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Am Ende der Kostenschraube

Vom T-Shirt bis zum iPhone - viele Dinge, die wir lieben, kommen aus China. Hergestellt werden sie zum Teil unter unmenschlichen Bedingungen.Muss das sein? Indiziensuche bei einem Apple-Zulieferer.




- Um uns ihre Geschichte zu erzählen, verzichtet Dang Xianglan an diesem Abend auf Mehrarbeit. Nur acht Stunden hat sie in der Fabrik gesessen, nur 3000 Wischtücher gefaltet, das Minimum für eine Schicht. 3000-mal die gleichen sechs Handgriffe: umklappen, noch mal umklappen, linke Seite einschlagen, rechte Seite einschlagen, zusammenrollen und mit einem Gummiband befestigen. Mit den Läppchen werden später am Fließband die Touchscreens von iPhones oder iPads gereinigt, sagt Dang. "Früher habe ich selbst die Bildschirme poliert, aber seit der Sache mit den Chemikalien lassen sie mich nicht mehr dorthin."

Um fünf Uhr hat sie den Firmenbus zurück ins Wohnheim in Suzhou genommen, wo sie mit ihrem Mann und dem 15-jährigen Sohn ein Zimmer gemietet hat: drei schmale Pritschen, ein kleiner Tisch, vor dem Fenster Wäscheleinen. Bad und Küche teilen sie mit anderen. Als Dang eine Stunde später an der Bushaltestelle vor dem Tor steht, ist es schon dunkel, doch obwohl der Wind eisig die Straße hinabbläst, geht sie davon aus, dass wir uns zum Gespräch auf das kleine Steinmäuerchen setzen. Nach einigem Hin und Her lässt sie sich überreden, mit dem Taxi zum Times Square zu fahren, Suzhous neuem Shopping-Komplex. Manchmal flaniert Dang dort mit ihrer Familie an dem farbig beleuchteten Flüsschen entlang und schaut durch die Scheiben der Geschäfte und Lokale. Es ist das erste Mal, dass sie eines betritt, eine Filiale von Pizza Hut, und als sie sieht, dass kein Gericht weniger als 30 Yuan (3,60 Euro) kostet, ist es ihr unangenehm, sich zu einem so teuren Essen einladen zu lassen. Obwohl gut geheizt ist, behält sie ihre Daunenjacke an. Warme Räume im Winter ist sie nicht gewöhnt.

Dang Xianglan ist 36, eine schmale Frau, deren zusammengewürfelte Kleidung ihre Herkunft vom Lande verrät. Ihr Heimatdorf liegt in der ostchinesischen Provinz Shandong. Seitdem sie Mitte 20 ist, zieht sie als Wanderarbeiterin durch Chinas Industrieregionen. Vor fünf Jahren kam sie nach Suzhou im Schanghaier Hinterland und fand einen Job bei dem taiwanesischen Elektronikhersteller Wintek. "Eine ganz zufällige Wahl", wie sie sagt, "im Grunde sind ja alle Fabriken gleich." Ob am Ende der Produktionsstraße, an der sie ihre Handgriffe verrichtet, Schuhe, Mikrowellengeräte oder iPhones herauskommen, spielt für sie keine Rolle.

Mit drei Überstunden am Tag und zusätzlichen Wochenendschichten kann sie monatlich bis zu 3000 Yuan (360 Euro) verdienen, ihr Mann bekommt in einer anderen Fabrik ähnlich viel. "Ein Gehalt reicht für unser Leben, und das andere schicken wir unseren Familien", sagt sie. Übrig bleibt wenig, und es ist bittere Ironie, dass die Familie ohne jene grausige Geschichte, die Dang "die Sache mit den Chemikalien" nennt, heute so gut wie nichts auf dem Konto hätte.

Tag für Tag 3000 Wischtücher falten plus Überstunden und Wochenendschichten, um in einem ungeheizten Wohnheimzimmer zu hausen und eine Pizza für 3,60 Euro als unverschämten Luxus zu empfinden - ist das ein Leben? Ist das gerecht? Oder einfach das Gesetz des Kapitalismus, dass selbst Produkte von Apple, diese Ikonen des modernen Lebensstils, von Niedriglöhnern gefertigt werden? Dang Xianglan kann mit solchen Fragen wenig anfangen. Dass westliche Arbeiterrechtsorganisationen ihr Schicksal als die dunkle Seite der Globalisierung beschreiben, ist bei den chinesischen Fernsehprogrammen, die sie abends schaut, kein Thema. Dass Apple sich seit Jahren gegen den Vorwurf unverantwortlicher Produktionsbedingungen wehren muss, ebenso wenig. Weiß sie, wie viel ein iPhone oder ein iPad kosten?

