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Die Wiedergeborene

Der Name Bergmann steht für die große Tradition Dortmunder Biere. Ein Unternehmer hat sie neu belebt.




- Thomas Raphael erinnert sich gern an seine Jugend, als es in Dortmund acht unabhängige Brauereien gab. Die hat er mit Freunden - des Freibiers wegen - regelmäßig besichtigt: "Wir konnten die Texte auswendig mitsprechen." Doch nach Kohle und Stahl ging es auch mit dem Bier abwärts. Marken aus dem Sauerland wie Veltins und Warsteiner hängten Kronen und Union ab. Diese und andere Dortmunder Sorten werden zwar noch in der Stadt produziert, stammen aber alle aus derselben Brauerei des Bielefelder Oetker-Konzerns.

Der hat nun einen winzigen Konkurrenten. Raphael, 53, im Hauptberuf als selbstständiger Mikrobiologe für Lebensmittelhersteller tätig, stieß im Sommer 2005 beim Stöbern in einer Datenbank auf die herrenlose Marke Bergmann. Er kannte sie von einem alten Bierhumpen in seinem Küchenschrank und sicherte sie sich für 300 Euro.

Erst war es nur ein Gag, eine Urkunde über seinem Schreibtisch. Doch als er erfuhr, dass das Markenrecht verfällt, wenn man nichts damit anfängt, ließ er Ende 2006 von einem Brauer 6000 Liter Export im Stil der siebziger Jahre produzieren. Mithilfe von Freunden brachte er den Stoff schnell unter die Leute. Nachdem die Lokalpresse über die Wiedergeburt der Marke berichtet hatte, meldeten sich viele begeisterte Dortmunder.

Derart befeuert, gründete Raphael 2007 mit seinem Freund Herbert Prigge eine GmbH. Firmen-Claim: "Harte Arbeit, ehrlicher Lohn". Der Lokalpatriotismus ist ein wichtiges Pfund, mittlerweile haben mehr als 100 Dortmunder Händler das Bier im Sortiment. Außerdem gibt es einen weiteren Vertriebskanal: Die Stadt hat den Gründern günstig einen heruntergekommenen Kiosk in bester Lage vermietet, den ein befreundeter Handwerker liebevoll instand setzte. Betrieben wird er von den erwachsenen Kindern von Raphael und Prigge. 2009 kam eine eigene Brauerei in einer ehemaligen Lagerhalle im Dortmunder Hafen hinzu, "eine Investition im Gegenwert eines Eigenheims" (Raphael). Das Kapital stammt von 30 Investoren, an die Genussscheine ausgegeben wurden.

Einmal pro Woche macht sich der spät berufene Brauereidirektor dort ans Werk, gern tüftelt er an Spezialitäten wie einem sehr nahrhaften Starkbier namens Adam. "Gutes Bier herzustellen ist nicht sooo schwierig", sagt Raphael. Ein Teil der Ware wird derzeit noch von einer Brauerei nach seinen Rezepten zugeliefert.

Sein Ziel ist es, zunächst ein Prozent des Dortmunder Marktes zu erobern, das entspricht rund 600 000 Liter Jahresausstoß. Derzeit sind es etwa 200 000. Die Firma hat 2011 mit rund 300 000 Euro Umsatz schwarze Zahlen geschrieben und beschäftigt einen ersten Mitarbeiter. Raphael musste in seinem neuen Metier neben dem Brauen einiges lernen. Zum Beispiel, dass die übermächtige Konkurrenz Zapfhähne in der Gastronomie mit Zähnen und Klauen verteidigt. Und dass Sammler, die es auf Bierdeckel und -krüge abgesehen haben, einem Kleinunternehmen heftig zusetzen können. Für sie und Interessenten von auswärts gibt es einen Probier-Karton im Internet.

Trotz aller Widrigkeiten bereut Raphael sein Abenteuer nicht. Bergmann-Fans danken es ihm: Einer hat sich das Logo der auferstandenen Marke sogar auf den Arm tätowieren lassen. -

Die Geschichte Dortmunds ist eng mit Bier verbunden. 1293 verleiht König Adolf von Nassau der Hansestadt das Braurecht. Bier, damals Grundnahrungsmittel, wird zu einer der wichtigsten Handelswaren, Dutzende Brauereien entstehen, darunter 1796 die der Familie Bergmann (nicht verwandt mit dem Autor). Einen Schub bekommt das Geschäft, als sich die Produzenten ab Mitte des 19. Jahrhunderts auf helles, untergäriges Bier bayerischer Art verlegen, das bald im industriellen Maßstab hergestellt wird. In den 1950er und 1960er Jahren ist die Branche auf ihrem Zenit angekommen: Außer Milwaukee in den USA produziert keine Stadt der Welt mehr Bier als Dortmund. Doch dort ruht man sich auf den Lorbeeren aus, setzt ganz auf das stärker eingebraute, sättigende Export - und verschläft den Trend hin zu Pils und moderner Werbung. Bergmann ist 1972 eine der ersten Dortmunder Brauereien, die dichtmachen oder ihre Selbstständigkeit verlieren, alle anderen folgen. Der Autodidakt Raphael, der mit klassischem Dortmunder Bier beginnt, wiederholt den Fehler seiner Vorgänger übrigens nicht: "Wir verkaufen heute überwiegend Pils. Export macht höchstens fünf Prozent aus."