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Kleinkriegshandwerk

Jonas Kuckuk ist Lobbyist für sich und seinesgleichen: freie Handwerker. Die Geschichte eines leidenschaftlichen Kämpfers.




• "Ja. Doch. Ich werde es intern anregen", sagt der Beamte vom Landratsamt am anderen Ende der Leitung. Die Stimmlage sendet die Botschaft: Lassen Sie mich endlich in Ruhe! Jonas Kuckuk lässt sich nicht beirren: "Die Formulierung, die jetzt auf Ihrer Website steht, ist meiner Ansicht nach immer noch abmahnfähig."

Kuckuk, Reetdachdecker und Vorstandsmitglied des Berufsverbandes unabhängiger Handwerkerinnen und Handwerker e.V. (BUH), führt viele Kleinkriege. Jeden Tag. Gegen Handwerkskammern, Gewerbeämter oder wie jetzt gerade gegen das niedersächsische Landratsamt. Es hatte auf seiner Internet-Seite Bürger dazu aufgefordert, handwerkliche Aufträge nur an Mitgliedsbetriebe der Handwerkskammern zu vergeben. Kuckuk sagt: "Sie wissen genauso gut wie ich, dass eine Behörde keine Werbung für eine bestimmte Gruppe von Marktteilnehmern machen darf. Und eine andere diskriminieren." Das hat der Beamte ohnehin amtlich, weil Kuckuk die Formulierung erfolgreich abgemahnt hat.

In der Folgeschlacht geht es um den Hinweis auf der Website: "Informationen erhalten Sie von Ihrer örtlichen Handwerkskammer." Kuckuk sagt: "Da muss zumindest stehen: Informationen erhalten Sie unter anderem bei Ihrer örtlichen Handwerkskammer und beim BUH." Der Beamte wendet ein, dass Einzelpersonen kein Recht hätten, von einer Behörde als Informationsquelle genannt zu werden. Kuckuk hält dagegen, dass er "nicht als Einzelperson genannt werden möchte, sondern bitte der BUH als Interessenvertretung der freien und gewerblichen Handwerkerschaft". Der Beamte seufzt: "Ja, ich werde es intern anregen." Kuckuk droht: "Wir werden wieder auf Ihre Seite schauen." Der Beamte sagt "Tschüss!" und legt auf. Kuckuk sagt: "Ich kann jeden verstehen, der ins Ausland geht. Da zählt deine Arbeit und nicht irgendein Jodeldiplom."

Große Klappe, starkes Rückgrat

Jonas Kuckuk, Jahrgang 1966, Freigeist mit linker Protestbiografie, Kind von 68ern, hat nie eine Dachdecker-Lehre gemacht. Er hat das Reetdachdecken als Hilfsarbeiter erlernt. Einen klassischen Handwerksbetrieb darf er ohne Meisterbrief oder Ausnahmegenehmigung für Altgesellen nicht gründen. Seine juristische Notlösung für berufliche Unabhängigkeit und Selbstbestimmung ist eine sogenannte Reisegewerbekarte. Mit der zieht er seit rund 15 Jahren von Gartenzaun zu Gartenzaun rund um Bremen und "schnackt" Besitzer von Häusern mit augenscheinlich maroden Reetdächern an. Er hat ein eigenes Gerüst, einen Pritschen-Laster und einen Bauhelm mit dem Aufkleber "Meisterfrei und Spaß dabei". In guten Jahren macht er nach eigenen Angaben "locker" 120.000 Euro Umsatz.

Doch diese Arbeit reicht dem Aktivisten aus Leidenschaft nicht. Und so ist er zum Lobbyisten für eine Berufsgruppe geworden, die kaum Beachtung findet: "freie Handwerker". Er kämpft "für das Grundrecht auf freie Berufsausübung" oder, pathetischer ausgedrückt, um Selbstbestimmung. Er tue das, sagt Kuckuk, weil er "dankenswerterweise eine so große Klappe hat und die ihn immer schützt. Während andere sich nicht trauen und wegducken und dann auf die Fresse bekommen." Die Handwerkskammern, Körperschaften öffentlichen Rechts, haben eine andere Wahrnehmung: Wenn sie "freies Handwerk" hören, wittern sie "unerlaubtes Handwerk".

Der BUH spricht für Menschen, die auf einen Markt wollen, der traditionell stark reguliert war. Allerdings wurden mit der Novelle der Handwerksordnung im Jahr 2003 bereits eine ganze Reihe von Berufen von der Meisterpflicht befreit beziehungsweise Ausnahmeregelungen für solche mit Meisterpflicht eingeführt. Diese Deregulierung bedeutet für die traditionelle Handwerkerschaft vor allem eines: mehr Konkurrenz durch Neugründungen. Das ist im Interesse der Kunden – wenn die neuen Betriebe denn anständig arbeiten. So weit das Grundsätzliche.

