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Die ewig Treuen

Alles für den Verein – Zehntausende Fußballfans kennen nur dieses eine Motto. Doch immer weniger Vereine mögen auch alle ihre Fans. Ein Besuch beim FC Hansa Rostock.




Hansa Forever für alle Zeit, Hansa Forever und für die Ewigkeit, wir lassen Hansa niemals im Stich, Hansa für im-himm-meeer und un-eeeend-lich. (Refrain der Vereinshymne des FC Hansa Rostock)

• Die Süd ist leer. Wo sonst immer die Treuesten der Treuen stehen – da ist heute niemand. 3000 hellblaue Schalensitze bleiben an diesem Abend beim wichtigen Heimspiel des FC Hansa Rostock gegen Fortuna Düsseldorf unbesetzt. Die Lücke auf der Südtribüne, im Verein nur „die Süd“ genannt, symbolisiert die Kluft zwischen Hansa und seinen treuesten Fans. Auf diesen Sitzen standen sonst die Suptras, eine Gruppierung der sogenannten Ultra-Szene, dem harten Kern unter den Rostocker Fans. Die Süd, das war ihr Block. Auf dieser Tribüne hinter dem Tor schufen sie sich eine Fußballwelt nach eigenen Regeln und machten – wie sie es nennen – Stimmung. Egal, gegen wen Hansa antrat oder welches Ergebnis die Anzeigetafel über ihnen einblendete – in der Süd war es immer am lautesten. Die Suptras gaben alles für ihren Verein.

Nur wurde das dem Verein am Ende eindeutig zu viel.

Als aus diesem Block im November 2011 Feuerwerkskörper in die Kurve der Gäste vom FC St. Pauli flogen, entschied der Verein, die Süd zu schließen. Es war die Konsequenz nach einer langen Liste von Verfehlungen. Vor „Hansa-Fans“ steht deshalb immer öfter das Wort „sogenannte“.

Mehr als 400 dieser sogenannten Hansa-Fans zündeten 2006 in der Kleinstadt Stendal mehrere Polizeiwagen und Privatfahrzeuge an. Der einstige Schalker Nationalspieler Gerald Asamoah wurde in Rostock bei einem Pokalspiel eine Halbzeit lang rassistisch beleidigt, ohne dass jemand vom Verein einschritt. 2008 plünderten und randalierten Rostocker am Rande eines Freundschaftsspiels im dänischen Naestved, weitere Ausschreitungen folgten in Bochum, in Essen sowie im heimischen Stadtzentrum. Vor einigen Wochen drängten Rostocker ein Fahrzeug mit Fans von Eintracht Frankfurt von der Straße ab.

Kaum ein Verein wurde so häufig vom DFB-Sportgericht verurteilt wie Hansa. Der eigene Anhang kostete den Klub zwischen 2006 und 2008 an Geldstrafen und durch auferlegte Geisterspiele schätzungsweise mehr als 400000 Euro. Das Rostocker Image ist katastrophal. Die Suptras müssen nun in den Block neben der Süd oder sich unter die normalen Zuschauer mischen. Der Verein verstieß seine treuesten Anhänger gewissermaßen zurück ins Stadion.

Die Ultras erleben es als die Vertreibung aus dem Paradies. Deswegen ist Sascha B. heute auch nicht im Stadion, sondern in der Kneipe „Rote Erde“. Der Name verweist auf den Ascheplatz nebenan, auf dem Rostocker Freizeitkicker spielen, fünf Gehminuten vom Hansa-Stadion entfernt. Der tausendfache Chor ist hier noch gut zu hören. Ein Ascheplatz, das passt zu den Idealen der Ultra-Fans: Asche ist ehrlich. Die hellblauen Schalensitze sind Kommerz. Richtige Fans wie Sascha B. wollen keinen Kommerz. Und keine „Mecker-Opis oder Schönwetterfans“, wie sie normale Stadiongänger nennen. Bevor sie bei denen stehen, gehen sie lieber in die Kneipe und fahren nur noch zu Auswärtsspielen.

