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Der Überläufer

Von China lernen? Unbedingt, sagt Justin Lin, der Chefökonom der Weltbank. Er weiß, es ist eine Zumutung. Aber sie tut der Bank gut.




- Aussagen über die Zukunft zu treffen ist das täglich Brot von Wirtschaftswissenschaftlern. Immer wieder danebenzuliegen ist ihr Berufsrisiko. Es ist schon etwas länger her, da täuschte sich der Nationalökonom Justin Yifu Lin gewaltig. Sieben Jahre lang hatte er an der Universität Chicago über Chinas Wirtschaft geforscht. Als die Zeit zur Heimkehr nach Peking gekommen war, packte er sein Hab und Gut in Kisten. 30 für die Bücher. Zwei für die Dinge, die ihm sonst noch wichtig waren.

Und dann musste er noch eine Auswahl treffen: Rückkehrern erlaubte die Regierung damals, acht Gegenstände zollfrei einzuführen. Lin kaufte einen Kühlschrank, eine Waschmaschine, einen Fernseher, einen Heizer für die Dusche und vier Ventilatoren - einen für sich, einen für seine Frau, jeweils einen für die zwei Kinder. "Nie hätte ich mir vorstellen können, dass es in China einmal Klimaanlagen geben würde." Das war im Jahr 1987.

Zwei Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer lebten 17 Prozent der Chinesen noch unter dem Existenzminimum. Beim nächtlichen Landeanflug auf Peking bemerkte Lin, wie dunkel die Stadt war. Das Land war isoliert, hatte das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT) nicht unterzeichnet, den Vorläufer der World Trade Organisation (WTO). Es war erst seit wenigen Jahren Mitglied des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank. Derlei Institutionen galten dem 1976 verstorbenen Mao Zedong noch als Zirkel der imperialistischen Weltverschwörung.

Wie schnell die Zeit doch vergangen ist.

2011 feierte China zehn Jahre Mitgliedschaft in der WTO. Klimaanlagen und Fernseher haben die Chinesen im Überfluss. Und seit 2008 ist Lin Chefökonom der Weltbank. "Diesen Posten einmal zu erreichen, das hatte ich mir nicht träumen lassen", sagt er.

Die Geschichte von Justin Yifu Lin, 1952 im Zeichen des Drachen geboren, ist untrennbar mit dem Aufstieg Chinas zur Wirtschaftsmacht verbunden. Dass ein Chinese einmal die einflussreiche Forschungsabteilung der Weltbank leiten würde, war noch bis vor Kurzem unvorstellbar. Zu seinen Vorgängern gehören so bekannte Persönlichkeiten wie der spätere Nobelpreisträger Joseph Stiglitz oder der Harvard-Professor Lawrence Summers. Lin mussten viele Mitarbeiter erst einmal googeln, als sie von seiner Ernennung erfuhren.

Die Weltbank - das war über Jahrzehnte der Hort der reinen Lehre: Liberalisierung, Privatisierung, Deregulierung galten als Sakramente. Alle Projekte, die sie finanzierte, waren daran geknüpft.

Und dann tritt plötzlich ein Ökonom aus China auf, dem Reich des Staatskapitalismus. Lins Ernennung im Jahr 2008 sagt viel aus über die Umbrüche in der globalen Wirtschaft und den wachsenden Einfluss des Riesenreiches. "Die Welt", sagt Lin, "kann viel von China lernen. Und ich möchte dabei helfen."

Kann er das? Ist er Interessenvertreter Chinas? Oder unabhängiger Leiter einer Abteilung von rund 300 Mitarbeitern, die sich mit dem Gesundheitssystem von Malawi, dem Bergbau in Peru oder der Marktwirtschaft in Kasachstan beschäftigen?

"Er ist ein kluger Kopf, selten habe ich ihn Unsinn reden hören. Aber man weiß immer, was er will: vom Erfolg Chinas berichten", sagt John Williamson vom Peterson Institute. Williamson ist ein einflussreicher Mann, er hat den Begriff "Konsens von Washington" geprägt. Dahinter steckt das Konzept der radikalen Marktwirtschaft, wie sie IWF und Weltbank vorschwebt.

