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David Simon im Interview

Der US-amerikanische Autor David Simon über die Folgen des Kapitalismus für die amerikanische Unterschicht, die Verlogenheit des Krieges gegen Drogen - und die wahre Geschichte des Avon Barksdale.




brandeins: Herr Simon, Sie wurden bereits als "Balzac unserer Zeit" bezeichnet, und auch Ihre gerade in New Orleans gedrehte Serie "Treme" findet weltweit Beachtung. Da müssten Sie ja ohne Rücksicht auf Einschaltquoten freie Hand haben, zu drehen, wie Sie wollen ...

David Simon: All die Kritiker in Ehren, aber: Ich arbeite im Grunde im falschen Medium. Mich interessiert der sogenannte Durchschnittszuschauer nicht. Mein Sender HBO schaut aber zunehmend auf die Quote. Also bin ich jederzeit darauf gefasst, dass das hier die letzte Staffel von "Treme" sein könnte.

Sie haben von 1982 bis 1995 als Polizeireporter bei der "Baltimore Sun" gearbeitet. Glaubten Sie damals an die Möglichkeit des Journalismus, die Gesellschaft zu verändern?

Anfangs ja. Bis ich merkte, dass meine Herausgeber eine andere Agenda verfolgten: den Profit zu mehren und mit simplen Empörungsgeschichten über Umweltskandale oder Polizeigewalt Journalistenpreise einzuheimsen. Eine Reportage hingegen, die mehrere in Konflikt miteinander stehende Kräfte untersuchte? Zu komplex. Hier steht die "Baltimore Sun" stellvertretend für viele der amerikanischen Tageszeitungen aus der zweiten Reihe. Sie verflachten lange vor dem Siegeszug des Internets, und uns Journalisten wurde nahegelegt, für einen Leser auf dem Niveau eines Achtklässlers zu schreiben. Sie erfassten folglich kaum noch die amerikanische Großstadt und ihre Probleme: Worum geht es beim Krieg gegen Drogen? Warum sind wir die Nation mit der größten Inhaftierungsrate? Gilt das Versprechen des Kapitalismus immer noch für alle Amerikaner?

Mit Ihren TV-Serien haben Sie dem Fernsehpublikum der amerikanischen Vorstädte die Realität der Innenstädte nähergebracht.

"The Wire" zeigte den Zerfall der amerikanischen Großstadt -und die Akteure: Drogendealer, Polizisten, Lehrer, Journalisten und Lokalpolitiker von Baltimore. Das wirkte hoffnungslos. Egal, wie viel Geld wir in den Krieg gegen Drogen pumpen, die Drogenmärkte vervielfachen sich, die Dealer werden immer jünger, die Polizisten immer frustrierter.

Dagegen wirkt "Treme" um einiges optimistischer.

New Orleans ist die amerikanische Stadt mit der höchsten Mordrate. Und trotzdem entsteht hier auf der Straße, in den Clubs und Küchen jeden Tag aufs Neue ein kulturelles Wunder. "Treme" konzentriert sich ganz bewusst auf Musiker und Köche, Brass Bands und Mardi Gras Indians. Sie stehen für das Wunder der Großstadt. Ihren Reichtum. Und ihr Potenzial. Hier hat die städtische Unterschicht einen Gemeinschaftsgeist und eine Straßenkultur entwickelt, aus denen einst die größte Errungenschaft Amerikas entstanden ist: der Jazz.

Wem geben Sie die Schuld dafür, dass immer mehr Innenstädte zu Elendsvierteln und Drogenmärkten verkommen?

Die Bevölkerung der Innenstädte ist, ökonomisch gesehen, überflüssig. Wir haben die Manufakturen nach Asien ausgelagert, also brauchen wir keine Arbeiterklasse. Diese Menschen hat der Kapitalismus ausgespuckt. Sie sind Überschuss-Amerikaner.

Weil aus den Angehörigen der Unterschicht kein Profit mehr gewonnen werden kann?

Doch, doch, aber eben nur über den Krieg gegen Drogen. Er stellt kurzfristige Profite sicher, beschäftigt Millionen und verschlingt Millionen. Rund 2,5 Millionen Menschen sitzen in unseren Gefängnissen. Das sind nicht alles Gewalttäter oder Schwerverbrecher. Ich schätze, etwa ein Drittel von ihnen sind die Straßenecken-Dealer, ihre Helfer sowie die Gelegenheitsverkäufer und Junkies, die ihren täglichen Schuss brauchen und Suchtopfer sind. Die Folgekosten? Zahlt langfristig die Gesellschaft. Den Profit aber streichen andere ein. Eine ganze Reihe von Unternehmen und staatlichen Behörden leben ganz gut von der größten Gefängnispopulation der Welt.

