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9000 Tage nach der Revolution

Hierarchien. Regeln. Persönliches Eigentum. Die Schweizer Yamagishi-Gruppe kommt seit mehr als 20 Jahren ohne aus.




• An einem trüben Dienstagmorgen im November sitzen Andre Cotting, Christoph Federer, Antje Heinss und Norio Miyabe im Versorgungshaus um den großen Versammlungstisch herum und besprechen ihren Tag. In einer Stunde werden sie sich in vier Verkaufswagen setzen und auf ihren festen Touren durch das Zürcher Umland eigene Produkte und die einiger anderer kleiner Produzenten verkaufen, die wichtigste Einkommensquelle ihres Hofes. Doch vorher tauschen sie noch Neuigkeiten aus. "Wir haben heute auch Spitzwegerich", sagt Antje Heinss, "und Baumnüsse." Das ist schweizerisch für Walnüsse, und dass der Begriff der in Mecklenburg geborenen 41-Jährigen derart flüssig über die Lippen kommt, lässt ahnen, wie lange sie schon bei den Eidgenossen lebt.

Außerdem ist der Bäcker noch mindestens zehn Tage krank, sodass es vorerst kein eigenes Brot geben wird, eine Baustelle, die wochenlang den Verkehr behindert hat, wurde aufgehoben, und einige Stammkunden haben am Abend zuvor noch Bestellungen geschickt. Vor den Fenstern liegt der Nebel schwer über den Feldern, doch hier drinnen ist alles klar. Niemand käme auf die Idee, dass diese vier Verkäufer auf eine Art zusammenleben, die wohl die meisten Menschen als extrem empfinden: Sie sind Mitglieder des Schweizer Yamagishi-Dorfes.

Keine Hierarchien, keine Regeln, kein persönliches Eigentum, das ist die Basis der Yamagishi-Lehre. Wobei der Begriff Lehre eigentlich falsch ist – es geht um Praxis, die Verwirklichung eines anderen, besseren, glücklichen Lebens hier und gleich. Begründet wurde die Bewegung von dem japanischen Bauern Miyozo Yamagishi, der nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs von einer friedlicheren Welt träumte und 1958 mit einigen Mitstreitern das erste Yamagishi-Dorf gründete. "Dorf" bezeichnet in diesem Fall allerdings nicht einen Ort, sondern eine Gruppe. Die der Schweizer Yamagishi-Anhänger besteht aus drei Häusern auf einem Bauernhof in Hagenbuch, einem grauen Örtchen 35 Autominuten nordöstlich von Zürich, das sich wegen des lokalen Immobilien-Booms langsam in ein Schlafdorf für mittlere Angestellte verwandelt.

"Angefangen haben wir auf einem kleinen Hof in Luzern, damals waren wir 12, 14 Leute", erzählt der aus Bern stammende Andre Cotting. "Aber Anfang der neunziger Jahre gab es einen Boom, einige Zeit waren wir fast 30 Menschen, und der Hof war zu klein." Heute, fügt der 53-Jährige lächelnd hinzu, seien sie 15 Personen, also fast wieder so wenige wie früher. Der gelernte Krankenpfleger hörte Anfang der achtziger Jahre zum ersten Mal von Yamagishi. Damals ging er manchmal zu Demonstrationen, arbeitete in einer genossenschaftlichen Fahrradwerkstatt und war auch sonst vage links. Ein Kollege, der oft verärgert oder wütend war, machte einen Tokkoh-Kurs, die Einführung in die Welt von Yamagishi, und kam entspannt wie noch nie zurück. Neugierig geworden, machte Cotting es ihm 1984 nach.

Der Kurs, in dem Kensan gelehrt wird, die Grundtechnik der Bewegung, ist die spirituelle Initiation für alle Interessenten. Die Teilnahme, erklärten mehrere Gesprächspartner, sei die Basis für alle Aktivitäten bei Yamagishi, selbstverständlich auch für das Leben im Dorf. Ohne Tokkoh könne man gar nicht verstehen, was sie hier tun.

