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Das System

Der Kapitalismus, sagen manche, ist am Ende, und wir bräuchten ein neues System. Doch nutzen wir schon, was wir haben?




"Ich hatte schon mal keinen Kapitalismus." Joachim Gauck 1. Weil ich kann

Warum? Weshalb? Wozu?

Man kann sich diese Fragen den ganzen Tag stellen, ein Leben lang, manche mögen das. Warum fliegen Menschen zum Mond und wollen dann noch zum Mars? Weshalb bohren sie Löcher in die Erde und basteln Dinge, klein wie Atome? Warum lieben sie dieses und nicht jenes, weshalb werden sie Angestellte oder Unternehmer? Und wozu führt es, wenn jemand mehr will, als er braucht - wenn er also anhäuft, akkumuliert? Und wer sagt eigentlich, was genug ist und was jeder braucht?

Das sind Fragen, die bis zum Horizont reichen und bei einigen Leuten weit darüber hinaus. Gibt es eine Antwort?

Vielleicht steckt sie in einem Cartoon des amerikanischen Zeichners Scott Adams. In diesem Werk sehen wir dessen berühmteste Figur, den Büromenschen Dilbert, auf seinen Kollegen starren, der eben das Büro seines Chefs verlässt und eine zu einem bizarren Knoten gebundene Krawatte trägt. "Warum hat er das gemacht?", fragt Dilbert seinen Freund. Der guckt nur verstört und antwortet: "Er sagte: ,Weil ich kann.'" Im Grunde genommen erklärt das alles. Menschen tun, was sie tun, weil es klappt, weil sie damit durchkommen, weil es geht.

Wir tun, was wir können.

2. Trostlos in Davos

Alle reden vom Kapitalismus, und keiner mag ihn leiden, nicht mal die, die wir immer für Kapitalisten gehalten haben. Da wäre die diesjährige Rede des Gründers und Präsidenten des Davoser Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, der der versammelten Manager-Elite predigte, dass "der Kapitalismus wohl ein bisschen veraltet" sei und "nicht mehr in die heutige Welt passt". Kokettiert Schwab mit dem Zeitgeist und sagt das, weil es in deutschen Redaktionsstuben gut ankommt? Möglich, aber vielleicht weiß er bloß, dass jedes System nur so gut ist wie die Leute, die es betreiben - und das sind ja nicht nur ein paar Banker und Finanzjongleure. Schwab kennt seine Pappenheimer. Schließlich hat er sie bei jeder Rede direkt vor der Nase. Was ist los mit dem System? Es bietet kaum noch Perspektiven und Chancen, sondern erklärt sich nur für unzuständig, wie ein mürrischer Sachbearbeiter im Amt. Wer nicht verhandelt, nicht redet, der führt einen Rückzugskrieg mit Schlachten, die als besonders grausam gelten.

Wie die Lage ist, zeigte sich in den Gesichtern der Leute, vor denen Schwab sprach, also Managern, Politikern, Medienleuten - den Repräsentanten des globalen Kapitalismus. Einige nickten, die meisten aber taten so, als ob sie das alles nichts anginge. Widerspruch gab es praktisch keinen.

Noch nie war es trostloser, zur herrschenden Klasse zu gehören. Niemand will Kapitalist sein. Sicher: Aufrecht im Gegenwind zu stehen war nie eine Tugend der Manager. Abtauchen, Durchschlüpfen, Anpassen - damit machte man Karriere. Der Kapitalismus kennt keine Helden.

Aber dass gar niemand zu seiner Verteidigung eilt, ist erstaunlich. Wie oft hat man den in Davos versammelten Eliten vorgeworfen, sie seien realitätsfremd? Das kann man jetzt nicht mehr behaupten. Die Davoser stehen in der Mitte der Gesellschaft. Und da geht es nicht mehr nur um das bisschen Antikapitalismus, bei dem sich die Bankierstochter ein Che-Guevara-Plakat an die Wand hängt. Das brachte Abwechslung in den Alltag und ging vorbei. Aber ernst gemeint war das so wenigwie der im Westen gepflegte Antikapitalismus bürgerlicher Eliten, dessen harter Kern auf der vererbten Logik "Geld spielt keine Rolex" beruhte, also frei nach dem Motto: Danke, wir haben schon alles, wir brauchen keinen Kapitalismus.

Was der kann und sein könnte, interessierte nur wenige. Aber das reicht nicht mehr, noch nicht mal für Davos. Nicken und weggucken sind zu wenig.

