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Wenn die Maus den Elefanten tritt

Der Sozialwissenschaftler Wolfgang Pohrt mag den Kapitalismus nicht besonders. Ebenso wenig mag er Kapitalismuskritiker, Occupy-Camper und Globalisierungsgegner.




brandeins: Angesichts der Finanzkrise sucht die gutbürgerliche "Zeit" händeringend nach einer "Alternative zum Kapitalismus", und selbst der "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher fragt, ob die linke Kapitalismuskritik nicht gute Gründe hat. Müssen wir uns Sorgen um die Marktwirtschaft machen?

Wolfgang Pohrt: Eher um Literatur und Theater. Wenn dort nichts los ist, gehen die Feuilletonisten fremd. Ersatzweise betrachten sie die reale Welt als Bühnenstück und kommen als Rezensenten zu dem Schluss, dass es auch nichts taugt.

Diese Kapitalismuskritik ist also nur ein folgenloser Zeitvertreib aus Langeweile und Geltungsbedürfnis?

Viel einfacher. Über irgendwas muss man ja schreiben, die Zeitungsseiten müssen voll werden, möglichst mit etwas, das die Leser interessieren könnte. Und der moderne Mensch, auf der Suche nach Ersatz für den alten Dorfklatsch, interessiert sich immer für das, wovon er meint, dass andere Leute darüber reden, weil es dauernd in den Medien ist -wir beide tun es ja auch gerade. So zieht dann die Kapitalismuskritik ihre Kreise, neulich war es zur Abwechslung mal Christian Wulff. Das brauchen wir für unser Wohlbefinden, irgendein gemeinsames Thema, worüber man sich mit Arbeitskollegen ereifern kann, egal, ob Klimawandel, Atomkraft oder Kapitalismus.

Am Staatstheater Stuttgart lässt der Regisseur Volker Lösch Arbeitslose als Laiendarsteller in Chören aufmarschieren und markige Parolen von sich geben -bewirkt das irgendetwas, außer ein wenig Rauschen im Blätterwald?

Es wirkt Wunder. Ein schönes Beispiel für die an Zauberei grenzende Fähigkeit, im Kulturbetrieb aus Scheiße Gold zu machen. Die Intendanten an jenem Theater verdienen in den Sparten Schauspiel, Ballett und Oper zwischen 173000 Euro und 204000 Euro im Jahr. Der Rechnungshof hat die Gagen neulich erst als "deutlich überhöht" gerügt. Sogar das Elend ist verwertbar, und wenn man es richtig macht, verdient man dabei glänzend.

Sie verspotten in Ihrem neuen Buch "Kapitalismus Forever" die Occupy-Zeltlager in den Innenstädten und ziehen eine Linie zu Oberst Gaddafi, der bei seinen Staatsbesuchen auch gern im Zelt residierte. Was stört Sie an den Aktivisten? Ist die Empörung über die Banken und die hohen Boni nicht verständlich?

Die Occupy-Camper stören mich doch nicht. Sollen sie zelten, wenn sie mögen. Im Gegenteil, ich wünsche ihnen sogar, dass sie nicht allein bleiben. In jeder Großstadt gibt es Obdachlose, die draußen schlafen, nicht weil sie wollen, sondern weil sie müssen. Die hätten auch gern ein Plätzchen im Grünen und zugleich mitten im Zentrum. Ich glaube nur, dass die Occupy-Camper sich in Gesellschaft derer, denen es wirklich dreckig geht, nicht besonders wohlfühlen werden. Und was die Banker-Boni betrifft: Meinen Sie, dass die Bedürftigen das Geld bekämen, wenn es den Bankern weggenommen würde?

Auch über die westliche Globalisierungskritik machen Sie sich lustig. Sie nennen sie "Besitzstandswahrung im Altersheim" und werfen den Kritikern vor, es gebe sie erst, "seit aus Kolonialvölkern (...) extrem erfolgreiche und überlegene Konkurrenten" wurden.