"Ein paar Hundert, vielleicht 1000 Yuan", schätzt sie, also umgerechnet rund 100 Euro. Dass es in Wirklichkeit zwischen 400 und 800 Euro sind, nimmt sie auf wie eine Nachricht aus einer Galaxie, die von ihrer eigenen Lichtjahre entfernt liegt. "Natürlich würde ich gern mehr verdienen", sagt sie irgendwann. Mit ein paar Hundert Euro mehr im Monat könne man sicher ganz anders leben, etwas sparen für die Ausbildung des Sohnes, für eine kleine Wohnung oder fürs Alter. "Aber was nützt es, nach dem Unerreichbaren zu streben?"

Am anderen Ende der Produktionskette wird die Frage nach dem Unerreichbaren lebhaft diskutiert. Viele Kunden im Westen wollen wissen, unter welchen Bedingungen Alltagsgegenstände hergestellt werden. Dass unsere Warenwelt heute zum Großteil "made in China" ist, gilt gemeinhin als wenig vertrauenserweckend. Wer an den Kosten spart, spart womöglich auch an der Qualität. Dass hohe Ladenpreise gerechtfertigt sind, scheint zweifelhaft, wenn Produkte von ungelernten Wanderarbeitern gefertigt werden. Und der Verdacht, dass gute Arbeitsplätze in westlichen Ländern zu schlechten Jobs in Billiglohnländern werden, nährt die Sorge, ob in den globalen Zulieferketten nicht ein ähnliches Systemrisiko steckt wie in unkontrollierten Finanzströmen.

Kaum eine Marke steht stärker unter Beobachtung als Apple. Je erfolgreicher der Konzern, je höher sein Aktienkurs, umso bohrender die Fragen nach den Bedingungen, unter denen er fertigen lässt. Wie die meisten seiner Konkurrenten bezieht Apple seine Geräte nicht aus eigenen Werken, sondern von Zulieferfirmen, größtenteils in China, aber auch in Indonesien oder Brasilien. Wenn es Apple nicht gelingen sollte, an seine Hersteller ähnliche Qualitätsmaßstäbe anzulegen wie an seine Produkte, wem dann?

Die Fertigungskosten von Apple abzuschätzen ist in der Technikwelt ein beliebter Sport. Wann immer die Firma ein neues Produkt auf den Markt bringt, tauchen in Webforen oft schon Stunden nach dem Verkaufsstart "teardowns" auf, Demontagen, bei denen Experten die einzelnen Komponenten unter die Lupe nehmen. Da Apple für seine Hardware fast vollständig auf Fremdentwicklungen zurückgreift, die in ähnlicher Form auch in Konkurrenzprodukten auftauchen, können Branchenkenner die Preise mit einiger Genauigkeit bestimmen - und sehen dieses Spiel als gute Eigenwerbung an. Nach Angaben der Marktforschungsfirma iSuppli befinden sich etwa im aktuellen iPhone 4S mit 32 Gigabyte Speicher ein Prozessor zu einem Stückpreis von umgerechnet 11,48 Euro, eine Kamera für 13,78 Euro, ein Display für 28,33 Euro und eine Batterie für 4,59 Euro. Die gesamten Materialkosten schätzt iSuppli auf etwa 156 Euro. Der Konkurrent UBM TechInsights hat für dasselbe Modell Kosten von 154 Euro berechnet. Die meisten Komponenten werden maschinell in verschiedenen Ländern produziert. Allein die unterschiedlichen Chips kommen aus Japan, Südkorea, Taiwan und den USA. Zu "made in China" wird das iPhone erst durch die Montage.