Im Detail ist die Rechtslage unübersichtlich. Denn die Handwerksordnung schränkt die in Deutschland geltende Gewerbefreiheit nach wie vor ein. Dafür gibt es gute Gründe: So darf nicht jeder, der sich das zutraut, Stromkabel verlegen oder Gasthermen warten. Das ergibt Sinn.

Warum der Markt nicht wie in den meisten Ländern darüber entscheiden darf, wer eine gute Friseurin ist, sondern auch darüber die Meisterprüfer der Handwerkskammern befinden, ergibt für Jonas Kuckuk keinen Sinn. "Geschlossene Gesellschaft wie im Mittelalter", schimpft er. "Und bei der Verfolgung hat sich auch nicht allzu viel verändert." Das mag übertrieben klingen, aber es gibt einen wahren Kern: das Gesetz zur Bekämpfung der Schwarzarbeit und illegalen Beschäftigung. Es stellt nicht nur die Hinterziehung von Steuern- und Sozialabgaben unter Strafe, wie der Name vermuten lässt, sondern auch "unerlaubte Handwerksausübung". Entsprechend hart sind die Strafandrohungen beispielsweise für Gewerbetreibende auf dem Bau, die zwar ehrlich ihre Steuern bezahlen, aber laut Handwerksordnung kein Gartenmäuerchen hochziehen dürfen (siehe auch brandeins 06/2007).

Sein wichtigstes Handwerkszeug: das Telefon

Berufsverbände haben ihre Büros normalerweise im Berliner Regierungsviertel. Der BUH ist im Ökozentrum Verden e.V. Untermieter des Instituts für Mensch & Natur – Wohnraumgifte, Schimmelpilze, Elektrosmog. Wie viele Mitglieder sein Verband hat, will Kuckuk nicht verraten. Nur so viel: "Es ist eine vierstellige Zahl." Die Mitgliedsbeiträge finanzieren einen Raum mit drei Schreibtischen, für drei Mitarbeiter mit jeweils 30 Wochenstunden. Wie viele freie Handwerker es in Deutschland gibt, weiß niemand so genau. Auch nicht das Bundeswirtschaftsministerium. Sicher ist: Die Telefone an der Beratungs-Hotline des BUH klingeln ununterbrochen.

Kuckuks Kollege Lutz Weihe, ein ehemaliger Journalist von Radio Bremen, muntert auf der einen Leitung gerade eine Friseurin aus dem Ruhrgebiet auf. Sie will in Altenheimen als Selbstständige Haare schneiden. Beim örtlichen Gewerbeamt habe man sie entmutigt: Ohne Meisterbrief ginge fast gar nichts. Aber man habe ihr die Nummer vom BUH gegeben, "da Sie sich sehr gut mit eventuellen Ausnahme-Möglichkeiten auskennen sollen". Weihe ist überrascht – dass Gewerbeämter auf den BUH verweisen, kommt selten vor. Entmutigung von Friseurinnen ohne Meisterbrief dagegen häufiger. Weihe erklärt der Anruferin die Sache mit der Reisegewerbekarte, die ihr erlaube, in Seniorenheimen ihre Dienste anzubieten. Die Initiative müsse aber unbedingt von ihr selbst ausgehen. Dann lädt er sie zum nächsten Existenzgründer- und Buchhaltungs-Seminar nach Verden ein. Die Frau kündigt an zu kommen und will sich auch den Antrag auf Mitgliedschaft im Verband zuschicken lassen.

"Das sind die Leute, denen wir das Rückgrat stärken müssen", sagt Kuckuk. "Deshalb mache ich das hier. Und sitze nicht auf dem Dach, was ich eigentlich lieber täte." Auch er hat schon wieder einen Telefontermin. "Mit dem netten Dachdecker-Kollegen aus Nordrhein-Westfalen, den sie so richtig am Arsch gepackt haben."

