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Kann denn Wahrheit Sünde sein?

Wem gegenüber muss ein Wissenschaftler Rechenschaft ablegen? Seinem Arbeitgeber? Oder seinem Gewissen? Rainer Moormann entschied sich für Letzteres.




- Irgendwann erkannte er, wie gefährlich der Staub ist. Radioaktiver Staub, mit dem der Reaktorinnenraum kontaminiert war. Ein Leck, und schon würde das strahlende Material nach draußen gelangen. Kugelhaufenreaktoren haben keine meterdicke Betonhülle. Eine unvorstellbare Katastrophe wäre das.

Für Rainer Moormann wurde der Streit um den Staub zum Gewissenskonflikt. Wem gegenüber war er verpflichtet? Der Sicherheit? Der Wissenschaft? Oder seinem Arbeitgeber, dem Forschungszentrum Jülich? Die Frage quälte ihn, denn er wusste, seine Entdeckung würde verheerende Auswirkungen haben, wenn sie an die Öffentlichkeit gelänge.

Mehr als drei Jahrzehnte hat Moormann in Jülich in der Reaktorsicherheitsforschung gearbeitet. An dem Institut wurde der Urahn des Kugelhaufenreaktors entwickelt und bis 1988 als Versuchsreaktor betrieben. Die Technik wurde als risikolos gefeiert, als weltweit sicherste Methode für den Betrieb eines Atomkraftwerks. Doch Moormann entdeckte, dass sich die Forscher selbst in die Tasche logen. Weil seine Kollegen und Chefs seine Einwände abblockten, packte er aus. Heute sagt er: "Ich habe das Lebenswerk mehrerer Kollegen zerstört."

Fälle wie seiner sind selten. Für seinen Mut hat der promovierte Chemiker im vergangenen Jahr den Whistleblowerpreis der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) erhalten. "Intern werden sie oft als Nestbeschmutzer oder Wichtigtuer abgetan", sagt Dieter Deiseroth, Richter am Bundesverwaltungsgericht in Leipzig und Mitglied der Jury. "Doch das verkennt die Tatsache, dass Whistleblower intensiv mit sich ringen, bevor sie öffentlich Alarm schlagen."

So war es auch bei Moormann. Er war selbst ein überzeugter Anhänger der Kugelhaufentechnik. In ihr steckte eine große Vision. Seit Ende der Fünfzigerjahre faszinierte deutsche Politiker und Wissenschaftler die Idee dieses Hochtemperaturreaktors (HTR). Anders als bei herkömmlichen Leichtwasserreaktoren ist bei diesen Meilern eine verheerende Kernschmelze als Unfall folge ausgeschlossen. Darüber hinaus erzeugen sie effektiv Strom sowie Prozesswärme, von deren Nutzung man sich eine neue Art der Treibstoffherstellung versprach. Man glaubte an die Überlegenheit der im eigenen Land entwickelten Technik und förderte sie mit viel Geld. Allein in Jülich arbeiteten zeitweise 1500 Leute am vermeintlich sichersten Reaktor der Welt.

Bei Kugelhaufenreaktoren befindet sich der Brennstoff nicht in fest verankerten Brennstäben, sondern er ist in tennisballgroßen Grafitkugeln eingeschlossen, mit denen der Reaktorkern täglich gefüttert wird. Moormann beschäftigte sich mit den chemischen Reaktionen des Grafits, besonders mit der Frage, unter welchen Bedingungen es zu einem Grafitbrand im Kern kommen kann. "Das Ziel meiner Arbeit war, mögliche Probleme aufzudecken, um so den Reaktor zu verbessern", sagt er.

Dabei stellte er fest, dass der Staub, der entsteht, weil die Grafitkugeln aneinanderreiben, ein größeres Problem war, als bislang angenommen wurde. Er las in Unterlagen zum Versuchsreaktor, dass sich der mit Radioaktivität kontaminierte Staub auf allen Oberflächen im Reaktorkern abgelagert hatte. Und berechnete, dass ein kleines Leck reichen würde, um den Staub in Bewegung zu setzen - nach draußen.

Wer unangenehme Wahrheiten ausspricht, darf nicht auf die Sympathie seiner Kollegen hoffen

Am 8. März 2006 schilderte Rainer Moormann diese Gefahren seinem Vorgesetzten, Kurt Kugeler. Bei einer Sitzung zwei Tage später erwartete er, in die enttäuschten Gesichter seiner Kollegen zu schauen. Welcher Wissenschaftler gibt schon gern zu, dass die Entwicklung, in die er etliche Jahre seines Berufslebens investiert hatte, ein Irrtum ist?

