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Bilfinger Berger

Das Bauunternehmen Julius Berger Nigeria hat sich dem korrupten westafrikanischen Land bestens angepasst. Für den Mannheimer Mutterkonzern Bilfinger Berger ist das eine eher schlechte Nachricht.




- Viele scheitern schon an der ersten Hürde. Etwa weil das Visum zu wünschen übrig lasse oder das Impfbuch angeblich inkorrekt gestempelt sei -unendlich sind die Geschichten Nigeria-Reisender, deren Annäherungsversuch an den berüchtigten westafrikanischen Staat bereits auf dem Flughafen von Lagos ein jähes Ende findet oder zumindest zu großen Unannehmlichkeiten führt. Der eine landet mit Drogenkurieren in der Zelle, andere sehen sich um beträchtliche Summen an Bestechungsgeld gebracht, wieder andere verpassen ihren Anschlussflug.

Wer hingegen als VIP oder im Namen von Julius Berger unterwegs ist, dem kann so etwas nicht passieren. Aus der Menschenmenge im Flughafengebäude taucht plötzlich ein Helfer auf, er trägt ein Display vor der Brust, auf dem in roten Leuchtschrift-Buchstaben Julius Berger Airport Services zu lesen ist, gefolgt von unseren Namen. Diskret nimmt er seine Schäfchen zur Seite und führt uns über sämtliche Stromschnellen, die mit der berüchtigten Lokalität verbunden sind. Selbst dass unser Gepäck nicht mitgekommen ist, muss uns nicht weiter grämen: Selbstverständlich kümmert sich der Service auch darum. Die hilfreichen Agenten der Firma stehen in allen größeren Flughäfen Nigerias rund um die Uhr bereit: arrangieren Flugverbindungen, reservieren Sitze und halten notfalls auch mal kurz die Maschine auf.

Die Investition in eine solch aufwendige Dienstleistung ist sinnvoll für das Unternehmen. Mit mehr als 19000 Beschäftigten ist Julius Berger Nigeria PLC der größte private Arbeitgeber des bevölkerungsreichsten Staates in Afrika. Mehr als 700 der Angestellten kommen aus Deutschland und sind deshalb besonders schutzbedürftig. Nigeria ist kein Pflaster, auf dem sich ein ordnungsgewohnter Teutone allein zurechtzufinden wüsste. "Deutsche Fachleute zu rekrutieren ist für uns nicht leicht", wird Berger-Chef Wolfgang Götsch später klagen: "Manche wollen schon nach drei Monaten wieder heim."

Andere, wie Wolfgang Lösser, wollen gar nicht wieder weg. Julius Bergers Mann für die Metropole Lagos ist schon seit 22 Jahren bei dem Unternehmen, für das er "eine gehörige Portion Stolz" empfindet: "Eine vergleichbare Baufirma gibt es in der ganzen Welt nicht mehr."

Vom Dach des regionalen Firmensitzes in Lagos kann Lösser einen Großteil des Zehn-Millionen-Einwohner-Molochs überblicken, dessen Erscheinungsbild Julius Berger wie kein anderes Unternehmen geprägt hat. Linker Hand die Eko-Brücke, die Lagos Island mit dem Festland verbindet und vor fast einem halben Jahrhundert den Eintritt der deutschen Firma in Nigeria markierte. Dahinter das sechsspurige Innere Ringsystem, das die verstopfte Metropole vor 40 Jahren vor dem völligen Verkehrsinfarkt bewahrte. Und am Horizont die "Dritte Festlandbrücke", an deren Konstruktion die Tochter des Mannheimer Konzerns Bilfinger Berger ebenfalls beteiligt war, der unlängst ankündigte, bald nur noch unter dem Namen Bilfinger auftreten zu wollen. Lediglich erahnen lässt sich der von den deutschen Konstrukteuren 1977 fertiggestellte Hafen Tin Can sowie die ikonenhafte, größte Schrägseilbrücke Westafrikas zwischen den Halbinseln Lekki und Ikoyi, die noch in diesem Jahr fertig werden soll. "Sie sehen", sagt Lösser, "unsere Geschichte ist mit Lagos aufs Engste verschwistert."

