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Vertrauen verspielt

Ludwig Erhard wollte die Deutschen am Produktivvermögen des Landes beteiligen. Eine gute Idee, die auch aufzugehen schien - bis die Dotcom-Blase platzte. Eine Chronologie der deutschen Börsengeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg.




1945: Ab Juli treffen sich in Hamburg und Frankfurt am Main Banker und Börsenmakler, um Aktien und Anleihen zu handeln. Das Angebot ist knapp. Ein Großteil der Wertpapiere befindet sich im Girosammeldepot der Reichsbank oder in den Zentralen der Großbanken in Berlin -und zwar im sowjetischen Sektor. Der Handel beschränkt sich auf Papiere, die im Westen aufbewahrt wurden. 1948: Vom 21. Juni an ist die Deutsche Mark im Westen Deutschlands offizielles Zahlungsmittel. Neue, auf D-Mark lautende Aktien können ausgegeben werden. Am 2. August nimmt die Börse in Frankfurt am Main den Handel auf. Wenig später folgen Bremen, Düsseldorf, Hamburg, Hannover, München und Stuttgart. Das Interesse der Bevölkerung am Börsengeschehen ist gering. Die Deutschen haben andere Sorgen. 1958: Im Mai wird mit der niederländischen Elektronikfirma Phillips der erste ausländische Wert an einer deutschen Börse notiert. Ab Juli ist die D-Mark frei konvertierbar, darf also gegen Fremdwährung getauscht werden. So werden deutsche Aktien für internationale Investoren interessant. Die erste Nachkriegs-Hausse beginnt. 1959: Im Zuge der ersten Teilprivatisierung der Preußischen Bergwerks- und Hütten-AG (Preussag) werden sogenannte Volksaktien ausgegeben. Ludwig Erhard, Bundesminister für Wirtschaft, propagiert die Idee vom "Produktivvermögen in Volkes Hand". Damit, so Erhard, erhielten die Unternehmen langfristiges Eigenkapital und würden weniger abhängig von den Banken. Die Arbeitnehmer wiederum profitierten, weil sie durch Dividenden und Kursgewinne ihre Altersrente aufbessern oder die Ausbildung ihrer Kinder finanzieren könnten. Die sogenannten Volksaktien werden ausschließlich Privatleuten zum Kauf angeboten, die weniger als 16000 D-Mark im Jahr verdienen. Nach nur wenigen Tagen ist die Nachfrage so hoch, dass sich der Bund entschließt, eine größere Tranche als vorgesehen zu verkaufen. Der Börsengang wird ein großer Erfolg: Am 27. Mai 1959 werden die Preussag-Aktien mit 145 D-Mark zugeteilt. Am 9. Oktober, dem Tag der ersten Notierung, liegt ihr Kurs bei 212 D-Mark. Um die Aktionärsquote weiter zu erhöhen, beschließt die Regierung, Belegschaftsaktien steuerlich zu begünstigen. 1961: Durch die Teilprivatisierung von Volkswagen (VW) kommt die nächste Volksaktie an die Börse. Die Bundesrepublik Deutschland trennt sich von 60 Prozent des VW-Grundkapitals. Wieder ist der Andrang groß. Am 5.April kommen die VW-Aktien - je nach Einkommen und Familienstand - zum Preis von 262,50 bis 350 D-Mark heraus. Am 6. Juni notieren sie bei 1100 D-Mark. Die Zahl der Wertpapierdepots bei deutschen Kreditinstituten steigt von 850000 auf zwei Millionen. Wenig später beginnt die Deutsche Demokratische Republik mit dem Bau der Berliner Mauer. Die Bevölkerung ist verunsichert. Die Kurse an den deutschen Börsen fallen. 1965: Die Vereinigte Elektrizitäts- und Bergwerks AG (Veba) wird privatisiert. Der Zeitpunkt ist nicht gerade günstig, denn seit einiger Zeit geht es an der Börse abwärts. Daher wird der Gang aufs Parkett intensiv beworben. Mit einer großen Kampagne macht Veba Reklame für die Aktie. Doch das Papier enttäuscht seine Käufer. Zwar steigt der Kurs kurz nach dem Börsengang auf gut 240 D-Mark. Im Dezember fällt er jedoch auf knapp 190 D-Mark zurück. Viele der unerfahrenen Kleinaktionäre sind überzeugt davon, betrogen worden zu sein. 1970: Mehr Transparenz soll das Misstrauen der Anleger abbauen. Es werden international bereits übliche Regeln eingeführt, die den Insiderhandel verhindern sollen. 1976: Die Dividendenbesteuerung wird zugunsten der Aktionäre verändert. Die bereits vom Unternehmen entrichtete Körperschaftsteuer wird bei der Einkommensteuer der Anleger berücksichtigt. 1980: Der Irak greift den Iran an - zwei der wichtigsten Erdöllieferanten befinden sich im Krieg. Der Preis des Rohstoffs schnellt nach oben und lässt die Inflation steigen. Die Notenbanken in aller Welt reagieren mit höheren Leitzinsen - Gift für die Börsen. Viele Anleger legen ihr Geld lieber in festverzinslichen Wertpapieren an. 1982: Mexiko steht wegen der hohen Zinsen für seine enormen Kreditverpflichtungen kurz vor dem wirtschaftlichen Kollaps. Um einen Zusammenbruch des Nachbarlandes zu verhindern, senkt die US-Notenbank ihre Leitzinsen. Darauf haben die Börsianer gewartet, die Aktienkurse beginnen wieder zu steigen. 1984: Die deutschen Unternehmen verdienen prächtig. Die gute Stimmung lockt Unternehmen wie Anleger an die Börse. 21 Firmen wagen den Gang aufs Parkett. Das Platzierungsvolumen ist mit 1,7 Milliarden D-Mark fünfmal höher als im Jahr zuvor. 