Man muss hinhören. Wer verändern will, muss erst einmal verstehen.

3. Nüchtern

Die Verhältnisse auf den Kopf stellen, das heißt heute nichts anderes, als unvoreingenommen über den Kapitalismus nachdenken. Doch das ist nicht so leicht. Wer liefert die Quellen dazu, wer erzählt die Geschichten? Der Kapitalismus selbst ist ein schlechter Kronzeuge, er ist schweigsam, quatscht nicht rum, er macht. So kommt es, dass fast alles, was wir über ihn wissen, von Antikapitalisten stammt. Das muss nicht schlecht sein. Nehmen wir mal das berühmteste Werk der Begründer des modernen Antikapitalismus, Karl Marx und Friedrich Engels, das Kommunistische Manifest. Darin lesen wir den Satz, dass das "Kapital" die Menschen dazu zwinge, "ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen". Der Ökonom Joseph Schumpeter hat das Kommunistische Manifest einmal eine "geradezu begeisterte Darstellung der Leistungen des Kapitalismus" genannt. Die nüchternen Augen - was können die sehen?

Als das Manifest sich von 1848 an verbreitete, war der Sieg der industriellen Revolution eine Tatsache. Im Jahr 1771 hatte der Engländer Richard Arkwright seine erste Baumwollspinnerei in Betrieb genommen. Nach nur wenigen Jahren gab es Hunderte, bald Tausende davon, zunehmend auch auf dem europäischen Kontinent. Die nüchternen Augen erkennen den potenziellen "Wohlstand der Nationen", über den Arkwrights Zeitgenosse Adam Smith schreibt, eine Welt, in der wirtschaftliches Wachstum eine neue Gesellschaft formt. Die nüchternen Augen fixieren eben nicht allein die Akkumulation des Kapitals, die bis heute als zentrales kapitalistisches Übel gilt. Das Streben nach Gewinn des Gewinns wegen ist uralt - Marx verortet es schon bei "Moses und den Propheten". Und es hat auch nie erklärt, warum sich der Geist des Kapitalismus in nahezu allen Kulturen und Gesellschaften durchsetzte, einschließlich in jenen, die explizit gegen ihn errichtet wurden.

Manche Menschen beruhigt es zu glauben, alles habe einen Sinn. Tatsächlich machen Menschen das meiste, weil sie können. Kapitalismus ist kein Ersatz für Religion oder Weltanschauung. Er ist ein Werkzeug, nichts weiter. In seinen Vorlesungen mit dem Titel "Die Dynamik des Kapitalismus" hat der französische Historiker Fernand Braudel die wohl beste Definition geliefert. Er verstand den Kapitalismus "als eine Summe von Kniffen, Verfahren, Gewohnheiten und Leistungen". Ein Werkzeugkoffer.

Mit nüchternen Augen - das heißt immer auch messbar und berechenbar. Die frühen Kapitalisten galten als besonders gerecht. Doch nüchtern, das klingt auch kalt. Ist leidenschaftliche Willkür, sind warme Worte wirklich besser?

Wie es ist, mit Gefühl und Vorurteil regiert zu werden, wusste man in den Anfängen des Industriekapitalismus noch ganz gut. Die Welt war voller Chefs, die einem Knoten in die Krawatte machten. Neid, Gier, Missgunst, Geiz und Ignoranz waren keine Erfindung der neuen Zeit, es gab sie lange vor Moses und den Propheten. Die nüchternen Augen hingegen gehören der Moderne, der Aufklärung. Die hat uns keinen Rosengarten versprochen.

Das tun nur Betrüger.

Doch wir müssen zum nüchternen, aufgeklärten, pragmatischen Blick vom System immer wieder gezwungen werden. Das macht unser Unbehagen mit ihm aus. Jeder kennt den ständigen Druck, die Dinge realistisch zu sehen, besser zu machen, nicht nachzulassen - und die Angst davor, es doch einmal zu tun und damit zu den Verlierern zu zählen. Nur dem Tüchtigen gehört das Glück. Dieser nüchterne Kapitalismus ist die Welt des aufgeklärten Menschen, kein Paradies, keine seelentröstende Utopie. Das sprach stets gegen den Kapitalismus: Seine Nüchternheit macht uns nicht glücklich, sie begeistert nicht, ist nicht berauschend. Der Kapitalismus ist keine Liebesheirat, er ist eine Vernunftehe. Die schließt man, um seine Verhältnisse zu verbessern.