Um den Kurs wird ein wenig geheimnisvoll getan – man wolle nicht die Erfahrung zerstören, die einer mache, wenn er teilnehme, heißt es. Unter anderem dies hat Yamagishi den Ruf einer Sekte eingebracht, doch schaut man sich im Internet um, findet man schnell Beschreibungen, die vor allem unspektakulär sind: Es wird wohl viel reflektiert, hinterfragt und besprochen es scheint sich um keine esoterische Angelegenheit zu handeln. Mit viel bösem Willen könnte man ihn vielleicht eine Gehirnwäsche nennen, aber Schonwaschgang, vergleichbar einer Management-Schulung ohne Feuerlaufen. Den Tokkoh macht man übrigens nur einmal, endlose Aufbauseminare wie bei Scientology fehlen.

Das ist auch der Grund, warum alle Yamagishi-Mitglieder einer ehrlichen Arbeit nachgehen: Der Kurs findet in der Schweiz zweimal jährlich statt und kostet bei 10 bis 20 Teilnehmern 900 Franken (600 Euro) für eine Woche inklusive Unterkunft und Vollpension – davon kann man nicht leben. Die Direktvermarktung der eigenen Produkte ist die Haupteinnahmequelle, zudem werden im Tagungshaus außerhalb Hagenbuchs, in dem die Tokkohs stattfinden, Ferienwohnungen vermietet. Für andere Unternehmen arbeitet niemand, alle Einnahmen stammen aus der gemeinsamen Tätigkeit. Klassisches Selbsterfahrungszubehör wie Bücher, spirituelle Pülverchen, Kristalle, Heiligenbilder oder psychoaktive Pyramiden gibt es nicht.

Auch eine zentrale Organisation, die bei vielen Gruppen mitfinanziert werden muss, fehlt: Die Aktivisten und Dörfer sind untereinander vernetzt und arbeiten in erster Linie für sich selbst. Im Internet finden sich Stimmen, die Yamagishi trotzdem für eine Sekte halten, doch stammen diese Einträge meist aus den neunziger Jahren. Aktuellere Einschätzungen sind nicht zu bekommen und basieren zudem nicht etwa auf harten Fakten, sondern auf recht eigentümlichen Wertungen: Beanstandet wird etwa die "utopische" Ausrichtung, christliche Organisationen stört auch der "Atheismus". Menschen, die viel reflektieren, haben mit dem Konzept Gott in der Tat oft Probleme. Andre Cotting sagt dazu: "Seinen Glauben überlassen wir jedem selbst."

Ein kleines Misstrauen bleibt trotzdem, bis Cotting erzählt, wie man mit Aussteigern umgeht. "Anfang des vergangenen Jahrzehnts sind zehn, zwölf Leute ins normale Leben zurückgegangen. Sie wollten wieder als Angestellte arbeiten und allein oder mit ihren Familien leben. Wir haben ihnen geholfen, Wohnungen zu finden und Arbeit. Wer es braucht, bekommt am Anfang auch eine finanzielle Unterstützung, aber natürlich nicht viel, wir sind nicht reich."

Gehört schon zu einer Sekte, wer einfach nur gut zusammenleben will?

Letztlich ist es auch egal, ob man Yamagishi eine Sekte nennt oder eine Bewegung - es ist in jedem Fall eine Lebensform, die für einige Menschen seit Jahrzehnten funktioniert. Das ist nicht selbstverständlich, viele Gemeinschaften oder Kommunen brechen nach einer kurzen Blüte schnell auseinander. Als erste deutsche Kommune gelten die urchristlichen Hutterer, die bereits im 16. Jahrhundert in Gütergemeinschaften ohne Privateigentum lebten – in den USA und Kanada gibt es immer noch rund 45 000 von ihnen. Spätere anarchistische und esoterische Gruppen hielten in der Regel nur wenige Jahre, ganz zu schweigen von den berühmten Politkommunen, die sich aus der 68er-Bewegung entwickelten und vor allem sexuelle Befreiung propagierten – insbesondere für die Männer, die sie anführten. Die größte deutsche Landkommune in Niederkaufungen, die 1986 gegründet wurde und in der noch heute rund 80 Menschen leben, ist eine Ausnahme.