Überhaupt scheint das Telefon das wichtigste Werkzeug beim BUH zu sein. Kuckuk stellt es wieder auf laut. Und bittet den Anrufer, noch einmal zu erzählen, wie die Polizei einst seine Wohnung wegen unerlaubten Handwerks durchsuchte und die gesamte Buchführung beschlagnahmte. Der Mann berichtet, ab und zu bricht ihm die Stimme. Wie er immer jede Rechnung seines Bauwerksabdichtungsbetriebs auf Heller und Pfennig versteuert habe. Dann die anonyme Anzeige, weil er bestimmte Arbeiten laut Handwerksordnung nicht habe ausführen dürfen und die Beschlagnahmung der gesamten Buchhaltung. Von der Staatsanwaltschaft habe er keine Kopien der Unterlagen bekommen und so die nächste Steuererklärung versäumt. Mahnbescheide, Privatinsolvenz und Erwerbslosigkeit seien die Folge gewesen. In den vergangenen Jahren habe er angestellt gearbeitet, die Dinge wieder auf die Reihe bekommen. Mehr als zehn Jahre sind seit der Hausdurchsuchung vergangen. "Die war ganz gewiss nicht rechtens", sagt er, aber er habe nun mal keine Lust, "bis vor das Verfassungsgericht zu klagen". Lieber wolle er sich mit der Hilfe des BUH wieder selbstständig machen. "Der Jonas" helfe ihm dabei, "rechtlich alles zu hundert Prozent glattzuziehen. Damit so was auf keinen Fall noch mal passieren kann."

Kuckuk übernimmt die Gesprächsführung. Es geht um Feinheiten, etwa welche Gewerke auf jeden Fall in die Reisegewerbekarte eingetragen werden müssten. Welche man als "Streichkandidaten" in den Antrag schreibe. Und wie man die Mitarbeiter des Gewerbeamtes dazu bringe, dem Antrag auch "zumindest zu 90 Prozent" zu folgen. Morgen ist der Termin auf dem Amt. "Viel Erfolg, lieber Kollege", wünscht Kuckuk, legt auf und sagt: "Bei dem wird das was. Und schade. Seinen Fall hätten wir vor dem Verfassungsgericht auf jeden Fall gewonnen."

Im Regal steht ein Ordner mit der Aufschrift "Karlsruhe". Rund 25 Verfahren wegen unrechtmäßiger oder unzulänglich begründeter Hausdurchsuchungen gegen angeblich unerlaubtes Handwerk hat der Berufsverband unabhängiger Handwerkerinnen und Handwerker mit seinen Anwälten begleitet. "Bei allen haben die Verfassungsrichter uns Recht gegeben, und nicht irgendwelchen Amtsrichtern, denen Grundrechte egal sind", stellt Kuckuk zufrieden fest. "Unser Ziel ist immer: vor Gericht streiten. Da gewinnen wir. Und jedes Urteil stärkt unsere Position."

Der Satz bleibt groß im kleinen Raum stehen. Kuckuk wendet sich seinem Computer zu. Er muss noch im "Forum-Gewerberecht" einen "Thread verfolgen". In dem Forum geben sich vor allem Juristen des öffentlichen Dienstes und Verwaltungsbeamte gegenseitig Tipps, wie sie mit schwierigen Fällen umgehen müssen. Kuckuk gehört zu den eifrigsten Diskutanten.

Was bewegt ihn wirklich?

Wenn der Handwerks-Lobbyist Jonas Kuckuk von seiner Arbeit auf Reetdächern erzählt, ändert sich sein Ton. Er spricht ruhiger, die Leitmotive Bedrohung, Unrecht und Kampf verschwinden. Stattdessen tauchen lauter liebenswürdige Figuren auf. Hans-Georg zum Beispiel, der in den Fünfzigerjahren eigentlich Schlachter gelernt hat. Und dem der Schlachtermeister nicht gesagt hat, dass es bei ihm im Sommer "immer aufs Dach geht". Oder Jan, dem CDUler, von dem Kuckuk gar nicht mehr weiß, was der ursprünglich einmal gelernt hat oder warum der eigentlich in der CDU ist. Jedenfalls war das ein total ehrlicher und guter Kollege. Wie viele Reetdachdecker hat er nach mindestens sechs Jahren Berufserfahrung bei der örtlichen Dachdeckerinnung irgendein kleines Modell eingedeckt, und irgendein alter Kollege hat dann gesagt: "Der kann das." Mit dem Ergebnis, dass die Innung ihn mit der Ausnahmeregelung für Altgesellen auch ohne Meisterprüfung in die Handwerksrolle eingetragen hat. Und Kuckuk sagt ganz ruhig und selbstironisch, so eine Prüfung wie die von Jan könne sogar er sich vorstellen.