Dasselbe gilt auch für andere Teile des wilden afrikanischen Westens - vor allem für die in den Achtzigerjahren aus dem Boden gestampfte Hauptstadt Abuja. Dort hat Julius Berger Teile des Parlamentsgebäudes und Ministerien gebaut, das Stadion und den Flughafen errichtet sowie den Sitz der Zentralbank, weite Teile des Straßennetzes und ganze Stadtteile. "Für mich ist Julius Berger eine der faszinierendsten Firmen der Welt", sagt ein Fachmann, der den Betrieb seit mehr als vier Jahrzehnten kennt. "Wie sich dessen Manager auf dem nigerianischen Parkett bewegen, das ist schlicht einzigartig."

Unumstritten ist das Unternehmen allerdings nicht. Wird Julius Berger in der deutschen Presse erwähnt, so geschieht das vielfach im Zusammenhang mit Korruptionsskandalen: Es handle sich um einen "Staat im Staate", schrieb etwa der "Spiegel". Bilfinger Berger hat seine Anteile an dem profitablen Unternehmen kürzlich um zehn Prozent auf 39,9 Prozent reduziert. Julius Berger selbst hat auf die Korruptions-Vorwürfe bisher mit dem Kopf im Bausand reagiert: Anfragen von Journalisten blieben in der Regel unbeantwortet. Unser Besuch ist seit Jahrzehnten die erste Reporter-Visite.

Unternehmen aus der Ersten Welt, die Bodenschätze aus der Erde holen, gibt es in Afrika zuhauf. Sie pflegen ihre Containerdörfer neben Erdölfeldern oder Kupferminen zu errichten, um - sobald die Ressourcen erschöpft sind - wieder zu verschwinden. Es gibt auch Baunomaden, die für Großprojekte wie die Errichtung eines Staudamms kommen. Auch sie bauen meist schon am Tag der Übergabe ihr Zelte wieder ab. Doch dass sich ein Unternehmen aus einem Industrieland auf dem Kontinent der Kriege, Krankheiten und Katastrophen dauerhaft niederlässt, gibt es in Afrika so häufig wie Blumenrabatten in der Sahara - noch dazu, wenn es sich um einen weltweit berüchtigten Chaos-Staat wie Nigeria handelt.

Wenige Kilometer von Julius Bergers regionalem Firmensitz entfernt scheint Lagos von einem Wirbelsturm heimgesucht worden zu sein. Durch das übliche urbane Dickicht an Häusern, Märkten und verstopften Straßen zieht sich eine gut hundert Meter breite Schneise: An deren Rand sind in der Mitte zerteilte Gebäude auszumachen, deren verbliebene Hälften notdürftig wieder zugemauert wurden. Der Schaden ist keinem Tornado, sondern der Reformwut Babatunde Fasholas zuzuschreiben. Der umtriebige Gouverneur des Stadtstaates lässt hier eine zehnspurige Trasse mit Highway, Busspur und S-Bahn-Linie bauen. Selbstverständlich führt den Auftrag die Firma mit dem weißen B im Logo aus.

Krisengebiet Baustelle

Um die Trasse auf einigermaßen festen Grund zu setzen, musste zunächst meterweise Müll abgetragen werden: Denn Lagos, erklärt der Projektleiter Tim Nippert, sei "weitgehend auf Abfall gebaut". Problematischer ist schon, dass sich Baustellen in der hektischen Metropole partout nicht absperren lassen. Sobald ein Streckenabschnitt auch nur grob planiert ist, drängeln von allen Seiten Fahrzeuge wie aufgescheuchte Asseln auf die Trasse. Selbst vor frisch geteerten Flächen schrecken die Lagoten nicht zurück: "Und wenn sie dann stecken bleiben", sagt Nippert, "dürfen wir sie auch noch aus dem heißen Teer ziehen." Fast mit Gewalt müssten sich die Berger-Leute regelmäßig Zugang zu ihrer Baustelle verschaffen, fährt der Projektleiter fort. Ausgeschlossen sei nicht einmal, dass ein Berger-Mann bei der Arbeit angefahren werde.

Auf Lagos Island zieht die Firma derzeit ein neues Zentralbankgebäude hoch. In dem Geschäftszentrum ist der Platz dermaßen kostbar, dass der Abstand des später einmal hundert Meter hohen Wolkenkratzers zum Nachbargebäude gerade mal fünfeinhalb Meter beträgt. Rücken Beton-Mischer an, bleiben sie regelmäßig mit peinlichen Folgen im Verkehrsstau stecken. Nach mehreren Stunden Stau ist die Betonmischung in der Trommel unbrauchbar geworden. Vor der engen Baustelleneinfahrt fechten Bergers Wachleute unterdessen ihren täglichen Kampf gegen die Straßenverkäufer aus, die für ihre Geschäfte jeden Zentimeter Raum in Anspruch nehmen. Die Händler hätten allerdings auch einen Vorteil, sagt der Projektleiter Markus Kalkowski: Von ihnen kann man zurückkaufen, was auf der Baustelle zuvor gestohlen worden ist.