Yamagishi ist auf den ersten Blick weder religiös noch politisch motiviert, sondern idealistisch. Das erste Motto lautet: "Ich, ein Teil der Natur, werde ein Mensch, dessen Gedanken, Taten und Gefühle zum Gedeihen aller Lebewesen, der Sonne und der Erde beitragen." Ergänzend hängt dazu in Hagenbuch in dem nüchternen Gemeinschaftsraum der Gruppe, der an das Wartezimmer eines Schweizer Landarztes erinnert, unter dem Stichwort "Glück für alle" das Motto: "Die anderen zum Blühen bringen, das Ganze blüht, auch ich blühe."

Andre Cotting versucht, die hehren Worte mit anderen hehren Worten zu erden. "Das Ziel ist, für alle Menschen eine friedliche Gesellschaft zu schaffen, indem ich mich und damit meine Beziehungen zu anderen Menschen ändere." Die Basis für alles, sagt er, seien gute Beziehungen. Dazu können wohl auch Philipp Rösler und Sahra Wagenknecht einträchtig nicken. Aber die würden nicht aufs Land ziehen und alles, was sie besitzen, der Gruppe geben, mit der sie in Zukunft leben wollen. Wirklich alles, Herr Cotting? " Ja, alles: Geld, Möbel, Kleidung, Schulden ..." Schulden? " Ja, sicher, manche Menschen haben doch Schulden."

Bekanntlich wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird, und so ist auch der Verzicht auf persönliches Eigentum bei näherem Hinsehen wenig aufregend. Seine Renten- oder Krankenversicherung muss niemand aufgeben: Offiziell ist das Dorf ein Verein, seine Mitglieder sind Angestellte. Man behält auch die Kleidung, die man regelmäßig trägt, und wenn einer Wert auf einen Fernseher in seinem Zimmer legt oder eine Stereoanlage, ist das kein Problem. "Die einen machen mehr, die anderen weniger, die einen brauchen mehr, die anderen weniger", sagt Andre Cotting. "Das Ziel ist, ein angenehmes Miteinander für alle zu schaffen." Wichtig ist bei allem Materiellen nur, dass die Dinge benutzt werden. Der Begriff "benutzen" ersetzt bei Yamagishi das Besitzen: Man geht davon aus, dass die Natur keinen Besitz kennt und er deswegen unnatürlich ist.

Antje Heinss erzählt, sie habe eine Geige mitgebracht und sei die Einzige, die sie spielen kann, also bleibe sie bei ihr – sie ist ihre Benutzerin. Heinss wurde 1970 in Neustrelitz geboren und lernte noch in der DDR Kindergärtnerin. Ihren Tokkoh machte sie 1993, danach brach sie ihr Psychologiestudium ab und wollte in das einzige deutsche Yamagishi-Dorf in Hessen ziehen, das heute mangels Nachfrage nicht mehr existiert. Der Einstieg wurde ihr nicht leicht gemacht, man riet ihr, erst mal ein Praktikum zu absolvieren. Erst danach wurde sie aufgenommen. "Ich habe beim Start alles reingegeben", sagt sie, "aber das war nicht viel. Ich war vorher eine Studentin mit einem WG-Zimmer."

Viele Möglichkeiten für wenig Geld – warum rennt man ihnen nicht die Bude ein?

