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Bamyan Media

Ausgerechnet in Afghanistan hat eine junge Quereinsteigerin ein Zukunftsformat erfunden: die Castingshow, die Lust auf Fortschritt macht.




• Bis 2008 war "Afghan Star" zweifellos die beliebteste Fernsehsendung Afghanistans, eine Castingshow, nahe an den Vorbildern "Pop Idol" oder "Deutschland sucht den Superstar". Doch dann kam Anna Elliot. Und mit ihr ein Format, das sich schnell zur handfesten Konkurrenz des TV-Singsangs mauserte – und das, obwohl sich in der neuen Sendung "Dream & Achieve" niemand für die Sangeskünste oder das Aussehen der Kandidaten interessierte. Was zählte, waren soziales Engagement und Unternehmertum.

Ein Jahr zuvor war Anna Elliot zum ersten Mal in Afghanistan gewesen. Die 24-Jährige, geboren in Washington D.C. und aufgewachsen in Paris, hatte dort ihren Vater besucht, der in Kabul Entwicklungshilfe leistete, in einem Land, so erinnert sie sich, in dem "eine ganze Generation perspektivlos und handlungsunfähig vor dem Fernseher herumhing" und "Afghan Star" zu Traumquoten verhalf. Ein Jahr später kehrte die junge Frau in die südasiatische Gebirgsrepublik zurück. Offiziell als Austauschstudentin, faktisch als Fernsehrevolutionärin. Denn Elliot hatte eine verwegene Idee: Sie wollte Traumquoten im Fernsehen und Träume von einer besseren Zukunft miteinander verbinden.

Dabei war sie damals alles andere als fernsehbegeistert. Business-Shows, so ihre feste Überzeugung, zeigten meistens auf, "wie man mit allem und ohne Rücksicht auf Verluste Geld machen kann". Castingshows fand sie "völlig schal und materialistisch". Dennoch war Elliot sicher, mithilfe des Mediums etwas bewegen zu können. Sie wollte den jungen Afghanen zeigen, wie soziales Engagement und Unternehmertum das Land voranbringen können. "Reality-TV erlaubt es, solche Geschichten so zu erzählen, dass jeder Zuschauer sich zum Mitmachen aufgerufen fühlen kann."

Reality-TV, das nicht nur unterhält, sondern inspiriert? Es dauerte kein halbes Jahr, und Elliot hatte dafür Unterstützer gefunden: lokale Unternehmen, Banken, Universitäten, Behörden. Vor allem aber Tolo TV, den wichtigsten afghanischen Fernsehkanal. Der startete einen Aufruf für das neue Format – und mehr als 2000 Kandidaten antworteten. Mit ihren Ideen für ein besseres Afghanistan wollten sie gern dabei sein.

Sieben Millionen Afghanen verfolgten im Schnitt die 13 Folgen von "Dream & Achieve", die im Herbst 2008 ausgestrahlt wurden – das entspricht einem Marktanteil von mehr als 50 Prozent.

In jeder Folge stimmten Jury und Zuschauer gemeinsam ab, welche Kandidaten in die nächste Runde kommen sollen; Frauen und Männer, Studenten und Rentner, Militärs und Geistliche präsentierten ihre Projekte - vom Plastik-Recycling bis zur Herstellung von Ökotextilien. Mit ihrem Mini-Budget von 400 000 US-Dollar war Elliot ein Riesenerfolg gelungen.

"Wir sind überzeugt, dass diese Form der Kreativität die Lebensgrundlage einer Gesellschaft ist."

Während die Sendung in Afghanistan in die zweite Runde ging, kehrte die Erfinderin in die USA zurück, beendete ihr Studium und gründete Bamyan Media, eine Produktionsfirma für genau solche Formate wie "Dream & Achieve". Bedarf gibt es nicht nur in Afghanistan. Seit 2011 bereitet Bamyan eine ägyptische TV-Version vor, mitten in "einer unglaublich faszinierenden Atmosphäre aus Revolution, Wandel und Hoffnung", so Elliot. Ab Herbst 2012 soll in Ägypten gesendet werden, während in Kolumbien zeitgleich die erste lateinamerikanische Produktion anläuft.

Die größte Herausforderung für ihr "Startup für eine bessere Welt" liegt laut Elliot im Medium. "Es ist einfach", sagt sie, "mit ein paar menschlichen Dramen und einer populären Jury eine erfolgreiche Castingshow zu machen. Aber es ist unendlich viel schwerer, daraus eine ebenso unterhaltsame wie lehrreiche Sendung zu gestalten." Schließlich gehe es nicht allein darum, mit "sozialem Engagement und Unternehmertum einen Quotenhit zu landen", fügt sie hinzu. "Wir wollen ihn landen, weil wir überzeugt sind, dass diese Form der Kreativität die Lebensgrundlage einer Gesellschaft ist."

Dem hohen Anspruch will Elliot nicht nur im Fernsehen dienen. Als nächsten Schritt hat sie sich vorgenommen, ein Online-Netzwerk aufzubauen. Dort sollen sich alle Teilnehmer der Shows über ihre Ideen austauschen können und Fragen und Probleme diskutieren. Und wird es bald auch einen deutschen Ableger geben? Elliot winkt ab. Sie sieht andernorts größeren Bedarf. Schade eigentlich.