Kopenhagen, kurz vor Weihnachten 2011. Die Stadt ist von einer weißen Reifschicht bedeckt, der Hausmeister des Hotels streut Salz in die Auffahrt. Dick eingepackt in Mantel und Schal, zieht Lin seinen Koffer zum Taxi. Auf Englisch bittet er den Fahrer, ihn zur Universität zu bringen. Er hat eine lange Reise hinter sich. Peking, Delhi, schließlich Stockholm und jetzt Kopenhagen in zwölf Tagen. Überall Seminare, Vorträge, Diskussionen. China, die lahmende Weltkonjunktur und die Euro-Krise sind die Themen.

Als die Straßen enger werden, fragt er den Fahrer: "Ist das das Quartier Latin?" - "Ja, das Uni-Viertel." Minuten später hilft man ihm aus dem Mantel und verwahrt den Koffer. In einem Saal mit Stuck an der Decke und den Büsten dänischer Gelehrter an den Wänden wird er sofort umringt von seinen Gastgebern. Eingeladen hat die China-Studiengruppe der Universität. Professoren, Unternehmer, Regierungsbeamte diskutieren über den Aufstieg des Landes. "Hatten Sie eine gute Reise?" Händeschütteln. "Einen Kaffee?" Ein Mann in Uniform gesellt sich zu ihm. "Sie haben aber viele Orden", bemerkt Lin respektvoll. "Ja, ich bin Fallschirmspringer. Sie wissen schon: aus Flugzeugen springen." - "Ah, interessant."

Egal, wem er begegnet, Lin bemüht sich stets um ausgesuchte Freundlichkeit. Er beherrscht die Etikette auf dem internationalen Parkett. Für seinen Vortrag bittet er, sich setzen zu dürfen, fragt dann, ob ihn alle auch jetzt noch hören können. Sein Thema an diesem Morgen: "Die Entzauberung der chinesischen Wirtschaft".

Eine Stunde hat er Zeit für "das chinesische Wunder", wie er es nennt: 1978 beschloss das dritte Plenum des elften Parteitages der Kommunistischen Partei die Reform der Wirtschaft. Später dekretierte Deng Xiaoping, die Volksrepublik werde künftig um 7,2 Prozent jährlich wachsen. Eine ambitionierte Vorgabe. Ein Abteilungsleiter im Wirtschaftsministerium sprang damals vor Verzweiflung aus dem Fenster, als er davon erfuhr. Lin: "Dabei war Deng sehr konservativ." Er lächelt und macht eine Pause, damit die folgende Pointe zündet. "Das durchschnittliche Wachstum lag von 1978 bis 2007 bei jährlich 9,7 Prozent." Stolz schaut er in die Runde.

Um vom chinesischen Aufstieg zu berichten, braucht Lin keine Notizen. Er hat 30 Jahre lang darüber geforscht. Nach der Revolution bot Mao im Jahr 1958 alle Kräfte auf, um eine Schwerindustrie aus dem Boden zu stampfen: Stahlwerke, Werften, Gießereien. Und doch, die Ergebnisse waren nach 20 Jahren enttäuschend. Der chinesische Sozialismus steckte fest, die Armut, gerade auf dem Land, war bitter. Bei den Reformen 1979 ließ sich Deng vom Kapitalismus leiten. Der Vorsitzende der Kommunistischen Partei gab eine neue, listige Parole für die Wirtschaft aus: "Es ist egal, ob die Katze schwarz oder weiß ist, solange sie Mäuse fängt."