Das ist das zentrale Motiv. Globalisierungskritiker sind Globalisierungsverlierer, so einfach ist das. Die Privilegien, welche die alten Industrieländer aufgrund ihres technischen Vorsprungs hatten, brechen weg. In den alten Zeiten kostete ein deutsches Kofferradio der Marke Grundig in der Türkei ein kleines Vermögen. Heute werden unter der Marke Grundig in der Türkei hergestellte Flachbildfernseher in Deutschland vertrieben. Der Preis der Arbeit, der Lohn, wird auf seinen wahren Wert reduziert. Extraprofite für "Made in Germany" entfallen. Und damit entfällt auch die Chance für Unternehmer, den Beschäftigten etwas von diesen Extraprofiten abzugeben, um sie bei Laune zu halten.

Weshalb nennen Sie die westliche Empörung über die Arbeitsbedingungen in chinesischen Kohlegruben oder beim chinesischen Apple-Lieferanten Foxconn "verlogen"?

Gut, dass Sie Foxconn erwähnen. Ich zitiere aus der "Süddeutschen Zeitung": "Seit Anfang des Jahres haben sich 20 Mitarbeiter von France Télécom das Leben genommen, im Schnitt jeden Monat mehr als zwei. Hinzu kommen weitere zwölf Selbstmordversuche seit Februar 2008." (20. August 2009). "Die aufsehenerregende Selbstmordserie unter Mitarbeitern des französischen Telekomriesen France Télécom hat einen neuen dramatischen Höhepunkt erreicht. Am Dienstag verbrannte sich ein Beschäftigter auf dem Parkplatz einer Unternehmensniederlassung bei Bordeaux. Für den 57 Jahre alten Mann sei jede Hilfe zu spät gekommen, teilte das Unternehmen mit." (26. April 2011). Muss ich das kommentieren? Ich glaube nicht.

Das ändert aber nichts an den Verhältnissen in asiatischen Sweatshops. Werden die akzeptabel, nur weil France Télécom möglicherweise auch schlecht mit seinen Mitarbeitern umgeht?

Sie verniedlichen Arbeitsbedingungen, die Menschen kaputt machen, zu einer Frage des Benehmens. Solche Bedingungen gehören zum Kapitalismus, nicht zur Globalisierung. Zur Globalisierung gehört, solche Arbeitsbedingungen in fernen Ländern anzuprangern, nicht daheim, damit die Kritik folgenlos bleibt.

Kapitalismuskritik, so schreiben Sie, sei in etwa so wirkungsvoll "wie wenn die Maus dem Elefanten auf den Fuß tritt. Der Maus mag es Befriedigung verschaffen, sie kann vor anderen Mäusen damit angeben, der Elefant merkt davon nichts." Was stört Sie?

Ein Auto bleibt ein Auto, allen Verbesserungen oder Verschlechterungen zum Trotz. Wer den Individualverkehr abschaffen will, weil man vor lauter gestapeltem Blech am Straßenrand die Stadt kaum noch sehen kann, erkennt keinen wesentlichen Fortschritt darin, dass die Blechkisten weniger Benzin schlucken. Und so ist das mit dem Kapitalismus auch. Er verbessert sich, er verschlechtert sich und bleibt dabei immer, was er ist. Gründe, den Kapitalismus zu kritisieren, gibt es genug -aber die Kritik muss praktisch sein. Die praktische Kritik an der Todesstrafe zum Beispiel ist ihre Abschaffung. Beim Kapitalismus funktioniert das nicht.

Um im Bild zu bleiben: Die vielen Autos gibt es, weil es Leute gibt, die sie kaufen und lieber damit als mit dem Bus fahren. Das ist die Freiheit des Marktes. Was ist schlecht daran?

Es gibt auch eine ganze Menge Leute, die gern Heroin, Kokain oder Haschisch kaufen würden. Sie dürfen es nicht. Ich zum Beispiel rauche. Fast überall wird es mir verboten, und die Tabaksteuer ist prohibitiv. Begründung: Macht krank, gerade auch die Passivraucher. Das tun Autos auch. Anwohner verkehrsreicher Straßen sterben früher. Aber das Hauptproblem ist ein anderes. Alle träumen vom frei stehenden Einfamilienhaus mit Garten drum herum als Eigenheim. Wenn jeder sich eines leisten könnte, gäbe es in Deutschland vermutlich keine landwirtschaftliche Nutzfläche mehr. Und bei den Autos hat die Marktfreiheit dazu geführt, dass die Städte unter Blechlawinen ersticken.