Die 41-Jährige klingt sehr idealistisch, doch hinter ihrem zunächst offen wirkenden Lächeln ist der Schatten eines anderen, unsicheren Lächelns zu ahnen – keine seltene Kombination für ehemalige DDR-Bürger. Heinss betont die Unterschiede von Yamagishi zum realen Sozialismus, den sie persönlich erlebt hat. "Im Sozialismus soll sich der Einzelne in der Gruppe auflösen. Bei uns dagegen geht es darum, einen Schlüssel in sich zu finden, um über sich hinauszuwachsen. Das ist wie auf einer Wiese: Die ist umso stärker, je mehr unterschiedliche Dinge auf ihr leben."

Ein weiterer Unterschied: die materielle Ausstattung. Der Fuhrpark ist großzügig, die Häuser, die alle der Gruppe gehören, sind schweizerisch rustikal eingerichtet und die gemeinsamen Mahlzeiten nicht nur lecker, sondern auch stets so üppig, dass man nie das Gefühl hat, auf etwas verzichten zu müssen, damit genug für die anderen bleibt. "Ich habe hier viele Möglichkeiten, die ich nie hätte, wenn ich allein leben würde", sagt Andre Cotting. "Und trotzdem brauchen wir pro Person wenig Geld, weil wir in einer Gemeinschaft leben. Wenn ich für fünf Menschen einen Computer kaufe, ist das pro Person nun mal billiger, als wenn ich ihn allein kaufe."

Und um diesen Kauf muss man sich nicht einmal selbst kümmern, denn dafür gibt es eine zuständige Gruppe. Alle Tätigkeiten sind in Arbeitsfelder aufgeteilt, dazu gehören Landwirtschaft, Haushalt, Verarbeitung, Management und Versorgung, womit der Verkauf gemeint ist. Die Gruppe züchtet Rinder und Schweine, baut Getreide an und hält Hühner, betreibt eine eigene Fleischerei und eine Bäckerei. Früher gab es auch eine Molkerei und Gemüseanbau, doch dafür sind sie nicht mehr genug Leute. Jeder Bereich ist autonom und wird von mindestens drei Personen betrieben, weil das Pattsituationen vorbeugt. Und jeder arbeitet in nur einem Bereich, vom Management abgesehen, denn "die hätten sonst zu wenig zu tun", wie Antje Heinss charmant erklärt.

Heinss zeigt die Wäscherei, einen großen Raum, in dem gleich neben der Tür ein langes Regal steht, auf dem Namensschilder einzelne Fächer markieren. Die schmutzige Wäsche wird in überall herumstehende Körbe geworfen, sie wird von der Haushaltsgruppe gewaschen und liegt dann im persönlichen Fach gebügelt und gefaltet bereit. Die Haushaltsgruppe putzt auch, sorgt für das Essen, und wenn jemand etwas Besonderes will, beschafft sie es beim nächsten Einkauf. Anderen Alltagsärger, den Papierkram, Reparaturen, größere Anschaffungen und so weiter erledigt das Management. Früher, als noch die Kinder in der Gemeinschaft lebten, die heute alle erwachsen und ausgezogen sind, war auch für sie jemand zuständig. Doppelbelastung? Gibt es nicht.

Das weiß ein ehemaliger Freiberufler wie Christoph Federer zu schätzen. Der 56-Jährige war früher Bildrestaurator und lebt seit 15 Jahren in der Kommune. Ein gemütlich wirkender Mann, der sich trotzdem über vieles aufregen kann, über Bürokraten, Politiker, Banker und andere, die weit entfernt und eher rätselhaft am Wirken sind. Abgesehen davon scheint er aber keine Probleme zu haben. "Ich hatte früher ein klassisches Freiberuflerdasein: Ich musste stets gucken, dass ich genug Arbeit habe, und wenn es dann mal gut lief, war es immer gleich zu viel. Deswegen habe ich damals auch den Tokkoh gemacht."