Konservative Kritiker haben Sie wegen Ihrer impliziten Kapitalismus-Kritik den "zornigsten Mann Amerikas" genannt.

Ich werde oft als Misanthrop karikiert, der täglich mit seiner Wut auf den Zustand Amerikas ins Bett geht. Das stimmt nicht. Ich schlafe nicht schlechter als andere Menschen.

Und doch tun sich viele Amerikaner schwer damit, die Idee vom gerechten Krieg gegen Drogen aufzugeben ...

Solange sie glauben, dass es wirklich gegen Drogen geht - und nicht gegen die Unterschicht.

Sie suggerieren einen als Suchtmittel-Bekämpfung getarnten Krieg gegen die Armen. Haben Sie dafür Belege?

Ich habe selbst als Student mit Marihuana und Koks experimentiert. Schon damals ahnte ich: Die Gefährlichkeit dieser Drogen und ihre Verfolgung stehen in keinem vernünftigen Verhältnis. Nehmen Sie nur die Gesetzgebung zu Kokain. In den Achtzigerjahren wurde da ein Doppelstandard eingeführt, der eine hundertmal höhere Strafe für den Handel mit Crack als dem mit Kokain vorsieht. Beide haben, chemisch gesehen, dieselbe Wirkung. Der einzige Unterschied: Arme, schwarze Menschen rauchen bevorzugt Crack, Weiße schnupfen das Pulver. Die implizite Botschaft: Der Krieg gegen Drogen ist ein Klassenkrieg. Hast du es in die Vororte und das für die Service-Industrie wertvolle Amerika geschafft, dann wirst du gebraucht, und niemand wird dir wegen des Konsums oder Verkaufs von Koks so bald die Tür eintreten. Du gehörst zur richtigen Klasse.

Die amerikanischen Prediger und auch die Entertainment-Industrie erzählen immer noch die Geschichte vom Individuum, das in der Lage ist, widrige Umstände zu überwinden.

Das ist einer der Lieblings-Mythen der Amerikaner. Gerade weil das Individuum immer weniger zählt. Der amerikanische Traum beruht auf der Möglichkeit der Immigrantenklasse, sich zu assimilieren und mit ihrer Hände Arbeit eine bessere Zukunft zu schaffen. Kriminalität ist keiner Klasse angeboren. Sie folgt der Armut. So war das New Yorker Gangstertum immer irisch, jüdisch oder italienisch. Meine Großeltern kamen Anfang des vergangenen Jahrhunderts aus Osteuropa an die Lower East Side, wo ganze Straßenzüge von jüdischen Freudenhäusern gesäumt waren. Aber es gab eben auch die Sweatshops und Fabriken, die der hart arbeitenden Mehrheit Türen in die Gesellschaft öffneten, egal, welcher Hautfarbe man war. Heute ist davon nichts mehr übrig geblieben. Außer als Bedienung in einem Fastfood-Restaurant gibt es kaum noch Jobs für die Unterschicht. Nur die Drogen-Industrie stellt noch ein. Was kann der freie Wille schon gegen die freie Marktwirtschaft ausrichten?

Sie sprechen nicht nur davon, dass 10 bis 15 Prozent der amerikanischen Bevölkerung abgehängt werden, sondern auch von deren Dämonisierung durch die Mehrheitsgesellschaft.

Die Dämonisierung des Anderen hat in Amerika eine lange Geschichte. Zuerst waren es die Chinesen mit ihrem Opium, dann die Hanf rauchenden Mexikaner und nun Millionen von Drogenkonsumenten und -dealern, die als gemeingefährlich hingestellt werden, im Grunde aber nur in der einzigen funktionierenden Industrie ihrer Nachbarschaft gelandet sind. Ich stamme aus einem jüdischen Mittelklasse-Haushalt. Aber mir wurde von klein auf beigebracht: Du hörst auch Menschen zu, die ärmer, weniger gebildet sind oder eine andere Hautfarbe haben als du selbst. Meine Eltern erzogen mich zum Glauben an ein pluralistisches Amerika. Es war ein großer Triumph ihrer Generation, weniger Angst vor dem Anderen zu haben als noch meine Großeltern. Für mich war es selbstverständlich, in eine Schule mit 20 Prozent Minderheitsangehörigen zu gehen, Amerika schien auf dem Weg zu einer immer besseren Gesellschaft.

Und jetzt sind Sie enttäuscht?

