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Zu viel des Guten

Agustín Haya de la Torre hat ausländische Nichtregierungsorganisationen in Peru beaufsichtigt. Warum das nötig ist, erzählt er hier.




brandeins: Herr Haya de la Torre, die Andenländer gehörten einst zu den Lieblingsländern der Entwicklungshilfe. Können Sie aus dem Stand heraus sagen, wie viele Organisationen in Peru tätig sind?

Haya de la Torre: Es sind gut 1500. Wir unterscheiden drei Kategorien. Da sind zum einen die Nichtregierungsorganisationen, davon haben wir 908, darüber hinaus gibt es 151 Organisationen, die beratende Tätigkeiten ausführen oder technische Hilfe leisten. Und dann sind da noch 406, die Spenden schicken, etwa gebrauchte Klamotten, gebrauchte Rollstühle, solche Sachen. In der Regel kommt das Geld aus den USA, Kanada und den Ländern der Europäischen Union.

Wie wichtig sind NGOs für die Entwicklungsarbeit eines Landes?

In Peru spielen sie eine kleine Rolle. Unser Staatshaushalt beträgt 34 Milliarden Dollar. Rund 40 Prozent davon geben wir für Bildung, Gesundheit und Soziales aus. Die Organisationen, die ich gerade genannt habe, verwalten zusammen ein Budget von 32 Millionen Dollar. Sie sehen: Der Staat leistet den größten Anteil. Der Beitrag der NGOs ist gemessen daran minimal.

Ist er trotzdem sinnvoll?

Viele große Organisationen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit sind sehr professionell und haben hervorragende Programme. Aber es gibt auch Länder, die damit knallhart ihre Interessen verfolgen. Etwa ein Drittel aller Entwicklungshilfegelder, die wir erhalten, kommt aus den USA. Davon fließen 90 Prozent in den Kampf gegen die Drogen und landen vor allem bei der Polizei. Länder wie Südkorea, China oder Japan leisten Hilfe, weil das strategisch wichtig ist für ihre Außenpolitik. Sie wirken manchmal wie Neureiche.

Jetzt sprechen wir aber von staatlichen Institutionen.

Weil sie in diesem Kosmos eine Rolle spielen. Große Entwicklungshilfeorganisationen oder ein Ministerium schreiben regelmäßig wichtige Projekte aus und suchen dafür Partner, die sie übernehmen. Eine NGO kann an einer solchen Ausschreibung teilnehmen und so zu Geld kommen. Mit der Agentur für Internationale Zusammenarbeit, deren Präsident ich war, beobachten wir, wer welche Gelder erhalten hat, und wir verlangen auch Rechenschaft darüber, wie sie verwendet wurden.

Und, werden sie verantwortungsvoll eingesetzt?

Das hängt von den einzelnen Organisationen ab. Die Regierung in Peru hat die ärmsten Regionen des Landes, wo am dringendsten Hilfe nötig ist, identifiziert und einen Entwicklungsplan verabschiedet, der regelmäßig aktualisiert wird. Das läuft in geordneten Bahnen ab, und in diesem Rahmen werden die Mittel sinnvoll verwendet. Aber daneben gibt es natürlich noch die NGOs, deren Projekte nicht über die Regierung laufen. Sie müssen sich zwar registrieren. Aber sie können nicht kontrolliert werden. Dabei handelt es sich um Verträge zwischen privaten Partnern, etwa so, als ob Sie mir Geld gäben, damit ich es ausgebe. Diese Organisationen sind sehr viel schwerer in einen nationalen Entwicklungsplan einzubinden.

Der Staat hat keine Handhabe?

Wir haben sehr liberale Gesetze hinsichtlich der NGOs, und grundsätzlich können sie hierherkommen, sich registrieren lassen und loslegen. Aber bei manchen frage ich mich schon, welche Interessen dahinterstecken.

Um zu helfen?