Erschwerend kam hinzu, dass ein südafrikanischer Kraftwerksbetreiber von den Kugelhaufenreaktoren begeistert war. Mehrere Dutzend davon wollte er in Afrika und Asien bauen. Auch ihm würde man mitteilen müssen, dass die Technik noch nicht ausgefeilt war, dachte sich Moormann. Für den Jülicher Vorstand wäre das ein finanzieller Verlust. Die Zusammenarbeit mit den Südafrikanern brachte dem Forschungszentrum jedes Jahr zwischen 500000 und eine Million Euro ein. Aber der Staub war nun einmal nicht wegzudiskutieren.

Umso erstaunter war der Wissenschaftler über die Reaktion seiner Kollegen. Denn die wischten seine Einwände einfach so vom Tisch. Er fragte sich: Wie können sie es mit ihrem Gewissen vereinbaren, die Menschen eines Schwellenlandes gefährlichen Risiken auszusetzen?

Bis heute kann Moormann nicht fassen, was auf der Sitzung vom 10. März 2006 passierte. Ruhig, aber bestimmt habe er seine Erkenntnisse vorgetragen. "Doch die Kollegen taten einfach so, als wäre das alles kalter Kaffee und das Staubproblem schon längst gelöst", sagt er. Sein Vorgesetzter Kugeler sah keinen Grund zur Sorge. In einem Vermerk zur Sitzung schrieb er: "Es sind Lösungen bekannt, durch technische Vorkehrungen auch geringste Reststaubmengen noch zurückzuhalten und damit höchsten Sicherheitsanforderungen zu genügen."

Da kamen Moormann zum ersten Mal Zweifel an der wissenschaftlichen Redlichkeit seiner Kollegen. Also beschloss er: Er würde weitere Informationen sammeln und den Versuchsreaktor in Jülich genauer unter die Lupe nehmen, der noch immer auf dem Campus steht, obwohl er seit 1988 stillgelegt ist. Warum war er überhaupt stillgelegt worden? Und was war 1978 eigentlich genau passiert? Es gab einen kleinen Störfall, das ist bekannt. Doch war der wirklich so klein, wie immer behauptet wurde? Moormann hatte sich diese Fragen nie gestellt.

Den Tag der Gewissheit kann er heute nicht mehr exakt benennen, er weiß nur, dass es zwischen Weihnachten und Silvester 2006 gewesen sein muss. Er saß damals an seinem Schreibtisch und ließ sich erschöpft in den Stuhl fallen, schüttelte ungläubig den Kopf und sprach vor sich hin: "Das war haarscharf. Der Reaktor ist haarscharf am Super-GAU vorbeigeschlittert."

Am 13. Mai 1978 war Wasser in den Kern des Versuchsreaktors gedrungen. Damals lief er glücklicherweise bei relativ niedriger Temperatur. Wäre sie höher gewesen, wäre der Reaktor aufgrund der Reaktion des Wassers mit dem Grafit in die Luft geflogen. Moormann entdeckte zudem, dass in den Jahren vor der Stilllegung die Temperatur im Kern 200 Grad höher gewesen war, als sie laut Berechnungen hätte sein sollen. Und dass es dort riesige Mengen an Radioaktivität gab. Der Versuchsreaktor war offenbar außer Kontrolle geraten. Ein Wassereinbruch zu dieser Zeit hätte zur Katastrophe geführt.

Daher fragte er bei den Kollegen nach, die damals für den Betrieb des Reaktors zuständig gewesen waren. Keiner wollte mit der Sprache herausrücken. Er ließ nicht locker. Bis der Satz fiel, der ihm bewusst machte, dass in Jülich die Wahrheit über den Kugelhaufenreaktor verschleiert worden war: "Du bringst uns noch alle in den Bau."

Im Frühjahr 2007 war Moormann stark verunsichert. Wie sollte er mit seiner brisanten Erkenntnis umgehen? Er erkun digte sich in der Rechtsabteilung, ob tatsächlich noch jemand für die Geschehnisse rund um den Störfall von 1978 strafrechtlich belangt werden konnte. Er bat seinen ehemaligen Vorgesetzten Werner Katscher um eine fachliche Einschätzung. Er fragte im Betriebsrat, wie er nun intern am besten weiter verfahren sollte. Am 12. April 2007 schrieb er eine Hausmitteilung an zehn Mitglieder des Kugelhaufen-Teams und informierte sie darin über seine Erkenntnisse. Eine Antwort darauf erhielt er nicht.

Während dieser Zeit gab es zwischen ihm und seiner Frau nur noch ein Thema: Sollte er mit seinen Erkenntnissen an die Öffentlichkeit gehen? Es wäre ein Verstoß gegen die Treuepflicht gegenüber dem Arbeitgeber. Seine Frau riet ihm dennoch dazu, plädierte aber dafür, vorher den Vorstand noch einmal in die Pflicht zu nehmen; ihn davon zu überzeugen, dass er auf die Gefahren der Technik hinweisen müsse.