Nein. Amerika ist in der Tat gesünder als je zuvor. Zumindest was den Rassismus betrifft. Ich habe Freudentränen geweint, als eine Mehrheit von uns einen Schwarzen zum Präsidenten wählte und so implizit für eine multikulturelle Gesellschaft stimmte. Damit hatte ich nicht gerechnet. Nicht zu meinen Lebzeiten. Nur was die Spaltung in Klassen betrifft, bewegen wir uns rückwärts.

Heißt das, dass sich die Diskriminierung der Armen vom Rassismus abgelöst hat?

Der Krieg gegen Drogen fühlt sich doch moralisch viel besser an, wenn man sich mit einigen braunen und schwarzen Menschen, die ähnlich denken, umgibt und auf die verdammten Armen schimpft, sie anklagt, arbeitslos und kriminell zu sein ...

Präsident Barack Obama ist mit dem Vorsatz angetreten, mehr soziale Sicherheit für die Unterschicht zu schaffen.

Obama ist leicht verwundbar, besonders was den Vorwurf angeht, "soft on crime" zu sein. Wenn der Krieg gegen Drogen jemals beendet werden wird, dann durch einen erzkonservativen Präsidenten der Republikaner, der mit ökonomischen Verlusten argumentiert. War es nicht Nixon, der China besuchte? Als Liberaler oder Linker dagegen muss man stets mit Kommunismus-Vorwürfen rechnen. Bezeichnenderweise sind die schlimmsten der Drogengesetze nicht von Reagan eingeführt worden, sondern von Clinton. Etwa, dass eine Verurteilung wegen Drogenhandels den Verlust der Sozialwohnung für die ganze Familie nach sich zieht. Und man auch noch jeden Anspruch auf ein College-Studium verliert. Was für ein Wahnsinn! Mit etwas Vernunft, müsste man jeden Drogendealer unterstützen, der sein Geschäft aufgibt und ein gesunder Teil der Gesellschaft werden will.

Hat Ihnen die langjährige Recherche an der Westside von Baltimore und in den Armutsvierteln in New Orleans persönlich zugesetzt?

Mich treibt kein persönlicher Schmerz an. Allerdings setzt es mir zu, wenn ich sehe, wie immer jüngere Kinder vom Drogenmarkt rekrutiert werden - weil wir Gesetze machen, die Erwachsene allein für das Dealen fünf bis zehn Jahre ins Gefängnis schicken. Kinder sind am wehrlosesten. Und sie werden auf der Straße oft mit Vorsatz misshandelt. Das heißt dann "Abhärtung". Eines dieser Kinder war das Vorbild für Avon Barksdale aus "The Wire". Wollen Sie die wahre Geschichte hinter Avon Barksdale hören? Das Vorbild für diese Figur war ein Kind, das für einen älteren Drogendealer arbeitete. Als eines Tages die Abrechnung nicht stimmte, sperrte es der Dealer mit seinen Kampfhunden in den Keller, bis das Kind in Todesangst schrie und Bisswunden am ganzen Körper hatte. Der Junge machte danach weiter seinen Job. Und wartete den richtigen Zeitpunkt ab. Dann tötete er seinen Dealer. Er wurde der größte Killer der ganzen Siedlung, legte noch zwölf weitere Menschen um, bevor man ihn ins Gefängnis steckte. So schafft man Soziopathen. Was erwarten wir, was aus so einem Kind werden soll? Wollen wir ihm vorwerfen, dass es für einen Drogendealer arbeitete? Es wuchs in den Sozialsiedlungen von West Baltimore auf und machte nur, was jedes Kind tut, wenn es nur diesen einzigen Weg gibt, um Wertschätzung zu erfahren: mit Drogen dealen, Teil eines Teams werden, für 25 Dollar am Tag nach den Drogen-Cops Ausschau halten ...

Die Gesellschaft hat Ihrer Meinung nach Bedingungen geschaffen, unter denen Kinder kriminell werden müssen, um in ihrer Umgebung zu überleben?

So ist es. Kinder, die wir in eine solche Welt sperren, leben eben auch nach den Gesetzen dieser Welt. Sie haben im Gegensatz zu uns keine Wahl.

Sie haben einmal gesagt, dass das Ende des US-Imperiums keine überwältigende Tragödie wäre. Wie haben Sie das gemeint?