Bei ihr liegen die Analysten weiter auseinander. iSuppli geht davon aus, dass Apple für den Zusammenbau jedes iPhone sechs Euro bezahlt. Horace Dediu von der Marktforschungsfirma Asymco stellte im Februar eine detaillierte Rechnung an, nachdem der US-Fernsehsender ABC nach einem von Apple arrangierten Besuch bei seinem Hauptlieferanten Foxconn berichtet hatte, dass jedes iPhone 141 Arbeitsschritte durchlaufe und der durchschnittliche Stundenlohn der Arbeiter bei 1,66 Euro liege. Wenn jeder Montageschritt etwa drei Minuten dauere, seien dies pro Handy 423 Minuten Handarbeit. Das entspreche reinen Personalkosten von etwa 11,70 Euro. Rechne man Foxconns Kosten für Fabrikgebäude und Maschinen sowie die Marge der Firma hinzu, koste Apple die gesamte Montage rund 23 Euro.

Egal, ob sechs oder 23 Euro - die Lohnkosten sind jedenfalls bei der Herstellung nur ein kleiner Posten. Gemessen am Verkaufspreis, schrumpft er noch einmal, denn in der Branche geht man davon aus, dass Apple an jedem Gerät einen operativen Gewinn von mindestens 50 Prozent macht. Bei durchschnittlichen Einnahmen von rund 480 Euro pro verkauftem iPhone, so Dediu, seien das also mindestens 240 Euro.

Zwar ist das nicht der Reingewinn, denn Apple steckt enorme Summen in die Entwicklung neuer Produkte. Doch auch der ausgewiesene Profit ist gewaltig: Im ersten Quartal 2012 verkaufte der Konzern Produkte für mehr als 35 Milliarden Euro und machte dabei annähernd zehn Milliarden Euro Profit. Apple gilt als reichstes Unternehmen der Welt, mit Rücklagen, die selbst das Bargeldguthaben der USA übersteigen. Man sollte denken, dass ein solcher Gigant keine Debatten um chinesische Produktionsverhältnisse zu fürchten bräuchte.

Doch tatsächlich ist das für Apple ein wunder Punkt. Und obwohl die offizielle Firmen-PR die Probleme kleinzureden versucht, erzählen Mitarbeiter im privaten Gespräch, dass die Situation bei den Zulieferern im Moment die größte Gefahr darstelle, mit der die Marke konfrontiert sei. 2011 war für Apple ein besonders unrühmliches Jahr. Im Mai kamen bei einer Explosion in einer Zulieferfabrik im westchinesischen Chengdu drei Menschen ums Leben, mehr als zwölf weitere wurden verletzt. Ausgelöst wurde die Detonation durch unvorsichtigen Umgang mit Aluminiumstaub, der beim Polieren von iPad-Gehäusen entstanden war. Nur wenige Wochen später ereignete sich in einer Fabrik bei Schanghai ein ähnlicher Unfall. Diesmal wurden mehr als 60 Menschen verletzt. Die Hongkonger Arbeiterschutzinitiative Sacom erklärte, sie habe Apple schon länger auf die Sicherheitsrisiken hingewiesen.

Bereits im Jahr 2009 hatten Aktivisten die Kalifornier wegen einer Selbstmordserie beim größten Zulieferer Foxconn ins Visier genommen. Innerhalb eines Jahres versuchten sich mindestens ein Dutzend Arbeiter umzubringen, indem sie sich von Firmengebäuden hinabstürzten. In Abschiedsbriefen klagten sie über schlechte Arbeitsbedingungen und Armut. Und dann war da noch der Anfang2011 bekannt gewordene Fall des Touchpad-Zulieferers Wintek in Suzhou, bei dem 137 Arbeiter Vergiftungen erlitten, weil sie beim Polieren der Bildschirme mit der Chemikalie Hexan in Berührung kamen. Dang Xianglan war eine von ihnen.

Ein Unfall erweist sich als Glück im Unglück

Die Wintek-Fabrik ist eine graue sechsstöckige Burg am Rand eines der größten chinesischen Industriegebiete, dem Suzhou Industrial Park, 60 Kilometer westlich von Schanghai. Das Firmengelände ist mit einem hohen Zaun umgeben, an den Toren stehen Wachposten. Rund 40000 Menschen arbeiten bei dem Ableger eines taiwanesischen Elektronikimperiums. Morgens werden die Arbeiter mit Bussen gebracht und durchschreiten die Sicherheitskontrollen. Wie bei allen Apple-Zulieferern herrscht strengste Geheimhaltung. Wer das Werk besuchen möchte, wird mit dem Hinweis auf Geschäftsgeheimnisse abgewiesen. Das mag ein berechtigtes Argument sein - oder aber ein willkommener Vorwand, Recherchen über Arbeitsbedingungen zu verhindern, um die es in der Vergangenheit nicht zum Besten stand.