Er erzählt von Stopfern und Klopfern, die man nicht kaufen kann, sondern selbst tischlern muss. Von "sackschweren" Bündeln, von denen er als junger Kerl noch vier unter den Arm klemmen konnte. Er berichtet, wie diese Bündel traditionell verschnürt werden. Was Reet von Stroh unterscheidet. Von Hornissennestern in Heidefirsten. Dass Reetdachdecker in der Mittagspause immer ein Nickerchen auf dem Reet machen.

Was die Frage aufwirft, warum Kuckuk eigentlich 30 Stunden pro Woche für ein sehr mageres Salär die Interessen von Handwerkern vertritt, die in seinen Erzählungen doch eigentlich ein so herrliches Leben haben. Und nicht einfach das tut, was ihm Spaß macht, nämlich mit Reet zu arbeiten.

Es gibt eine profane Antwort mit dramatischem Hintergrund. Vor vier Jahren riss bei ihm die Aorta der Länge nach, was in den meisten Fällen tödlich endet. Kuckuk lag zwei Monate im Koma, verlor fast ein Bein und kann heute körperlich nicht mehr so hart arbeiten. Da kam ihm der Bürojob gerade recht.

Doch das dürfte nicht die ganze Wahrheit sein. Kuckuk hat sich schon zuvor für unabhängige Handwerker eingesetzt. Und er selbst stand – anders als viele Kollegen – finanziell immer gut da, wie er betont. Sein Kampf für die Interessen freier Handwerker ist also auch ein Kampf um persönliche Anerkennung. Kuckuk hat eine durchaus hohe Meinung von sich: "Eigentlich müsste ich heute im Bundestag sitzen. Klassensprecher. Schülerrat. Stadtschülerrat. Landesschülerart. Ab in eine Partei, egal in welche, und dann wäre Bundestag die logische biografische Entwicklung gewesen."

So ähnlich wie bei Jürgen Trittin, seinem rund zwölf Jahre älteren Nachbarn, als er noch mit der Mutter in Göttingen wohnte. Der brachte es bekanntlich bis zum Bundesumweltminister. Kuckuk war nach dem Zivildienst eine Art inoffizieller Pressesprecher der Bremer Hausbesetzer-Szene, Leiter eines Antifa-Cafés, Angestellter in öffentlichen Arbeitsbeschaffungs-Maßnahmen, Pferdepfleger reicher Leute und schließlich freier Reetdachdecker mit ökologisch-pazifistisch-anarchisch-libertärem Weltbild.

Eine weitere Selbstbeschreibung lautet: "Nervensäge ohne Meisterbrief." Die versucht hartnäckig, den Kleinkrieg auf eine bundespolitische Ebene zu heben. Zwar fiel mit der Handwerksnovelle von 2003 der Meisterzwang für viele Gewerke, zum Beispiel für Korbmacher, Sticker oder Fliesenleger. Der Zugang zu umsatzstarken Handwerksberufen aber blieb beschränkt.

Für die etablierten Parteien ist das Thema erledigt

"Die Handwerkskammern können immer mit allen", sagt Jonas Kuckuk. "Jetzt ist der Zentralverband mit den Grünen ins Bett gestiegen. Wegen der Wärmedämmung und der Solaranlagen." Dann erzählt er von seinem für ihn frustrierenden Besuch bei einer Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium der damaligen rot-grünen Bundesregierung, der er endlich mal in einem direkten Gespräch die Lage der freien Handwerker schildern konnte und die ihm dann die Frage gestellt habe: "Wenn das alles so kompliziert ist, warum machen Sie dann nicht etwas anderes?" Das Verständnis für die Sorgen und Nöte der freien Handwerker ist in der schwarz-gelben Regierung nicht größer geworden. Heute sei es schwer, überhaupt zu Terminen mit "unteren Ebenen zu kommen".

Sein Mitstreiter Lutz Weihe sagt über Kuckuk, dass dieser oft Extrempositionen vertrete. Aber davon abgesehen, sei es schon auffällig, dass sich wirklich keine politische Gruppierung an das Thema Gewerbefreiheit im Handwerk herantraue. Kuckuk drückt es so aus: Die Gewerkschaften und Linke sähen in freiem Handwerk entweder prekäre Arbeitsverhältnisse oder suspektes Arbeitgebertum. SPD, CDU und FDP seien besonders auf regionaler Ebene und in bester bundesrepublikanischer Verbandsstaatstradition mit den Handwerkskammern verbandelt. Über allem schwebe für die gewerblich arbeitenden Handwerker das Damoklesschwert des Schwarzarbeitergesetzes.

