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Die Vergessenen

Die jüngeren Italiener sollen flexibel sein, aber die Welt um sie herum ist verkrustet. Manche helfen sich mit einem Heiligen, andere nutzen Talente.




- Claudia Turchi verteilt Fragebögen. Sie drückt auf die Klingeln der Mietskasernen eines Mailänder Vorstadtviertels und erklärt an der Sprechanlage, dass sie wegen der Volkszählung kommt. Viele Bewohner hängen dann schon den Hörer auf. Turchis Pensum liegt bei drei bis sieben ausgefüllten Bögen pro Tag, für jeden zahlt die Stadtverwaltung 5,50 Euro. Abends jobbt sie zusätzlich als Babysitter. Über die Runden kommt sie nur, weil sie in einer Sozialwohnung lebt. Sie ist 32 Jahre alt, ihr Vater war mittlerer Angestellter bei einem Großkonzern, ihre Mutter Verkäuferin in einem Schmuckgeschäft. Die Familie hatte keine finanziellen Probleme. Die Tochter sollte es einmal besser haben, also hat sie Soziologie studiert und weiß, was soziale Mobilität bedeutet. "In meinem Fall", sagt sie, "geht es bergab."

Stunden später steht Turchi auf dem Platz vor dem Mailänder Rathaus. Mit zwölf anderen Kollegen protestiert sie gegen den "Akkordlohn" bei der Volkszählung. Sie stehen in einer Reihe, vor ihnen liegt das Bild eines bemerkenswerten Heiligen: Er heißt San Precario und trägt ein Polohemd. Seine Anhänger sind Praktikanten, Verkäufer, Kurierfahrer, Angestellte bei Discountmärkten, Callcentern, Universitäten - allesamt prekär Beschäftigte. Sie haben sich in Mailand zusammengeschlossen und einen eigenen Schutzpatron erschaffen. Denn ohne einen Heiligen läuft in Italien gar nichts. San Precario ist das Logo einer Bewegung geworden, die aufbegehrt.

"Wir leben in der Stadt der Mode. Jeder hat hier sein Logo. Wir eben auch", sagt Paola Gasparoli. Sie ist die Sprecherin der Bewegung, die es längst auch in anderen italienischen Städten gibt. An ihren Treffpunkten bieten Rechtsanwälte kostenlose Beratung an, es bilden sich immer neue Gruppen von Callcenter-Mitarbeitern oder Beschäftigten von Reinigungsfirmen. Nicht alle sind jung, viele sind ausländischer Herkunft. Sie wollen nicht nur protestieren, sondern suchen eine neue Form des Zusammenhalts, eine Art Gewerkschaft für diejenigen, für die es keine Gewerkschaft gibt.

In Italien keinen festen Arbeitsvertrag zu haben ist ein größeres Handicap als anderswo in Europa. Die Menschen sollen flexibel sein, aber das überalterte System ist es nicht - es ist nur denjenigen gegenüber loyal, die schon drin sind. Ohne unbefristete Anstellung kann man bei einer Bank keinen Überziehungskredit bekommen, der Staat zahlt im Notfall keine Sozialhilfe, kein Kindergeld und kein Elterngeld. Der Ausschluss ist total.

Das wollen die Jünger des Schutzheiligen ändern. Sie fordern ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle. "Es ist die erste Voraussetzung dafür, nicht erpressbar zu sein. Wer erpressbar ist, hat Angst und keine Ideen", sagt Gasparoli.

Die italienische Arbeitswelt hat sich verändert. Vor 30 Jahren brummte der Familienkapitalismus. Die Konzerne hatten wohlklingende Namen: Fiat, Montedison und Olivetti. Und es gab viele kleine Firmen, die nützliche Industriemaschinen und schicke Strickmode fertigten und in alle Welt exportierten. Die Kleinen waren Vorbild für eine Produktionsweise, die sich flexibel an die sich immer schneller ändernde Nachfrage des neuen, globalisierten Marktes anpasste. Im Norden herrschte das, was Ökonomen Vollbeschäftigung nennen. Im Süden kehrten viele Auswanderer in ihre Dörfer zurück.