Lassen Sie es mich so sagen: Es ist schon kurios, wenn die Bergarbeitergewerkschaft von Kanada sich in Peru für die Organisation derjenigen einsetzt, die gegen Bergwerke protestieren.

Internationale Solidarität – was ist daran kurios?

Peru ist einer der größten Metallproduzenten der Welt: Gold, Silber, Kupfer, Blei, Nickel...wir haben gigantische Rohstoffvorkommen. Keine Frage, das führt immer wieder zu Konflikten. Denn Bergbau zieht Umweltverschmutzung und soziale Veränderungen in den betroffenen Gemeinden nach sich. Damit haben wir schon genug Probleme. Doch dann kommen plötzlich Bergarbeiter aus Kanada und solidarisieren sich mit den Betroffenen. Sie sagen: Peru hat wunderschöne Berge, wunderschöne Wälder, wunderschöne Küstengegenden und Flüsse, und die sollten erhalten werden. Merken Sie was? Hört man ihnen zu, dann könnte man meinen, sie wollten unser Land in einen Freizeitpark verwandeln, so wie Disneyland, nur eben aus unangetasteter Natur. Man wird den Verdacht nicht los, dass die kanadischen Gewerkschaften ganz andere Interessen haben: dass sie sich für unsere Natur gar nicht so stark interessieren und es ihnen eher darum geht, einen Konkurrenten loszuwerden. Der Unterschied ist jedoch: Kanada ist schon industrialisiert. Wir nicht. Wir haben ein Pro-Kopf-Einkommen von 5200 Dollar im Jahr. Wir müssen uns weiterentwickeln.

Fühlen Sie sich bevormundet?

Eine NGO will bestimmte Ziele durchzusetzen. Nicht immer geschieht das offen. Es gibt viele Dinge, die wichtig sind: Gesundheit, Gleichstellung von Mann und Frau, Rechte der Indígenas, Bildung, Menschenrechte. Eine NGO ist zunächst weder gut noch böse, hilfreich oder hinderlich. Nicht selten jedoch arbeiten sie auf Feldern, denen wir nicht die oberste Priorität einräumen. Und dann kriegen diese Themen plötzlich in der internationalen Wahrnehmung eine Aufmerksamkeit, die ihrer tatsächlichen Bedeutung nicht entspricht. Das ist zum Beispiel bei vielen NGOs der Fall, die sich für die Rechte der Ureinwohner einsetzen.

Es ist wohl unbestritten, dass die Indígenas in Peru nicht gleichberechtigt sind.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Es steht außer Frage, dass die Gleichberechtigung das Ziel sein muss. Das ist auch meine Überzeugung. Aber: Peru hat eine Gesamtbevölkerung von 29,4 Millionen Menschen, rund 332000 davon sind die Indígenas der Amazonas-Region - es ist also ein kleiner Anteil an unserer Bevölkerung. Und daran sollte man das Problem messen. Manche NGOs kommen hier ins Land und behandeln uns, als ob wir alle noch immer Kopfschmuck trügen und nicht lesen könnten. Dabei sind wir uns der Verhältnisse in unserem Land bewusst und wissen, was verändert werden muss. Deshalb sage ich: Nicht jede Einmischung seitens der NGOs ist hilfreich.

Aber Kritik wird doch erlaubt sein.

Es wäre nur schön, wenn man dabei die Kirche im Dorf lassen würde. Ein Beispiel: Im Jahr 2009 protestierten Indígenas in der Stadt Bagua in der Amazonas-Region gegen die Abholzung der Wälder. 2000 von ihnen kamen da zusammen. Zum Zeichen ihres Protests blockierten sie eine Straße. Man muss wissen: Nicht wenige von ihnen waren beim Militär, sie wissen, wie man mit Waffen umgeht, und einige hatten ihre Jagdgewehre dabei. Als die Polizei die Straße räumen wollte, kam es zu einem fürchterlichen Massaker. Es gab 33 Tote. 24 davon waren Polizisten. Sie wurden von den Indígenas entwaffnet und exekutiert. Regierung und Polizei haben damals die Lage vollkommen falsch eingeschätzt und hätten anders handeln müssen, so viel ist klar. Aber: Eine dänische NGO hat in der Öffentlichkeit Peru so dargestellt, als ob die Regierung ein Gemetzel an Indígenas angerichtet hätte. Der Anführer der Indígenas, Alberto Pizango, erhielt daraufhin in Nicaragua Asyl, obwohl er in Peru überhaupt nicht politisch verfolgt wurde. Später kam er zurück, und auch da wurde er nicht verfolgt. Er wollte sogar Präsident werden.