Am Anfang war der Verrat

Fortan regierte in China der Pragmatismus. Man nutzte die komparativen Kostenvorteile: Arbeit ist in China billig und im Überfluss vorhanden. Schwerindustrie ist kapitalintensiv, aber nicht arbeitsintensiv genug. Mit dieser Einsicht hielt die Massenfertigung Einzug. Alles, was zusammengesetzt werden muss, was viele fleißige Hände braucht, die wenig kosten, sollte in China hergestellt werden. Die Rechnung ist aufgegangen. Doch wie wird es weitergehen? "China wird auch die kommenden 20 Jahre um neun Prozent jährlich wachsen, davon bin ich überzeugt", sagt Lin am Ende seines Vortrags.

Nach exakt 60 Minuten fällt es den Zuhörern schwer zu widersprechen. Lin hat die chinesische Wirtschaft besser durchdrungen als sonst einer der Gelehrten im Raum. Zudem spricht er sanft, überzeugend, aber nicht missionarisch, da traut man sich schon aus Höflichkeit kaum, Zweifel zu formulieren.

Vorsichtig merkt eine Frau an: "Und die Umwelt?" Lin lächelt und begegnet ihr mit entwaffnender Freundlichkeit: "Vielen Dank für die Frage." Neue Techniken, der Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft würden das schon regeln.

Die hohe Verschuldung der lokalen Regierungen? Solange das Wachstum bei acht Prozent liege, gebe es keinen Grund zur Sorge. Erst bei vier Prozent würde es kritisch.

Die Immobilienblase? "Auch hier: Ich bin nicht besorgt." Die Reichen in China hätten kaum andere Möglichkeiten, als ihr Geld in Stein und Mörtel anzulegen.

Der offizielle Teil ist beendet. "Sandwich" steht jetzt auf dem Programm, die Zuhörer drängen zum Büfett. Lin marschiert daran vorbei, wirft sich in den Mantel, schüttelt Hände und fährt zum Flughafen. In zwei Stunden hebt er ab, zurück nach Washington.

Dass er diese Stadt jemals auch nur sehen würde, erschien im Jahr 1979 ausgeschlossen. Damals diente er in der taiwanesischen Armee. Er war, so sagt er, ein glühender Nationalist und empört, als Taiwan den UN-Sitz an China verlor. Doch dann kam ihm der Glaube an die kleine Insel-Republik abhanden. Als er an den Stützpunkt Quemoy versetzt wurde, schmiedete er heimlich einen Plan. Quemoy ist ein heikler Außenposten, kaum zwei Kilometer vom chinesischen Festland entfernt.

In der Nacht des 16. Mai 1979 watete Lin ins Wasser. Als es ihm bis zur Hüfte reichte, schwamm er los. Die Strömung war stark, aber er hatte Ebbe und Flut zuvor genau berechnet. Wenn er es bis zur Mitte schaffte, würde ihn die einsetzende Flut nach China treiben. Er bewegte sich in ruhigen Zügen, das letzte Stück ließ er sich treiben. Als er drei Stunden später aus dem Meer stieg, bewegte er sich vorsichtig, aus Angst, auf eine Mine zu treten. Mit einer Tsschenlampe machte er den Wachposten Lichtzeichen. Sofort wurde er festgenommen. Die Chinesen hielten ihn für einen Spion.

Zurück in Taiwan blieben seine schwangere Frau, der gemeinsame Sohn und seine Eltern. Niemand, so Lin, sei in seinen Plan eingeweiht gewesen. "Meine Frau kannte meine Überzeugungen", sagt er. "Sie konnte es ahnen." Nur über seinen in Tokio lebenden Cousin Jianxing konnte er mit ihr in Kontakt treten. Ihm schilderte Lin in einem Brief seine Motive: "Ich glaube, der Anschluss Taiwans an das Mutterland ist unvermeidbar." Nie wieder ist er seither nach Taiwan zurückgekehrt, nie hat er seine inzwischen verstorbenen Eltern wiedergesehen - noch immer gibt es einen Haftbefehl wegen Desertation. Es ist ein hoher Preis, den er für seine Überzeugung zahlte. Aber, so schrieb er damals an den Cousin, "in China wollen sie mich entwickeln".

