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Andreas Knörzer im Interview

Andreas Knörzer, 52, Chef der Vermögensverwaltung bei der Schweizer Bank Sarasin, ist Pionier bei politisch korrekten Geldanlagen. Ein Gespräch über Anstand und Verstand, Schwarz- und Weißgeld.




brandeins: Herr Knörzer, der Begriff Nachhaltigkeit ist reichlich abgenutzt - mögen Sie selbst ihn noch hören?

Andreas Knörzer: Nachhaltigkeit wird als Buzzword überstrapaziert und gern in falschem Zusammenhang verwendet, da haben Sie recht. Nur leider kenne ich keine Alternative. Vielleicht sollten wir als Bank einen Wettbewerb ausschreiben: Wer einen brauchbaren Begriff findet, der das Gleiche aussagt, bekommt einige Anteilscheine eines nachhaltigen Fonds. Aber im Ernst, eigentlich ist Nachhaltigkeit - das Prinzip stammt ja aus der Forstwirtschaft - ein gutes Wort. Es passt auch ins Bankgeschäft, wir haben eine einfache Übersetzung.

Und die lautet?

Nachhaltig investieren heißt Geld verdienen mit Anstand und Verstand.

Guten Gewissens sein Vermögen vermehren - klingt zu schön, um wahr zu sein.

Mit dem guten Gewissen argumentieren wir bewusst nicht. Zwar gehen wir auf Kunden ein, die Geld nach bestimmten ethischen Grundsätzen anlegen und beispielsweise nicht in die Glücksspiel- oder Rüstungsindustrie investieren wollen. Aber unser Grundsatz ist kein ethischer. Nachhaltige Anlagen sind für uns eine intelligente Art des Geldverdienens. Viele Studien belegen, dass sie auf lange Sicht mindestens ebenso profitabel sind wie konventio nelle. Aber natürlich können Sie wie bei allen Investments auch mal falsch liegen wie wir zu Beginn des vergangenen Jahres, als wir Aktien übergewichteten und die Börsen nicht mitspielten.

Manche Leute behaupten, gerade mit Aktien umstrittener Unternehmen, etwa aus der Tabak- oder Ölbranche, lasse sich am meisten Geld verdienen.

Dabei kommt es allerdings sehr auf das Timing an. Die Kurse solcher Unternehmen schwanken stark. Wenn Sie zu Beginn einer Hausse investieren und aussteigen, bevor die Kurse fallen, machen Sie einen guten Schnitt. Doch nur die wenigsten erwischen den richtigen Zeitpunkt. Wer langfristig Geld anlegen will, fährt mit nachhaltigen Anlagen besser. Denn Zukunft haben nur solche Unternehmen, die Rohstoffe effizient nutzen, umweltverträglich produzieren, ordentlich mit Menschen umgehen und keine unkalkulierbaren finanziellen Risiken eingehen. Diese Kriterien kann man an einzelne Firmen, Branchen, aber auch an ganze Volkswirtschaften anlegen. Als wir vor einigen Jahren anfingen, die Nachhaltigkeit von Staatsanleihen zu untersuchen, wurde das in der Branche nicht ernst genommen. Das hat sich in Zeiten drohender Staatspleiten auch in der Eurozone geändert.

Sie gelten als Pionier auf diesem Gebiet. Wie kam es dazu?

Wirtschaft und Politik haben mich schon immer interessiert, und dann kamen noch einige Zufälle hinzu. Ich hatte meine Diplomarbeit in Betriebswirtschaftslehre für die Bank Sarasin geschrieben und wollte danach eigentlich nicht dort bleiben. Aber man 3 lockte mich mit einem Job in der Research-Abteilung, die schon damals einen guten Ruf hatte. Ich sollte mir neue Märkte anschauen, unter anderem Umwelttechnik. Das war damals, 1989, ein hochtrabender Begriff. Es ging vor allem um die Entsorgungsbranche.

Die nicht unbedingt für blütenweiße Geschäfte bekannt ist.

In der Tat. Es ist kein Zufall, dass sich unter anderem in den USA die Mafia mit Müll befasst. Damals kam mir jedenfalls das erste Mal der Gedanke, dass es cleverer wäre, wenn Unternehmen so produzierten, dass möglichst kein Abfall entsteht, statt ihn hinterher entsorgen zu lassen. Und dann wurden wir in der Bank auch mit den Wünschen neuer, anspruchsvoller Kunden konfrontiert, denen es nicht egal war, was mit ihrem Geld passiert, solange nur die Rendite stimmt. An die erste dieser Kunden kann ich mich noch gut erinnern: eine Erbin, die Agrarwissenschaft studiert hatte und sich einen Bauernhof zulegen wollte. Sie war über den Inhalt ihres Depots nicht glücklich.

Welche Aktien waren darin?

Vor allem solche aus der Pharma- und Chemiebranche. Basel war ja ein Zentrum dieser Industrie.

Und auch der Schauplatz eines der größten Chemie-Unfälle. Im November 1986 war in einer Lagerhalle von Sandoz ein Großbrand ausgebrochen und hochgiftiges Löschwasser in den Rhein geflossen, was zu einem bis dahin nicht gekannten Fischsterben führte. War das auch für die Bank ein Schlüsselerlebnis?

Das war es, wie man mir berichtet hat. Ich war ja damals noch nicht im Haus. In einer morgendlichen Sitzung nach dem Unfall hat einer der Finanzanalysten gesagt: Jetzt ist der Kurs von Sandoz im Keller - jetzt muss man kaufen! Kollegen von ihm fanden, dass man nun andere Sorgen in Basel habe. Letztlich hat sich diese Haltung durchgesetzt und in zunächst ganz kleinen Schritten zu einem neuen Geschäftsmodell geführt.

