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Finger weg, Faschos!

Wer falsche Freunde loswerden will, sollte deutlich sagen, was er von ihnen hält. So wie die Sport- und Modemarke Lonsdale.




• Geurt Schotsman empfängt mit dem Co-Geschäftsführer Lamine Haine in seinem kleinen, mit allerlei Box-Devotionalien geschmückten Büro in einem Gewerbebau in Neuss. Der 65-Jährige stand in seiner Jugend als Weltergewichtler selbst im Ring und hat sich den federnden Gang eines Boxers bewahrt. Seine Firma Punch handelt mit Sport- und Freizeitkleidung en gros. Die wichtigste Marke ist Lonsdale aus London, für die Schotsmans Firma europaweit die Lizenz besitzt. Er ist Niederländer, Haine algerischer Herkunft und auch die Belegschaft bunt gemischt, 13 Nationen sind vertreten.

Das passt zum Werbeslogan "Lonsdale loves all colours" (Lonsdale liebt alle Farben) – und widerspricht dem Ruf, der wie Pech an dem Label klebt: Accessoire brauner Buben zu sein. Erst kürzlich erschien eine Meldung mit dem Titel "Auf rechts gedreht" im "Spiegel" über die bei "Neonazis beliebte Textil- und Schuhmarke". Illustriert war sie mit einem Foto, das einen Skinhead in Lonsdale-Jacke zeigte. Es stammt aus dem Jahr 2002. Schotsman und Haine sind sauer über den Bericht, weil die Marke sich seit jener Zeit bereits deutlich und mit Erfolg von ihren falschen Freunden distanziert hat.

Nach der Wiedervereinigung hatten vor allem rechte Skinheads in Ostdeutschland Lonsdale entdeckt – wegen des Schriftzugs, der sich mit einer Jacke über dem T-Shirt auf NSDA verkürzen lässt (das P zur Vervollständigung der NSDAP darf man sich dazudenken). "Wir haben damals diskutiert", erinnert sich Schotsman, "was wir tun sollen. Neutral bleiben? Oder Farbe bekennen?" Er entschloss sich zu Letzterem. Punch begann, antifaschistische Initiativen wie "Laut gegen Nazis" zu unterstützen und braune Läden zu boykottieren. Das kostete Umsatz, in manchen Gegenden Sachsens bis zu drei Viertel, so der Chef. Angeblich soll es sogar zu rituellen Verbrennungen von Lonsdale-Klamotten durch Neonazis gekommen sein. Die wechselten zu Textilien der Marken Consdaple (sic!) oder Thor Steinar.

Die klare Haltung von Punch hatte auch geschäftliche Vorteile. 2006 kündigte das Versandhaus Quelle – alarmiert von Jusos aus Papenburg – an, Lonsdale auszulisten, weil die Marke im Ruf stand, Nazi-Ausstatter zu sein. Die Firma revidierte diese Entscheidung aber schnell, weil Antifaschisten sich glaubhaft für das Label in die Bresche warfen. Mittlerweile ist in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Punch geregelt, dass die Produkte nicht in Geschäften angeboten werden dürfen, die auch Nazi-Marken führen. So konsequent distanzieren sich wenige Unternehmen von ungeliebter Kundschaft.

Neben Aktivisten – die in Lonsdale-T-Shirts bei Demos gegen Rechts auftreten und so Gratis-Imagewerbung für das Unternehmen machen – sponsert Punch seit 2011 auch die Boxabteilung des FC St. Pauli in Hamburg. Der passt ins multikulturelle Bild und führt zurück zu den Wurzeln, dem Boxsport. All das trägt dazu bei, die originelle Lonsdale-Story fortzuspinnen. Sie macht den Unterschied im lukrativen Geschäft mit – durchaus verwechselbaren – T-Shirts, Kapuzenpullovern und Jogginghosen.

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Hugh Lowter, der fünfte Graf von Lonsdale, ist ein Lebe- und Sportsmann. Als Präsident des National Sporting Clubs organisiert er 1891 den ersten Boxwettkampf in England, bei dem Handschuhe getragen werden. 1959 holt sich der Ex-Boxer Bernhard Hart die Genehmigung, den Namen Lonsdale für Sport-Equipment zu nutzen. Sein 1960 in Soho gegründetes Geschäft wird ein Erfolg - dank Sportstars wie Muhammad Ali und hipper Jugendlicher, die Lonsdale auf der Straße tragen. In den Neunzigerjahren expandiert Lonsdale nach Kontinentaleuropa, dann nach Australien. Später entdecken Neonazis die Marke - die wegen ihres dominanten Schriftzugs viel stärker auffällt als andere in diesen Kreisen beliebte Labels. 2002 übernimmt die Sports Direct International, der größte Sportartikelhändler Großbritanniens, Lonsdale. Er setzt auf die Multikulti-Kampagne "We love all colours" und die weltweite Expansion. Punch GmbH Mitarbeiter: 32; Umsatz mit Lonsdale im Jahr 2011: rund 10 Millionen Euro; Marketingausgaben (darunter auch gesellschaftliches Engagement): rund vier Prozent vom Umsatz