Genau so kam es. In Peking studierte Lin Politische Ökonomie, las Marx, Engels und Lenin. Dann traf er 1980 einen Besucher, der großen Einfluss auf sein Leben haben sollte: Theodore Schultz, Nobelpreisträger für Wirtschaft und Professor an der Universität Chicago. Da Lin einer der wenigen Studenten war, die Englisch sprachen, wurde er Schultz als Übersetzer zugeteilt. Der Gast war so sehr von dem jungen Mann beeindruckt, dass er ihm ein Stipendium verschaffte und ihn nach Chicago lotste.

Es sei nie sein Plan gewesen, einmal ins Ausland zu gehen. "Aber ein Angebot nach Chicago lehnt man nicht ab", sagt er. Erst recht nicht, wenn man dort seine Frau wiedersehen kann. Sie forschte seit wenigen Monaten ebenfalls in den USA. So fügte sich eins ins andere.

Sieben Jahre blieb die Familie in Amerika. Als er seine Doktorarbeit abgeschlossen hatte, machten ihm seine Professoren das Angebot, in den USA zu bleiben. Er lehnte ab, kochte aber zum Abschied aus Dankbarkeit ein 18-Gänge-Menü chinesischer Spezialitäten für sie.

"Im Jahr 1987 war das Wachstum in den USA schwach, die Gesellschaft hoch entwickelt. Es gab keinen Raum für neue Ideen. Aber in China! Das Land wandelte sich von der Plan- zur Marktwirtschaft. Das war faszinierend", sagt er. Und so wurde er der erste chinesische Sozialwissenschaftler, der mit einem ausländischen Doktor-Titel nach China zurückkam und dort sein Fach prägte. Joseph Stiglitz sagt über Lin: "Er gehört zu denen, die die Marktwirtschaft nach China gebracht haben." Lin ist dieses Kompliment sichtlich unangenehm. "Die Reformen haben schon 1979 begonnen", sagt er knapp. Was er aber nach China brachte, war die Wirtschaftswissenschaft, das systematische Studium dessen, was in der Welt der Produktion und des Handels vor sich geht. 1993 gründete er das Chinese Center for Economic Research an der Universität Peking, das erste seiner Art im Land.

Washington, im Februar 2012. Von seinem Büro im vierten Stock im Ostflügel der Weltbank blickt Lin auf die Pennsylvania Avenue. Auf dem Fensterbrett ein Modell des Hochgeschwindigkeitszuges HSR, der die 1300 Kilometer zwischen Peking und Schanghai in weniger als fünf Stunden schafft. Der Zug sieht aus wie der deutsche ICE. "Deutsche Technik", sagt Lin und lächelt milde: 90 Prozent aller Teile dafür werden in China gefertigt. An dem Schnellzug kann Lin viel von dem beschreiben, was er "New Structural Economics" nennt. Es ist ein neuer Ansatz in der Wirtschaftswissenschaft - sein Ansatz. Um voranzukommen, müsse sich ein Land vom Markt leiten lassen. In welchen Sektoren sind die Arbeitskosten so niedrig, dass man damit konkurrenzfähig ist? Diese Sektoren müsse der Staat dann fördern.

Neue Ideen haben es schwer

In diesem vom chinesischen Wirtschaftswunder abgeleiteten Modell geht Lin weit über den wieder in Mode gekommenen John Maynard Keynes hinaus. Die Wirtschaft anzukurbeln, indem man ein Loch buddeln lasse, nur um es am nächsten Tag wieder zuzuschütten, hält er für wenig sinnvoll. Gerade in der Krise müsse der Staat Geld in langfristig sinnvolle Projekte stecken. Wie China etwa in Hochgeschwindigkeitsstrecken. Sie erhöhen die Produktivität, weil die Menschen schneller zwischen den Metropolen pendeln können.