1985: Die Hausse dauert an. Die Kurse der 30 größten Unternehmen steigen binnen Jahresfrist um 75 Prozent. Das liegt zum einen an den hohen Gewinnen der Unternehmen. Im Schnitt stiegen sie um 20 Prozent. Außerdem decken sich Ausländer mit deutschen Aktien ein. Privatanleger setzen vor allem auf Neuemissionen, die oft schon am ersten Handelstag hohe Kursgewinne abwerfen, etwa die Aktien des Kosmetikkonzerns Henkel oder des Axel-Springer-Verlags. 1987: Die Hausse dauert nun schon fünf Jahre. Die Anleger sind nervös, rechnen mit steigenden Zinsen. Am 19. Oktober bricht die Börse an der Wall Street ohne Vorwarnung ein. Der Dow Jones fällt innerhalb eines Handelstages um 508 Punkte oder 22,6 Prozent. Frankfurt kommt mit sieben Prozent Verlust zunächst glimpflich davon. 1988: Nach dem Kurssturz geht es wieder bergauf. Der Deutsche Aktienindex (Dax) wird erstmals berechnet. Er enthält die 30 größten und umsatzstärksten Unternehmen, die an der Frankfurter Börse notiert werden, und verzeichnet zum Jahresende ein Plus von fast 33 Prozent. Erstmals wird die Zahl der direkten privaten Aktienbesitzer statistisch erfasst: Es sind rund 3,2 Millionen. 1989:Die Erholung erweist sich als trügerisch. Am 14. Oktober, dem sogenannten Schwarzen Freitag, fallen die Kurse an der Wall Street erneut dramatisch. Dieses Mal bleibt Deutschland nicht verschont. Der Dax rauscht in die Tiefe, er stürzt binnen weniger Stunden von 1589 auf 1385 Punkte. Die "Börsen-Zeitung" schätzt, Aktionäre hätten ein Vermögen von gut 70 Milliarden Mark verloren. 1995: Turbulente Börsenjahre sind vergangen, mit vielen Höhen und Tiefen. Ein klarer Trend fehlt, aber die Internetwirtschaft beginnt sich zu entwickeln. Mit Netscape geht ein Unternehmen an die Börse, das sich in einem noch weitgehend unbekannten Geschäftsfeld bewegt. Gründer Marc Andreessen hat einen sogenannten Browser programmiert, der eine Revolution beim Surfen im Internet verspricht. Der Börsengang wird ein großer Erfolg und markiert den Beginn der New-Economy-Euphorie. 1996: Die Privatisierung der Deutschen Telekom beginnt. Ihr Vorstandschef Ron Sommer will das Papier zur nächsten Volksaktie machen, lanciert eine millionenschwere Werbe- und PR-Kampagne - mit Erfolg. Die Anteile sind vielfach überzeichnet, 1,9 Millionen Privatanleger bekommen eine Zuteilung. Der Ausgabepreis je Aktie liegt bei 28,50 D-Mark. Noch am Tag der Erstnotiz steigt der Kurs auf 33 D-Mark. Es gibt jetzt 3,7 Millionen private Aktionäre, ein Plus von gut 15 Prozent in acht Jahren. 1997: Die Deutsche Börse schafft mit dem Neuen Markt ein spezielles Segment für junge Unternehmen aus den Branchen Internet, Telekommunikation oder Biotechnik, die für den Aufbau ihrer Geschäfte Eigenkapital brauchen. Am Ende des Jahres sind es 17 Firmen. Der Neue-Markt-Index hat sich mit 97,4 Prozent beinahe verdoppelt. 1998: Im März schließt der Dax zum ers ten Mal über der Marke von 5000 Punkten. Am Neuen Markt sind zum Jahresende 64 Unternehmen notiert, die es zusammen auf einen Börsenwert von gut 50 Milliarden D-Mark bringen. Der Neue-Markt-Index steigt im Jahresverlauf um 175 Prozent. Zu den Käufern gehören zunehmend auch Privatanleger. 1999: Elf EU-Staaten führen eine Gemeinschaftswährung ein - zunächst nur als Buchgeld. Die Deutsche Börse stellt zum Jahresbeginn alle Kurse und Systeme auf den Euro um. Mit rund 200 Unternehmen wagen so viele wie nie zuvor den Gang an die Börse. 133 von ihnen gehen an den Neuen Markt. Für die Anleger erweisen sich viele der Neuemissionen als außerordentlich gute Investition. Der Dax legt um fast 40 Prozent zu, der Neue Markt ist mit 66 Prozent im Plus. 2000: Die Börse boomt weiter, vor allem der Neue Markt. Viele bis dato zurückhaltende Anleger lösen ihre Sparverträge auf und investieren in Aktien. Deutschlandweit sind es nun rund 6,2 Millionen, doppelt so viele wie zwölf Jahre zuvor. Sie halten Papiere im Wert von rund 500 Milliarden Euro, was 14,5 Prozent ihres Geldvermögens entspricht. Am 13. März, dem ersten Handelstag des Chipherstellers Infineon, brechen die Handelssysteme der Frankfurter Börse unter der Last der Orders zusammen. Im Juli werden erste Warnungen hörbar. Die Gewinnerwartungen der Firmen am Neuen Markt seien übertrieben. Gigabell, ein am Neuen Markt notierter Internet- und Telefonanbieter, meldet im September Insolvenz an. 2001: Meldungen über Unregelmäßigkeiten bei am Neuen Markt gelisteten Unternehmen machen die Runde. Im April geht es mit den Kursen abwärts. Auch die T-Aktie macht negative Schlagzeilen: Das Unternehmen muss den Wert seiner Grundstücke um insgesamt 2,5 Milliarden Euro nach unten korrigieren. Viele Anleger fühlen sich betrogen. Eine Klagewelle rollt an. Den Telekom-Chef Ron Sommer hält das nicht davon ab, die amerikanischen Mobilfunkunternehmen Voicestream und Powertel für insgesamt 39,4 Milliarden Euro zu kaufen. Viel zu teuer, sagen Experten. Der Kurs der T-Aktie stürzt ab.

Nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York am 11. September brechen weltweit alle Kurse ein. Diese Entwicklung verstärkt den Niedergang des Neuen Marktes: Im November wird die insolvente Kabel New Media als erstes Unternehmen vom Handel ausgeschlossen. Private Aktionäre ziehen sich zurück: Ihre Zahl fällt von 6,2 auf 5,6 Millionen.

2002: Der deutsche Aktienmarkt erlebt einen Kurssturz wie noch nie nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Dax verliert mehr als 40 Prozent und schließt zum Jahresende mit 2892,63 Punkten. Die T-Aktie stürzt im Juni gar auf 8,14 Euro ab. Kein Dax-Wert beschert seinen Anlegern Kursgewinne.

Auch am Neuen Markt setzt sicht die Talfahrt fort. Bei den Gerichten häufen sich Klagen von Kleinaktionären, die sich hinters Licht geführt fühlen.

2003: Die Deutschen haben die Lust an Aktien vorerst verloren. Am Ende des ersten Quartals halten sie Aktien im Wert von nur noch 168,2 Milliarden Euro, rund zwei Drittel weniger als drei Jahre zuvor. Das liegt nicht nur an den gefallenen Kursen, viele haben sich vollständig von ihren Papieren getrennt. Es gibt nur noch fünf Millionen private Aktionäre, die direkt -also nicht über Fonds -an Firmen beteiligt sind. Den Unternehmen am Neuen Markt trauen sie nach den vielen Betrugsvorwürfen nicht mehr. Aber auch von den Standardwerten sind viele enttäuscht. Die Deutsche Börse setzt ein Zeichen und löst im März den Neuen Markt auf. Dafür eröffnet sie zwei neue Segmente: General Standard und Prime Standard. Firmen im General Standard müssen die gesetzlichen Anforderungen erfüllen, Unternehmen im Prime Standard darüber hinaus internationalen Transparenzanforderungen genügen. Die Trennung soll mehr Vertrauen schaffen. Bei Privatanlegern verfängt die Strategie nicht. Ihre Zahl geht stetig weiter zurück. 2006: Nach drei Jahren mit teilweise zweistelligen jährlichen Kurssteigerungen trauen sich deutsche Unternehmen wieder an die Börse. 210 AGs wagen den Gang aufs Parkett, rund ein Dutzend mehr als im Rekordjahr 1999. Zusammen erreichen die Börsenneulinge einen Marktwert von 32,4 Milliarden Euro. Im Vorjahr waren es lediglich 12,8 Milliarden Euro.