Der Panzer

Doch die Weltwirtschaftskrise hat Italien schwerer gebeutelt als andere Länder. Es geht jetzt buchstäblich ans Eingemachte. Die sinkenden Ersparnisse der Familien sind dafür ein wichtiger Indikator. Während die Italiener seit jeher zu den eisernen Sparern Europas gehörten, sind ihre Rücklagen im vergangenen Jahr unter den EU-Durchschnitt von 13,2 Prozent auf 11,3 Prozent gesunken. Das durchschnittliche Nettoeinkommen liegt bei 1000 Euro und gehört damit zu den niedrigsten Europas. Für die Jugendlichen, die bislang von ihren Familien über Wasser gehalten wurden, steigt das Armutsrisiko und der Druck, auch für wenig Geld zu arbeiten. Billigjobs gibt es meistens im Dienstleistungssektor, in dem inzwischen rund 70 Prozent der erwerbstätigen Italiener beschäftigt sind.

Und genau hier offenbart sich ein großes Problem des Landes: Regierungen kamen, Regierungen gingen - doch niemand wollte zur Kenntniss nehmen, dass eine neue Arbeitswelt außerhalb der Fabrik entstanden war. Schon seit Langem kritisiert die OECD die Zweiteilung des Arbeitsmarktes in ein gewerkschaftlich geschütztes Segment, in dem mehr Ältere arbeiten, und ein flexibles, unterbezahltes Segment, wo sich die Generation San Precario tummelt. Genutzt hat das nichts.

Die Arbeitslosenstatistiken geben die Wirklichkeit der jungen Italiener nur verzerrt wieder. Laut Eurostat liegt die Arbeitslosenquote der 15- bis 24-Jährigen derzeit bei 31,9 Prozent und wird nur von Griechenland und Spanien übertroffen. Betrachtet man allerdings die Beschäftigungsquote von 20,5 Prozent, so scheint es den Italienern dieser Altersgruppe schlechter zu gehen als den jungen Spaniern, von denen 24,9 Prozent einen Job haben. Bei den 25- bis 34-jährigen Italienern beträgt die Arbeitslosenquote 11,3 Prozent. Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit, denn ein Drittel dieser Altersgruppe hat nur zeitlich befristete Mini-Jobs, die meist nicht mehr als 500 Euro im Monat einbringen.

Der italienische Staat musste erst zum Pleitekandidaten werden, damit die Regierung sich des Problems annahm. Doch der Ministerpräsident Mario Monti und seine Mitstreiter haben eine ganze Reihe von gravierenden Problemen zu lösen. Binnen eines Jahres müssen sie die Staatsverschuldung senken und Strukturreformen angehen. Steuerhinterziehung, kapitalschwache Minibetriebe, ein mangelhaftes Ausbildungssystem, die chronische Wachstumsschwäche sind nur einige der Baustellen. Besonders wichtig ist die Deregulierung des Arbeitsmarktes.

"Das System ist zu statisch. Die einen gehen nicht hinaus, und die anderen kommen nicht hinein", sagt Gianfranco Polillo, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium. Als Ursache des Übels hat er das Arbeitnehmerstatut von 1970 ausgemacht. Es regelt unter anderem die Präsenz der Gewerkschaften in den Unternehmen und den Kündigungsschutz der Arbeitnehmer in Betrieben mit mehr als 15 Beschäftigten. Polillo plant nun, Entlassungen zu erleichtern, er will dafür aber der prekären Beschäftigung Grenzen setzen.

Wird der Kündigungsschutz in der Krise gelockert, führt das unweigerlich zu höherer Erwerbslosigkeit. Dabei moniert die OECD schon seit Jahren, dass es keine allgemeine Arbeitslosenversicherung gebe. Das bestehende System ist, wie fast alle Sozialleistungen in Italien, auf eine Industriekultur zugeschnitten, die es nicht mehr gibt. Faktisch wird das Geld aus der Kurzarbeitskasse der Unternehmen zur Begleichung der Arbeitslosenhilfe verwendet - mit dem Einverständnis der Gewerkschaften.