Das ging vermutlich nicht ohne Gegenwind ab?

Es lief klassisch ab: Erst wird man belächelt, dann bekämpft, schließlich akzeptiert und von der Konkurrenz imitiert. Die zweite Phase war anstrengend. Da hatten wir schon Kunden, die nach ökologisch-sozialen Kriterien investieren wollten, wurden aber von Unternehmen bekämpft, die wir diesbezüglich unter die Lupe nahmen. Verwaltungsratspräsidenten großer, börsennotierter Schweizer Unternehmen, deren Rating "nicht nachhaltig" ergeben hatte, schrieben böse Briefe: Man möge das stoppen. Doch die Bank hat diesem Druck standgehalten. Ich kann mich noch an unsere erste Konferenz zum Thema im Jahr 1990 erinnern. Wir hatten den Physik-Professor und Politiker Gian-Reto Plattner eingeladen, Mit-Initiator des ersten marktwirtschaftlich orientierten Umweltgesetzes in der Schweiz. Nur war der Mann Sozialdemokrat, was manchen konservativen Kunden gar nicht gefiel. Sie drohten, ihr Geld abzuziehen. Doch das Sarasin-Management ließ sich auch davon glücklicherweise nicht beeindrucken. Das war die Basis: Unseren ersten nachhaltigen Fonds haben wir dann 1994 aufgelegt. Der hatte am Ende jenes Jahres 20 Millionen Franken Vermögen. Heute sind 12,3 Milliarden Franken bei uns nachhaltig angelegt.

Ist es richtig, dass man eigens darauf hinweisen muss, wenn man bei Ihnen Geld nicht ökologisch-sozial korrekt investieren will?

So ist es. Das tun allerdings wenige. Bei uns gibt es zwei Gruppen von Privatkunden. Bei den einen wird das Geld nach klassischer Aufteilung so nachhaltig wie möglich angelegt. Die anderen, das ist ungefähr ein Siebtel, entscheiden sich für ausschließlich nachhaltige Anlagen und verzichten daher auf Gold, andere Rohstoffe, Hedgefonds et cetera.

Ihre Bank hat sich Mitte 2010 immerhin als erste in der Schweiz zur sogenannten Weißgeldstrategie bekannt, die inzwischen für alle verbindlich ist. Bis Ende 2012 wollen Sie kein Schwarzgeld mehr auf Ihren Konten haben. Trotzdem die Frage: Hätten Sie nicht schon früher erkennen müssen, dass Steuerhinterziehung nicht zu Nachhaltigkeit passt?

Immerhin haben wir uns nicht erst fünf vor zwölf zur Weißgeldstrategie bekannt, sondern sie zu unserer Strategie erklärt und uns an die Spitze der Bewegung gesetzt. Was, ehrlich gesagt, hier im Haus nicht überall Begeisterungsstürme ausgelöst hat.

Die Bank Sarasin hat im vergangenen Jahr insgesamt mehr als sechs Milliarden Franken an Kundengeldern verloren.

Trotzdem sind wir überzeugt, dass die Strategie richtig ist. Die Weißgeldstrategie führt zu Abflüssen, auch weil Steuern nachbezahlt werden. Der Rückgang der Kundenvermögen im Jahr 2011 ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen. Das negative Börsenjahr war der wichtigste Faktor für den von Ihnen angesprochenen Rückgang.

Wie passt die geplante Übernahme einer Mehrheitsbeteiligung an der Bank Sarasin durch die brasilianische Safra zum "nachhaltigen Schweizer Private Banking seit 1841", mit dem Sie werben?

Sehr gut, denn an unserem Schweizer Banking wird sich durch den neuen Investor nichts ändern. Joseph Safra ist ein langfristig denkender Unternehmer, der unter anderem die sechstgrößte Privatbank Brasiliens aufgebaut hat. Wir versprechen uns dank der Verbindung neue Chancen in Schwellenländern. Wer meint, Nachhaltigkeit spiele dort keine Rolle, irrt. Es gibt in Südamerika und Asien bereits Firmen, die europäische in dieser Beziehung schlagen. Und es gibt Investoren, die erkennen, dass in den riesigen ökologischen und sozialen Herausforderungen dort auch große wirtschaftliche Chancen liegen. ---

Die Geschichte der Bank Sarasin

beginnt 1841 in Basel. Alfred Sarasin steigt am 1.1.1900 als Teilhaber ein und macht die Firma zu einer der führenden Schweizer Privatbanken. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts expandiert sie ins Ausland und geht 1987 an die Börse.

2002 kommt es zur Allianz mit der niederländischen Rabobank, die 2007 die Mehrheit übernimmt. 2011 beschließen die Niederländer zu verkaufen. Den Zuschlag für die Bank Sarasin mit 1715 Mitarbeitern und 80,3 Milliarden Euro verwaltetem Kundenvermögen bekommt der brasilianische Milliardär Joseph Safra. Für Schlagzeilen sorgt bald darauf ein IT-Mitarbeiter von Sarasin, der Kontoauszüge der Familie des Notenbank-Chefs Philipp Hildebrand stiehlt. Der Rechtspopulist Christoph Blocher nutzt sie, um Devisengeschäfte zu skandalisieren, was zu Hildebrands Rücktritt Anfang 2012 führt. Dem Datendieb drohen nun bis zu drei Jahre Haft.