Nicht nur professionelle Investoren befeuern den Boom: Die Zahl der privaten Aktionäre steigt erstmals wieder seit dem Crash 2001, liegt aber trotzdem nur noch bei vier Millionen.

2007: Mitte Juli erreicht der Dax mit 8151,57 Punkten sein bisheriges Rekordhoch. Gleichzeitig kursieren erste Hinweise auf Risiken auf dem amerikanischen Immobilienmarkt. Der Dax schließt dennoch zum Jahresende mit einem Plus von mehr als 22 Prozent.

Im Dezember sind die Dax-Konzerne erstmals mehrheitlich im Besitz ausländischer Investoren. Gegenüber 2005 ist deren Anteil um 20 auf nunmehr 53 Prozent gestiegen.

2008: Im Spätsommer bricht in den USA die sogenannte Subprime-Krise aus -Millionen amerikanischer Immobilienbesitzer sind überschuldet, stellen zunehmend ihre Zahlungen ein. Ihre Kredite -in verbriefter Form über die ganze Welt verstreut -treiben im September die US-Investmentbank Lehman Brothers in die Pleite und die globale Finanzwelt an den Rand des Zusammenbruchs. Konzertierte Rettungsaktionen von Regierungen und Zentralbanken weltweit verhindern Schlimmeres. In Deutschland trennen sich die Privatanleger im dritten Quartal von Aktien im Wert von neun Milliarden Euro, im vierten Quartal verkaufen sie Papiere für 33 Milliarden Euro. Der Dax fällt von 6480 Punkten innerhalb weniger Monate auf 3844 Punkte Anfang 2009. 2009: Das Aktienvermögen der privaten Haushalte erreicht einen Tiefststand. Zum Ende des ersten Quartals liegt der Wert bei 160 Milliarden Euro. Da die Zentralbanken weltweit die Zinsen auf Rekordtiefstständen halten und gleichzeitig nahezu unbegrenzt Liquidität zur Verfügung stellen, steigen aber Profianleger schnell wieder ins Börsengeschehen ein: Ende 2009 verzeichnet der Dax ein Plus von gut 23 Prozent. 2010: Die Bekämpfung der Subprime-Krise fordert ihren Preis: Nun taumeln nicht mehr nur private Kreditnehmer und Banken, sondern auch Staaten, die sich zu hoch verschuldet haben. Griechenland ist der erste Fall. 2011: Die Staatsschuldenkrise beherrscht die Wirtschaftsteile der Zeitungen und beschäftigt die Börsianer. Die Kurse fallen bis Ende September -dann hellt sich die Stimmung auf. Vor allem die scheinbar unbegrenzte Bereitschaft mittlerweile auch der Europäischen Zentralbank, Liquidität zur Verfügung zu stellen und damit kriselnde Banken zu stützen, flößt den Marktteilnehmern Vertrauen ein. Hinzu kommen extrem niedrige Zinsen, die Anleger in rentablere Anlageformen wie Aktien treiben. Von rund 5500 Punkten Ende September steigt der Dax auf mehr als 7000 Punkte sechs Monate später, ein Plus von deutlich mehr als 20 Prozent.

Privatanleger sind zumindest teilweise dabei: Das Deutsche Aktieninstitut errechnet, dass 4,1 Millionen Anleger ihr Geld direkt in Unternehmensanteile investiert haben, so viele wie seit vier Jahren nicht mehr. Verglichen mit dem Stand von vor 22 Jahren, als die Zahl der Privataktionäre erstmals erfasst wurde, besitzen heute 30 Prozent mehr Deutsche Firmenanteile. Nimmt man als Maßstab aber den Spitzenwert aus dem Jahr 2000 mit 6,2 Millionen, fällt die Bilanz ernüchternd aus.

Das Platzen der Dotcom-Blase, so scheint es, hat das Vertrauen der Deutschen in die Börse dauerhaft beschädigt. Zu Recht: Studien belegen, dass Private meist zu spät dran sind, im Auf- wie im Abschwung. Sie erfahren oft als Letzte, wann sich der Einstieg lohnt - und wann es ratsam ist, zu verkaufen. Das hatte Ludwig Erhard nicht bedacht. -