Wie überhaupt bessere Infrastruktur für Lin die Voraussetzung zur Lösung vieler Probleme ist, weil sie die Kosten senkt, mit denen Produkte auf den Markt gelangen. Um der Krise Herr zu werden, fordert Lin daher eine "globale Infrastrukturinitiative". Würden deutsche Firmen eine Brücke in China bauen, hätten beide Länder etwas davon: Die Deutschen bekämen Aufträge, die Chinesen eine Brücke, die wiederum dafür sorge, dass China gutes Geld verdiene und dann mehr Waren aus Deutschland kaufen könne. So einfach könnte es in der Welt zugehen, ginge es nach Lin.

Am nächsten Morgen sitzt er bereits um kurz nach sieben Uhr in MC4-301, dem großen Konferenzsaal neben seinem Büro. Ein großer Bildschirm ist in Segmente unterteilt: Videokonferenz mit den Chefökonomen der OECD in Paris, der WTO in Genf, der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIS) in Basel, der Asiatischen Entwicklungsbank. Bei der Afrikanischen Entwicklungsbank ist nur ein leerer Schreibtisch zu sehen.

Lin ergreift das Wort, er fasst die Lage in der Welt zusammen: Die Industrieproduktion ist in den entwickelten Volkswirtschaften um 14 Prozent gefallen. Europa hatte schon vor der Krise mit schwacher Produktivität und niedrigen Wachstumsraten zu kämpfen. Viele Länder wollen durch Exporte wachsen, doch diese Strategie hat Grenzen. "Wir haben es mit neuen Normalitäten zu tun: schwaches Wachstum, hohe Volatilität, sehr hohe Liquidität."

Als Erstes meldet sich Singapur: "Ich kann Sie nicht sehen." Die BIS aus Basel springt ein: "Wir fürchten, dass europäische Banken weniger Kredite vergeben werden." Der Mann von der OECD redet lange und entschuldigt sich dafür. Lin: "Das ist nicht schlimm. Eine Frage: Wo stehen die USA beim Thema Strukturreformen?" Antwort: "Es ist nicht viel passiert."

Punkt halb neun Uhr springt Lin auf. Jeden Tag trifft er sich um diese Zeit mit Robert Zoellick, dem Präsidenten der Weltbank, einem Amerikaner. Deshalb Schluss mit dem Video-Palaver: Die Welt muss an einem anderen Tag gerettet werden. Als Lin vor vier Jahren zur Weltbank kam, hatte er es schwer. Sein Konzept der New Structural Economics klang vielen nach Achtzigerjahre: Der Staat soll die Probleme lösen. "Nicht alle waren davon überzeugt", sagt Ann Harrison, damals Chefin für Entwicklungspolitik, heute Professorin für Management an der Wharton Business School in Pennsylvania. "Er musste lange Überzeugungsarbeit leisten, dass der Staat eine Rolle haben kann."

Ein westlicher Diplomat bestätigt das. "Am Anfang hat den keiner ernst genommen", sagt er. "Aber er hat sich einen guten Ruf erarbeitet."

China ist auf dem Zenit seines Erfolges

Einer, der beurteilen kann, was Lin in bald vier Jahren verändert hat, ist Célestin Monga. Um zu ihm zu kommen, muss man die gigantische Weltbank-Zentrale verlassen, die Straße überqueren und im Nachbargebäude mit dem Fahrstuhl in den elften Stock fahren. In Mongas engem Büro hängen afrikanische Masken und bunte Bilder. Der Kameruner ist Berater des für Afrika zuständigen Vize-Präsidenten der Weltbank. "Jahrelang haben wir den Ländern empfohlen: Verbessert das Geschäftsklima! Und was geschah? Nichts! Und die erfolgreichen Länder? China, Vietnam, Singapur? Überall spielte der Staat eine Rolle. Lin hat uns zum Umdenken bewogen", sagt er.

