Partner von
Partner von

Zurück ins Mittelalter?

Das Internet wird gern mit den Marktplätzen früherer Jahrhunderte verglichen. Frans van der Reep, Professor für Digitales aus den Niederlanden, sieht noch einige Parallelen mehr.




1. Immer mehr Menschen arbeiten selbstbestimmt und nicht mehr für einen Chef. Die digitale Technik eröffnet Kleinbetrieben und Handwerk neue Chancen, das Wirtschaftsleben organisiert sich zunehmend in Netzwerken. Doch mit dem Verlangen nach Selbstverwirklichung und den neuen Organisationsformen entsteht auch ein neuer Gruppendruck - wie wir ihn aus den Gilden des Mittelalters kennen. 2. Der Minnesänger zog durchs Land und hatte direkten Kontakt mit seinem Publikum. Er erzählte Geschichten in bildhafter Sprache - in Form von Blogs erlebt diese Form des Storytellings eine Renaissance. 3. Die Pest ist wieder da. Im Internetzeitalter verbreiten sich Viren mit rasender Geschwindigkeit, die Abwehrprogramme kommen meist einen Schritt zu spät. Firewalls bieten so wenig Schutz wie einst die Stadtmauern. Und auch den Pranger gibt es wieder: Jeder kann jeden im Netz anschwärzen, jeder kann von einem beliebigen Mitbürger schuldig gesprochen werden. 4. Die Faszination für das Unbegreifliche nimmt wieder zu. Es gibt ein wachsendes Angebot an Esoterik - online und offline. Wo die Welt nahezu vollständig entzaubert scheint, suchen die Menschen nach Mystifizierung. Das war schon im Mittelalter so. 5. Diskriminierung und Intoleranz auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Freiheit, sich auszutauschen, sich zu informieren, Wissen zu sammeln: Welche Entscheidungen werden wir treffen? Beide Wege sind offen. 6. Gegen Ende des Mittelalters begann die Entmachtung des damals regierenden Adels durch die aufkommende Bourgeoisie - und so könnte es heute der Bürger mit der politischen Elite tun. Das Internet bietet die Möglichkeit für direkte politische Mitsprache und den direkten Dialog mit Politikern. Ist Graswurzeldemokratie nur eine Frage der Zeit? Gegenargumente sammelt Andrew Keen in seinem Buch "Die Stunde der Stümper - wie wir im Internet unsere Kultur zerstören", und der Philosoph Peter Sloterdijk fürchtet, dass neue Massenmedien zu Medienmassen führen, zu Bürgern, die einfach manipulierbar und verführbar sind. 7. Steuerung und Kontrolle von oben oder von außen fallen zunehmend weg. Der Staat verliert an Funktion und Bedeutung, das demokratische Modell verändert sich. Zu welcher Ordnung gehören wir, und gibt es eine Alternative? Wer sind wir? Inwieweit sind wir Individuen und inwieweit Teil einer Gemeinschaft? Es scheint, als käme die ganze mittelalterliche Entwicklungsagenda zurück: die gleichen Fragen, neu gewendet. -