Wieder setzte er sich an seinen Schreibtisch und fasste seine Erkenntnisse in einem Bericht zusammen. Im September 2007 wandte er sich damit an den Vorstand. Mit Erfolg, wie es schien. Denn im Dezember arbeitete der Energievorstand an einer warnen den Erklärung zu Kugelhaufenreaktoren und schickte den Entwurf an Moormann zur Information. Zudem plante man in China ein internationales Seminar zu dem Thema. Dann aber wendete sich binnen drei Monaten das Blatt. "Der Vorstand des Forschungszentrums hatte plötzlich nicht mehr die Absicht, vor dem Reaktor zu warnen", sagt Moormann. Stattdessen sollte er seinen Bericht noch einmal mit den Kollegen diskutieren.

Die Kugelhaufen-Arbeitsgruppe hatte ihre Beziehungen zu Teilen der schwarz-gelben Landesregierung in Nordrhein-Westfalen genutzt, um Druck auf den Vorstand auszuüben, vermutet Moormann. Das Forschungszentrum indes will heute von einem Sinneswandel nichts wissen: "Der Vorstand des Forschungszentrums hat keine Veranstaltung zu Fragen der HTR-Technologie in China geplant", heißt es in einer Stellungnahme.

Am 27. April 2008 sprach Moormann mit Hans-Josef Allelein, Kugelers Nachfolger an der Spitze der Kugelhaufen-Arbeitsgruppe, über seinen Bericht. Dabei bedrängte ihn der Chef in aggressivem Ton, erinnert er sich. Der Vorgesetzte drohte mit Disziplinarmaßnahmen, falls Moormann an dem Bericht fest halten wolle. Allelein bestreitet das: "Wir haben nur leidenschaftlich dis kutiert." Nach diesem Gespräch wusste Moormann, dass er jede Hoffnung auf Einsicht begraben konnte. Er war auf sich allein gestellt. Immerhin genehmigte ihm der Vorstand im Juni die Veröffentlichung seines Berichts, der in der internationalen Kernforschungsszene den Anstoß zu einer intensiven Debatte gab.

Der Verrat wird immer noch geächtet - auch wenn er in guter Absicht geschieht

Allelein löste Moormanns Arbeitsgruppe auf, untersagte ihm eine Dienstreise zu einer wichtigen Konferenz und verweigerte ihm die Zustimmung zu einem Artikel in einer Fachzeitschrift. "Ich wollte verhindern, dass der Eindruck entsteht, seine Einzelmeinung entspräche der des Instituts", sagt der Vorgesetzte heute. Mitglieder der Kugelhaufen-Arbeitsgruppe beschimpften Moormann als Intriganten, attestierten ihm schriftlich "geistige Verwirrung" und "Obsession". Ehemals gute Kollegen brachen den Kontakt ab.

Whistleblower wie er haben in Deutschland einen schweren Stand. Anders als in den USA oder Großbritannien gibt es hierzulande kein Gesetz, das sie vor Repressalien am Arbeitsplatz schützt. Vielmehr betont die Rechtsprechung die Treuepflicht gegenüber dem Arbeitgeber - ihn öffentlich mit Vorwürfen zu konfrontieren kann als Verstoß gewertet werden.

Ende 2008 hielt Moormann den Druck in seiner Abteilung nicht mehr aus. Er bat den Vorstand um Versetzung in einen anderen Bereich. Und er entschloss sich zur Offensive. Im Alleingang: Er lancierte Informationen über die Jülicher Missstände an die Presse und prangerte in Vorträgen den Umgang mit der Kugelhaufentechnik an.

"Er hat maßgeblich dazu beigetragen, dass das mit Kugelhaufenreaktoren verbundene Risikopotenzial in einem neuen Licht erscheint. Der Mythos der inhärenten Sicherheit dieses Reaktortyps ist erschüttert", heißt es in der offiziellen Begründung zur Vergabe des Whistleblowerpreises.

Nur seine Gegner aus dem Institut halten ihn bis heute für einen "Demagogen, der den sichersten Reaktor der Welt in den Schmutz gezogen hat", wie einer von ihnen sagt, der aber nicht namentlich genannt werden möchte. Und Hans-Josef Allelein sagt: "Seine Extremmeinung resultiert aus persönlicher Frustration."

Rainer Moormann ist kürzlich mit 62 Jahren in Altersteilzeit gegangen. Er ist froh, draußen zu sein. Sieht er sich als Helden? "Nein", sagt er. "Ich bin kein Held. Ich habe nur das getan, was die wissenschaftliche Redlichkeit von mir verlangt hat. Ich hatte gar keine andere Wahl." -