Nach einem halben Jahrhundert Präsenz in Nigeria hat sich die Firma an ihre Umwelt angepasst. Sämtliche 1400 Lastwagen der im ganzen Land verstreuten Flotte werden elektronisch überwacht. Der Zentrale wird auf diese Weise außer der Bewegung des Fahrzeugs auch gleich der Tankinhalt übermittelt. Selbst die Kipperbewegungen werden registriert, damit der Fahrer seinen Sand nicht "aus Versehen" an der falschen Stelle ablädt. "Aber das", sagt ein Mitarbeiter, "könnte genauso gut in anderen Teilen der Welt passieren." Dort muss ein Angestellter einer Baufirma allerdings nicht unbedingt damit rechnen, überfallen und entführt zu werden.

In Escravos im Nigerdelta entsteht seit Jahren eine der spektakulärsten Industrieanlagen der Welt. Für mehr als zehn Milliarden Dollar lässt die US-amerikanische Mineralölgesellschaft Chevron ein Werk zur Umwandlung von Erdgas in Diesel oder Rohbenzin errichten - neben einem Prototyp in Qatar die zweite Anlage dieser Art. Julius Berger zog die Gebäude in die Höhe - mit einem Volumen von fast 400 Millionen Euro selbst für den nigerianischen Tausendsassa kein Pappenstiel. Zu Hochzeiten befanden sich 1300 Berger-Leute, darunter 85 "Expats" (in der Mehrheit "expatriierte" Deutsche), auf der Baustelle: hochbegehrt bei Rebellen, die sich in der "Bewegung für die Emanzipierung des Nigerdeltas" (Mend) zusammengeschlossen hatten.

In ihrer Wut über die Präsenz umweltverschmutzender Mineralölgesellschaften spezialisierten sie sich seit der Jahrtausendwende zunehmend auf Entführungen. Auch Berger-Mitarbeiter wurden immer häufiger Opfer von Angriffen. Fünf deutsche Ingenieure wurden vorübergehend als Geiseln genommen, mehrere zu ihrem Schutz abgestellte nigerianische Soldaten erschossen. "Für uns war damit eine Grenze überschritten", sagt Unternehmens-Chef Götsch. Umgehend verließ Julius Berger das Delta und gab seine Aufträge zurück. Andere Firmen, die den Rebellen teilweise Schutzgeld zahlen, um in Ruhe gelassen zu werden, hätten sich über die deutschen Angsthasen lustig gemacht, erinnert er sich: "Wir waren damals völlig unvorbereitet. Das hat uns richtig mitgenommen."

Mittlerweile hat die Firma aufgerüstet: 4000 der 19000 Angestellten gehören zum Sicherheitspersonal. In Escravos kümmert sich ein ehemaliger Offizier der südafrikanischen Apartheidsarmee um den Schutz der Bautruppe: "Seitdem herrscht hier Ruhe", sagt ein Berger-Mann. Zur Beruhigung der Lage hat allerdings auch eine Politikwende der neuen Regierung beigetragen. Reuigen Rebellen wurden Straffreiheit und Ausbildungsprogramme angeboten, den hartnäckigen der Krieg erklärt. Eines Tages hätten zwei Hubschrauberträger der nigerianischen Marine Escravos passiert, erzählt der Mitarbeiter. Mehrere gewaltige Explosionen kurz darauf zeigten an, dass das nur 15 Kilometer entfernte "Camp 5" des Rebellenführers Tom Polo in die Luft gejagt worden war.

Billig kann teuer kommen

Nigeria gilt heute als einer von Afrikas Tigerstaaten. Es vergehe keine Woche, in der er nicht mindestens "drei oder vier ausländische Großanleger" in seinem Büro empfange, prahlt Handelsminister Olusegun Aganga. Sie kämen aus Brasilien, China oder auch Deutschland. Während die Alte Welt zunehmend in Depression und Stagnation versinkt, verzeichnete Nigeria im vergangenen Jahrzehnt eine durchschnittliche Wachstumsrate von fast neun Prozent. Trotz der immer wieder eskalierenden Spannungen zwischen der muslimischen und der christlichen Bevölkerung ist die Stimmung im Land so optimistisch wie kaum anderswo in Afrika. Die Analysten von Morgan Stanley gehen davon aus, dass Nigeria spätestens in 13 Jahren Südafrika als Champion des Kontinents überholt haben wird. Und die Berater von PricewaterhouseCoopers prophezeien, dass das Land Mitte des Jahrhunderts zu den 20 größten Volkswirtschaften der Welt gehören wird.

