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Der Apo-Opa

Dem Versandhaus Zweitausendeins geht es wie vielen 68ern: Der alte Schwung ist hin – und nun möchte man in Würde altern.




Michael Kölmel, der Chef von Zweitausendeins, ist von Haus aus Mathematiker und stellt gern fiktive Rechnungen auf. In der Firmenzentrale, einer schönen Leipziger Villa nahe dem Bundesverwaltungsgericht, erzählt der 58-Jährige, dass er mal überschlagen habe, was es kostete, alle Buchautoren der Region Leipzig zu honorieren – falls deren Werke der Allgemeinheit gratis zur Verfügung gestellt würden. Ergebnis: "Die Kosten lägen deutlich unter denen für die bereits heute staatlich subventionierten Opernhäuser und Orchester." Die Gesellschaft, so die Botschaft, könnte sich eine solch Literatur-Flatrate also leisten.

Bemerkenswerte Überlegungen eines Medien-Unternehmers, der von der Verwertung von Urheberrechten lebt. Er wolle einfach nicht dogmatisch sein, sagt er: "Dogmatiker handeln aus egoistischen Motiven." Und zudem entspreche es nicht der Tradition von Zweitausendeins, sich gegen den Fortschritt zu stellen. Der Gründer des einstigen Filmverleihers Kinowelt – mit dem er 2002 in die Insolvenz ging und dessen Nachfolger er schließlich an den französischen Konzern Vivendi verkaufte – ist seit 2006 Eigentümer von Zweitausendeins. Er rettete den damals kurz vor der Pleite stehenden Kult-Versand und baute vor allem das Geschäft mit anspruchsvollen DVDs aus. Übernächstes Jahr will Kölmel schwarze Zahlen schreiben.

Er ist zwar ein kühler Analytiker, aber Herzblut investiert er doch in dieses Geschäft, das er sich in einem Alter anlachte, in dem mancher schon mal an die Rente denkt. Es erinnere ihn an seine Zeit als Programmkino-Macher, sagt er. "Auch Zweitausendeins lädt seine Kunden dazu ein, sich überraschen zu lassen." Knapp 6000 Artikel sind im Sortiment: Popmusik und Klassik, Arthouse-Filme, Sachbücher, Belletristik, Koch- und Gartenbücher, Comics, Kuriosa und Erotisches. Vorgestellt im legendären, heute recht seriös daherkommenden "Merkheft", verkauft übers Internet, in eigenen Läden sowie in Kooperation mit unabhängigen Buchhandlungen. Mit diesen Shop-in-Shops will man Ketten wie Thalia, Hugendubel & Co trotzen.

Kölmel setzt vor allem auf das Geschäft mit DVDs, das gut laufe und von der Digitalisierung weniger bedroht sei als das mit Musik: Es ist deutlich aufwendiger, sich einen Hollywoodstreifen aus dem Netz herunterzuladen als ein Pop-Album. Zudem hängt die Klientel an den traditionellen Medien.

Die Kundschaft ist wie jene von ARD und ZDF gealtert; Kölmel bezeichnet sie als "solvent und kritisch". Manch einer ist mit Zweitausendeins einen weiten Weg gegangen, von den Rolling Stones und Bob Dylan bis hin zu Bach, Mozart und Beethoven - jeweils zu Schnäppchenpreisen, versteht sich. Eines läuft allerdings nicht im "Kramladen der Gegenkultur" ("Taz"): Literatur über das moderne China. Der Umweg dorthin sei vielen 68ern wohl doch zu weit, vermutet der Chef, der in jungen Jahren selbst einer maoistischen Sekte anhing (Kommunistischer Bund Westdeutschland, KBW). 

Politisch korrekt Kohle machen – das ist die Idee von Lutz Reinecke und Walter Treumann. Die beiden Spontis gründen 1969 in Frankfurt am Main den Versand Zweitausendeins (benannt nach Stanley Kubricks Film-Meisterwerk), verramschen Restposten linker Literatur und drucken vergriffene Bücher nach. Später wird das Angebot um Schallplatten erweitert. Das Sammelsurium dient man der Kundschaft mit dem "Merkheft" in kumpelhaft-werberischem Ton an. Bald legt sich die Firma einen eigenen Verlag zu und vermarktet außerdem unter anderem das Programm von Rogner & Bernhard exklusiv. Zweitausendeins macht eigenwillige Autoren wie Arno Schmidt hierzulande populär, die Neue Frankfurter Schule (Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid, F. K. Waechter), Charles Bukowski und Boris Vian. Der Gesinnungswandel des Publikums spiegelt sich im Sortiment: Zu Politik und Pop gesellen sich Ökologie, Esoterik und Verschwörungstheorien. Im Jahr 2006 gerät das Unternehmen in eine schwere Krise, die eigene Logistik wird geschlossen. Michael Kölmel kommt, die alten Gesellschafter gehen einer nach dem anderen von Bord. Zweitausendeins aber möge durchhalten, hofft der Schriftsteller Matthias Politycki: "Kanzler stürzen, Währungen werden abgeschafft, Bundestrainer treten zurück, das Merkheft bleibt." Zweitausendeins Versand-Dienst GmbH
Umsatz im Jahr 2010: 20 Millionen Euro
Verlust: rund drei Millionen Euro 
Mitarbeiter: etwa 100
Zahl der Läden und Kooperationen: 30