Ist Kritik wirklich so wirkungslos? Ist das Gute am Kapitalismus nicht gerade seine Lernfähigkeit, mit der er jede zurechnungsfähige Kritik nutzt, um sich zu modernisieren?

Wie alle Lebewesen bis hin zu den Viren und Bakterien haben die Menschen sich immer angepasst, sich modernisiert, wenn Sie so wollen, sonst wären sie einfach ausgestorben. Den Kapitalismus zeichnet nur aus, dass er sich anpassen und dabei doch im Prinzip immer derselbe bleiben kann. Kraft dieser Fähigkeit zur Selbstverewigung steht er einem substanziellen Fortschritt im Wege, was man begrüßen oder entsetzlich finden kann.

Seit gut 150 Jahren sagen Marxisten den baldigen Zusammenbruch des Kapitalismus voraus. Die Bourgeoisie, prophezeiten Marx und Engels 1848 im "Kommunistischen Manifest", produziere "ihren eignen Totengräber. Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich." Waren das grobe Irrtümer?

Das Wort von der Unvermeidlichkeit hat sich als großer Irrtum erwiesen. Mehr noch: Das war Zweckpropaganda, und Marx wusste es. Sonst hätte er sich die Mühe sparen können, "Das Kapital" zu schreiben. Wenn eh alles kommt, wie es muss, kann man sich auch auf die Couch legen. Marx wusste, dass es Menschen sind, die die Revolution machen müssen. Und wenn sie es nicht tun, weil sie keine Lust dazu haben, dann findet sie eben nicht statt. Ich glaube mit Marx, dass eine solche Revolution damals möglich gewesen wäre. Aber über vergangene Möglichkeiten zu reden ist immer nur Spekulation. Ich glaube ferner, dass heute, nach 150 Jahren Kapitalismus, eine solche Revolution kaum noch möglich ist. Das Kapital hat in dieser Zeit Bedingungen geschaffen, unter denen es unersetzbar und unverzichtbar geworden ist.

Spricht das nicht für die Funktionsfähigkeit des Systems?

Das spricht für die überlegene Funktionsfähigkeit des Kapitalismus und ist zugleich ein Beweis seiner Unmenschlichkeit im empathischen Sinn. Der Mensch war von Natur aus ein ziemlich zähes und aggressives Biest. Er musste es sein, sonst wäre er vor 40000 Jahren jämmerlich und leise weinend eingegangen. Er funktioniert am besten unter Bedingungen, die seine Existenz bedrohen. Dann werden Adrenalin und andere Hormone ausgeschüttet, die einen physischen und mentalen Leistungsschub bewirken. Der Kapitalismus hat es nun geschafft, die permanente Existenzbedrohung in die Zivilisation hinüberzuretten. Von Theodor Adorno stammt der kluge Gedanke, das, was millionenschwere Topmanager antreibe, sei in letzter Instanz die atavistische Angst vorm Verhungern.

Wollen wir das? Immer mit der latenten Angst vorm Verhungern leben, einer Angst, die in Krisenzeiten ganz real wird und ungeahnte Leistungsreserven mobilisiert? Ich will es nicht. Ich sehe nur keine Möglichkeit mehr, diesen Zustand zu ändern. Ich kann zwar zwischen 50 Sorten Waschmitteln wählen, aber beim Produktionsverhältnis habe ich leider keine Wahl. Und die Geschichte ist kein Theaterstück, das man bei Nichtgefallen absetzen und dann ein neues auf die Bühne bringen kann. Das übersehen die Feuilletonisten. -

Der Soziologe und Publizist Wolfgang Pohrt, Jahrgang 1945, ist einer der scharfsinnigsten Köpfe der undogmatischen Linken. Weil er deren Lebenslügen, vom Hang zum Kitsch bis zum linken Antisemitismus, immer wieder mit mitleidlosem Sarkasmus benannte, hat er sich in diesem Milieu unbeliebt gemacht. In den Neunzigerjahren arbeitete er als Wissenschaftler für die von Jan Philipp Reemtsma finanzierte Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur. Wolfgang Pohrt: Kapitalismus Forever - Über Krise, Krieg, Revolution, Evolution, Christentum und Islam. Edition Tiamat, 2012; 112 Seiten; 13 Euro