Partner von
Partner von

Weniger ist mehr

Die Volkswirtschaft braucht Banken. Doch ihrer Verantwortung kommen sie schon lange nicht mehr nach. Leitet die Krise eine Trendwende ein?




- Mit Oswald Grübel am Tisch sitzen einem mehr als 50 Jahre Bankerfahrung gegenüber. Er sagt: "Als ich begonnen habe, gab es noch keine Computer. Wir mussten alles im Kopf behalten." Der gebürtige Thüringer ist eine aussterbende Spezies im schillernden Finanzgeschäft. Im November 1943 geboren, verlor er im Krieg früh die Eltern. Nach der Schulzeit riet ihm sein Großvater: "Junge, geh zur Bank, die haben immer Geld." Die Geschichte von Grübel ist die eines Mannes, der Anfang der Sechzigerjahre ganz unten einstieg und es bis an die Spitze schaffte.

Der 68-Jährige sagt: "Das Bankwesen ist nicht mehr das, was es einmal war. Die Zeiten des Wachstums sind vorbei. In den kommenden Jahren werden die Institute schrumpfen wie noch nie, und das wird sich auf die ganze Volkswirtschaft auswirken." So deutlich hat das noch keiner formuliert, der es wissen muss.

Nach seinem Einstieg bei der Deutschen Bank 1961 wechselte Grübel Anfang der Siebzigerjahre als Anleihehändler zur Credit Suisse und machte in London Karriere. Die Achtziger- und Neunzigerjahre waren das goldene Zeitalter der Finanzwelt. Grübel schaffte es bis zum operativen Chef der Credit Suisse: Nach dem Platzen der Dotcom-Blase 2002 steuerte er die Bank in die Erfolgszone zurück, bevor er im Mai 2007 in Pension ging.

Zu jenem Zeitpunkt galten die Banken tatsächlich noch als Hochburgen der Prosperität, und die Bankmanager gefielen sich in ihrer Rolle als Missionare des Wachstums. Kein Ziel schien ihnen unerreichbar - besonders wenn es um ihren eigenen Erfolg ging. Als Maß ihres Wirkens galt dabei die Eigenkapitalrendite, der Gewinn im Verhältnis zu den eingesetzten Mitteln: 5, 7, 12, mitunter 25 Prozent, das war die Devise.

Um ihre Vorgaben noch rascher zu erfüllen, reduzierten manche Bankmanager das sichere Eigenkapital in der Bilanz und verschuldeten sich stattdessen am Finanzmarkt. Zugunsten einer noch besseren Eigenkapitalrendite nahmen sie also mehr Fremdmittel auf, was ihr Geschäft riskanter machte. Erst die Krise der vergangenen Jahre lehrte sie, dass es auch bei diesem Monopoly Grenzen gibt. "Wenn unser Berufsstand heutzutage Schwierigkeiten bekundet, dann wegen Leuten, die ihre Risiken nie richtig einschätzten", sagt Bernard Droux, unbeschränkt haftender Teilhaber der Genfer Privatbank Lombard Odier.

Was das heißt, zeigte sich vor allem bei der Schweizer Großbank UBS, die in den Wirren der US-Subprime-Krise und den späteren Verwerfungen an den Börsen mehr als 50 Milliarden Franken abschreiben musste und im Oktober 2008 zu ihrer Rettung Staatshilfe brauchte. Ein halbes Jahr später sorgte Grübel für eine Sensation in der Finanzwelt, als er aus dem Ruhestand direkt an die Spitze der UBS zurückkehrte. Es gelang ihm, die UBS einigermaßen zu sanieren, vor allem aber, den Reputationsschaden, wieder wettzumachen, den die Bank erlitten hatte.

Seit der Finanzkrise ist tatsächlich nichts mehr wie früher, sagt der Bankveteran Grübel. Selbst Josef Ackermann, der als Chef der Deutschen Bank zu den größten Apologeten des Finanzkatechismus zählt, reduzierte unlängst die Renditeziele seines Instituts - obschon ihm das egal sein könnte, tritt er doch im Mai von seinem Amt zurück. Doch was Ackermann kurz vor seinem Abgang treibt, ist ein branchenweites Phänomen: Nachdem die Banken jahrelang weit über ihre Verhältnisse gelebt und die Welt in einen Strudel von Krisen gerissen haben, stoßen sie nun ganze Abteilungen und Tochterfirmen ab.