Auch Wolfgang Götsch wird von potenziellen Investoren häufig über das Land befragt - und reagiert verhalten. "In ihren Lobgesängen auf Afrika klingen die Analysten schon fast hysterisch", sagt Götsch: "Sie verweisen allerdings nie auf das enorme Eintrittsgeld, das man in so einem Land entrichten muss."

Dazu gehört nicht nur der kostspielige Aufbau der für eine Firma unverzichtbaren politischen und gesellschaftlichen Kontakte. Noch teurer kommt Julius Berger der Umstand zu stehen, dass es in Nigeria zwar wegen des Erdöls viel Geld, aber so gut wie keine Fertigungs- und Dienstleistungsunternehmen gibt: "Wir müssen praktisch alles selbst herstellen", sagt Götsch. Und so betreibt man etwa am Stadtrand von Abuja eine eigene Möbelfirma und noch weiter draußen einen eigenen Steinbruch. Falls in Abuja etwas in Flammen aufgeht, rückt die firmeneigene Feuerwehr aus, und wer krank ist, kommt ins Berger-Hospital. "Natürlich wäre uns lieber, wenn wir das alles outsourcen könnten", sagt Götsch: "Doch leider gibt es hier nichts, auf das wir uns verlassen könnten."

Die Firma lebt von einer Tugend, die den Nigerianern so fremd ist wie ein alpines Edelweiß: von Qualitätsbewusstsein. Was auch immer das Unternehmen baut, wird nach den Bestimmungen der deutschen DIN-Norm gebaut - ob das der Auftraggeber so wünscht oder nicht. Wenn eine Brücke nach zehn Jahren einstürze, frage nämlich niemand danach, wer sie in Auftrag gegeben, sondern nur, wer sie gebaut habe, sagt Götsch: "Und wenn wir unseren Ruf als höchste Qualitätslieferanten verlieren, dann können wir hier gleich einpacken."

Weil Qualität ihren Preis hat, ist Julius Berger bei öffentlichen Ausschreibungen teurer als die Konkurrenz. Dass die Firma trotzdem einen Auftrag nach dem anderen ergattert und mit einem Jahresumsatz von einer Milliarde US-Dollar inzwischen zu den 200 größten afrikanischen Unternehmen zählt, kann für manchen Beobachter nicht mit rechten Dingen zugehen. Doch bei öffentlichen Ausschreibungen spiele die Frage der Qualität und der Expertise eine zentrale Rolle, argumentiert Götsch. Nicht automatisch bekomme der Billigste immer den Zuschlag. Dass ein teureres, qualitätsbewusstes Unternehmen auch in einem Land wie Nigeria wettbewerbsfähig sein kann, sucht der Firmenchef mit dem Hinweis auf die Erfolge des Unternehmens im Privatsektor zu untermauern. Neben Einrichtungen für amerikanische Mineralölkonzerne baute Julius Berger auch Hotels sowie zwei Villen für einen der reichsten Nigerianer - den Chef des Mobilfunkkonzerns Globacom.

Selbstverständlich sind öffentliche Ausschreibungen in einem Land, das Transparency International zufolge zu den korruptesten Staaten der Erde zählt, keine Operationen im keimfreien Raum - auch wenn Nigeria auf der Liste der Bösewichter Jahr für Jahr weiter aus dem Keller steigt. Immer wieder komme es vor, dass Regierungsstellen Projekte ausschrieben, obwohl in ihrem Budget dafür gar keine Mittel ausgewiesen sind, klagt der Manager Lösser. Dann müsse man sich darauf gefasst machen, erst ein Jahr später bezahlt zu werden. Gelegentlich werden auch bereits geschlossene Verträge - wie über die Erweiterung des Flughafens in Abuja - wieder rückgängig gemacht. Und dass im Zusammenhang mit Ausschreibungen Kickbacks erwartet werden, ist ebenfalls kein Geheimnis. Derzeit wird in Frankfurt gegen mehrere Berger-Leute ermittelt, die an der Bestechung von Entscheidungsträgern im staatlichen Erdölkonzern beteiligt gewesen sein sollen. Ermittlungen in einem anderen Fall beendete die Firma, indem sie der nigerianischen Regierung in einem außergerichtlichen Vergleich fast 30 Millionen Dollar zahlte. Wieder andere Vorwürfe sind inzwischen verjährt.