4. Volkskapitalismus

Nüchternheit klingt nach weißen Kacheln und sauberem Boden, aber nicht nach Goldbordüre und Seidentapete. Wem nützt das System? Nur wenigen, so wird bis heute behauptet. Das ist ein zäher Mythos, vielleicht auch, weil er so offensichtlich falsch ist. Anfang der Vierzigerjahre macht sich Joseph Schumpeter daran, die These von "Die Armen werden immer ärmer, die Reichen immer reicher" zu überprüfen. Sie wird zum Kern seines Werkes "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie". Dessen Einfluss ist heute groß. Damals galt es als das Werk eines Sonderlings.

In den USA, wo Schumpeter damals lebt und lehrt, steht man noch unter dem Schock der Großen Depression, die mit dem Börsenkrach von 1929 begann. Damals wähnt man, wie heute, den Kapitalismus am Ende. In Deutschland regiert Hitler, in der Sowjetunion Stalin, beide haben planwirtschaftliche Diktaturen errichtet. In den USA gilt der steuernde Staat des "New Deal" als Lösung.

Von all dem unbeeindruckt, nimmt sich Schumpeter die verfügbaren Daten des Industriekapitalismus von 1878 bis 1928 vor. Wenn sich die Entwicklung der vergangenen 50 Jahre fortsetzt, "so würde dies mit allem, was nach heutigem Standard Armut genannt werden könnte (...) aufräumen". Schumpeter starb 1950. Ein weiteres halbes Jahrhundert danach, im Jahr 2000, hatte sich in Westdeutschland die wirtschaftliche Gesamtleistung verfünffacht, die Arbeitsproduktivität versechsfacht, und bei all dem war die Jahresarbeitszeit seit 1960 von 2162 Stunden auf 1556 Stunden gefallen, was einem Zugewinn von fast 76 Acht-Stunden-Tagen (pro Jahr) entspricht. Dass der Kapitalismus Reiche und Arme reicher macht, ist geradezu der Sinn und Zweck des ökonomischen Betriebssystems der Moderne: "Die kapitalistische Maschine", schreibt Schumpeter Anfang der Vierzigerjahre, ist eine "Maschine der Massenproduktion, was unvermeidlich auch Produktion für die Massen bedeutet".

Dem "modernen Arbeiter" ständen "heutzutage" Dinge zur Verfügung, über die "Ludwig XIV. entzückt gewesen wäre (...) zum Beispiel die moderne Zahnbehandlung". Davon abgesehen sei der Kapitalismus nichts für die herrschende Klasse. Was sollte denn ein König mit einer Dampflok? Schneller reisen? Das musste er doch gar nicht, das wäre "wohl von geringer Bedeutung für einen so würdigen Herrn gewesen".

Oder elektrisches Licht? - auch "keine große Wohltat für jemanden, der genug Geld hat, um genügend Kerzen zu kaufen und Diener zu ihrer Wartung zu besolden". Der Kapitalismus ist, so zeigt uns Schumpeter, eben keine Theorie der feinen Leute.

5. Das Jüngste Gericht

Schon Arkwrights erste Fabriken in England spinnen Massenware, der Industriekapitalismus produziert Tassen, Hemden, Schuhe, Fahrräder, Kleinwagen, Gebrauchsgegenstände, Konsumgüter. Die "typischen Leistungen der kapitalistischen Produktion" sind einfache Waren, nichts davon könnte "einem reichen Mann viel bedeuten", schreibt Schumpeter. Die Wut über die Verhältnisse in den englischen Fabriken hat Karl Marx' Blick dafür, was das System leisten kann, getrübt. Das ist menschlich verständlich. Aber Wut macht blind. Der Kapitalismus lebt davon, dass es der Masse der Menschen gut geht. Das ist die Grundlage des Konsums. Die Verelendungstheorie ist eine historische Momentaufnahme. Sie verblasst mit der Zeit.

Die zweite Säule der Kritik von Marx, die Krisenhaftigkeit des Systems, ist langlebiger. Sie baut auf der Idee, dass der Kapitalismus sich selbst solche Schwierigkeiten bereitet, dass er daran zugrunde geht. Am Schluss muss sich das System den Strick nehmen.