Sascha B. möchte seinen richtigen Namen nicht nennen. Er ist ein junger Mann Anfang 20, aufgeweckt, unauffällig – nur dass er sich auch unter der Woche immer ein Hansa-Tuch um den Hals knotet. Er sagt, echte Fußballfans pflegten noch einen Zusammenhalt, den es sonst in der Gesellschaft nicht mehr gebe. Das Verhältnis zum Verein nennt er „eher schlecht“, was insofern bizarr ist, da er diesen Verein als das Wichtigste in seinem Leben nennt, egal ob Hansa nun in der Bundesliga oder in der Kreisklasse spielt. „Von den Fans her“, sagt Sascha B., „sind wir Champions League.“ Das solle nicht überheblich klingen, aber so sei es nun mal.

Von der Champions League ist der FC Hansa mindestens so weit entfernt wie ein roter Ascheplatz von hellblauen Schalensitzen. Der Verein ist mit 17 Millionen Euro verschuldet. Verliert Hansa an diesem Abend gegen Düsseldorf, wird man sich in der Zweiten Liga kaum halten können. Gewinnt Hansa, wahrscheinlich auch nicht. Sascha B. hat schon einige Abstiege erlebt und ist einer von denen, die man im Fernsehen in solchen Momenten weinen sieht. Englische Wissenschaftler fanden heraus, dass Fans beim Abstieg ihres Teams so viel Stress empfinden wie sonst nur bei massiver Bedrohung oder bei Naturkatastrophen.

Anti-Terrorexperten gegen die eigenen Fans

Mehr als 50 Millionen Zuschauer besuchen jede Saison die fünf größten europäischen Ligen. Allein in Deutschland werden an einem Wochenende bis zu 80000 Spiele ausgetragen. Der europäische Fußball setzte in der Saison 2009/2010 gut 16 Milliarden Euro um – ein starker Wirtschaftsfaktor. Eine große Rolle spielt dabei die kleine Gruppe derer, die mehr als Zuschauer oder Kunden sein wollen. Aus der Sicht des Marketings gelten jene loyalen Fans allerdings als ganz hervorragende Kunden. Nach klassischer Lehre garantieren sie konstante Umsätze, brauchen wenig Marketing und sorgen für Mundpropaganda. Loyalität wird in den Fußballstadien regelmäßig zum großen Missverständnis. Die Vereine fragen sich, was zu tun ist, wenn man diejenigen, die einen über alles lieben, gar nicht will.

Die eigenen Fans bereiten vielen Klubs oft mehr Probleme als die Gegner auf dem Platz. Die Vereine schützen sich auch vor den eigenen Fans. Und wenn das misslingt, werden sie für das Verhalten der Fanatiker bestraft, müssen in leeren Stadien spielen, weil auf den Rängen einige unbedingt verrücktspielen mussten. Dann kommt es zu Momenten wie jüngst in Dresden, als Tausende ihren Verein mit dem Kauf virtueller Eintrittskarten für ein Geisterspiel unterstützten, das sie ihm zuvor durch das Zünden von Feuerwerkskörpern selbst eingebrockt hatten.

Die Fronten sind verhärtet. Die Klubs sehen sich ausgerechnet den Leuten gegenüber, die hinter ihnen stehen. Oft geht es da nicht einmal um Handgreiflichkeiten oder Feuerwerkskörper. Es geht ums Prinzip. Diejenigen, die Stimmung machen, wollen auch eine Stimme haben. Sie beziehen aus ihrer Loyalität eine Identität: Echte Fans sind nicht nur für den Verein – sie halten sich für den Verein. Für viele Bosse ist das die schlimmste Form des Krawalls. Beim FC Bayern München kümmert sich mittlerweile sogar ein Anti-Terrorexperte um die Fan-Betreuung.

Von Hamburg über Rostock nach Hamburg

Wolfgang Salewski, Professor für Psychologie und Konfliktmanagement, vermittelte schon bei der Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“, betreute die GSG 9, löste 67 Geiselnahmen, beriet die Bundeskanzler Schmidt und Kohl – und soll nun für Ruhe zwischen Fans und ihrem Verein sorgen. Die Münchner Ultra-Gruppe Schickeria ist relativ zahm, sie rebelliert nur. Will mitreden, etwa bei Spielertransfers. Wegen der Verpflichtung des Nationaltorwarts Manuel Neuer gab es Zoff: Sie wollte einfach keinen aus Schalke, von einem Verein, der ihr verhasst ist und mit dessen Fans sie häufig handgreiflich wird. Doch Uli Hoeneß verbittet sich jede Einmischung.