Wie genau es zu dem Hexan-Skandal kam und wie Wintek und Apple darauf reagierten, darüber gibt es unterschiedliche Berichte. Dang erinnert sich so: "Ich hatte ungefähr zwei Jahre lang in der Bildschirmmontage gearbeitet, als ich mich im Sommer 2009 krank fühlte. Ich konnte nicht mehr richtig greifen und stehen, meine Hände und Füße wurden taub, und ich bekam Ausschläge." Sie war nicht die erste Arbeiterin mit derartigen Symptomen. Wintek schickte sie in ein Krankenhaus, wo man eine Vergiftung diagnostizierte. Zehn Monate habe sie daraufhin in der Klinik verbracht, erzählt Dang - eine lange Zeit bangen Wartens, ob die Symptome abklingen würden. Die Kosten übernahm der Arbeitgeber, der auch ihren monatlichen Grundlohn von 160 Euro weiterzahlte. Außerdem bekam sie Schmerzensgeld. Über die genaue Höhe möchte sie zwar nicht sprechen, doch andere Arbeiter berichten von 6000 bis 10000 Euro, was zwei bis drei Jahresgehältern entspricht. Dang findet das alles andere als selbstverständlich: "In vielen Fabriken würde man in einer solchen Situation einfach entlassen." Was das chinesische Gesetz für solche Fälle vorsieht, weiß sie nicht. Wie viele Chinesen ist sie nicht in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass es einklagbare Rechte gibt. Zweieinhalb Jahre nach ihrer Erkrankung hat sie zwar immer noch nicht das Gefühl, wieder die Alte zu sein, doch immerhin kann sie wieder arbeiten. Um sie zu schonen, hat Wintek sie zum Tücherfalten eingeteilt - 3000 Läppchen pro Tag gelten als bequeme Aufgabe. "Es war eine beängstigende Sache", sagt Dang, "aber ich habe Glück im Unglück gehabt."

Cui Guangshuang sieht das anders. Der 42-Jährige gehörte ebenfalls zu den Opfern. Vier Jahre lang hatte der Elektriker die Fließbandanlagen gewartet, an denen die Chemikalie eingesetzt wurde, als auch bei ihm Vergiftungserscheinungen auftraten. Dass er auf Winteks Kosten ins Krankenhaus kam, ist aus seiner Sicht reiner Zufall. "Die Fabrik hat damals alle Verdachtsfälle in eine bestimmte Klinik geschickt, aber weil die Tests sehr aufwendig waren, konnten dort pro Tag nur drei bis vier Patienten untersucht werden. Die Mehrheit von denen, die sich krank fühlten, hat nie einen Arzt sehen können." Viele Kollegen hätten die Firma deshalb verlassen. Einen Betriebsrat, der sich des Falles hätte annehmen können, gab es nicht.

Cui verbrachte vier Monate im Krankenhaus. Auch er erhielt sein Grundgehalt, und als er sich mit anderen Arbeitern gemeinsam beschwerte, zahlte man ihm zusätzlich die Überstundenzuschläge aus, die er in seiner Krankenzeit hätte verdienen können. Außerdem erhielt er eine Entschädigung von 6000 Euro. Doch als ein Jahr darauf sein Vertrag auslief, wurde er vor die Tür gesetzt - obwohl Wintek damals Elektriker suchte. Womöglich sei er der Firma lästig gewesen, mutmaßt Cui, vielleicht aber auch zu alt. "Die Fabriken wollen nur Arbeiter in den Zwanzigern und Dreißigern, weil die belastbarer sind", sagt er. "Inzwischen habe ich zwar einen neuen Job gefunden, aber das Gehalt für ältere Arbeiter ist niedriger, und wovon ich einmal meine Familie ernähren soll, wenn ich auf die 50 zugehe, weiß ich nicht." Formal gesehen, müsste das alles nicht Apples Sorge sein. Die Kalifornier sind bei Wintek & Co nur Kunden, und die Überwachung chinesischer Fabriken ist Aufgabe chinesischer Behörden -deren Bestimmungen zumindest auf dem Papier inzwischen mit westlichen vergleichbar sind. Doch viele sehen Apple dennoch in der Pflicht; Sacom warf dem Konzern vor, die Arbeiter seiner Zulieferer wie "iSlaves" zu behandeln.