Diese Vorstellung hat sich bis heute erhalten. Kein Wunder, denn man kann ihr eigentlich nichts entgegensetzen. Während sich die Verelendungstheorie durch einen einfachen Spaziergang widerlegen lässt, kann niemand mit Sicherheit sagen, ob die gegenwärtige Krise des Kapitalismus nicht auch seine letzte ist. Das liegt aber nicht zwingend an der Schwere des Zwischenfalls, sondern an der These selbst: Untergangstheorien leben davon, dass ihre Katastrophen eben noch nicht eingetreten sind. Im zeitgenössischen Antikapitalismus sind sie besonders beliebt, weil man sich dabei nicht mal auf Marx berufen muss - sie sind breitbandig einsetzbar, von ganz links bis ganz rechts, quer durch die Mitte. Marx musste die Menschen nur abholen, wo sie schon waren, beim jahrtausendelang angekündigten ultimativen Strafvollzug, dem Jüngsten Gericht. Für den Frevel von Wachstum, Konsum und dem Streben nach Gewinn des Gewinns wegen muss es geradezu eine gerechte Strafe geben.

Klingt plausibel, hat aber einen Haken: Der Kapitalismus hat sich bislang nicht in einer ihn abwärtsziehenden Krise selbst umgebracht. Aus jeder Krise trat er gestärkt hervor. Das ist nur manchmal schwer zu verstehen, weil Auf- und Abstiege allmählich vor sich gehen - und der Mensch auf Langfristiges gar nicht angelegt ist. Schumpeter verwies sogar darauf, dass der Kapitalismus Krisen dringend braucht. Er fordert sie heraus, um zu lernen, sich von Ballast zu befreien und besser zu werden. Krisen sind der schöpferische Zerstörungsprozess des Systems selbst, und der Kapitalismus ist demnach eine Innovationsmaschine mit eingebauter Entkalkungsautomatik. Jede Krise macht ihn besser.

Ein perfektes System.

6. Endstation Entfremdung

Das allerdings hat jetzt wirklich einen Nachteil. Was perfekt ist, kann sich nicht mehr entwickeln. Der Kapitalismus müsse sich selbst abschaffen, sagte Schumpeter. Warum? Weil die Innovation, die ständige Erneuerung, das Wesen des Kapitalismus also, allmählich ihre Träger verliere, die Unternehmer.

Das Unternehmerische sei das eigentlich Kapitalistische. Unternehmer seien, schreibt Schumpeter, bereit, sich für die Durchsetzung ihrer Ideen aufzureiben, für ihre Fabrik zu kämpfen und, wenn nötig, auf ihrer Schwelle zu sterben. Erst durch sie dreht sich das kapitalistische Rad. Karl Marx hat von der Entfremdung des frühen Industriearbeiters von dem, was er schafft, geredet. Schumpeter zeigt uns eine andere Entfremdung, die der konsumorientierten Bürger des Spätkapitalismus, deren Lage das System so entscheidend verbessert hat. Die Erfolge des Kapitalismus machen Innovation zur Routine, zur Aufgabe von Spezialisten, die in einer immer größer werdenden arbeitsteiligen Organisation eine untergeordnete Rolle spielen. Die Bürokratie siegt. Die Innovation tritt an die zweite Stelle. Unternehmer spielen nun eine Nebenrolle. Sie werden durch Manager ersetzt, die Routinen ausführen. Neues schaffen die nicht.

Manager opfern sich nicht für ihre Firma, sie organisieren sie bloß. Immer mehr wird zentral gelenkt, reguliert, abgesichert. Risiken werden gescheut, Erneuerungen vermieden. Management ist Gottesdienst am Status quo. Schumpeters Fazit: Der Kapitalismus hört allmählich auf, sich zu erneuern. Seine Vertreter verlieren das Interesse an ihm. Das durchschnittliche Wachstum flacht langsam ab. Willkommen im "stationären Zustand", wie Joseph Schumpeter das Ergebnis dieses Amtskapitalismus nennt. Sieben Jahrzehnte nach Abgabe dieser Prognose klingt vieles davon vertraut. Vielleicht widersprach deshalb keiner der Manager in Davos. Aber vielleicht gibt es noch einen anderen Grund für ihr Schweigen. Dass der Kapitalismus tot ist, geht sie nichts an.

Es ist nicht ihr System.