Auf Rebellion folgt meist Repression. Die Fans schmuggeln Pyrotechnik ins Stadion, die Polizei kommt mit Pfefferspray und Schlagstöcken. Der Ligaverband DFL überlegt, für Bundesligaspiele nur noch personalisierte Karten auszugeben. Der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, Lorenz Caffier, will Gesichtsscanner an den Stadioneingängen installieren. Das Oberverwaltungsgericht Hamburg sperrte im April gleich sämtliche Rostocker Fans für das Rückspiel gegen den FC St. Pauli aus. Eine Entscheidung, gegen die beide betroffenen Vereine gemeinsam erfolglos klagten. Es soll wieder ein Block leer bleiben, in dem sonst Hansa-Fans stehen.

Wie verfahren die Situation ist, illustriert die Idee, mit der Bernd Hofmann dieses Fanverbot noch zu vermeiden suchte: Der Sorge der Hamburger Polizei, dass viele Rostocker Fans an der Elbe leben, deren Anfahrt also nicht zu kontrollieren wäre, begegnete Hansas Vorstandsvorsitzender mit dem Vorschlag, dass alle Hansa-Fans erst nach Rostock fahren, dort in den Sonderzug steigen, um zurück zum Spiel nach Hamburg zu gelangen. „In den Rostocker Block kommt nur, wer in diesem Zug sitzt“, dachte sich Hofmann. Das Problem wäre gelöst. Ob die Hamburger Hansa-Fans nach dem Abpfiff auch wieder über Rostock zurück nach Hamburg fahren sollten, ließ er offen.

Hofmann sitzt mit Peter Zeggel, Marketingchef und ehrenamtliches Vorstandsmitglied, in der Hansa-Geschäftsstelle zusammen. Von draußen dringen Stimmen vom Training der Nachwuchsmannschaft herein. Es ist Vormittag, in acht Stunden wird das Spiel gegen Fortuna Düsseldorf angepfiffen.

Einerseits, sagt Hofmann, brauche ein Traditionsverein wie Hansa Rostock seine treuen Fans. Er schwärmt, dass jedes Jahr mehr als hundert Anhänger die Mannschaft auf der Fahrt ins Trainingslager begleiten. „Die nehmen eine Woche Urlaub, fliegen auf eigene Kosten mit nach Portugal oder Spanien und gucken beim Training zu.“ Er klingt, als wundere er sich selber über solche Fans. Peter Zeggel sagt, „die Stimmung“ im Stadion sei eines der Produkte, die er seinen Kunden auf den Businessplätzen verkaufe. Die seien so gut gebucht wie nie zuvor. Und doch habe er manchmal das Gefühl, die eigenen Fans erdrückten den Verein mit ihrer Liebe.

Wie im November 2011 beim Spiel gegen den FC St. Pauli, als die Raketen im Gästeblock einschlugen – und das Publikum dazu Beifall klatschte. Da entschieden die Vereinsbosse, die Süd fortan nicht mehr für die Suptras zu öffnen.

Bernd Hofmann sagt, ihn habe das Erlebnis geschockt. Peter Zeggel sagt, er sei bei diesem Spiel im Urlaub gewesen. Beide tragen das gleiche graublaue Sakko mit dem Vereinsemblem auf der Brust. Zeggel ist ein sachlicher Typ, Hofmann traut sich, Emotionen zu zeigen. Beide sind überaus freundlich und von einer entwaffnenden Offenheit.

„Was sich seitens unserer Fans in der Vergangenheit abspielte, hat sich niemand im Verein ausmalen können“, sagt Zeggel. Das Image, das einige der eigenen Anhänger verantworten, nennt er „marketingtechnisch katastrophal“. Es gebe massive Schwierigkeiten mit Sponsoren. So hätten viele Inhaber von Business-Plätzen Geschäftsfreunde zum Spiel gegen Dynamo Dresden eingeladen – und dann mussten die Ränge wegen der Vorfälle in der Partie gegen St. Pauli leer bleiben. Zum Kreuzfahrtunternehmen Aida mit Sitz in Rostock schielt der Verein seit Jahren ebenso sehnsuchtsvoll wie vergebens. „Deren Image ist der rote Kussmund am Bug der Schiffe, eine unbeschwerte Wohlfühlwelt“, leitet Zeggel fast sarkastisch ein. „Für die kommen wir als Sponsoring-Partner einfach nicht infrage.“

Auch der aktuelle Hauptsponsor Veolia kündigte bereits das Ende seines Engagements an. Die negativen Schlagzeilen über die Fans gehen selbst einem Abfallbeseitiger zu weit. Äußern wollte sich der Konzern allerdings nicht.