Federer hatte zuvor vom Yamagishi-Hof nur Joghurt gekauft und war vom Tokkoh nicht sofort begeistert. "Für mich war die Woche eher verwirrend. Ich habe alles mit kritischer Distanz betrachtet. Aber dann entspannte sich meine Situation auf der Arbeit, was ich anfangs gar nicht merkte. Ich hatte zuvor Vorstellungen, wie ich mit anderen Menschen zusammenarbeiten wollte, die völlig unrealistisch waren, und konnte die nun aufgegeben. Alles wurde plötzlich einfacher." Zurzeit arbeitet er im Verkauf, außerdem kümmert er sich um die Website der Gruppe und die kleine Hofzeitung. "Das Fotografieren und die Bildbearbeitung machen Spaß. Aber wenn man davon leben müsste, das wäre mühsam."

Er ist keine Ausnahme: Fast alle wurden nicht vom Tokkoh überzeugt, sondern vom Leben. Andre Cotting zog drei Jahre nach seinem Kurs mit seiner Familie für zwei Jahre nach Toyosato an der japanischen Südküste, dem größten Yamagishi-Dorf, in dem zwischen 600 und 1000 Menschen leben. Fast alle Hagenbucher waren dort und berichten begeistert, dass es da alles gebe, dass man in den Läden einfach nehme, was man brauche, und dass es sogar einen Zahnarzt gebe, der nebenher Lastwagen fahre, weil er Spaß daran habe.

Wenn einer das gute Leben für sich gefunden hat muss er dann andere missionieren?

Dafür zu sorgen, dass jeder tun kann, was er wirklich möchte, ist ein explizites Ziel der Gruppe – allerdings muss dazu jeder erst mal wissen, was er will. Um dies zu erkennen und immer wieder zu überprüfen, machen alle regelmäßig Kensan, eine Art Selbstbefragung, die allein oder in der Gruppe funktioniert. "Es geht darum, herauszufinden, wie etwas wirklich ist", sagt Cotting. "Dann setzt man die neuen Erkenntnisse in die Praxis um und kommt anschließend wieder zusammen, um zu fragen: Ist es wirklich so, wie wir gedacht haben? Oder anders?" Am Ende gebe es zwei Wege: "Der Mensch entwickelt sich entweder Richtung Eigensinn oder Richtung Freiheit."

Das ist die zweite Säule der Gemeinschaft: die Selbsterfahrung. Und die ist, nimmt man sie ernst, bekanntlich nicht immer angenehm. "Wir leben auch zusammen, damit jeder hören kann, wo er fixiert ist und was er nicht klar sieht", sagt Cotting. "Denn als einzelner Mensch sehe ich immer nur einen Teil des Ganzen." Deshalb seien auch all die kleinen organisatorischen Kniffe, die sie für ihr Leben entwickelt haben, nur die Oberfläche. Antje Heinss ergänzt: "Wenn man erst mal gesehen hat, dass man es selbst ist, der etwas tut oder nicht tut, damit alles funktioniert, dann ändert es das ganze Leben."

Das also ist das Yamagishi-Dorf in Hagenbuch: 15 Menschen, die sich auf ihre Arbeit konzentrieren können, weil ihnen der Kleinkram weitgehend abgenommen wird. Eine Gruppe, in der alle großen Entscheidungen im Konsens gefällt werden, weil viele zusammen mehr wissen als einer allein und es außerdem angenehm sein kann, nicht alles allein entscheiden zu müssen. Ein Hof, auf dem jeder das, was er tut, so gut wie möglich tut, und sich trotzdem alle zweimal jährlich treffen, um darüber zu sprechen, wer auf einem anderen Gebiet arbeiten will, weil Menschen nicht immer dasselbe machen mögen und weil das gut so ist: für das persönliche Wachstum wie für die Arbeit, die dadurch ab und zu neu betrachtet wird.