7. Der Staatskapitalismus

Kapitalismus, wie das schon klingt. Schon in den Zeiten des Kalten Krieges bürgerte sich die moderatere Variante Marktwirtschaft ein, die sozusagen die technische Grundlage der Ökonomie - und einen klaren Gegensatz zu den Planwirtschaften - beschreibt. Doch nach 1989 brauchte man solche Abgrenzungen nicht mehr, und der Begriff des Marktes verlor an Wert. Mit der Finanzkrise ist die meist achtlos verwendete Phrase von den Märkten zum Synonym für dubiosen Kapitalismus geworden. Das beschwört archaische Ängste vor einer unsichtbaren, nicht näher benannten Bedrohung. Woher kommt das? Was war ursprünglich gemeint?

Proteste gegen das System richten sich in der Regel gegen den sogenanntenfreien Markt, also einen Zustand, in dem es keine Regeln und Gebote gibt, die das Handeln der Marktteilnehmer regulieren. Einen solchen Zustand gab es außerhalb der Bücher und Parolen nie, nicht mal zu Lebzeiten von Marx und Engels. Der Liberalismus als politisches und gesellschaftliches Konzept, der wenigstens die Forderungen nach wenigen Regularien stellte, spielte nach einem sehr kurzen Frühling in Deutschland schon Anfang der 1870er-Jahre keine Rolle mehr. Mit Reichskanzler Otto von Bismarck begann nicht nur auf dem Gebiet der Sozialgesetzgebung die große Regulierung der Märkte, die Zähmung des anarchischen Kapitalismus.

Man lenkte, erließ Gesetze, steuerte, regulierte, verbot und genehmigte, stimmte Interessen ab und verwischte die Grenzen zwischen Politik, Regierung, Banken und Unternehmen ununterbrochen. Dem passte sich die Entwicklung des Kapitalismus an, indem er zunehmend große Organisationen ausbildete. Monopole, Trusts, Kartelle, in denen sich der Schwerpunkt sukzessive von Innovation auf Routinen und Verwaltung verschob. Schon vor mehr als hundert Jahren waren diese Entwicklungen weit genug fortgeschritten, dass Politiker wie Wladimir Iljitsch Lenin darin den Anfang vom Ende des Kapitalismus erkennen wollten. Parallel zu den Ideen des deutsch-österreichischen Ökonomen und sozialdemokratischen Politikers Rudolf Hilfering entwarf der russische Revolutionsführer dafür das Bild des Staatsmonopolkapitalismus, kurz "Stamokap" genannt.

Dabei bläht sich die kapitalistische Organisation auf. Sie drängt zum weltweiten (imperialistischen) Monopol, verschlingt große Summen, die die Konzerne, die nun entstehen, zu Bündnissen mit dem Finanzkapital, den Banken, zwingen. Die Politik unterstützt diese Entwicklung nach Kräften, vor allem indem sie durch Gesetze, Regeln und Abkommen die Interessen der Konzerne durchsetzt, notfalls auch durch äußere Kriege. Alles verschmilzt und verfilzt sich. Es entsteht eine hartleibige Bürokratie, die mit Gewalt ihre Interessen durchsetzt, zentral steuert und plant und so kaum mehr zu unterscheiden ist von dem Herrschaftsmodell, das im Sozialismus herrscht. Lenin erfreut sich an dieser "Dialektik der Geschichte", denn diese Entwicklung des Kapitalismus bringe "die Menschheit dem Sozialismus außerordentlich nahe".

Die Richtung erkennt auch Max Weber, der in "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" von einem Endzustand in Form einer Superbürokratie spricht, einem "stahlharten Gehäuse", dem sich nichts und niemand entziehen könne. Vielleicht ist das der Grund für die teilnahmslosen Blicke der Männer in Davos. Der Kapitalismus steckt in der Krise? Ist doch nicht unser Problem. Wir sind doch Manager.

8. Die Vielfalt des Kapitalismus

Ja, Genosse Manager, das System ist am Ende. Hat der Kapitalismus ausgedient? Ja, wieso denn "der" Kapitalismus, fragt Professor Werner Abelshauser, Wirtschaftshistoriker aus Bielefeld und Autor des Standardwerkes "Deutsche Wirtschaftsgeschichte". Da habe wohl jemand den Begriff der Globalisierung falsch verstanden: "Laut Definition der Vereinten Nationen gibt es auf dieser Welt 750 verschiedene Märkte, die sich zum Teil deutlich voneinander unterscheiden. Es gibt nicht einen Kapitalismus, es gibt viele, Varietäten, genau genommen so viele, wie es Wirtschaftskulturen gibt."