Zwar sollte es politischen Entscheidungsträgern nicht schwerfallen, den Unterschied zwischen Steuerhinterziehung und Verstößen gegen eine restriktive Handwerksordnung zu verstehen. Doch politische Kommunikation arbeitet bekanntlich gern mit dem Holzhammer. Wenn eine Fraktion "mehr Gewerbefreiheit" fordert, kann die andere mit "Vorsicht, Schwarzarbeit!" kontern.

"Kein Politiker möchte sich wegen uns freien Handwerkern die Finger verbrennen", sagt Kuckuk. Im Bundeswirtschaftsministerium sieht man die Dinge anders. "Mit der Novellierung der Handwerksordnung von 2003 hat der Gesetzgeber einen guten Mittelweg gefunden." Die Stärken des deutschen Handwerks wie Qualität und gute Ausbildung seien erhalten worden. "Die Ausnahmeregelungen für Gründer ohne Meisterbrief sind aber großzügig ausgestaltet", heißt es in einer Stellungnahme. Das Ministerium verweist auf Studien, wonach nur noch 38 Prozent der neuen Betriebe durch Handwerksmeister gegründet werden. Vor allem Altgesellen mit mehr als sechs Jahren Berufserfahrung machen sich heute ohne Meisterbrief selbstständig. "Die Zahl der Problemfälle von Gründungswilligen hat seit der Handwerksnovelle radikal abgenommen", heißt es weiter.

Die Botschaft aus Berlin: Wenn ein fähiger Handwerker wirklich selbstständig arbeiten will, findet er heute einen Weg im System. Im Gespräch mit dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) - nach Eigenbeschreibung die "Wirtschaftsmacht von nebenan" – klingt durch: Eigentlich "sind es zu viele, die diesen Weg finden". Mit der Liberalisierung des Marktes wurde nach Einschätzung des ZDH-Sprechers Alexander Legowski "der Weg in die Dequalifizierung" eingeschlagen. Die habe auch erhebliche soziale Folgen: "Zehntausende Scheinselbstständige oder Menschen in prekärer Selbstständigkeit sind in den vergangenen Jahren aus den seit 2004 gewerbefreien Berufen in die Handwerksrolle eingetragen worden. Diese Betriebe bilden nicht aus und sind auch selten bestandsfest." Bestandsfest soll heißen: Viele fangen an, kommen nicht klar, geben wieder auf.

Neue Freunde: die Piraten und Hans-Olaf Henkel

"Wenn ich in Berlin irgendwo zum x-ten Mal anrufe, melde ich mich gerne mit den Worten: ,Hallo, hier ist die Nervensäge ohne Meisterbrief'", sagt Jonas Kuckuk. Ja, es sei natürlich nicht leicht, "mit den eigenen Botschaften im Geflecht der etablierten Institutionen durchzudringen". Aber Aufgeben sei natürlich keine Option. Unterstützung komme oft von Seiten, "die man bisher gar nicht auf dem Zettel hatte". An der Lederweste hat er diverse Sticker, darunter einen mit dem Piratenlogo. Der Partei ist er kürzlich beigetreten. Kuckuk hofft, bei den Piraten, die "seinem Lebensgefühl" entsprechen, auf mehr Offenheit zu treffen. Er will zumindest in den Online-Parteiforen "kräftig Werbung in eigener Sache machen". Und dann gibt es da noch einen Wortführer im öffentlichen Diskurs, den der Ex-Autonome Kuckuk zu seiner "eigenen Überraschung richtig gut findet": Hans-Olaf Henkel. Der sei der Einzige, der sofort verstanden habe, worum es bei der Gewerbefreiheit für Handwerker wirklich geht. Um Selbstbestimmung. Und um Existenzen.

Kuckuks Kleinkrieg geht weiter. "Die Sache mit der Aorta" hat ihn nicht untergekriegt. Kalte Schultern von Bundespolitikern werden ihn kaum abhalten, seinen Kampf für freies Handwerk fortzuführen. Und wenn er nicht ganz oben Gehör findet, dann eben an der Basis. Zum Beispiel mit seinen "inoffiziellen Baustellenkontrollen im Eddie-Murphy-Stil".

Dann setzt Kuckuk seinen Meisterfrei-und-Spaß-dabei-Bauhelm auf und streift eine gelbe Warnweste über. Die mit dem BUH-Logo, einem Geist mit Handwerkerhut, Säge und Hammer in der Hand. Er stellt sich dann breitbeinig auf eine Baustelle und ruft: "Papiere, bitte!"

Natürlich kläre er, in verdutzte Gesichter blickend, sofort auf, welchen Verband und welche Interessen er vertrete. "Dann findet sich immer einer, der plötzlich ganz Ohr wird."