Wer aber wird in Zukunft im Yamagishi-Dorf leben? Die Gruppe nähert sich langsam dem Pensionsalter, Antje Heinss ist mit 41 Jahren die Jüngste. Nachwuchs ist bisher nicht in Sicht. Das scheint allerdings niemand so schlimm zu finden. Heinss sagt: "Das Ziel ist nicht, dass es hier weitergeht. Wichtig ist, dass der Gedanke weiterlebt."

Der Mangel an Interesse ist erstaunlich. Schließlich waren alle jung und neugierig, als sie dieses Experiment begannen – und von dieser Sorte Mensch gibt es heute eher mehr als weniger. Es ist auch nicht so, dass sich in Hagenbuch niemand damit beschäftigen würde. Bereits bei unserem ersten Telefongespräch hatte Andre Cotting gesagt: "Ja, darüber wundern wir uns auch, darüber sprechen wir viel. Warum will keiner bei uns mitmachen?"

An einem trüben Dienstagvormittag geht es mit ihm durch die Zürcher Vororte. Er hält in idyllischen Sackgassen mit alten Reihenhäusern, vor einem halb verfallenen Einkaufszentrum aus den siebziger Jahren, wo die reiche Schweiz kurz wie der finstere Balkan aussieht, neben neuen Wohnblöcken, denen man trotz aller oberflächlicher Großzügigkeit ansieht, wie hastig sie hochgezogen wurden. Bei jedem Stopp öffnet Cotting Klappen des Verkaufswagens, und dann kommen sie, fast alle sind Stammkunden, viele älter als er – der Wagen ist ein soziales Ereignis in der weitgehend treffpunktfreien Vorstadt.

Cotting weist auf die frischen Spätzle hin und den Sauerbraten, erzählt, dass es am Wochenende auf dem Hof japanisches Essen gibt, wozu alle herzlich eingeladen sind. Der Verkauf läuft gut, ein Umsatz von 1000 Franken pro Wagen an fünf Tagen die Woche ist wohl drin. Doch Yamagishi? Erwähnt er mit keinem Wort. Wie der gesamten Gruppe fehlt auch ihm jegliches Sendungsbewusstsein. Das ist gut für Menschen, die hierarchiefrei leben wollen, denn so versucht niemand, sich in den Vordergrund zu drängen. Der Verbreitung einer Idee hilft es aber nur wenig.

Er lebt in Hagenbuch mit seiner Frau, auf der Fahrt erzählt er, er sei "eigentlich mit allen in der Gruppe verheiratet. Aber nicht, dass du das jetzt falsch verstehst: Das hat nichts mit Sex zu tun oder so." Er hat Angst, missverstanden zu werden, außerdem begreift er Gruppen, die sich über Tabubrüche ausgerechnet auf diesem Gebiet definieren, ohnehin nicht. Das sei ein so schwieriges Feld, belastet von so vielen Vorstellungen und Wünschen. Man muss doch nicht gleich mit dem Schwersten anfangen.

Nein, er hat nichts Besonderes zu vermelden, keine Lösungen, keine Sensationen, kein Patent für ein gutes Leben. Denke nach, gehe gut mit anderen Menschen um, arbeite, bemühe dich – auf dem Markt der Wunderheiler und Selbsthilfezauberer ist das eine bescheidene Botschaft.

Gegen Mittag hält Andre Cotting vor einem Altenheim, hupt dreimal, öffnet dann die Klappen seines Wagens. Er weist auf den Sauerbraten hin, auf die frischen Spätzle. Sein eigenes Mittagessen, ein üppiges Picknick, das wie jeden Tag bereitstand, hat er schon gegessen. Gleich wird er im Auto einen kurzen Mittagsschlaf halten. Dann geht es weiter. Der Tokkoh war für ihn, wie für seine Mitstreiter, eine Revolution. Doch jetzt ist es 9000 Tage später, und das Leben besteht wieder aus Alltag.