Vokuhila und Schokolade

Es gab andere Zeiten. Rostock war nach der Wende ein Exot im Profifußball. Wie von einem fernen Planeten in der Bundesliga gelandet und berauscht von der allwöchentlichen Chance, gegen Vereine spielen zu können, die man bis dahin nur aus dem Westfernsehen kannte.

1991 qualifizierte sich Rostock als letzter DDR-Meister und Pokalsieger für die Fußball-Bundesliga. Da saßen regelmäßig 25000 Zuschauer dicht an dicht im Ostseestadion, auf den maroden Holzbänken aus so vielen DDR-Oberliga-Jahren. In den ersten Partien spielte Hansa wie im Rausch, deklassierte Dortmund, Nürnberg, gewann sogar auswärts gegen die Bayern. Dem damaligen Siegtorschützen Jens Wahl tropfte noch im ZDF-Sportstudio der Schweiß von der Stirn, als er vor lauter Aufregung kein Wort herausbekam. Hansa Rostock war wie ein kleiner Junge, schüchtern, naiv, begeistert – ein sympathischer Verein, mit dem sich ganz Ostdeutschland identifizieren konnte; der „Vokuhila“ als Fußballerfrisur wieder erstligatauglich machte und dessen Stadionsprecher vor Anpfiff die „lieben Sportfreunde“ aufforderte, doch ein wenig zusammenzurücken, weil draußen noch viele auf Einlass warteten. Und in der Halbzeit verteilten Süßwarenhersteller unter den Fans Schokolade.

Was ist also passiert, zwischen dem Vokuhila von damals und der Pyrotechnik von heute?

Bernd Hofmann und Peter Zeggel sind erst seit 2010 im Verein. Der Marketingchef vermutet hinter Rostocks Fanmisere neben dem Frust über den sportlichen Niedergang auch einen Liebesentzug, mit dem der Verein auf die ersten Krawalle seiner Anhänger reagierte: 2007 brach Hansa alle Beziehungen zu den Suptras ab. Die Schlüssel für den Raum im Stadion, in dem die Fans ihre Gesänge und Choreografien zuvor geprobt hatten, wurden eingezogen, die Fans sich selbst überlassen – was der harte Kern dazu nutzte, um sich selbst zu organisieren, zuerst ohne, bald auch immer öfter gegen den Verein.

„Der Verein hoffte, dadurch würde eine gewisse Selbstreinigung der Szene einsetzen“, sagt Zeggel und fügt nüchtern hinzu: „Das war eine ziemliche Fehleinschätzung.“

Der Vereinsvorsitzende Hofmann sagt, man arbeite daran, wieder in ein besseres Licht zu geraten. Auch wenn er nicht alle Schuld allein bei Hansa sieht, schließlich seien Fans auch Kinder dieser Gesellschaft. Und überhaupt: „Wenn Bayern-Fans im Berliner Stadion ganze Bänke abbrennen, ist das keine Schlagzeile. Wenn in Dortmund bengalische Feuer brennen, nennt man das eine tolle Stimmung wie in Italien.“ In Rostock aber heiße es Randale. Sein eigener Vater komme dann mit der Zeitung in der Hand und sage: „Na, ihr habt ja schöne Chaoten.“

In ein besseres Licht geraten also -nur wie? Drei hauptamtliche Fanbetreuer hat der Verein eingestellt. Die Arbeiterwohlfahrt und der DFB finanzieren ein unabhängiges Fanprojekt. Es gab Familientage im Stadion und Kampagnen gegen Gewalt. Zusammen mit der Universität Rostock wird an sieben Schulen Unterricht zu Hansa, Fußball, Fairness und Fankultur angeboten. Die Fans von morgen sollen gut vorbereitet ins Stadion kommen. Auch mit den Suptras trat der Verein wieder in Kontakt. Ein erstes Zugeständnis war die Öffnung der Süd als Stehplatztribüne für die ultratreuen Fans. Nun ist sie wieder geschlossen. An der Ostsee gilt: Wer auf das Meer hinausschwimmt, braucht zurück ans Ufer immer doppelt so lange.