Ganz freiwillig geschieht das nicht. Die Finanzaufsichtsbehörden zwingen sie dazu. Sie haben den Banken verordnet, viel mehr Eigenkapital zu halten und ihre Bilanzen zu reduzieren. Nie wieder soll eine Bank systemrelevant oder so groß und wichtig werden, dass sie im Notfall vom Staat gerettet werden muss. "Langweiliger, dafür solider", bringt es der Schweizer Finanzprofessor Maurice Pedergnana auf den Punkt.

Darum müssen die Banken handeln, sie werden schlanker, um den neuen Vorgaben zu folgen. Doch was so einleuchtend, ja geradezu banal klingt, ist ein Paradigmenwechsel, dessen Folgen niemand abschätzen kann.

Denn an sich sind die Banken keine Vermögensvernichter. Lange genug sind sie ihrer eigentlichen Aufgabe gerecht geworden, indem sie das Geld der Sparer entgegennahmen und es den Unternehmen in Form von Krediten wieder zuführten. "In ihrer ursprünglichen Funktion agierten die Banken als ,Transmissionsriemen zwischen der Wirtschaft und dem Volksvermögen", sagt der Ökonom und Buchautor Werner E. Rutsch.

So übernahmen die Geldhäuser eine wichtige volkswirtschaftliche Aufgabe, die maßgeblich zum Wohlstand beitrug. Je besser es ihnen ging, desto mehr hatte auch die Bevölkerung davon: Prosperierende Banken verhelfen ihren Angestellten zu höheren Löhnen, was sich wiederum auf den Konsum, auf andere Branchen und nicht zuletzt auch auf die Steuereinnahmen des Staates positiv auswirkt. Weitere Nutznießer sind die Aktionäre. Denn stabile und seriös operierende Finanzhäuser schaffen an der Börse mit ihren Renditen und Dividenden einen Mehrwert. Auch der fließt ins Volksvermögen.

Es war die sukzessive Amerikanisierung der Geldindustrie vor gut 30 Jahren, welche dieses Gleichgewicht aus den Angeln hob. Der angelsächsische Einfluss in der Finanzwelt hatte zur Folge, dass nicht länger das umsichtige, langfristige und auf Stabilität bedachte Geschäft im Vordergrund stand, sondern eine waghalsige Risikokultur, kurzfristige Deals und komplexe Derivate. Und die Banker waren davon getrieben, den Kunden die höchstmöglichen Gebühren und Kommissionen abzuknöpfen. So ging die Entwicklung zunehmend in eine Richtung: mehr anonyme Prozessorientierung, weniger persönliche Verantwortung. "Optimiert" wurden die Produkte und Risiken - nicht die Firmenkultur. Selbst der rangniedrigste Angestellte geriet in einen unüberwindbaren Interessenkonflikt. Sollte er seinen Kunden dienen und ihr Geld treuhänderisch verwalten? Oder seine Kunden zur Spekulation anstiften, indem er ihnen ständig neue Produkte aufschwatzte und so die Einnahmen des Unternehmens und letztlich auch seinen eigenen Lohn maximierte?

Angesichts der steil steigenden Kurse fand am Ende selbst der schlechteste Banker genügend Argumente für das Finanz-Monopoly. Zwar kam es immer wieder zu Abstürzen: Nach dem Schwarzen Montag im Oktober 1987 an der Wall Street folgten in den Neunzigerjahren die Krisen in Argentinien, Südostasien und Russland oder der Kollaps des Hedgefonds LTCM. Ereignisse, die allesamt durch ausufernde riskante Wetten ausgelöst worden waren. Dennoch schien dieses System unverwüstlich. Selbst das Platzen der New-Economy-Blase schien dem Treiben der Banker nichts anhaben zu können.

Rückblickend profitierte die angelsächsisch geprägte Deal-Kultur von mehreren Einflüssen: der Billig-Geld-Politik der Zentralbanken mit tiefen Leitzinsen, verbunden mit der wirtschaftlichen Liberalisierung, sowie der fortschreitenden Technik. All das förderte riskantes Verhalten in der Finanzbranche.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Oswald Grübels einzigartige Karriere im vergangenen Herbst ausgerechnet wegen eines Zwischenfalls in der Londoner Handelsabteilung der UBS ein jähes Ende fand. Dort verspekulierte sich ein Mitarbeiter mit Finanzderivaten dermaßen, dass er der Bank einen Verlust von 2,3 Milliarden Dollar einbrockte. Zwar sind solche Summen heute rein betriebswirtschaftlich gesehen für die UBS durchaus verkraftbar. Doch der gerade erst wiederhergestellte Ruf war schnell wieder hinüber. Grübel haderte nicht lange, sondern trat rund eine Woche nach dem Vorfall von seinem Posten zurück.

