jede Menge Zivilcourage" im Umgang mit Investmentbanken, sagt er.

Gute anderthalb Jahre später, die Bundesregierung versuchte gerade gemeinsam mit ihren europäischen Partnern verzweifelt, den Euro zu stabilisieren, geriet Goldman Sachs erneut in die Kritik. Ein brisanter Report des Goldman-Bankers Alan Brazil war aufgetaucht, in dem der für die Betreuung von Hedgefonds zuständige Händler seinen Kunden – laut Goldman: auf deren Wunsch – Vorschläge machte, wie sie gegen den Euro wetten könnten. Das war die Nachricht, die beim Bosch-Chef Franz Fehrenbach das Fass zum Überlaufen brachte: "Wenn ich auf den Niedergang Europas wette, um eine hohe Rendite zu erzielen", ereiferte er sich in einem Interview mit der "Zeit", "finde ich das unerträglich und unmoralisch."

Goldman indes beteuert, man vertrete eine positive Meinung zum Euro. Den strittigen Report erklärt die Bank in einer Stellungnahme gegenüber brand eins so: "Alan Brazil ist nicht Teil der Research-Abteilung von Goldman Sachs, er kann dementsprechend auch keinen Report veröffentlichen, der für Goldman Sachs dazu aufruft, den Euro zu verkaufen. Vielmehr ist es seine Aufgabe, Kunden Transaktionen zu ermöglichen, die der Markteinschätzung dieser Kunden entsprechen."

Der Bund ist übrigens auch Kunde bei Goldman Sachs: "Im Schuldenwesen", so ließ das Bundesfinanzministerium wissen, "werden Geschäftsbeziehungen zu Goldman Sachs bei der Platzierung von Bundeswertpapieren im Rahmen der Bietergruppe Bundesemissionen unterhalten. In dieser Gruppe rangierte Goldman Sachs im Jahr 2010 auf Platz 5."