Der Verein, den es nicht gibt

In der Nordkurve sind die Stehplätze beim Anpfiff um 18 Uhr gut gefüllt. Von dort schaut man direkt auf die hellblaue, leere Süd. Die Zuschauer tragen die Insignien des Fußballs: Bratwurst und Bier. Manchmal schreit einer „Neger“, wenn der Düsseldorfer Abwehrspieler Assani Lukimya am Ball ist. Vor einigen Jahren spielte der Kongolese noch in Rostock. Damals brüllten Zehntausende noch „Lu-kim-ya“ im Chor. Hansa tut sich schwer, es rumort auf den Rängen. Das Spiel wird besser, die Zuschauer werden lauter. Hansa geht in Führung.

Aus der Wirtschaft ist bekannt, dass es starken Marken gelingt, die Loyalität ihrer Kunden durch das Eingeständnis eines Fehlers sogar noch zu erhöhen. Die Frage im Fußball ist, ob die Vereine überhaupt noch mehr Loyalität vertragen können.

Hansa Rostock hat überaus loyale Fans. Selbst in der Dritten Liga lag der Zuschauerschnitt bei 14700, zu den Auswärtsspielen reisen regelmäßig Tausende Fans durch die Republik. Jene, die immer da sind, scheinen aber nicht mehr diejenigen zu sein, die den Vereinen auch am wichtigsten sind.

Jonas Gabler, Berliner Politologe und Fanforscher, hat über die Ultras ein Buch geschrieben. Er behauptet, die Vereine seien von traditioneller Fan – zu Kundenorientierung umgeschwenkt. Früher hätten sie die Treuen hofiert, mittlerweile die Liquiden. Statt echter Fans mag man lieber Zuschauer.

Auch deswegen sitzt Sascha B. heute in der Kneipe. „Dem Verein ist es doch am liebsten, wenn wir beim Spiel ordentlich Krach machen, Bier und Bratwurst kaufen und nach dem Abpfiff ganz schnell wieder verschwinden“, sagt er. Und: „Wir Fans hätten gern mehr Einfluss auf unseren Verein.“

Das Problem ist, dass es diesen Verein, von dem Sascha B. redet, wohl gar nicht gibt.

Das behauptet Gerd Dembowski. „Der Verein, das ist für die meisten Fans eine Illusion. Eine Art verbindendes Traditionsmoment nach dem Motto: Spieler und Trainer gehen – wir bleiben.“ Die Erfindung einer eigenen Gruppenidentität. Mit der Identität des Vereins hat sie nur bedingt etwas gemein. Die Kluft dazwischen symbolisiert in Rostock die leere Süd.

Dembowski ist Sachbuchautor und Sozialwissenschaftler, Doktorand an der Freien Universität Berlin, ein Fan, ein Fantheoretiker, den die Soziokultur auf den Rängen mehr interessiert als das Treiben auf dem Rasen. Sein Forschungsfeld ist der Fanblock. Der 39-Jährige war selbst viele Jahre aktiv. Zuerst beim FC St. Pauli in Hamburg, später im englischen Brighton. Im Duisburger Fanprojekt arbeitete er Ende der Neunzigerjahre als Sozialpädagoge, etwa in der „AG Stimmung“, weil es an Stimmung im Stadion des MSV Duisburg fehlte.

Je mehr die Vereine heute von den Ultras abrücken, desto enger klammern sich diese Fans an ihre Illusion vom Verein. „Sie verstehen sich als die Gralshüter der Vereinsidentität“, sagt Dembowski. In Dresden streiten die Fans mit dem Verein, ob die Hintergrundfarbe des neuen Wappens bordeauxfarben oder grün sein soll. In Nürnberg kämpfen die Fans dafür, dass das Easycredit-Stadion in Max-Morlock-Stadion umbenannt wird. Der Kreditgeber verzichtete wegen der aufgeheizten Diskussion letztlich freiwillig auf sein Namensrecht. Den FC kostet das einige Millionen Euro, und möglicherweise hätte das Nürnberger Management statt auf diese Millionen lieber auf einige der Anhänger verzichtet.