Wenn nun die Banken auf Gedeih und Verderb schrumpfen und gleichzeitig mehr Eigenkapital in ihren Bilanzen halten müssen, hat das durchaus seinen Preis. Oder umgekehrt formuliert: Kleinere Geldhäuser, die mit höheren Kosten operieren müssen, benötigen weniger Personal und erzielen auch weniger Gewinne. Das wiederum mögen die Aktionäre nicht, sodass sie entweder in andere Branchen investieren oder sich ganz von der Börse abwenden. Ein Teufelskreis -in dem jeder steckt, denn an den Börsen sind die Gelder privater Rentenversicherungen angelegt.

So gesehen entpuppt sich die schärfere Kontrolle als ein heikles Unterfangen. Zwar haben sich die Banken in ihrer Geschichte stets als anpassungsfähig erwiesen. Doch letztlich bleiben sie Gefangene des Systems, das sie umgibt. Ist die nächste Krise schon programmiert? Oswald Grübel winkt ab. "Solange die Wirtschaft schrumpft, entstehen keine neuen Krisen." Versöhnliche Worte aus Altersmilde? "Woher wollen Sie wissen, dass meine Karriere schon zu Ende ist?" -

Das große Rad - die Eigenkapitalrendite Die Eigenkapitalrendite ist eine Messgröße in der Finanzwelt. Sie beziffert den Gewinn (Ergebnis, Jahresüberschuss) eines Unternehmens in Relation zum eingesetzten Kapital der Aktionäre. Damit zeigt sich, wie rentabel das Kapital eingesetzt ist. Jahrzehntelang wurde diese Maßzahl kaum beachtet, da die Aktionäre nicht erwarteten, dass ihr Geld profitabler eingesetzt werden sollte. Erst mit der wachsenden Verbreitung des Shareholder-Value-Prinzips seit den Achtzigerjahren erhöhte sich der Druck auf die Unternehmen, einen Mehrwert für die Aktionäre zu erzielen. Als Maßstab für diese Forderung galt die Eigenkapitalrendite, die selbst bei einem stagnierenden Gewinn naturgemäß stieg, wenn gleichzeitig die eigenen Mittel reduziert wurden. Dieses Tricks bedienten sich zahlreiche Firmen, indem sie einen Teil ihres Eigenkapitals an die Aktionäre zurückzahlten und stattdessen fremde Mittel am Kapitalmarkt aufnahmen. Durch diese Verlagerung veränderte sich die Solidität eines Unternehmens jedoch erheblich, da ihm in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten weniger eigene Mittel zur Verfügung stehen. Hatten bis Ende der Achtzigerjahre die Eigenkapitalrenditen großer Finanzinstitute in Europa durchschnittlich bei 10 Prozent gelegen, stieg dieser Wert mit der raschen Verbreitung des Shareholder Value zunächst auf 15 Prozent. Mit der fortschreitenden Globalisierung und den Möglichkeiten wuchsen auch die Ansprüche der Investoren, sodass Erwartungen an die Eigenkapitalrendite weiter stiegen und bei großen Banken wie der UBS, der Royal Bank of Scotland (RBS), der Deutschen Bank oder der Credit Suisse kurz vor dem Ausbruch der Subprime-Krise im Sommer 2007 mit rund 25 Prozent ihren Höhepunkt erreichten. Mit der Eskalation der Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009 offenbarte sich deutlich, wie schwach manche Banken finanziell ausgestattet waren: Sie mussten Staatshilfe beantragen. Gleichzeitig schrumpften im Sog der weltwirtschaftlichen Verwerfungen die Gewinne, sodass die ehrgeizigen Renditeziele nicht länger opportun waren. Inzwischen haben die meisten Großbanken ihre Kennzahlen massiv nach unten korrigiert und streben Eigenkapitalrenditen von maximal 15 Prozent an.