Kapitalismus ist Vielfalt, nicht Einheit. Seine Vorzüge entwickelt er immer im Verbund mit einer bestimmten Kultur. Genau darum, sagt Abelshauser, gehe es auch: "Wir haben keine Systemdebatte, denn dazu müsste man ja eine Vorstellung davon haben, wie eine Alternative zum Kapitalismus aussieht. Aber wir haben eine Kulturdebatte, bei der es darum geht, welche Varietät wir fördern, welche nicht."

Der Standardkapitalismus, bei dem es um hohe Geschwindigkeiten und wechselnde Projekte geht, mit denen sich die Investoren beschäftigen, ist in der angloamerikanischen Welt vorherrschend. Japan beispielsweise pflegt einen Kapitalismus, bei dem große Finanzgruppen - genannt Keiretsu - und der Staat eine erhebliche Rolle spielen. In Deutschland wiederum hat sich die Soziale Marktwirtschaft - der "Rheinische Kapitalismus", wie das der französische Ökonom Michel Albert 1991 nannte - etabliert. "Unter seinen Bedingungen sind wir erfolgreich, das ist die Kultur, in der sich der Kapitalismus in Deutschland bewährt hat - und immer wieder erneuert", sagt Abelshauser. "In Deutschland ist die große Zeit des Industriekapitalismus, in dem man Rohstoffe wie Kohle und Stahl verformte, seit Ende des 19. Jahrhunderts vorbei. Was wir gut können, ist die nach industrielle Maßschneiderei - also Anlagenbau, sehr individuelle Systeme, Autos, intelligente Maschinen. Da haben wir in 40 Prozent der Weltmärkte die Nase vorn." Um in dieser Variante des Kapitalismus, bei dem es um Wissen geht, um "immaterielle Wertschöpfung", wie es Abelshauser nennt, gut zu sein, "muss man kooperieren, Mitbestimmung und eine gute Qualifikation ernst nehmen, relativ wenig Elite ausbilden und auf eine starke Mitte setzen. Man braucht auch geduldiges Kapital. Es geht hier um Langfristigkeit, nicht um hohe Geschwindigkeit."

Daran zweifelte bis in die Neunzigerjahre auch kaum jemand. "Von da haben wir uns immer mehr in Richtung Standardkapitalismus treiben lassen", sagt Abelshauser, "und unsere Stärken damit geschwächt. Die Manager haben die Globalisierung nicht richtig verstanden. Die eigene Wirtschaftskultur war ja erfolgreich. Und ja, das System brauchte auch dringend Reformen. Aber man wollte nicht bloß Reformen, sondern einen Ersatz für das System - und zwar durch den Standardkapitalismus."

Das habe zu einer falschen Gewichtung Richtung Finanzkapitalismus geführt, zu einer gefährlichen Liaison, bei der man verwechselbar und verwundbar wurde. Das Glück des deutschen Kapitalismus, findet Abelshauser, liegt aber in seiner Bodenständigkeit, im Umstand, dass trotz allem nicht Konzerne, sondern Klein- und Mittelbetriebe die Kultur prägen - denn "die haben sich den ganzen Unfug nicht aufquatschen lassen, weil sie nah an den Märkten sind und wissen, wie es geht". Seit 2007 habe man wieder zur eigenen Kultur gefunden. Der deutsche Kapitalismus, die "rheinische" Variante, ist wieder erfolgreich. Deutsche können soziale Marktwirtschaft, und das sehr gut. Doch Abelshauser warnt auch davor, daraus ein Leitbild für andere zu machen. Variationen zählen. "Ein deutscher Kapitalismus für ganz Europa wäre Gift für viele Länder. Europa hat keine einheitliche Wirtschaftskultur. Wer das nicht versteht, spielt mit dem Feuer." Man könne, sagt er, die Welt nicht neu erfinden. Für die Kapitalismen und ihre jeweiligen Kulturen gelte das auch.

9. Antikapitalismus

So wenig, wie es einen Kapitalismus gibt, gibt es einen Antikapitalismus. Am besten lässt man darüber wieder einen ausgewiesenen Systemgegner reden, den Hamburger Publizisten und "Konkret"-Verleger Hermann Ludwig Gremliza, der weiß, dass "Antikapitalismus pur" zu den "seltsamsten Ausformungen führen" kann, nämlich "auf der nationalen Seite zu völkischem Antikapitalismus, Nationalbolschewismus und Ähnlichem, auf der Linken zu Proletkult". Es gilt auch für sämtliche gemischten und verdünnten Antikapitalismen, da sie das Vorurteil gegen das liberale Bürgertum nähren, das ihnen verhasst ist. Hier waren sich Nazis und Kommunisten stets einig. Deutschland hat sämtliche Formen des Antikapitalismus hervorgebracht und exportiert. Und bis heute fehlt es an einem aufgeklärten, liberalen Bürgertum.