Welches Interesse könnten NGOs daran haben, Konflikte aufzubauschen?

Es geht ihnen um Aufmerksamkeit. Sie wollen ihre Sicht der Dinge verbreiten. Manchen geht es aber auch nur um ihren Job. Sie wollen, was ja verständlich ist, auch nächstes Jahr noch eine Stelle haben. Wer in der Zeitung steht, kommt in Europa oder den USA und Kanada einfacher an Geld. Und andere sind schlicht Gauner.

Gauner?

Ganz richtig. Entwicklungshilfe ist auch ein Geschäft. Als es vor einigen Jahren im Süden Perus eine fürchterliche Kältewelle gab, schickten vor allem Hilfsorganisationen aus den USA Pullover. Es kam vor, dass diejenigen, die sie in Empfang genommen hatten, dann zu den Bürgermeistern in der Region gefahren sind und gesagt haben: Ich habe 20 Tonnen Klamotten. Wenn du mir 3000 Euro gibst, gehören sie dir. Oder eine andere Organisation, die aus den USA Rollstühle als Spenden erhalten hatte, hat sie dann für 50 Dollar das Stück verkauft. Aber darum muss sich dann die Polizei kümmern.

Das klingt, als könnte es gar nicht genug Kontrolle geben.

Das sehen ja auch alle ein. Als wir das NGO-Register eingeführt haben, gab es zunächst einen Aufschrei. Dann haben aber alle mitgemacht. Vor allem die ausländischen Partner wollten es. Und inzwischen leisten wir ja selbst Entwicklungshilfe, und da ist es ganz sinnvoll, wenn man über solche Instanzen verfügt.

Hilft es, wenn ein Empfänger- zum Geberland wird?

Wir schicken eigene Experten, etwa nach Haiti, meist mit Geld, das wir selbst aus dem Ausland erhalten haben. Wir können in etlichen Bereichen helfen, etwa in der Landwirtschaft oder der Sozialpolitik. Wir sind selbst ein Entwicklungsland, wir haben Lernprozesse hinter uns, da können andere durchaus von unseren Erfahrungen profitieren. Und politisch wertet uns das natürlich auf.

Agustín Haya de la Torre, geboren 1948, war von 2006 bis 2008 Direktor der peruanischen Behörde für Internationale Zusammenarbeit (APCI) und von 2008 bis 2011 Präsident des Rates für strategische Planung. Er lehrt Soziologie an der Universität San Marcos in Lima. In den Achtzigerjahren saß er für die sozialdemokratische APRA-Partei im Parlament, die sein Onkel 1924 gegründet hatte und die zu den wichtigsten Parteien im Land gehört. Die APCI-Behörde wurde 2001 gegründet, um die Hilfsgelder, die Peru aus dem Ausland erhielt, zu verwalten und die Entwicklungshilfe zu koordinieren. Seit 2004 sind peruanische Nichtregierungsorganisationen, die von ausländischen Partnern wie etwa der deutschen GIZ Geld erhalten, gesetzlich verpflichtet, darüber bei APCI Rechenschaft abzulegen. Anzugeben ist, wofür das Geld genutzt werden soll, und einmal im Jahr muss belegt werden, wie die Mittel verwendet wurden. Eine Entscheidung, gegen die viele NGOs heftig protestiert haben.