Wolfgang Götsch sitzt in seinem lichten Büro im dritten Stock der Zentrale. Ein imposantes Bauwerk mit einem auf langen Säulen ruhenden, vom eigentlichen Gebäude abgehobenen Dach, das für die nötige Kühlung sorgt. Interviews mit Journalisten sind für den 48-jährigen Generaldirektor etwas Neues: "Sie müssen mir sagen, wie das geht", sagt er. "Wir Bauingenieure haben ja nur Beton und Verschalungen im Kopf." Überraschend schnell redet sich der gebürtige Österreicher dann allerdings warm, und als die Rede auf die Korruptionsvorwürfe kommt, wird er richtig leidenschaftlich: "Man darf doch aus ein oder auch zwei Fällen kein systemisches Problem machen. Das hilft uns nicht, das hilft unseren Mitarbeitern nicht, und das hilft auch Nigeria nicht weiter."

Verärgert ist er vor allem über Berichte, wonach sein Unternehmen dem inzwischen verstorbenen Staatspräsidenten Umaru Yar'Adua wegen dessen Nierenleidens mehrere Reisen in die Mainzer Universitäts-Klinik sowie ein Dialysegerät spendiert habe. Das seien "nicht einmal Halbwahrheiten", schimpft Götsch. Die Flugreisen habe der Präsident selbst bezahlt, "er konnte sich das leisten", und das Dialysegerät sei dem Krankenhaus von Katsina zur Verfügung gestellt worden - als Teil des sozialen Verantwortungsprogramms der Firma, von dem nicht nur der Präsident, sondern die ganze Bevölkerung profitiert habe.

In der Presse wird dem Unternehmen ein zu enges Verhältnis mit den Mächtigen vorgeworfen. Tatsächlich trifft, wenn Julius Berger einen seiner Jahrestage feiert, zum Bankett in der Zentrale alles ein, was in Nigeria Rang und Namen hat. Der Baufirma solche Kontaktpflege vorzuwerfen sei allerdings heuchlerisch, sagt Götsch. Denn welches Unternehmen in Deutschland käme ohne ein gepflegtes Verhältnis zu seinen Kunden zurecht?

"Ich bin schon lange auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, was Schmiergeld eigentlich bedeutet", bricht der Firmenchef schließlich noch zu einem philosophischen Ausflug ins Reich der praktischen Vernunft auf. Ein Jurist in Washington würde die Frage ganz anders beantworten als ein afrikanischer Beamter. Und was solle sein Unternehmen tun, wenn ein nigerianischer Zöllner einen mit dringend benötigten Ersatzteilen aus Deutschland beladenen Container nur nach Bezahlung einer "Beschleunigungsgebühr" freigeben wolle. "Sollen wir dann mit eingeschalteten Heiligenscheinen die Schaufeln hinwerfen?" Allerdings habe Julius Berger in seiner gesamten Geschichte "noch keinen einzigen Auftrag gekauft", versichert Götsch. "Wir haben das nicht nötig."

Die Mutter zeigt der Tochter die kalte Schulter

Was der Firmenchef nicht sagt, wohl nicht sagen kann: Mit reinen Händen sind in Nigeria gar keine Geschäfte zu machen. Das musste auch der simbabwische Mobilfunkunternehmer Strive Masiyiwa einsehen, der sich als überzeugter Christ geschworen hatte, niemals - selbst im nigerianischen Sumpf nicht - Schmiergelder zu bezahlen (siehe brand eins 05/2002). Schon nach kurzer Zeit verlor der aufrechte Apostel seine Lizenz wieder - das nigerianische Kickback-System brachte er damit nicht zu Fall. Ohne Schmiere, sagt der Chef eines mit Berger konkurrierenden Bauunternehmens, "geht hier nichts". Jeder habe da seine eigene "Methodologie", fügt der Nigerianer hinzu. Ob man nun kranke Entscheidungsträger zur Behandlung nach Europa fliege oder ihren Söhnen die Ausbildung in den USA finanziere. Der Fantasie seien keine Grenzen gesetzt.

