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Hoch gepokert und verloren

Mit der ersten Unterquerung des Sankt-Gotthard-Massivs ist dem Ingenieur Louis Favre Unmögliches gelungen - und es war dennoch nicht genug.




• Das Angebot von Louis Favre war gewagt. In nur acht Jahren wollte es der Ingenieur schaffen, den mit 15 Kilometern damals längsten Eisenbahntunnel der Welt zu bauen. Nur 187 Millionen Schweizer Franken hatte er für die doppelgleisige Röhre durch das Gotthardmassiv kalkuliert, das wären heute 1,7 Milliarden Franken. Bei solchem Wagemut konnte kein Konkurrent mithalten. Dabei hatte er in seinem Leben noch nie einen Tunnel gebaut, der länger als 1000 Meter gewesen war.

Wohl deshalb sicherte sich sein Auftraggeber ab: Favre musste sich verpflichten, pünktlich fertig zu werden, andernfalls würden pro Tag 5000 Franken Strafe fällig, bei mehr als sechs Monaten Verspätung sogar 10000 Franken pro Tag.

Die Schweiz hatte es eilig. Ende des 19. Jahrhunderts verließen viele Bürger das kleine Land, es drohte von der Welt vergessen zu werden. Eine Bahnstrecke in das wirtschaftlich bedeutendere Italien war dringend nötig. Doch da waren die Alpen im Weg. Als Österreich (Semmering 1854; Brenner 1867) und Frankreich (Mont Cenis 1871) ihre Alpenbahnen fertiggestellt hatten, musste die Schweiz handeln und begann mit den Planungen.

Wegen des knappen Zeitplans wurde unter Tage ohne Rücksicht auf Verluste gearbeitet. 177 Arbeiter kamen dabei ums Leben. Sie wurden bei Explosionen zerfetzt, von herabstürzenden Felsbrocken erschlagen oder von Rollwagen zerquetscht. Als die meist italienischen Arbeiter gegen die harten Bedingungen streikten, erschoss eine Bürgerwehr vier von ihnen. Am folgenden Tag waren die anderen wieder auf ihren Posten.

Trotzdem wurde das Projekt deutlich teurer und der Zeitplan um zehn Monate überzogen. Die Krönung und den Ruin seines Unternehmens hat Favre nicht mehr erlebt: Vom Stress zermürbt, starb er am 19. Juli 1879 im Alter von 53 Jahren auf der Baustelle an Herzversagen. Drei Jahre, bevor der Tunnel eingeweiht wurde.