Amerika verfolgt nicht nur einen Teil seiner eigenen Bevölkerung in einer Art Vernichtungskrieg. Schauen Sie nur mal nach Mexiko, das ist ein Schlachthaus - und wir haben es dazu gemacht. Im Prinzip wird ganz Mexiko von Gangsterbanden kontrolliert. Zwischen Acapulco und Nuevo Laredo stapeln sich die Leichen Hunderttausender Ermordeter. Wir beachten das deshalb kaum, weil es ja nur Mexikaner sind, dabei ist dieses Höllen-Szenario unserem Drogenbedarf und der Feigheit der amerikanischen Drogenpolitik geschuldet. Und dennoch haben wir nicht den politischen Willen, uns selbst endlich der Wahrheit zu stellen.

Was ist für Sie überhaupt noch dran am amerikanischen Traum?

Es muss auch Platz in Amerika für diejenigen geben, die keine Gewinner sind. Die nur ihre Arbeitskraft zu verkaufen haben. Selbst wenn der Kapitalismus das einzige System ist, das uns einen Massenwohlstand beschert hat, sollte er im Dienste gesellschaftlicher Gerechtigkeit gewisse Rahmenbedingungen erfüllen. Schließlich war das auch mal Teil des Mythos. Wenn du dich an die Regeln hältst, wirst du vielleicht nicht reich, aber du wirst genug zum Leben erwirtschaften. Inzwischen gilt dieses Versprechen nicht mehr. Bleibt noch der andere Teil des Mythos, dass man Millionär werden kann. Der handelte mal davon, die Initiative zu ergreifen und neue Produkte zu erschaffen. Heute musst du einen Weg finden, um anderen Geld abzuzapfen, dann kannst du Mitt Romney werden und weniger Steuern zahlen und für die Präsidentschaft kandidieren. So sieht das Amerika des neuen Jahrtausends aus.

Sie würden Mitt Romneys Geld lieber in Sanierungsprogramme für die Innenstädte von Baltimore oder New Orleans stecken?

Zunächst müssten die Amerikaner eine einfache Wahrheit schlucken. Die Probleme dieser Großstädte gehen uns alle an. Weil wir bereits jetzt zu 80 Prozent nicht in irgendeiner ländlichen Idylle leben, sondern in großstädtischen Ballungsgebieten. Der Smalltown-Talk der Republikaner - dass sich das wahre Amerika in der Kleinstadt zeigt - ist Bullshit. Wir sind den Idealen der Großstadt verpflichtet, sie werden die Zukunft nicht nur Amerikas, sondern der ganzen Welt bestimmen. ---

David Simon,

51, spielt nach eigenen Regeln und kümmert sich wenig um die Gesetzmäßigkeiten der Quote. Als Autor und Fernsehproduzent verbindet er die dokumentarische Erzählweise der Sozialreportage mit den Stilmitteln des Gesellschaftsromans. Sein Fernseh-Epos "The Wire", von 2002 bis 2008 vom Bezahlsender HBO ausgestrahlt, bezeichneten die Kritiker vom "Guardian" als "bestes TV-Drama überhaupt". Neben "The Wire" produzierte er "The Corner", "Homicide" und "Generation Kill". Simon arbeitete ab 1982 als Polizeireporter bei der Tageszeitung "Baltimore Sun". Während einer Auszeit im Jahr 1988 begleitete er ein Jahr lang die Polizisten der Mordkommission von Baltimore bei ihrer täglichen Arbeit und schrieb darüber das Buch "Homicide". 1993 verließ Simon den Redaktionsbetrieb erneut für ein Jahr und begab sich auf die Recherche für seine zweite Großreportage "The Corner", die soeben auch in deutscher Übersetzung im Verlag Antje Kunstmann erschienen ist. In "The Corner" beschreibt Simon aus der Perspektive einer Familie den Alltag rund um einen berüchtigten Drogenumschlagplatz in der verarmten Westside von Baltimore. 1995 gab er seine Arbeit im Journalismus auf. Zurzeit arbeitet Simon in New Orleans an der HBO-Serie "Treme". Ihr Titel ist dem gleichnamigen Viertel in New Orleans entliehen, wo - so der Plot - Musiker, Köche und alteingesessene New Orleanians nach dem Hurrikan Katrina versuchen, ihr Leben wieder zu ordnen. Simon hat für die Serie Lob geerntet: "Treme", schrieb die "Times-Picayune", "ist das Leinwand-Porträt unserer Stadt, das sie immer verdient, aber nie bekommen hat."

In seiner monumentalen Reportage "Homicide" beschreibt David Simon den Alltag der Mordkommission von Baltimore; in "The Corner" nimmt er einen Perspektivwechsel vor und erzählt die Geschichte einer an Drogen zerbrochenen Familie in der verarmten Westside von Baltimore