Allerdings nehme der Druck auf Julius Berger zu, sagt ein deutscher Wirtschaftsexperte in Nigeria. Keine international verflochtene Firma könne sich noch den Ruf leisten, korruptionsanfällig zu sein. Das Unternehmen reagierte auf den verstärkten Druck, indem es ein Compliance-System einführte und sein Image durch einen offeneren Umgang mit Journalisten aufzupolieren sucht. Dennoch will sich das Mannheimer Mutterhaus weiter distanzieren. Seine Beteiligung an der Tochter soll auf längere Sicht bis auf die Sperrminorität von 25 Prozent fallen. Außerdem will sich der Bilfinger-Berger-Konzern vom zweiten Teil seines Doppelnamens trennen. Der würde dann nicht mehr an den im KZ ermordeten jüdischen Bauunternehmer Julius Berger erinnern - und es wäre auch jegliche Assoziation an die nigerianische Tochter beseitigt.

Offiziell wird die Reduzierung der Anteile mit einer grundsätzlichen Verlagerung des Konzerns weg vom risikoreichen Bauund hin zum margenhöheren Dienstleistungssektor begründet -auch diese Erklärung kann Götsch jedoch nicht glücklich stimmen. "Der Kapitalmarkt belohnt eine Firma, die Fenster putzt und Schnee schippt, während ein Unternehmen, das Brücken und Häfen baut, als risikoreich und margenarm abgestraft wird", klagt er. "Das tut einem Bauingenieur natürlich richtig weh."

Trösten kann er sich damit, dass der sinkende Anteil des deutschen Großaktionärs sein Unternehmen noch nigerianischer und damit - zumindest für dortige Entscheidungsträger - noch attraktiver macht. Denn bei öffentlichen Ausschreibungen werden heimische Firmen den ausländischen Konkurrenten vorgezogen. Ein anderes, möglicherweise fatales Dilemma des Unternehmens wird von Bilfinger Bergers kalter Schulter allerdings verschärft: deutsche Fachleute zu finden, die im Mannheimer Rekrutierungsbüro nicht gleich das Weite suchen, wenn das Stichwort Nigeria fällt. Die Firma sei auf die Bauingenieure aus dem Norden dringend angewiesen, räumt Zubairu Bayi, die rechte Hand von Götsch, freimütig ein: "Ohne das deutsche Know-how sind wir hier aufgeschmissen."

Am mangelnden Komfort kann das Zaudern der Expats nicht liegen. Wer als deutscher Ingenieur bei Julius Berger anheuert, muss weder auf Schweinshaxe mit Sauerkraut noch auf Butterkekse verzichten. Die 700 Expats leben in eigenen Siedlungen mit deutschen Schulen, künstlich aufgeschütteten Beachvolleyballplätzen, Schwimmbädern und Supermarkt. Dort gibt es Butter aus Schleswig-Holstein und Käse aus Bayern. Die "Sportschau" wird über Satellit ins vom Dienstpersonal gereinigte Haus gebeamt. Das Rundum-Verwöhnpaket soll mit den Ingenieuren auch deren Familien anlocken, damit sie es möglichst lange im fremden Biotop aushalten - und das Personal im Rekrutierungsbüro nicht verzweifeln muss.

Doch mehr als die Vorstellung, Schweinshaxen bei Temperaturen von bis zu 45 Grad Celsius essen zu müssen, macht den Bleichgesichtern die prekäre Sicherheitslage im Vielvölkerstaat zu schaffen. Seit Anfang dieses Jahres sieht es ganz danach aus, als ob in Nigeria wieder - wie vor 45 Jahren - ein Bürgerkrieg ausbrechen könnte. Die Spannungen zwischen Christen und Muslime, Ibos und Haussas, Nord- und Südnigerianern sind plötzlich wieder eskaliert. Schon kramen Berger-Manager ihre Evakuierungspläne aus den Schubladen, wo sie seit Jahren abgelegt sind.

"Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass mich das alles kalt lässt", räumt Götsch ein. Den Schredder für Julius Bergers Zukunftspläne will er deshalb allerdings noch nicht anwerfen. In einem Nigeria ohne die allgegenwärtige Firma mit dem weißen B würde nicht nur mancher Entscheidungsträger ein langes Gesicht machen, scherzt ein Analyst in Lagos: "Denken Sie an die fast 20000 Beschäftigten. Und vor allem: Denken Sie an die vielen nigerianischen Träume, die noch in Beton zu gießen sind." -