Kaum ist das System, das das Land und seine Bürger wohlhabend gemacht hat, in Schieflage, werden die alten Vorurteile problemlos reaktiviert. Mit bitterem Ernst wird der Systemwechsel beschworen. Es ist nicht etwa einfach Kritik am System, die notwendig und richtig ist. Weg soll es, ganz. Das eine ist Veränderung, das andere Vernichtung.

Rund um das Jahr 1968 war ordentlich was los. In den USA mischte sich Beat- und Hippiekultur mit Anti-Vietnam-Protest und wandelte sich rasch in eine autonome Bewegung, die ihre eigene Kultur schuf. In Frankreich verlief 1968 hart, aber herzlich, an den Universitäten wurden Gedichte rezitiert und Poeten ausgezeichnet, man stellte sich gegen die Dogmen des real existierenden Sozialismus ebenso wie gegen die Macht von Militärs und Banken.

In Deutschland hingegen war die Revolution eine ernste Sache. Es ging um Kampf und gegen das System. So reden die Renegaten von damals, die heute das Establishment bilden, das keine Jobs und keine Perspektiven für junge Leute in Europa hat, zwar nicht mehr. Aber so denken viele immer noch.

Systemkritik heißt Kapitalismus abschaffen. Wolfgang Kraushaar, Politikwissenschaftler am Hamburger Institut für Sozialforschung, Autor und Chronist der 68er-Bewegung, kennt das gut aus seiner Forschung und aus seiner eigenen Biografie. Er war damals, 1968, live dabei, führte Mitte der Siebzigerjahre auch den AStA in Frankfurt am Main an, ein Zentrum der linken, antikapitalistischen Studentenbewegung. "Wenn Sie sich die Occupy-Bewegung ansehen, dann merken Sie schnell, dass dieser Protest auf die Reform des Systems abzielt, auf seine Veränderung, nicht aber auf dessen Abschaffung." Das ist etwas, das den etablierten 68ern abhanden gekommen ist, die Freude an einer Utopie, an einem guten Ausgang der Geschichte, für den man sich allerdings auch ins Zeug legen muss.

Utopien brauchen nüchterne Menschen und ein Ziel. Seine Generation wollte etwas anderes: "Das System", erzählt Kraushaar, "das war die Gesamtheit von allem, was abgeschafft werden sollte - in erster Linie die bürgerliche Herrschaft und sämtliche Formen ihrer Machtausübung. Das System - das war das Schlüsselwort. Mit dem Wort ,System' konnte man alles erklären, da passte im Grunde alles, was einem nicht passte, hinein." Es ging um alles. Seine Generation habe sich diesbezüglich "an einem Trauma abgearbeitet". Im Kern ging es auch um die Aufarbeitung des nationalsozialistischen Erbes.

Der Philosoph und Soziologe Max Horkheimer war eine der Leitfiguren der 68er-Bewegung. Er war jüdischer Herkunft, musste vor den Nationalsozialisten fliehen und schrieb 1939: "Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen." Diesen Satz kannte jeder 68er.

Es falle nicht schwer, sagt Kraushaar, diesen Satz faktisch zu widerlegen. "Wenn es so gewesen wäre, dann hätte nach dem Zweiten Weltkrieg der Weltfaschismus ausbrechen müssen. Alle Länder mit einem kapitalistischen Wirtschaftssystem hätten dann ja faschistische, totalitäre Regierungen bekommen müssen. Das war offensichtlich falsch." War die Welt nicht so, wie man sie wollte, dann machte man sich eben sein eigenes Bild. Systemkritiker sind kaum zu irritieren.

"Ein 68er zu sein, das hieß immer auch", so Kraushaar, "Marxist zu sein." Und einen Marxisten konnte man nicht täuschen! Er besaß so etwas wie einen eingebauten Röntgenapparat, mit dem man die Gesellschaft bis auf ihre Knochen durchschauen konnte. Nichts blieb diesem Blick verborgen. Man gehörte zu den Wissenden. Dachte wissenschaftlich und logisch. Und alles, alles in diesem System hatte seine Zwangsläufigkeit. Es musste so und nicht anders kommen.