Mitunter verzichten Fans tatsächlich auf ihren Verein, beweisen ihre Treue, indem sie einen neuen Klub gründen. Als der amerikanische Investor Malcolm Glazer 2005 Manchester United übernahm, löste dies wütende Proteste bei den Fans aus. Die besonders Loyalen reagierten auf die Übernahme des Traditionsvereins mit der Gründung des Antivereins FC United of Manchester. Der spielt heute in der siebten englischen Liga und hat weltweit Kultstatus. Jeder Zuschauer legt nach eigenem Ermessen die Höhe des Eintrittspreises für sich fest. Der Verein beschäftigt einen Geschäftsführer und eine Sekretärin.

Ähnliches geschah in Österreich, wo Fans als Reaktion auf Red Bull den SV Austria Salzburg gründeten. In Deutschland ist die BSG Chemie Leipzig eine solche Fangeburt.

Alles schöne Geschichten, die Frage ist nur: Kann ein Verein möglicherweise auch ganz gut ohne diejenigen existieren, die ohne den Verein nicht können?

Gerd Dembowski sagt: „Ich hatte immer die Hoffnung, die Fans seien wichtig, weil die Leute auch in den Business-Logen irgendwann nicht mehr kommen, wenn es keine Stimmung gibt.“ Aber das passierte bislang nicht. In Italien sind die Stadien oft halb leer, seit nur noch personalisierte Karten ausgegeben werden. Ultra-Bewegungen, die einmal 15000 Mitglieder zählten, dümpeln heute bei 200. Der Fußball aber floriert, italienische Mannschaften sind weiterhin erfolgreich, verpflichten Stars – zur Not auch ohne treue Fans. Dembowski glaubt: „Fußball funktioniert wie Kapitalismus, er ist ein Allesfresser. Er überlebt jede Krise und hat endlosen Kredit.“

Heimwerken und Blutspenden

Vor allem die großen Klubs in Italien, England oder Spanien bräuchten in der heutigen Vermarktungswelt eigentlich keine Fans im traditionellen Sinne. Spiele von Manchester United wären auch in Singapur, New York oder Tokio immer ausverkauft. Zu den Spielen des FC Barcelona gehen die Leute nicht wegen der Stimmung im Stadion, sondern um Lionel Messi spielen zu sehen. Fernseheinnahmen und Sponsoren füllen die Budgets der Vereine. Real Madrid finanziert einen Star wie Cristiano Ronaldo über den hunderttausendfachen Verkauf seines Trikots in Asien.

Nur kleine Vereine wie Rostock, oder auch Freiburg und Augsburg in der Bundesliga, bedürfen nach Meinung von Jonas Gabler einer lokalen Verankerung. Der Grund ist, dass Fußball für sie unrentabel ist. Der Markt ist überhitzt, immer mehr Geld muss investiert werden, kaum ein Verein erwirtschaftet noch Gewinn. Im Falle einer Krise sind die Fans dann die stille oder die laute Reserve, je nachdem, wie man es braucht. Wenn Rostock mit der Stadt und dem Land über Stundung und Erlass von mehr als vier Millionen Euro Steuerschulden verhandelt, können ein paar Tausend treue Fans auch ein Argument sein.

Für den Zweitligaclub Union Berlin etwa begaben sich die Anhänger sogar an die Nadel. Unter dem Motto „Bluten für Union“ spendeten Tausende nicht nur Beifall, sondern Blut. Die Vergütung dafür ging an den Verein. Einige Fans ließen sich gleich zweimal in der Woche pieksen, obwohl es nur einmal erlaubt ist.

Es ist noch nicht lange her, da packten die Fans ihre Werkzeugkoffer für den Weg ins Stadion. Hüpften nicht auf den Bänken, sondern schraubten und bauten diese neu. Das renovierte Union-Stadion ist auch ein Werk Tausender Fanheimwerker, das Geld dafür stammt zum großen Teil aus einer Fan-Anleihe.

Auch Rostock hat solch eine Fan-Anleihe herausgegeben. Der Verkauf läuft allerdings schleppend. Mühsam ist auch die Schlussviertelstunde für Hansa und die Zuschauer gegen Düsseldorf. Es steht 2:1 für Rostock. Düsseldorf hat einen Elfmeter verschossen. Mit etwas Glück rettet Hansa den Sieg über die Zeit. Der Verein gewinnt drei wichtige Punkte, die Stimmung ist ekstatisch – ganz ohne die Süd. Ob man sie überhaupt noch braucht, wird sich erst zeigen, wenn diejenigen, die die echten Fans Schönwetterfans oder Mecker-Opis nennen, tatsächlich einmal nicht mehr kommen sollten. ---