Um halb eins am Mittag verlässt Lin sein Büro und überquert die Pennsylvania Avenue. Er ist fast 60 Jahre alt und wirkt wie 50, was bemerkenswert ist bei den vielen Reisen und den langen Tagen im Büro. Ohne Begleitung durch Personenschützer läuft er die 19. Straße hoch und kehrt bei "Chalin's" ein, einem chinesischen Restaurant. Er ist offensichtlich Stammgast, wird auf Chinesisch begrüßt. Die Besitzerin schlägt gefüllte Teigtaschen, Langustinen in Teigmantel, Rindfleisch mit Gemüse, Nudeln und Reis vor. Lin nickt und lächelt.

China wächst seit 30 Jahren in Riesenschritten. Es ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Eine halbe Milliarde Menschen haben dort die extreme Armut hinter sich gelassen. Während das Land sich wirtschaftlich flexibel zeigt, ist es politisch starr. "Aber jedes System entwickelt sich und muss sich anpassen. China hat sich geöffnet, und es wird sich mit der Zeit verändern", sagt Lin.

In Peking fühlt er sich zu Hause. In Washington lebt er gern. Die Kultur, die vielen Menschen aus aller Welt. "Es ist eine Welthauptstadt", sagt er. Mit seiner Frau wohnt er in Georgetown, einem quirligen Viertel mit vielen Bars und Restaurants. Doch er bekommt wenig davon mit. Meistens liest er volkswirtschaftliche Studien, um auf dem Laufenden zu bleiben. Selbst den Superbowl, New England Patriots gegen New York Giants, hat er am Sonntag ausgelassen. Es kümmert ihn nicht. "Ich habe einen Job, der mich sehr in Anspruch nimmt. Und mir bleibt wenig Zeit."

Im Juni endet seine Amtszeit turnusgemäß. Die restlichen Monate will er nutzen. Schon bald fliegt er nach Russland und Kasachstan. Moskau, St. Petersburg, Astana in sechs Tagen.

Um die Reise vorzubereiten, betritt Indermit Gill, ein Inder, sein Büro, er ist Bereichsleiter Europa und Zentralasien. "In Kasachstan werden sie dich fragen, was man außer Öl noch machen kann, um auf die Beine zu kommen." - "Ich könnte antworten, sie müssen sich die Sektoren suchen, in denen sie Kostenvorteile haben", sagt Lin und bittet um mehr Material zur Wirtschaft des noch jungen Landes. Er will es im Flugzeug lesen.

Bleibt noch die Frage nach seiner Rolle, seinem Selbstverständnis. Er erwidert: "Ich ziehe aus der chinesischen Erfahrung Schlüsse. Aber als Chefökonom fühle ich mich als Weltbürger. Ich bin allen Ländern gegenüber verantwortlich."

So ähnlich hatte es am Telefon auch Ann Harrison gesagt. "Er hat ein universelles Konzept, das auf viele Länder anwendbar ist." Joseph Stiglitz begründet mit Lins Raster, warum die USA sich von der Industrie- zur Dienstleistungsökonomie wandeln müssen. Dani Rodrik von der Harvard-Universität nutzt Lins Arbeiten, um zu begründen, warum der Staat und der private Sektor in Entwicklungsländern eine wichtige Rolle spielen.

Es sind Themen, die Lin weiter beschäftigen werden, wenn er im Juni heimkehrt. In Peking wird er wieder als Professor arbeiten. Er findet eine hochmoderne Stadt vor und muss diesmal keinen Ventilator einpacken. Es könnte ein leichter Umzug werden. Wären da nicht die Bücher. In einer Ecke seines Büros stapeln sie sich. Eine Biografie von Deng Xiaoping. Eine Studie über die chinesische Währung. Asiatische Philosophie. Mehr als hundert Bände dürften es sein. "Ich hatte keine Zeit, sie zu lesen", sagt er und macht ein ungläubiges Gesicht. "Aber als Professor kann ich sie vielleicht bald brauchen." Er wird sie in Kisten packen, nicht auf einen E-Reader speichern. China ist längst eine moderne Weltmacht. Aber bei manchen Dingen will Lin lieber beim Alten, Vertrauten bleiben. -