Ausbeutung ohne Ende? Nicht mit der Jugend

Dem begegnet Apple wie die meisten Markenunternehmen mit einem Code of Conduct. Vertragspartner sollen garantieren, "dass die Arbeitsbedingungen in Apples Zulieferkette sicher sind, dass die Arbeiter mit Respekt und Würde behandelt werden und dass die Herstellungsprozesse nach Umweltgesichtspunkten verantwortlich sind". Doch etliche Zulieferer halten sich nicht daran, wie das Unternehmen selbst zugibt. Nach einem Anfang 2012 veröffentlichten Bericht hat Apple bei der Inspektion von 229 Fabriken in 93 Fällen festgestellt, dass mindestens die Hälfte der Arbeiter mehr als das vorgeschriebene Maximum von 60 Stunden pro Woche leistete. Ebenso viele arbeiteten mehr als sechs Tage pro Woche. Außerdem gab es mehrere Fälle von Diskriminierung, fehlenden Sicherheitsvorkehrungen, nicht gezahlten Überstundenzuschlägen und anderen Verstößen.

Apple will mit seinen im Jahr 2007 veröffentlichten Inspektionsberichten zeigen, dass man das Problem ernst nimmt. Doch den Kritikern geht das nicht weit genug. "Westliche Unternehmen hätten nicht so hohe Margen, wenn sie in China nicht so sehr die Preise drückten", sagt Han Dongfang, Gründer der Hongkonger Organisation China Labour Bulletin. "Wenn sie das Problem von ,made in China' wirklich lösen wollten, müssten sie bereit sein, den chinesischen Arbeitern deutlich mehr zu bezahlen."

Wäre dies angesichts des geringen Anteils der Lohnkosten nicht leicht? Tatsächlich hat zumindest Foxconn die Löhne als Reaktion auf die Selbstmorde mehrfach erhöht. Doch der Kostendruck existiert nach wie vor -und kaum eine Firma verhandle so hart wie Apple, heißt es in der Branche. Von den Zulieferern holten die Amerikaner nicht nur Angebote ein, sondern auch detaillierte Aufstellungen darüber, wie die Kosten zustande kämen. Firmen wie Wintek oder Foxconn hätten deshalb Mühe, ihre Gewinnmargen zu halten. Und wenn Auftraggeber an der Kostenschraube drehten, bekämen dies die Arbeiter zu spüren.

Doch vielleicht lassen die sich das nicht mehr lange gefallen. Während die Generation von Dang Xianglan und Cui Guangshuang noch in Armut aufgewachsen und mit wenig zufrieden ist, sind die Jüngeren weniger leidensfähig. "Was für eine Mistarbeit", echauffiert sich ein 21-Jähriger, als er abends vor dem Wintek-Wohnheim aus dem Firmenbus steigt. Er habe gerade seinen ersten Tag am Fließband verbracht. Ein Jobvermittler aus seiner Heimatprovinz Shanxi habe ihn mit einer Gruppe von rund 150 Jugendlichen nach Suzhou gebracht, um in der Fabrik zu arbeiten. "Morgen gehen wir da nicht mehr hin", hätten er und einige seiner Freunde beschlossen, "nicht für dieses Geld." Wie fast alle seine Begleiter ist er Einzelkind. "Bitternis zu essen", wie es im Chinesischen heißt, habe er nie gelernt, sagt er offen. "Und ich habe auch nicht vor, es zu lernen."

Das ist nicht nur Übermut. Fachleute prophezeien, dass die anspruchsvolle chinesische Jugend die Löhne in die Höhe treiben werde. Allerdings wird es noch lange dauern, bis diese westliches Niveau erreichen. Das Magazin "The Atlantic" hat den Ladenpreis eines iPad2 errechnet, wenn es in den USA zum landesüblichen Lohn hergestellt würde. Bei gleicher Gewinnmarge für Apple müsste das iPad2 873 statt 558 Euro kosten. Doch da die Kunden der Firma ohnehin nicht sehr aufs Geld schauen, wären sie dazu vielleicht sogar bereit, um guten Gewissens Produkte made in China kaufen zu können. Und wenn das bei einem iPhone oder iPad nicht möglich sein sollte - wo dann? -