Das soll sich jetzt ändern. Nach und nach soll eine allgemeine Arbeitslosenversicherung eingeführt werden, die für alle Beschäftigten einspringt. Ebenfalls in Planung ist eine dreijährige Berufsausbildungs-Pflicht für Jugendliche. Der Haken an den ambitionierten Maßnahmen: Sie alle sollen möglichst wenig, am besten gar nichts kosten. Aber Polillo findet einen anderen Aspekt entscheidend: "Wir setzen einen Prozess gegen den Dualismus auf dem Arbeitsmarkt in Gang."

Der Aufbruch

Bei Stefano Ceci stößt er damit auf offene Ohren. Der Unternehmer aus Bologna ist längst im neuen Zeitalter angekommen und bekämpft die Krise auf dem Arbeitsmarkt mit seinen eigenen Methoden: Er investiert mit seiner Mini-Holding GH in die Ideen von jungen Leuten. Dabei verbindet er zwei Wachstumsbranchen: Tourismus und Internet. 2004 hat er als Berater für Tourismus-Unternehmen angefangen. Heute gehören zu seinem Netzwerk fünf Unternehmen, die zusammen 3,5 Millionen Euro umsetzten und 50 Mitarbeiter haben. "Wenn ein neues Projekt funktioniert, können seine Erfinder als Teilhaber einsteigen", erläutert Ceci seine Strategie.

Seine jungen Geschäftspartner sitzen eng aneindergedrängt vor Computern und starren auf Bildschirme. Harun Alikadic, 34, und Tiziano Braglia, 31, sind Teilhaber einer Firma namens Freshcreater. Sie haben eine Software entwickelt, mit der sich kleine Tourismusunternehmen, wie Hotels oder Reiseanbieter, eine eigene Website bauen können, Buchungssystem inklusive. "Damit helfen wir den Kleinen, sich von den großen Online-Agenturen unabhängig zu machen", sagt Braglia. Vergangenes Jahr wurde ihre Idee prämiert: Die Erfinder gewannen den italienischen Preis für Innovation im Tourismus.

Ceci wird jedes Mal wieder nervös, wenn jemand eine neue Idee hat. "Das Firmennetzwerk ist die einzige Form, um zu wachsen", erklärt er. Alle neu gegründeten Unternehmen werden von GH kontrolliert.

Nach einem Freizeitpark in Kalabrien und dem Internetprojekt Freshcreator hat er schon wieder zwei neue Projekte. Er möchte mobile und ökologische Unterkünfte in der Natur oder in der Nähe von verlassenen Kulturschätzen bauen und die Reisegäste künftig mit eigenen Bahnwaggons durch das Land fahren. Ceci setzt auf einen neuen, nachhaltigen Tourismus, der in Italien - vor allem im Süden - jede Menge Potenzial hat. Oft unternimmt er Erkundungstouren für neue Projekte. Früher waren Braglia und Alikadic auch dabei. Doch inzwischen sind sie für derartige Ausflüge viel zu beschäftigt. -

Italien in Zahlen: - Einwohnerzahl: 60,6 Millionen - 14 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 14 Jahre, 20 Prozent sind älter als 65 Jahre. Die Geburtenrate von 1,4 Kinder pro Frau gehört zu den niedrigsten der Welt. - In Italien leben offiziell 4,6 Millionen Einwanderer. Ihr Beitrag zum BIP liegt bei 12 Prozent. Die Beschäftigungsquote der jugendlichen Einwanderer ist mit 44,5 Prozent höher als die der jungen Italiener (32,5 Prozent). - Die Investitionen in Forschung und Innovation liegen bei rund einem Prozent des BIP. - Die Einkünfte der Schattenwirtschaft machen nach Berechnungen des italienischen Statistikamtes 17 bis 20 Prozent des BIP aus. - Der Umsatz der italienischen Mafia-Organisationen wird auf 135 Milliarden Euro geschätzt. - Das BIP pro Kopf liegt in Mittelitalien bei 114,6 Prozent des EU-Durchschnitts. In Süditalien sind es 69,9 Prozent und auf dem griechischen Peloponnes 75,1 Prozent. - Italien ist die unglücklichste Nation Europas. Nach einer Studie der Cambridge University von 2007 standen die Dänen mit 8,3 von zehn Punkten an der Spitze der Glück-Skala, die Italiener waren mit 6,3 Punkten das Schlusslicht.