Aus Zwangsläufigkeit wird oft Zwanghaftigkeit. Die Wirklichkeit stört.

10. Die neue K-Klasse

Dazu passt, was der neue Bundespräsident in einer Vorlesung an der Universität Bayreuth im Jahr 2010 erzählte. Er kenne "ganz edle, wertvolle Menschen (...) hochkultivierte Intellektuelle", bei denen er aber eine "hochmerkwürdige Tendenz" beobachte: "Da die Wirklichkeit da draußen so mangelhaft ist und nicht unseren schönen Vorstellungen von einer gerechten Gesellschaft entspricht, bin ich aber sehr, sehr böse mit ihr. Ich wünsche mir glattweg einen Systemwechsel." Doch was heißt das, vielleicht "die Bürgerrechte durch etwas anderes zu ersetzen oder eine andere Definition der Herrschaft des Rechtes als die, die wir für wichtig halten? Was bedeutet Systemwechsel?" Da aber komme meistens nichts. "Die sind nicht imstande, das zu definieren. Das hindert sie aber nicht, an ihrer dreisten Gläubigkeit und an ihrer kindischen Sehnsuchtsattitüde festzuhalten und so zu tun, als sei diese Gesellschaft nur dann wert für ein Engagement, wenn sie ihren schönen Bildern, die sie im Kopf haben, entspricht."

Joachim Gauck ist ein Klarmacher. Nüchtern geht er an die Sache ran, die heute zur Diskussion steht. Nicht der Kapitalismus ist am Ende, da haben sich Schumpeter, Lenin, Weber und so viele andere getäuscht, sondern das, was über Generationen daraus gemacht wurde.

Eine Jugendarbeitslosigkeit von rund 50 Prozent, wie sie etwa in Spanien herrscht, lässt sich nicht wegdemonstrieren. Das Ende der Vollbeschäftigung der Industriegesellschaft auch nicht, so wenig wie das Fehlen eines zukunftsfähigen Gesellschaftsvertrags, in dem jeder seinen Platz hat und seine Chancen. Nicht das System muss sich ändern, sondern wir müssen es tun.

Das Delegieren von Verantwortung an ein missbrauchtes Schlagwort ist feige und hilft niemandem. Vielleicht ist der Kapitalismus deshalb nicht totzukriegen, weil der Verlust dieses Feindbildes auch das Ende der Bequemlichkeit bedeuten würde, einem Phantom, einem Popanz alles in die Schuhe zu schieben, was unsereins nicht selbst erledigt hat. Überdies zeigt sich dabei schnell, dass das System nichts weiter ist als eine Chiffre für das gesammelte Unbehagen unserer Zeit. Der Kapitalismus ist an allem schuld, weil wir darin geschult sind, ihm alles anzulasten. Das System, das sind wir selbst. Seine Defizite: alles, was wir unterlassen.

Der Kapitalismus selbst liefert keinerlei Verbindlichkeiten, das tun aber ein Hammer und ein halbes Kilo Nägel auch nicht. Die liegen so lange herum, bis man daraus macht, was man kann. Das System liefert auch keine Chancen und Möglichkeiten, keine Jobs und keine Gewinne. Aber es macht all das möglich. Kapitalismus, lehrte uns Schumpeter, ist ein Spiel mit ungewissem Ausgang, bei dem es darum geht, "das Neue ins Offene zu denken". Kapitalismus sei ohne Demokratie undenkbar und umgekehrt, sagt Werner Abelshauser. Mit dem einen ist es wie mit dem anderen: Man kann sich da ran beteiligen, oder man kann beklagen, dass es andere tun.

Es wäre nicht schlecht, wenn man der Demokratie wie dem Kapitalismus wieder Beine machte, aber dafür muss man erst mal die Verhältnisse vom Kopf auf die Füße stellen, damit das Ding wieder laufen kann. Der Kapitalismus hat Teilhabe und Partizipation erst ermöglicht. Sollen wir heute damit aufhören? Man kann einen Sozialkapitalismus denken, der nüchtern entscheidet, aber nicht herzlos handelt. Kapitalismus braucht Vielfalt. Hören wir auf mit den Ideologien von gestern, fangen wir an mit echter Kapitalismuskritik - konstruktiver, versteht sich.

Die neue K-Frage lautet: Was kann der Kapitalismus für uns tun - und was können wir mit ihm anfangen und besser machen? Von da an herrscht wieder Innovation. Offenes Denken.

Also Systemwechsel. -